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Tausendsassa Lauterwasser

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Ob Ortsgeschichte oder Experimentalkunst: Die Archive der Fotografenfamilie Lauterwasser aus Überlingen umfassen hunderttausende Aufnahmen aus fünf Generationen. In unserer Schaubühne zeigen wir eine Auswahl.

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Sandkorngroße Objektive übertrumpfen heute Adleraugen, interstellare Sonden übertragen Aufnahmen aus dem All über Distanzen von Milliarden von Kilometern. In Sekundenbruchteilen speichern Kameras im Kreditkartenformat oder eingebaut in hosentaschentaugliche Smartphones dutzende Bilder. Eigentümlich und exzentrisch erschienen dagegen die mannshohen Holzkonstruktionen aus den frühen Anfängen der Fotografie, kolossale Gerätschaften, die teils von mehreren Menschen an Ort und Stelle getragen werden mussten. Häufig für nur eine einzige Aufnahme, etwa von einer Berglandschaft oder vom Bodensee, wie die Bilder von Alexander Lauterwasser senior, die er bisweilen länger als eine Stunde belichtet haben soll.

Lauterwasser gründete sein Atelier 1867 in Überlingen vor genau 150 Jahren. Es ist eines der ältesten in Deutschland, das bis heute besteht und inzwischen in der fünften Generation von seinen Nachfahren geführt wird. Seine Familie hat die Geschichte der Fotografie nicht nur miterlebt, sondern auch dokumentiert und sogar ein Stück weit mitgestaltet.

Alexander Lauterwasser senior gilt als einer der bedeutendsten Chronisten in Überlingen. Er fotografierte das Fastnachtstreiben, porträtierte die Prominenz seiner Zeit, lichtete Hochwasser, Überschwemmungen und Seegfrörnen ab. Sein Sohn Alexander Lauterwasser junior folgte der Tradition und lehrte das Handwerk wiederum schon früh seinem Sohn Siegfried, dem wohl bekanntesten Familienmitglied. Der war als Gründungsmitglied der Gruppe "fotoform" ein Pionier der subjektiven Fotografie, die weg von der rein dokumentarischen, hin zur künstlerisch-abstrakten Perspektive führte und dazu beitrug, dass die Fotografie neben Malerei und anderen bildenden Künsten als ebenbürtige Gattung anerkannt wurde.

Experimentelle Herangehensweisen pflegte auch Siegfrieds Sohn, noch ein Alexander. Erst über Umwege kam dieser zur Fotografie, studierte zunächst Philosophie und Psychologie, bevor er sich der Visualisierung von Klängen zuwandte. Durch die Resonanzen von akustischen Schwingungen in Wasserschalen verbildlichte er Musik und Geräusche, um im Augenblick der Momentaufnahme deren natürliche Muster und Strukturen sichtbar werden zu lassen. Das Familiengeschäft übernahm Alexander der Dritte allerdings nicht, sondern seine Schwester Katharina und damit die erste Frau in der Geschichte des Ateliers. Katharina Lauterwasser, heute Mitte 60, führt die Familientraditionen fort, fertigt viele Porträts, legt, wie sie sagt, besonders viel wert auf die Lichtstimmungen in ihren Kompositionen und spielt mit Wasserspiegelungen.

Seit 2004 wird auch im Hause Lauterwasser digital fotografiert. Eine Neuerung, die auf die jüngste Berufsfotografin der Familie zurückgeht, Anna Lauterwasser, geboren 1981. Allein seit dem Umstieg auf die neue Technik haben es bislang 120 000 Aufnahmen in die Archive der Familie geschafft. Aus fünf Generationen Familienfotografie ist derzeit eine Auswahl von etwa 320 Werken im "Faulen Pelz", der städtischen Galerie Überlingens zu sehen. Vom körnigen Schwarz-Weiß der frühen Anfangsphasen bis zur farbenfrohen Experimentalkunst.

 

Info:

Die Ausstellung "Lauterwasser – 150 Jahre Fotografie" ist im "Faulen Pelz" in Überlingen noch bis zum 21. Mai zu sehen, dienstags bis freitags zwischen 14 und 17 Uhr, an Sams-, Sonn- und Feiertagen zwischen 11 und 17 Uhr.


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