Was wäre Seine Durchlaucht bloß ohne Schloss und Wald? Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 303
Gesellschaft

Jeder zweite Baum – ein fürstlicher

Von Jürgen Lessat
Datum: 18.01.2017
Sie nennen sich Fürst oder Erbprinz und besitzen riesige Wälder und Felder, die sich tausende Hektar und hunderte Kilometer weit erstrecken: adlige Großgrundbesitzer, deren Ländereien unter dem irreführenden Etikett Familienbetrieb stehen.

"Wir kümmern uns ums Land", das versprechen die "Familienbetriebe Land und Forst" (FabLF) auf ihrer Homepage, die von hübschen Bildern mit gelben Pusteblumen, grasenden Weideschafen und herbstlichen Laubwäldern eingerahmt wird. Doch wer glaubt, dass hinter dem Verein hart schuftende Bäuerinnen und Bauern stehen, die Haus und Hof in Zeiten niedriger Milchpreise und globaler Agrarkonzerne nur mühsam über die Runden bekommen, der irrt. Vielmehr sammelt sich die Hautevolee der deutschen Landgesellschaft in ihm.

Während das gewöhnliche Landvolk sich im Deutschen Bauernverband organisiert, ist im feinen Verein der Familienbetriebe die Durchlaucht-Dichte rekordverdächtig. Klangvolle Namen alter Hochadelsgeschlechter füllen die Mitgliedslisten der elf Landesverbände. Mit Titeln wie Fürst, Graf, Prinz oder Baron. Zudem heißen die landwirtschaftlichen Betriebe nicht nur einfach "Hof". Sondern nennen sich "Gut" oder "Anwesen", das deren Eigner von herrlichen Schlössern und herrschaftlichen Burgen aus managen.

Im Vorstand des Gesamtverbands und an der Spitze des baden-württembergischen FabLF-Landesverbands sitzt mit Karl Eugen Erbgraf zu Neipperg ebenfalls ein Hochadliger. Der 65-Jährige, den Genealogen als Nachkommen Karl des Großen führen, ist mit Andrea Habsburg-Lothringen verheiratet, der ältesten Tochter von Otto von Habsburg. Hauptberuflich betätigt sich der Erbgraf als Winzer, verwaltet das 32 Hektar große Familienweingut in und um Schwaigern bei Heilbronn, dessen Geschichte bis ins 13. Jahrhundert zurückreicht. Daneben besitzt er mehrere Weingüter in Frankreich. Zuhause im Württembergischen gehören Seiner Durchlaucht auch Wälder. Zu Neipperg engagiert sich auch sozial und auf der politischen Bühne. Er vertritt die CDU im Heilbronner Kreistag. Dort sitzt, skurrile Randnotiz, auch ein Bürgerlicher aus zu Neippergs Heimatstadt, der gern gegen die Eliten polemisiert: das AfD-Mitglied Thomas-Axel Pelka, der es zuletzt mit "Merkel muss weg"-Agitationen zum Landtagsmandat in Stuttgart gebracht hat.

Bis vergangenen Oktober firmierte zu Neippergs Verein noch unter anderem Namen, nämlich als "Verband der baden-württembergischen Grundbesitzer", was es um einiges genauer trifft. Denn den aktuell 147 Mitgliedern gehört viel Land im Ländle, und drum herum. Insgesamt besitzen und bewirtschaften die "Familienbetriebe Land und Forst" rund 150 000 Hektar Fläche. Was einer Größe von über 300 000 Fußballfeldern entspricht. Rein rechnerisch erstreckt sich ein durchschnittlicher "Familienbetrieb" so auf über 1000 Hektar Fläche. Zum Vergleich: Die Flächenausstattung aller landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland erreichte zuletzt im Schnitt rund 58 Hektar.

Die hiesigen Großgrundbesitzer betreiben allerdings weniger Ackerbau und Viehzucht. "Rund fünf Sechstel des bewirtschafteten Bodens sind Waldfläche", beschreibt Jura-Professor Ulrich Kaiser, der Landesgeschäftsführer, dass vor allem Holz die Kohle liefert.

Wie etwa bei Maria Erich Wunibald Aloysius Georg Fürst von Waldburg zu Zeil und Trauchburg, dem zweiten Vereinsvorsitzenden. Dessen Familie gehören rund 10 000 Hektar Grund in Baden-Württemberg und Bayern. Auf den umgerechnet 100 Quadratkilometern stehen vorwiegend Wälder. Die Forste und den angegliederten Holzhof managt die Fürstlich Waldburg Zeilsche Forstverwaltung, die am Wohnsitz des Fürsten, dem Renaissance-Schloss Zeil im schwäbischen Leutkirch, sitzt. Bis heute gilt im württembergischen Allgäu ein Ausspruch, den 1968 der damalige Landrat Walter Münch machte: "Jeder zweite Baum ist ein fürstlicher Baum."

Der Familienbetriebe-Verein versteht sich nicht nur als Schmelztiegel baden-württembergischen Adels, der sich "ums Land" kümmert, sondern auch unverhohlen als Lobbyverband, der die Interessen seiner Mitglieder in der Politik durchsetzen soll. "Unser Verband setzt sich für die Erhaltung, Förderung und Verteidigung privaten Eigentums ein. Er unterliegt hierbei keiner politischen Neutralitätspflicht", heißt es auf der Vereins-Homepage. Unter "Fünf gute Gründe, um Mitglied zu werden" wird gleich an erster Stelle "Einfluss in der Politik" genannt. Vor allem der CDU stehen die edlen Herrschaften naturgemäß nahe.

Zwar fürchtet man keine Revolution, die Ländereien kosten könnte. Auch weil das Grundgesetz privates Eigentum ausdrücklich schützt. Doch die Zugriffe darauf würden immer heftiger, beklagt Geschäftsführer Kaiser. "Die Menschen sind nicht mehr Herr im eigenen Wald", sagt er, und meint damit etwa den Naturschutz, der die Waldbewirtschaftung stark einschränke. Oder das Jagdrecht, über dessen Reform hierzulande erst im vergangenen Jahr heftig gestritten wurde. Umgekehrt, und das sagt der Geschäftsführer nicht, ergreifen die Großwaldbesitzer ungeniert die helfende Hand des Staates. Etwa, nachdem ein Orkan über ihren Wäldern gewütet hat. Denn dann bezahlt das Land selbst den profitablen Forstgroßbetrieben ein Drittel der Kosten, die das Reparieren zerstörter Rückewege verschlingt.

Wem gehören Schwarzwald und die anderen Forste im Süden der Republik? Die Daten der Bundeswaldinventur 2012 und der Forstkammer des Landes beantworten dies. Mit einer Fläche von fast 36 000 Quadratkilometern ist Baden-Württemberg nach Bayern und Niedersachsen das drittgrößte Bundesland Deutschlands. Knapp 40 Prozent sind mit Wald bedeckt, was etwa 1,37 Millionen Hektar entspricht. 39 Prozent davon gehören den Gemeinden und Körperschaften, 24 Prozent der Waldfläche sind im Besitz des Landes. Bundeseigene Flächen fallen mit unter einem Prozent nicht ins Gewicht. Der zweitgrößte Flächenanteil des Waldes liegt mit 36,5 Prozent in privater Hand von insgesamt 260 000 Eigentümer. Drei Viertel des Waldes teilen sich eine Menge Kleinwaldbesitzer. Das vierte Viertel gehört einigen wenigen Großgrundbesitzern mit riesigen Forsten. Das ist im Land nicht anders als auf Bundesebene.

Tatsächlich sind die größten deutschen Privatwaldeigner fast ausnahmslos Adelsfamilien, wie das Portal Wald-Prinz.de recherchiert hat. Das Adelsgeschlecht der Thurn und Taxis, das einst mit den Abfindungen für verlorene Postrechte riesige Ländereien aufkaufte, verfügt mit geschätzt 20 000 Hektar über den größten Privatwaldbesitz in Deutschland. Bis zum Jahr 2004 besaß das Regensburger Adelshaus noch mehr Bäume. Fürstin Gloria verkaufte damals den Forstbetrieb Ebnat bei Aalen in Ostwürttemberg mit mehr als 5 000 Hektar Waldfläche an die Blauwald GmbH & Co. KG. Die Gesellschaft gehört der Ulmer Unternehmerfamilie Merckle, die unter anderem mit der Pharmafirma Ratiopharm ein milliardenschweres Vermögen machte. Mit weiteren Wäldern in Ostdeutschland schafft es die Blauwald Gesellschaft zum größten nichtadeligen Waldbesitzer Baden-Württembergs.

Der Blauwald-Grundbesitz ist jedoch bescheiden im Vergleich zum größten adligen Waldbesitz im Südwesten, den das Donaueschinger Fürstenhaus beansprucht. Seine Durchlaucht Christian Erbprinz zu Fürstenberg herrscht über rund 18 000 Hektar Wald. Zwei Drittel der Flächen sind im Schwarzwald. Er besitzt darüber hinaus Wälder in Kanada und Österreich.

Bis vor kurzem dominierte das Fürstenhaus mit der Lignis GmbH & Co. KG die Holzvermarktung im Südwesten. An der Gesellschaft hatte Christians Vater Fürst Heinrich zu Fürstenberg weitere namhafte Fürstenhäuser wie Waldburg-Wolfegg, Leiningen, Löwenstein-Wertheim-Rosenberg und Sayn-Wittgenstein-Hohenstein mit zusammen 52 000 Hektar Waldbesitz beteiligt. 2012 übernahm der finnische Holzkonzern UPM das florierende Unternehmen.

Zu den Holzgrossisten im Land zählt auch der Fürst von Hohenzollern. Die Forstbetriebsfläche der fürstlichen Unternehmensgruppe misst rund 15 000 Hektar, der Großteil davon liegt in Baden-Württemberg. Der Waldbesitz ist nicht arrondiert, sondern erstreckt sich über 180 Kilometer in Nord-Süd- und 420 Kilometer in Ost-West-Richtung.

Mit rund 5500 Hektar ist auch der Forstbesitz des oberschwäbischen Hauses Waldburg-Wolfegg ansehnlich. Der Forstbetrieb bewirtschaftet in den Revieren Wolfegg und Rohrmoos den Wald von Fürst Johannes von Waldburg zu Wolfegg und Waldsee sowie zusätzlich rund 1800 Hektar Mandantenwald.

Über 5000 Hektar Wald – in Sigmaringen und Friedrichshafen und nördlich von Stuttgart, zwischen Bietigheim und Waiblingen – verfügt das Oberhaupt des Hauses Württemberg, der 80-jährige Carl Herzog von Württemberg. Neben dem Wald verwaltet die Hofkammer noch 2000 Hektar Wiesen und Äcker, 50 Hektar Weinberge sowie etwa 700 Grundstücke im In- und Ausland, Wälder in Kanada und Österreich sowie diverse Firmenbeteiligungen.

Wie Carl Herzog von Württemberg produzieren viele adelige Waldbesitzer nicht nur Holz, sondern diversifizieren ihre wirtschaftlichen Aktivitäten. Erich Fürst von Waldburg zu Zeil und Trauchburg etwa, der mit der Tochter von Carl Herzog, Diane Herzogin von Württemberg, verheiratet ist, leitet ein weit verzweigtes Firmenkonglomerat, zu dem Reha-Kliniken mit 3000 Mitarbeitern, Anteile am Schwäbischen Zeitungsverlag ("Schwäbische Zeitung") und am Medienhaus der Allgäuer Zeitung, der Flugplatz Leutkirch und die Seilbahn am Hochgrat im Oberallgäu gehören.

Die Holzproduktion ist dennoch immer ein lohnendes Standbein. Nach einem Preiseinbruch durch Orkan Niklas, der Ende März 2015 über Europa tobte, können sich Waldbesitzer beim Leitbaum Fichte aktuell wieder über eine gute Marge von bis zu 70 Euro pro Festmeter freuen. Bei einem jährlichen Festmeterzuwachs von 8 bis 11 Metern füllt ein Hektar Wald die Kassen des Hochadels so pro Saison mit etwa 500 bis 700 Euro. Das sind – grob über den Daumen – insgesamt 75 Millionen Euro für die "Familienbetriebe Land und Forst" – "Wir kümmern uns ums Land". Wohl wahr.


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5 Kommentare verfügbar

  • Königstreuer
    am 22.01.2017
    Kleine Korrektur:
    Fürst Erich von Waldburg zu Zeil ist mit Herzogin Mathilde von Württemberg verheiratet. Herzogin Diane ist ihre Mutter und somit Ehefrau von Herzog Carl von Württemberg.

    Ansonsten fand ich den Artikel interessant, weil er zeigt, wie Familienunternehmen in der von globalen Interessen beherrschten Wirtschaft (gerade im Holzbereich) bestehen können.
  • Bruno Neidhart
    am 20.01.2017
    Naturlich kann man diese Angelegenheit auch "linksideologisch" betrachten. Ein Kommentator zitiert sogar noch den Bauernkrieg. Der fand allerdings bereits zu Luthers Zeiten statt. Der Reformator schimpfte übrigens ganz wüst gegen die Bauern.

    Tatsach ist, dass die "Familienbetriebe Land und Forst" heute in der Regel gut florierende Unternehmen sind, die eine Menge Arbeitskräfte beschäftigen. Hätten diese Betriebe nicht ein adelige Image, wäre die Kritik vielleicht ein Stück geringer.
  • Daniel
    am 19.01.2017
    Abgesehen von einer angedeuteten, (überproportionalen) politischen Einflussnahme, erkenne ich jetzt nicht den eigentlichen (speziellen) Skandal. (im Artikel - während die zwei Erstkommentatoren den Ursprung dieser Eigentumsverhältnisse andeuten/anprangern)

    75 Millionen - inkl. Löhne usw. -, mit Verlaub, das sind doch Peanuts.

    Was wäre denn die angestrebte Alternative? Eine Umwidmung der Waldflächen kommt jedenfalls nicht in Frage. Vielleicht eine Überführung in Genossenschaften oder Gemeindebesitz, damit die Erlöse Gemeininteressen - etwa wiederum dem Waldschutz - zugutekommen.

    Dies sind, nach meinem Verständnis, nicht die Superreichen, denen das Handwerk gelegt werden muss. Bestenfalls politische Kollaborateure, dazu fehlt hier jedoch die Analyse.
  • Zaininger
    am 18.01.2017
    Lieber Peter Fackelmann,
    ich stimme grundsätzlich mit Ihnen überein, aber bitte sprachlich korrekt: die heutigen "Durchlauchten" und "Königlichen Hoheiten" (seit 1918 als Titel abgeschafft, von unterwürfigen Figuren immer noch so benannt!) haben niemanden erschlagen. Die Novemberrevolution und die Initiative zur "Fürstenenteignung" in der Weimarer Republik haben ihre Vorfahren geschickt und mit mancherlei Tricks überlebt. Die Nachfahren sitzen auf geraubten Eigentum - wie die Großaktionäre auf dem Mehrwert der Ausgebeuteten.
  • Peter Fackelmann
    am 18.01.2017
    Vor mehreren Jahrhunderten den Bauern aus der Allmende geraubt, sitzen diese Leute noch heute auf diesem Land.
    Es ist schändlich.

    Gut - ich bin befangen.
    Mein Vorfahr wurde im Bauernkrieg von diesen Herrschaften totgeschlagen.

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