Spielplatz des umstrittenen Korntaler Hoffmannhauses. Die Beteiligung der Opfer ist bei der Aufarbeitung der Vergangenheit nicht erwünscht. Foto: Benny Ulmer

Spielplatz des umstrittenen Korntaler Hoffmannhauses. Die Beteiligung der Opfer ist bei der Aufarbeitung der Vergangenheit nicht erwünscht. Foto: Benny Ulmer

Ausgabe 170
Gesellschaft

Kirche und Korntal: nichts zu sagen

Von Susanne Stiefel
Datum: 02.07.2014
Das Schicksal der ehemaligen Heimkinder im Korntaler Hoffmannhaus berührt die Menschen. Viele sind empört über den schleppenden Umgang der Korntaler Pietisten mit diesem dunklen Kapitel ihrer Geschichte. Die evangelische Landeskirche hält sich lieber bedeckt.

Es gibt Dinge, auf die ist Peter Ruf stolz. Gerne erzählt der Pressesprecher des Diakonischen Werks Württemberg davon, wie die Ludwigsburger Karlshöhe mit ihrer Heimhistorie umgegangen ist, und kommt geradezu ins Schwärmen: wie offensiv und schnell die Vergangenheitsbewältigung betrieben hätten, bereits 2008, noch bevor sich bundesweit ein Runder Tisch dem Thema widmete. Wie sie die ehemaligen Heimkinder mit einbezogen, sich der Verantwortung gestellt und sich entschuldigt hätten. "Das war vorbildlich", sagt Ruf. Weniger auskunftsfreudig wird der kirchliche Öffentlichkeitsarbeiter nur, wenn er nach der Evangelischen Brüdergemeinde gefragt wird.

Auch der Sprecher der evangelischen Landeskirche, Oliver Hoesch, wird eher einsilbig. Die Brüdergemeinde hat vor einem Jahr ebenfalls eine Kommission eingesetzt, die den Vorwürfen ehemaliger Heimkinder nachgeht. Doch warum sitzt dort kein Betroffener mit am Tisch? "Das muss vor Ort eingeschätzt werden, was im Moment möglich und hilfreich ist. Da gehe ich vom Sachverstand der Kommissionsmitglieder aus." Warum lässt eine wissenschaftliche Aufarbeitung seit mehr als einem Jahr auf sich warten? "Sie sind offenbar ein bisschen spät dran." Wird dort seit den ersten Gesprächen mit dem ehemaligen Heimkind Detlev Zander nicht eher verschleppt als offensiv aufgeklärt? "Das kann von uns nicht eingeschätzt werden, denn Korntal ist eine eigenständige Kirche".

Ruf und Hoesch, die sich in Hoeschs Büro gemeinsam den Fragen von Kontext stellen, berufen sich auf die Unabhängigkeit der Evangelischen Brüdergemeinde in Korntal als eigenständige Körperschaft des öffentlichen Rechts. Diakonie und Kirche stünden selbstverständlich mit Rat und Hilfe zur Seite. Wie die Korntaler jedoch ihre Heimgeschichte aufarbeiten, sei deren Sache.

Das hat den Sprecher der Landeskirche vor einer Woche nicht daran gehindert, den Medien den Besuch im landeskirchlichen Archiv zu verweigern. Ein Team des Südwestrundfunks (SWR) wollte Detlev Zander mit der Kamera begleiten und dokumentieren, wie der 53-Jährige Akten aus seiner Zeit als Heimkind im Hoffmannhaus in Korntal einsieht. Im Kirchenarchiv in Möhringen sah man darin kein Problem, bei der Landeskirche schon. Zu kurzfristig hätten die beiden Sprecher vom Besuch des Mannes erfahren und so hätten weder Ruf noch Hoesch Zeit gehabt, mit dabei zu sein. Der SWR musste draußen bleiben. Die Mitarbeiter im Kirchenarchiv, stets um Aufklärung, Hilfe und Transparenz bemüht, wurden überrascht von diesem kurzfristig verhängten Sprech- und Besuchsverbot. 

"Gegenseitiges Vertrauen" zwischen Korntal und Landeskirche

Detlev Zander hat den Stein ins Rollen gebracht. Vor einem Jahr meldete er sich in Korntal, wo er als Heimkind 14 Jahre lang Demütigungen und Schläge erlitten hat. (siehe: "Kinderhölle Korntal"). Daraufhin haben sich viele Menschen in Kommentaren und Anrufen in der Kontext-Redaktion gemeldet. "Was mich so traurig macht, ist, dass dies alles im Namen des Herrn geschah", mailt ein Betroffener. "Missbrauch und Misshandlung von Kindern und Jugendlichen sind abscheulich und zu verurteilen", schreibt ein Mann, der lange im Entwicklungshilfedienst einer kirchlichen Organisation gearbeitet hat. "Die Amtskirche versagt oft im Umgang mit fundamentalistischen und evangelikalen Gemeinden. Die Brüder werden oft in Gebet und Herz eingeschlossen, nicht jedoch kritisiert und abgemahnt wegen ihres Verhaltens." Inzwischen hat Zander einen Anwalt, und die Diakonie der Evangelischen Brüdergemeinde sieht sich mit der Androhung einer Schadenersatzklage über 1,3 Millionen Euro konfrontiert.

Es ist nicht nur dieses schwebende Verfahren, das Peter Ruf und Oliver Hoesch so schweigsam werden lässt. Es ist auch das Verhältnis der Korntaler Pietisten zur evangelischen Landeskirche. Das ist in der Tat ein besonderes und wird seit 1955 durch eine Vereinbarung geregelt, die, so steht dort zu lesen, "zu einer Zusammenarbeit im Geiste gegenseitigen Vertrauens verpflichtet". Die Korntaler können sowohl Mitglied der evangelischen Landeskirche als auch der Brüdergemeinschaft sein. Im gegenseitigen Vertrauen beteiligt sich die evangelische Landeskirche auch an der Bezahlung des dortigen Pfarrers. Die Korntaler Brüdergemeinschaft ihrerseits darf an der Synodalwahl teilnehmen. Andererseits haben weder Synode noch Oberkirchenrat oder der Landesbischof den Korntaler Brüdern etwas zu sagen. Es sei denn, Landesbischof Otfried July kommt zu einem mehrtägigen Besuch ins Korntaler Bruderhaus und predigt. So geschehen noch im März diesen Jahres. Zu dieser Zeit hatte sich Detlev Zander längst einen Anwalt genommen, weil er sich von der Brüdergemeinde hingehalten fühlte.

Die neu gewählte Landessynode trifft sich in wenigen Tagen zu ihrer ersten Arbeitssitzung. Die Tagesordnung steht schon fest, doch in einer sogenannten aktuellen Stunde können brennende Themen außer der Reihe behandelt werden. Derzeit diskutieren die liberalen Synodalen von der Offenen Kirche (Slogan: "Für Vielfalt und Gerechtigkeit – mit Profil und Biss") darüber, ob sie das Thema Korntal und die Aufarbeitung der Heimvergangenheit für die aktuelle Stunde beantragen, so Martin Plümicke, Sprecher der Offenen Kirche. Am Donnerstag werden er und seine Mitstreiter darüber entscheiden.

Derweil rüstet sich die Brüdergemeinde für ihr Jahrestreffen am kommenden Sonntag. Unter dem Motto "Volltreffer" lädt sie in ihre Einrichtungen und zum gemeinsamen Gottesdienst nach Korntal.


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