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Aus für Biosphärengebiet

Der Adel lässt die Muskeln spielen

Aus für Biosphärengebiet: Der Adel lässt die Muskeln spielen
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Ein Biosphärengebiet in Oberschwaben hätte die dortigen Adelshäuser gestört. Bei der Jagd nach dem Profit und in ihrem Selbstverständnis. Ihre Kampagne gegen das Ökoprojekt war erfolgreich und eine Demonstration ihrer Macht. Der Anführer sitzt auf Schloss Zeil.

Der "Fürst" habe nur zwei kleine Bier getrunken. Das ist dem Wirt im Bad Waldseer "Hasen" wichtig zu betonen. Keine Siegesrunde, keine Jubelreden. Er erinnert sich deshalb so gut, weil er genau hingeschaut hat. Erich von Waldburg-Zeil, 63, scheut normalerweise die Öffentlichkeit und war noch nie im "Hasen", aber an diesem Abend des 10. Novembers 2025 musste er raus aus Schloss Zeil, seinem Hauptwohnsitz. Es war der Tag, an dem das Biosphärengebiet (BSG) Oberschwaben beerdigt wurde.

Geschafft hatte es der Waldseer Gemeinderat, dessen CDU- und Freie-Wähler-Mitglieder dagegen stimmten und nun mit Erich von Waldburg-Zeil, seinem Verwandten Ludwig Erbgraf von Waldburg-Wolfegg-Waldsee sowie dem Bauernchef Franz Schönberger ihren Triumph feierten. Ein Ratsherr, der Kontext um Anonymität bittet, verlässt die Festgesellschaft vorzeitig. Die "Schadenfreude", sagt er, sei "unerträglich" gewesen.

Beendet war damit ein Projekt, das die grün-schwarze Landesregierung in ihren Koalitionsvertrag aufgenommen und am 11. Mai 2021 unterzeichnet hat. Nach den Biosphärengebieten Schwäbische Alb und Südschwarzwald sollte es das dritte Unesco-Reservat in Baden-Württemberg werden. Diesmal in den Kreisen Ravensburg, Biberach und Sigmaringen mit einem 180.000 Hektar großen Gebiet, um "Klima und biologische Vielfalt zu schützen und den regionalen Wirtschaftskreislauf zu stärken". Entscheiden sollten die Kommunen darüber, welche Flächen sie zur Verfügung stellen. Im Oktober 2025 verabschiedeten sich jedoch kurz hintereinander Bad Wurzach, Wolfegg und Ostrach aus dem Prüfprozess, und nachdem Bad Waldsee als letzte und größte Gemeinde am 10. November beschloss auszusteigen, zogen die Projektbetreiber drei Tage später die Reißleine.

Wie konnte das geschehen? Am Tag der entscheidenden Sitzung hat der Waldseeer CDU-Chef Maximilian Klingele Post aus Schloss Wolfegg erhalten. In einer langen Mail, die dringend eines KI-Schreibassistenten bedurft hätte, erklärt Ludwig von Waldburg, 35, was ihm bedeutend erscheint. Zum Beispiel sein Golfplatz Hopfenweiler: Er sei gerade dabei, eine "zweistellige Millionensumme" zu investieren, berichtet der Unternehmer-Graf, das restriktive BSG senke "natürlich" diese Bereitschaft.

Der Erbgraf spricht von einem Hirngespinst

Und um keine Missverständnisse entstehen zulassen, erklärt er das Ökoprojekt in toto zum "planwirtschaftlichen Hirngespinst", das er "mit aller Entschlossenheit" ablehne. Der passionierte Jäger endet im O-Ton mit: "Denken Sie daran, dass die Waldseeer diejenigen sind, die die heutige Abstimmung für Ihre Kinder und deren Kinder treffen." Klingele hat den Schuss gehört. Nur zur Erinnerung: Was der Fürst in spe und CDU-Gemeinderat in Wolfegg als "Hirngespinst" bezeichnet, hätte ein kleiner Teil des Plans sein können, den Planeten bewohnbar zu halten.

Die Tinte unter dem Koalitionsvertrag war kaum trocken, da meldete sich Erich von Waldburg-Zeil, der Reichste unter den privaten Großgrundbesitzern in Oberschwaben, zu Wort. In einem geharnischten Brief an Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), der durchaus ein Ohr für den Adel hat, kündigte der Zeiler an, sich "mit aller Entschiedenheit" gegen das Biosphärengebiet zu stellen. Damit war der Ton gesetzt, jetzt brauchte es nur noch einen unverdächtigen Namen, unter dem das Adelsorchester aufspielen konnte. Der Verein hieß "Allianz für Oberschwaben", weithin sichtbar unter den Plakaten, die auf Äckern und Wiesen standen und "Vernunft statt Bürokratie" verlangten.

Und alle Durchlauchten und Erlauchten, die sich bedrängt fühlten, versammelten sich unter seinem Dach: der Zeiler Fürst, geschätztes Vermögen 650 Millionen Euro, vorneweg. Der Wolfegger Erbgraf bekam das Amt des Vizevorsitzenden, als weitere Alliierte stießen der Herzog von Württemberg (Altshausen), der Fürst von Hohenzollern (Sigmaringen), die Grafen von Königsegg-Aulendorf und das Fürstenhaus Thurn und Taxis dazu.

Warum ist ein Sozialkonzern dabei?

Eingereiht hat sich auch, auf den ersten Blick überraschend, die katholische Stiftung Liebenau, die über einen international tätigen Sozialkonzern mit 8.928 Beschäftigten herrscht. Schaut man in ihr Organigramm finden sich die Gründe: Im Aufsichtsrat sitzen I. k. H. (Ihre königliche Hoheit) Mathilde Fürstin von Waldburg-Zeil und S. D. (Seine Durchlaucht) Johannes Fürst zu Waldburg-Wolfegg-Waldsee, der 1999 seine Stiftung "Hospital zum Heiligen Geist" eingebracht hat. Sie kümmert sich um Demenzkranke – zu Monatssätzen von bis zu 7.406,66 Euro. Aufsichtsratsvorsitzender ist der Tettnanger Verleger der "Schwäbischen Zeitung" Joachim Senn, Sprecher der "Allianz" ist Michael Fick, der Oberförster auf Schloss Zeil. Den Vorsitz erhielt, der Ausgewogenheit halber, der regionale Landwirtschef Franz Schönberger, ein Ferienhofbetreiber mit Rinderhaltung.

Sollte nun jemand fragen, was der elitären Klasse an der Sache so wichtig ist, muss sich als erstes von dem Bild verabschieden, dass "Schwabens milliardenschwere Blaublüter" (Der Spiegel) nur hoch zu Ross durch den Forst reiten und Achtzehnender erschießen. Ein Blick auf die Internetseiten der Hofkammern genügt, um zu sehen, was ihnen wirklich wichtig ist: die Jagd nach dem Profit. Ihnen gehören Hunderttausende Hektar Wald und Land, ein Riesenbesitz, abgepresst dem gemeinen Mann in grausamen Schlachten von ihrem Vorfahr Georg III. Truchsess von Waldburg, dem "Bauernjörg". Nach den zahlreichen Veranstaltungen zu "500 Jahre Bauernkrieg" im vergangenen Jahr weiß man um dessen blutrünstige Feldzüge.

Heute geht es um eine "optimale Rendite", wie die Nachfahren des "Bauernjörg" ungeniert formulieren. Sie jagen ihr hinterher als Betreiber von Immo-Projekten, Hotels, Reha-Kliniken, Spielcasinos, Weingütern, Kiesgruben, Golfplätzen, Bergbahnen, Flugplätzen, Friedwäldern, nicht zu vergessen als Verleger von Zeitungen, die ihnen zu Diensten sind. Aber dazu später.

Alle diese Geschäftsfelder sind von reglementierenden Einflüssen soweit wie möglich frei zu halten und exakt hier liegt für sie das Problem: Das Biosphärengebiet hält ein paar bereit. Bei neuen Kiesgruben etwa könnte es schwierig werden. Aber darum geht es im Kern nicht. Es geht um das nach wie vor ungebrochene Selbstverständnis des Adels – der offiziell 1919 abgeschafft wurde – definieren zu können, was Recht ist und was Unrecht. Zumindest bei seinen Besitztümern.

Der Antipode des Adels: ein Bio-Brauer

Gottfried Härle kennt die Verhältnisse aus der Nähe. Seine Brauerei in Leutkirch liegt fünf Kilometer entfernt von Schloss Zeil. Er ist eine Berühmtheit im "feudalen Oberschwaben", wie er seine Region nennt. Ein Unternehmer mit roten Socken, Bio-Brauer der ersten Stunde, ein grüner Pazifist, Miterfinder der Menschenkette 1983 von Stuttgart nach Neu-Ulm, Stimmenkönig im schwarzen Leutkirch. Man könnte ihn als Antipoden des Adels bezeichnen.

Der 71-Jährige ist auch Botschafter für das Biosphärengebiet. Im März 2025 hat er einen Brief an den "Allianz"-Adel geschrieben und zu einem "fairen und konstruktiven" Meinungsaustausch eingeladen. Geantwortet haben der Zeiler Fürst Erich und der Wolfegger Erbgraf Ludwig. In teils wortidentischen Sätzen teilen sie mit, ihre Positionen würden von der "Allianz" bereits "klar und fundiert" vertreten, persönliches Erscheinen sei also nicht nötig. Zur Sicherheit wiederholen sie ihr grundsätzliches Nein und ihre Sorge, dass es Einschränkungen bei der "Nutzung des nachwachsenden Rohstoffes Holz", eine "Gewichtsverlagerung" auf den Natur- und Artenschutz sowie eine "Fehlallokation von Steuermitteln" geben könnte. Da wird nicht geschwiemelt, da wird Klartext geredet.

Die kühle Absage hat Härle nicht überrascht. Allein seine vielen Jahre im Gemeinderat haben ihn gelehrt, wie die Arroganz des Adels die Demut der Bürgerlichen erwartet. Der Anspruch wird ihm im Dreiklang vorgetragen: “Wir sind die Herren über unser Land. Da redet uns keiner rein. Wer dagegen verstößt, ist unser Gegner.” Das haben sich die Bürgermeister und Gemeinderäte hinter die Ohren zu schreiben, die von Seiner Durchlaucht oder Erlaucht etwas wollen. Bauland zum Beispiel, das die Fürsten im Überfluss besitzen, um die Dörfer und Städte herum. In solchen Fällen ist es hilfreich, gegen das Biosphärengebiet zu sein, weiß Härle und teilt den Eindruck, dass der Druck am Ende immer größer wurde.

Bei den entscheidenden Sitzungen in Waldsee und Wurzach bilden Fürst Erich und Erbgraf Ludwig die Adelsbank, eine Machtdemonstration ohne Zweifel. Wenn man sie so betrachtet, beschleicht einen das Gefühl, sie hätten gerne die Monarchie zurück.

Eine "PR-Drecksau" befeuert die Kampagne

Mit dabei ist auch ein Hofberichterstatter der besonderen Art. Er heißt Marcus Johst, ist 59 und österreichischer Journalist mit Adressen in Wien und Berlin, Herausgeber eines Blogs, den er "Sphärman" nennt und angeblich an "ein paar Tausend" Gemeinderäte verschickt. Er sieht sich selbst als Mann fürs Grobe, genauer gesagt als "PR-Drecksau". Nach der Lektüre seiner umfänglichen Beiträge, die ihn immer wieder nach Oberschwaben geführt haben, ist dem Mann nicht zu widersprechen. Moral ist seine Sache nicht, schreiben kann er.

Der "mediale Auftragskiller" (Eigenwerbung) bezichtigt so ziemlich alle Befürworter der Lüge: angefangen bei der Umweltministerin, über Landräte, Medienmenschen bis zu Bürgermeistern, wobei es ihm besonders Matthias Henne, der OB von Bad Waldsee, angetan hat. Der 43-Jährige hatte sich unter den Rathauschefs am deutlichsten für das Biosphärengebiet ausgesprochen und fand sich im "Sphärman" als Dealer in der Maske der örtlichen Narrenzunft wieder. Nicht verschont blieb auch Gottfried Härle, der als "Lügen-Brauer" im Gewand des Barons von Münchhausen verunglimpft wurde. Er habe seinen Betrieb grüner geschwindelt als er sei, behauptete der Spindoctor und war nicht mehr zu erreichen. Eine Unterlassungsklage von Härle, verschickt an die Wohnsitze Johsts, kam ungeöffnet zurück.

Den "Sphärman" zu bekommen, schaffte die "Schwäbische Zeitung" im Juli 2025. Ihr Verleger ist Fürst Erich. In dessen Monopolblatt für "christliche Kultur und Politik" durfte Johst erzählen, was in der "Allianz" gedacht wird und unbedingt zu verhindern war. Er wetterte gegen die "Umverteilung im Sinne des Öko-Sozialismus", gegen den "ökosozialen Swingerclub", dem es um die "Herrschaft über die Fläche" gehe, gegen die "ausufernde Bürokratie" und eben um "viel, viel Geld". Eine Nachfrage, von wem er bezahlt werde, wurde in der Chefredaktion, die das Interview führte, nicht gestellt.

Jetzt hat das Offene enger gezogene Grenzen. Nach Informationen von Kontext, dem Magazin BLIX und der "Stuttgarter Zeitung" war der "Sphärman" am 9. Dezember 2025 Gast auf Schloss Zeil. Um 12:52 Uhr Einfahrt Johst, schwarzer Audi A 8, Kennzeichen RV-WZ …, notiert ein Beobachter. Er habe den Mann auf dem Beifahrersitz eindeutig als Marcus Johst identifiziert. Fürst Erich sei eine Stunde früher in einem schwarzen Mercedes GLS eingetroffen. Das wiederum führt nun zu der Frage, ob hier eine Art Abschlussbesprechung stattfinden sollte, nachdem der "Spuk vorbei" war, wie der "Sphärman" das Scheitern des Biosphärengebiets kommentierte.

Rückmeldungen aus dem fürstlichen Haus gibt es dazu, wie stets, nicht. Für die "Allianz" betont Sprecher Michael Fick, man wolle sich an einer "Nachbetrachtung" nicht beteiligen, jetzt gelte es den Blick nach vorne zu richten und der Rest stehe in ihrer Pressemitteilung. Sie endet mit dem Satz: “Lassen Sie uns die Gräben zuschütten und gemeinsam auf der Basis von Vernunft arbeiten.”

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3 Kommentare verfügbar

  • gerhard manthey
    7 hours ago
    Reply
    I comment: Was der 14. Juli so alles übrig lies.......
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