Kurz vor dem Österreichischen Platz grätscht die Weißenburgstraße in die Immenhofer. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 306
Gesellschaft

Von unten nach oben

Von Susanne Stiefel
Datum: 08.02.2017
Sag mir, wo du wohnst und ich sage dir, welchen Platz du in der Gesellschaft hast. In Stuttgart ist es die Immenhofer Straße, die das soziale Ranking eindrucksvoll widerspiegelt. Sie führt von unten nach oben, vom Junkie bis zum Professor. Ein Besuch vor Ort.

Sie beginnt dort, wo Stuttgart am hässlichsten ist. Ganz unten im Kessel, am Österreichischen Platz, der kein Ort zum Verweilen ist, sondern menschenfeindliches Gebiet. Wo es laut und dreckig ist und die Menschen sich wegducken unter Verkehrslärm und Feinstaub, sich unsichtbar machen. Eisern kämpft sich die Immenhofer Straße vom Kessel hoch in die besseren Hanglagen. Ihren Bewohnern fällt es nicht so leicht, die Grenzen zu durchbrechen, die keiner sieht und die doch unten von oben trennen. Was hat ein Ex-Junkie vom Betreuten Wohnen mit einem Espresso-schlürfenden Heusteigvierteldesigner zu tun?

Aber der Reihe nach.

"Manchmal ist es gar nicht so schlecht, wenn man unsichtbar ist", sagt die Frau, die seit vielen Jahren ganz hier unten arbeitet. Als Sozialarbeiterin bei der Caritas, als Beraterin für Drogenabhängige, als Verantwortliche im Betreuten Wohnen. Christiane Siller weiß, dass die am Rand nicht so geschmeidig integrierbar sind, dass sie anecken, stören, und dass viele das Elend der Drogenabhängigen nicht sehen wollen. Hier unten im Sleep In, wo die Stühle im Gemeinschaftsraum bunt sind und die Türen zu den Betreuern offenstehen, gibt es keine Nachbarn, nur Autos. "Das ist unsensibler Wohnraum", sagt die 45-Jährige. Ein Ort, wo niemand wohnen will. Ein niedrigschwelliges Angebot, eine Notübernachtung für Drogenabhängige. Hier unten hasten die Menschen vorbei, und nur ab und an klopft es an die Fenster. Das ist dann eine, die ihre Sucht im Griff hat und den Betreuern von einst einen Gruß nach drinnen schickt.

Ilias ist einer dieser Unsichtbaren. Seit drei Jahren wohnt er in dem Haus oberhalb des Sleep In. Seine Drogenkarriere hat der gebürtige Grieche hinter sich, der Umzug ins Betreute Wohnen ist sein persönlicher Sieg. Heute ist Ilias clean, arbeitet in der Schwäbischen Tafel gleich um die Ecke als Ein-Euro-Jobber und teilt sich die Wohnung mit einem anderen Ex-Junkie. "Zehn Leute wohnen hier", sagt er vor der Haustür mit den zerflederten Klingelschildern und deutet nach oben. Die Fassade ist schwarz und von Abgasen zerfressen. Für Ilias sind die paar Meter vom Sleep In zum Betreuten Wohnen ein großer Aufstieg.

Die Immenhofer ist keine konsequente Straße. Ganz unten, kurz vor dem Österreichischen Platz, grätscht ihr die Weißenburgstraße rein und stiehlt ihr die Verantwortung für den sozialen Brennpunkt. Aber das interessiert hier sowieso keinen. Das alles ist Immenhofer, wie sie von den Bewohnern genannt wird, die Straße, die 1870 angelegt wurde, nach dem Fangelsbachfriedhof einst in einen Feldweg mündete und heute kerzengerade und steil nach oben in die Hanglagen strebt.

Janni ist der Chef im Schirmstüble und weit entfernt von diesen Hanglagen. "Königlicher Hoflieferant" steht vollmundig überm Eingang, "hausgemachten Mexikaner" verspricht der Schriftzug auf dem Schaufenster. Den mixt der Chef persönlich, bereitwillig holt er die Flasche aus dem Kühlschrank, Chili, Tomatensaft, Wodka und Korn, mehr verrät Janni ("Papadopulos, wie jeder Grieche.") nicht. Ein VfB-Schal hängt an der Wand, Fan ist Papadopulos schon lange, der Schal von 1992, als der VfB deutscher Meister wurde, "ich werde nie vergessen, wie Guido Buchwald in der 89. Minute den Treffer gegen Leverkusen reindonnerte".

Ein Tresen, sechs Barhocker, drei Tische – das reicht den Stammgästen, die im Stüble den Spielautomaten füttern, hemmungslos rauchen und gerne besagten hausgemachten Mexikaner kippen. Auf Ambiente legt hier keiner gesteigerten Wert. Oben, in der Schickimicki-Meile am Mozartplätzle, war Janni Papadopulos noch nie. Wo sich die Gentrifizierer des Viertels, die jungen Hippen, tagsüber zum Espresso bei Herbertz und abends auf ein Bier in der Imme (Küche, Wohnzimmer, Bar) treffen. "Aber die Imme-Mädels kommen nach der Arbeit öfter mal auf einen Mexikaner runter", verrät der Schirmstüble-Wirt und grinst. Seine Stube sammelt bis 3 Uhr nachts alle ein, die noch nicht heimgehen wollen.

Für nächtliche Exzesse hat Hatice Aksoy keine Zeit. Von 7 bis 20 Uhr steht die 58-jährige Türkin in ihrer Änderungsschneiderei auf der anderen Straßenseite. "Zur goldenen Hand" wirbt ein Schild im Schaufenster, das es sich mit alten Singer-Nähmaschinen, ausrangierten Garnrollen und museumsreifen Bügeleisen teilt. Seit 16 Jahren bügelt, ändert, kürzt und stopft sie für ihre Kunden, immer mit diesem großen Lächeln im Gesicht, mit dem sie schon beim ersten Besuch jeden zu einem Stammkunden macht. "Ich liebe diese Straße und ihre Autos", sagt die Schneiderin, "bei mir muss es laut sein."

Besonders laut wird es ab 17 Uhr, wenn der Feierabendverkehr die Immenhofer verstopft und sich vor ihrem Schaufenster die Blechlawine stadtauswärts wälzt. Das ist gut fürs Geschäft. Denn wer vor Hatice Aksoys Schaufenster zum Stehen kommt, findet womöglich eine Lösung für ein Problem. "Sie waschen, wir bügeln", steht da zu lesen. "Meine Kunden kommen auch aus Degerloch", sagt Hatice Aksoy stolz. Auf der anderen Straßenseite hat eine Frau einen Parkplatz gefunden und beginnt einen Slalom zwischen den Autos bis hin zum kleinen Eckladen, die Hand hoch über den Kopf gereckt und die Hemden wie eine Fahne hinter sich herziehend. Eine Stammkundin, wie alle, großes Lächeln.

Hatice Aksoy hängt die Hemden gleich neben den Nerz, den sie als nächstes ausbessern will. "Ob reich oder arm, ist mir egal", sagt die Geschäftsfrau mit den goldenen Händen, "ich gucke nicht, ich nähe nur." Draußen vor ihrem Schaufenster steht ein Porsche hinter einem Mercedes im Stau.

Wo jeder reich ist, geht Armut unter. Nur in Nürnberg ist die Armutsgefährdung größer als in Stuttgart. Sie liegt laut Statistischem Landesamt 2015 bei 20,5 Prozent (Nürnberg 20,6 Prozent), in Berlin bei nur 15,3 Prozent. Es gibt immer mehr Menschen in Stuttgart, die man als arm bezeichnen muss, sagt der Sozialamtsleiter Stefan Spatz laut Presseberichten und mit Blick auf Winternotübernachtung und Vesperkirche. Zu sehen ist das nicht immer, mancher Bedürftige versteckt sich hinter guter Kleidung. Wo jeder reich ist, will keiner arm sein. Andere bleiben dort, wo man sie nicht sieht, unter sich.

Die Sozialarbeiterin Siller kennt die unsichtbare Linie in der Immenhofer Straße. Bis zum Kolpinghaus ("Dort waren wir manchmal zum Kegeln eingeladen.") und der Lederschmiede ("Hier haben viele unserer Ex-Junkies gearbeitet.") reicht der Aktionsradius ihrer Klientel. Die Lederschmiede, den Laden, wo viele der Ex-Junies hippe Taschen gefertigt und verkauft haben, gibt es nicht mehr.

Weiter oben, das ist eine andere Welt. Und die Durchlässigkeit gering. Die Immenhofer schafft den Aufstieg. Sie kämpft sich hoch aus dem Feinstaub, eine wichtige Straße ist sie, gilt als Entlastungsstraße für die Neue Weinsteige, hier hat das Auto Vorfahrt, und die Änderungsschneiderin mit ihrer Liebe zu Lärm und Trubel kommt voll auf ihre Kosten. Lange hat es gedauert, bis dem Verkehr Ecke Mozartstraße ein Limit gesetzt wurde. Bei mehr als 40 Stundenkilometer zeigt die Anzeige hier am Mozartplätzle rot.

Hier treffen sich die Lebenskünstler. Die bei einem Espresso bei Herbertz schon mal über die soziale Schieflage diskutieren oder ob der Bugaboo noch den Anforderungen eines hippen Kinderwagens entspricht. Die sich in der Imme gegenüber bei Bier und lecker Schnitzelchen über Donald Trump ärgern und den grünen Stuttgarter OB, der zu wenig gegen die Wohnungsnot tut. Die bei einer Rauchpause vor der Tür die Porsche, BMW und Mercedes zählen, die während einer Zigarettenlänge vorbeirauschen und gerne mal auf die Fußgängerampel drücken, um dem Autofluss eine Zwangspause zu verordnen. Hier tragen die Klingelschilder weniger Namen und sind ordentlich geschrieben.

Florian Danner wohnt in der Mitte der Immenhofer und doch ganz oben. "Das ist der vom Ufo", flüstern die Leute, wenn er beim Bäcker gegenüber seine Brezel holt, und das klingt sowohl ehrfürchtig als auch ein bisschen neidisch. "Die Leute sollen diskutieren", sagt Danner, "das passt schon." Der Mittvierziger hat sich an der Ecke Liststraße einen Traum verwirklicht. Ganz oben, aufs Dach des Gründerzeithauses, hat er eine moderne, lichtdurchflutete Wohnung gesetzt, in der er den Blick über die Dächer des Südens genießt. Die einen sagen, das passt nicht auf so ein altes Haus, die anderen loben den Mut, wie hier Altes mit Neuem verquickt wird.

Das Ufo konnte landen, als das Notdach undicht wurde. "Wir sanieren euer Dach", sagte er und meinte damit sich und seinen Kompagnon, "und dürfen uns dafür zwei Wohnungen bauen." Das war vor neun Jahren. Heute kann Florian Danner von seinem Bett aus den Sternenhimmel betrachten und hat einen solitären Blick auf den Turm der Markuskirche.

Sein Architektenbüro steht in Tübingen, doch die Immenhofer kennt er genau. Bei der Änderungsschneiderin hat Danner kürzlich sein Jackett zum Ausbessern vorbeigebracht, und auch die Szene am Mozartplätzle ist ihm vertraut. "Es gibt Menschen, die sind wie eine Sonnenuhr", sagt er, "die stehen morgens bei Herbertz und abends in der Imme." Der Mann mit dem Faible für nüchterne Ausstattung ist ein scharfer Beobachter. Der topographische Verlauf der Immenhofer entspricht ihrem sozialen. "Das Sozialhotel ganz unten, dann kommen Mietwohnungen, dann die Eigentumswohnungen und ganz oben die Einzelhäuser", sagt er, "das ist die Immenhofer." Danner wohnt als Eigentümer in luftiger Höhe.

Hier ist die Immenhofer schon etwas mondäner. Im Brüllmannbau direkt gegenüber sind die Druckmaschinen längst Vergangenheit. Wo einst Drucker arbeiteten, wurden großzügige Lofts gebaut. Merz und Benzing steht auf den Klingelschildern, und die Namen sind in Messing gedruckt. Doch ein Haus dort oben, wo die Immenhofer eine Schlaufe dreht und sich die Häuser einen Vorgarten leisten, hätte er sich nicht leisten können, sagt Danner: "Stuttgart ist einfach wahnsinnig teuer."

An ihrem oberen Ende wird die Immenhofer ländlich und gediegen wohlanständig. Hier, wo sie nicht mit dem Verkehrsstrom links abbiegt, sondern unbeirrt geradeaus nach oben strebt, taucht man in eine andere Welt. Hier kann die Immenhofer auch Natur. Bäume und Sträucher stehen in den Vorgärten, die Häuser haben wenige Stockwerke und sind nicht abgasgeschwärzt, und die Stille klingelt nach einem Aufstieg mit Motorenbegleitung laut in den Ohren. Professor Werner Schülen wohnt im allerletzten Haus der Straße, ein Einzelhaus mit viel Garten drumherum. Er sei zu krank, um Besuch zu empfangen, sagt der alte Herr. Schade.

Die Immenhofer mag in ihrem besseren Abschnitt nicht zur Luxusmeile à la Killesberg werden. Schließlich schraubt sie sich einen Nordhang hoch, wo die Sonne sich rarmacht und der Frost sich nicht so schnell vertreiben lässt. Doch die da oben sind weiter entfernt von denen da unten als die rund 1000 Meter, welche die Immenhofer lang ist.


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3 Kommentare verfügbar

  • Zaininger
    am 12.02.2017
    Schairer-Preis würdiger Artikel.
    Kleinigkeit fehlt: die ehemaligen graphischen Betriebe drum herum.
  • Bruno Mattes
    am 09.02.2017
    Wie schreibt man eigentlich ein Lob, Frau Stiefel ? Eine kritische
    Kritik geht leichter!
    Glänzender Artikel, gut beobachtet, treffsicher analysiert. Ich wohne nämlich in der Immenhofer, seit langem, d.h. nicht ganz genau, sondern in einem kleinen Seitenweg, in der Falbenhennenstrasse. Die Sie nicht erwähnten. Und die Emilie und ihre Wirtin auf dem kleinen Mozartplatz auch nicht !
    Bruno Mattes
  • Horst Ruch
    am 08.02.2017
    (aus)gezeichneter Artikel mit schöner Beschreibung
    .....was noch zu sagen wäre....der Österreichische "Platz" ist wie fast alle Stuttgarter Plätze eine Straßenkreuzung, -zwar eine üppige mit Rundbrückenkreisverkehr- ein trostloser Verweilort für die auf Grün wartenden Automobilisten. Die " Immenhofer " gilt sozusagen als das Stuttgarter Modell, für unten nach oben. Das kann nicht jede Landeshauptstadt bieten. Im Sozialgefüge ist es jedoch ein alter Hut für alle Städte: oben sein, kann sich nicht jeder leisten.

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