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Das war der Gipfel

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 Fotos: Joachim E. Röttgers 

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Ein zentraler Ort der Stadt Stuttgart, das Kunstgebäude am Schlossplatz, hat mit einem hochkarätig besetzten Polit-Kunst-Kongress wiedereröffnet. Vier Tage akademische Vorträge, Aktivismus-Workshops und intensive Diskussionen zu einem anderen Wirtschaften.

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"Wir meiden die strenge Beleuchtung/ und suchen verhuschte Bedeutung", rappte Schorsch Kamerun sein Resümee ins Mikrofon, zu einem Loop aus dem Tablet. Vier Tage widerständige Theorie und Praxisübungen, teils auf anspruchsvollstem akademischem Niveau, teils in mittelmäßigem Englisch, mit geladenen Gästen aus aller Welt und einer interessierten Zuhörerschaft aus Stuttgart: So präsentierte sich das Kunstgebäude am Schlossplatz zu seiner Wiedereröffnung. Denn die letzten vier Jahre war dort der baden-württembergische Landtag wegen Renovierung untergebracht. Jetzt stellten sechs Stuttgarter Kulturinstitutionen die Tage des Wiedereinzugs unter das Thema "New Narratives – Ökonomien anders denken".

Performances machen Theorien greif- und begreifbar

Freilich räumte der Sänger der "Goldenen Zitronen" vorab freimütig ein, dass die selbstgestellte Aufgabe, das "Gipfeltreffen" auf diese Weise zusammenzufassen, schlichtweg nicht zu bewältigen sei. Um zum Thema Ökonomie gleich ein paar eigene Erfahrungen und Videos aus Hamburg beizusteuern: zur Gentrifizierung in St. Pauli, dem Investoren abgetrotzten Freiraum "Park Fiction" am Elbufer und der Erfolgsgeschichte der Esso-Häuser, wo nun letzten Endes genau so gebaut wird, wie die Teilnehmer eines Beteiligungsverfahrens es wollten.

Gerade Schorsch Kameruns popkultureller Zugang half jedoch, die zum Teil sehr weit gespannten Ausführungen wieder auf den Boden der eigenen Erfahrungswelt herunterzuholen und nach anstrengenden Vorträgen und Debatten ein wenig Abstand zu gewinnen. So wie auch das zweite "Protokoll": die Graffiti des rumänischen Künstlers Dan Perjovschi, der seine Eindrücke direkt auf die Wände zeichnete. Ein hoher Stapel leerer Sprechblasen türmt sich da auf, und daneben steht: "I can't draw Hilary." Gemeint ist nicht etwa die unterlegene amerikanische Präsidentschaftskandidatin, sondern der Londoner Multimedia-Künstler Hilary Koob-Sassen, der am ersten Abend, nach Nächten ohne Schlaf vor lauter Aufregung, in einem ausufernden Vortrag mit höchst komplexen, verworrenen Diagrammen zu erklären versucht hatte, "wie man den infrastrukturellen Raum erobert und die skalare Nische kolonisiert."

Zur Diskussion standen buchstäblich erdumspannende Zusammenhänge, wenn etwa die brasilianische, in Kanada lebende Autorin Denise Ferreira da Silva, Associate Professor der Universität von British Columbia, ein "schwarzes Licht" auf die Fehlstellen in Karl Marx' Arbeitswerttheorie warf, die Sklaverei und Landraub ausblendet. Zu einem globalen Recht und globaler Gerechtigkeit zu gelangen, würde, Ferreira da Silva folgend, bedeuten, einen Plan zu entwickeln, um sämtliche auf diesen Faktoren basierenden Gewinne zurückzuerstatten.

Umweltzerstörung im Pazifik, blinde Flecken im Denken von Spinoza, Marx und Lenin, Symptome eines kommenden Aufstands auch in Europa und die Unsichtbarkeit von Eliten, die alle möglichen statistischen Erhebungen über ihnen tendenziell gefährliche "Unterklassen" anstellen? Neben solch tiefgreifenden Reflexionen gab es auch eher poetische Darbietungen. Wenn etwa die irakische Künstlerin Rheim Alkadhi mit künstlerischen Objekten die Bedrohung ansprach, die vermeintlich von männlichen nordafrikanischen Geflüchteten ausgeht.

Und Action – ein toller Auftakt!

Vormittags boten Workshops Gelegenheit, sich mit den Vortragenden auszutauschen. Die Künstlergruppe "Neue Dringlichkeit", die sich mit dem Containerhandel beschäftigt, unternahm einen Ausflug zur Wagenhalle. Schülerinnen und Schüler nahmen bei Peter Haury kurze Videos mit Zungenbrechern in anderen Sprachen auf. Die mannshohen, aufblasbaren Würfel der Gruppe "Tools for Action" kamen in der schmalen Passage zwischen Kunstgebäude und Neuem Schloss zum Einsatz: zum Verdruss der einen, zur Freude der anderen Passanten.

Sie habe bei manchen Vorträgen kein Wort verstanden, brachte eine Teilnehmerin in der Abschlussdiskussion hervor, aber aus großem Interesse dennoch bis zum Ende durchgehalten. Offenbar hatte sich nicht bei allen Anwesenden herumgesprochen, dass ganz vorn, gleich links neben dem Eingang, Geräte für Simultanübersetzungen bereitlagen. Rein akustisch war die Stimme aus dem Ohrhörer oft besser zu verstehen als das dumpfe oder genuschelte Englisch aus dem Lautsprecher. Da aber auch deutsche SprecherInnen die englische Sprache bevorzugten, ging etwa bei der Rückübersetzung marxistischen Vokabulars doch der eine oder andere Terminus technicus verloren.

Solche Einwände kamen in der abschließenden Debatte zur Sprache, in der vom eigentlichen Thema, der Ökonomie, kaum noch die Rede war. Hans D. Christ, Leiter des Kunstvereins, meinte, die vielen Eindrücke müssten sich erst einmal setzen. Und dass in dem Wort Ökonomie ja auch das griechische Oikos, das Haus, stecke, passend zur Wiedereröffnung des Kunstgebäudes und der Frage nach seiner besten Nutzung. Bei aller Kritik im Detail: Solche lebendigen Diskussionen mitten im Herzen der Stadt, wie sie vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen wären, kann man sich auch in Zukunft nur wünschen.

 

Info:

Die meisten Vorträge, allerdings ohne Übersetzung, sindauf der Veranstaltungswebsitenachzuhören.


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2 Kommentare verfügbar

  • Dietrich Heißenbüttel
    am 06.04.2017
    Antworten
    also bitte, was wird hier tabuisiert? ich meinerseits habe z.B. mehrmals auf Monatgsdemos gesprochen, war noch viel öfter da und habe in derselben vorliegenden Ausgabe wieder mal einen Artikel über die Absurditäten des Tiefbahnhofsprojekts geschrieben. Aber aus meiner Sicht ist der Bahnhof nicht…
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