Wird wohl ewig Stoff für Mythen bleiben: der Büstenhalter. Zur Fotostrecke aufs Bild klicken.

Oft unterschätzt: Anzahl und Variationsbreite der Geräte zum Spätzleschaben.

Sich öfter mal neu erfinden, zum Beispiel mit dem schwäbischen Spätzleshaker.

Die schwäbischen Erfindungen schweben schier schwerelos im Raum.

Keine Industrielegende wird vergessen.

Kein Klischee bleibt ungekehrt.

Fliegt leider nicht zuverlässig: Hubschrauberflugfahrrad von Gustav Mesmer.

Pfennigfuchser Mercedes Benz.

Märklin-Globus von 1936.

Millionengrab? Schön wär's! Tatsächlich geht es um Milliarden.

Ausgabe 292
Schaubühne

Mitunter überirdische Objekte

Von Dietrich Heißenbüttel
Fotos: Joachim E. Röttgers
Datum: 02.11.2016
Geht es nach der Ausstellung im Landesmuseum Württemberg, ist "Der Schwabe" vor allem reichlich selbstgefällig. Aber was prägt denn nun seine Identität? Ist es der Spätzleschaber? Oder sind es die Reichsgrenzen von 1680? Eins wird deutlich: Der eigentliche Mythos ist das homogene Schwabentum.

Nein, es ist kein Trennschleifer der Firma Stihl, der in der großen Plexiglaskugel vor einer Spiegelwand zwischen anderen schwabelhaften Erzeugnissen im Raum hängt. Es handelt sich um eine Flex, hergestellt 1970 in Steinheim an der Murr. Der Name des Unternehmens, Ackermann & Schmitt, ist weitaus weniger bekannt als der Produktname, der es als Bezeichnung des Winkelschleifers samt Verbform flexen sogar in den Duden geschafft hat.

"Zwischen Mythos und Marke" – der Untertitel der Großen Landesausstellung erinnert an das Mercedes Benz Museum. "Starke Marken zeichnen sich durch Einzigartigkeit und Authentizität aus und verkörpern bestimmte Werte", beschrieb der Ausstellungsgestalter HG Merz seinerzeit sein Konzept, zu dem auch sogenannte Mythosräume gehören. "Ein Mythos", so Merz, "zeichnet sich also durch zwei Eigenschaften aus: Er handelt von einem herausragenden, einzigartigen, mitunter überirdischen Subjekt oder Objekt, und er vermischt nachprüfbare und vermutete Realität zu einer stark emotionalen Erzählung."

Zahlreiche "herausragende, einzigartige, mitunter überirdische" Objekte schweben nun wie Traumgebilde in übergroßen Seifenblasen im Raum, sorgsam ausgesucht, sodass das ganze Land vertreten ist: der Fischer-Dübel aus dem Schwarzwald, der Triumpf-Büstenhalter aus Radolfzell, der Steiff-Teddybär aus Giengen an der Brenz. Auch die Bosch-Zündkerze darf natürlich nicht fehlen, ebenso wenig die Hohner-Mundharmonika oder der Bleyle-Matrosenanzug, jahrzehntelang das Standard-Kleidungsstück für Knaben in ganz Deutschland. Was aber hat in diesem Sammelsurium ein ein Schwimmanzug verloren, auf dem "DDR" steht? Die Firma Büsing aus Reutlingen hat die Ostathletinnen beliefert, die ohne die Schwaben folglich wohl kaum Olympiasiege errungen hätten.

Doch nicht nur die typischen Produkte schwäbischer Schaffer werden zur Schau gestellt. Zugleich präsentiert die Ausstellung zahlreiche kostbare historische Exponaten aus mehr als 1000 Jahren. Vom Herzogtum Schwaben des Hochmittelalters über den Schwäbischen Bund und die schwäbische Reichsstadt Augsburg im heutigen Bayern bis hin zu den schwäbischen Dichtern des 19. Jahrhunderts war Schwaben aber immer etwas anderes. Damit nicht genug, soll auch noch die Modernität Stuttgarts mit Gemälden von Oskar Schlemmer, Ida Kerkovius und Max Ackermann sowie einem Modell des Le-Corbusier-Welterbe-Hauses aus der Weißenhofsiedlung unter Beweis gestellt werden. All das hat mit den Klischees von Kehrwoche, Spätzle, pietistischen Frömmlern und begabten Tüftlern herzlich wenig zu tun.

Die Ausstellung versucht den Spagat, indem sie diese Bilder teils hinterfragt – und gleichzeitig kräftig bedient. Was dabei herauskommt, kann nicht überraschen: Jeder Versuch herauszufinden, wer die Schwaben nun eigentlich sind und wie sich der Schwabe an sich gebart, ist zum Scheitern verurteilt. Unter Historikern hat sich ohnehin längst herumgesprochen, dass solche Identitätskonstruktionen immer auf rückwärtsgewandten Projektionen beruhen: Auf der Grundlage der eigenen Erfahrung sucht sich der Zeitgenosse, in diesem Fall der Schwabe, aus der Vergangenheit heraus, was wohlgefällig zu seinem Selbst- und Weltbild zu passen scheint.

Das kann auch der Ausstellungsbesucher nun tun und nach Herzenslust, wie HG Merz schreibt, "nachprüfbare und vermutete Realität zu einer stark emotionalen Erzählung" vermischen. Nur wer genauer hinsieht, wird auch die Widersprüche entdecken: dass etwa das Herzogtum Schwaben bis weit in die Schweiz reichte, Schwaben um 1500 sogar gegen Württemberg Krieg führte oder die Donauschwaben gar nicht alle Schwaben waren. So tut die Ausstellung niemandem weh, liefert aber auch nur im Detail neue Erkenntnisse. Etwa zur großen Zahl und Variationsbreite der Geräte, die das Spätzleschaben erleichtern.

Mit dem Widerstand gegen Stuttgart 21 ist die Suche nach der schwäbischen Identität auch in der Gegenwart angekommen. Nur wenn da an der Wand steht: "Des wird a Millionagrab", war wohl doch zu viel schwäbische Sparsamkeit am Werk. Dialekt hin oder her: Es geht um Milliarden. So weit kann der rebellische Schwabe – und erst recht die schwäbische Hausfrau! – schon rechnen.

 

Info:

Die Große Landesausstellung im Alten Schloss Stuttgart läuft bis zum 23. April 2017 und hat dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet für Erwachsene 13 Euro, bis zum Alter von 18 Jahren 3,50 Euro und bis 5 Jahre gar nichts. Ein voluminöses Begleitbuch ist im Museum für 29,80 Euro zu erwerben.


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