Genauer Blick auf Entwicklungen in der Arbeitswelt: Zur Fotostrecke geht's per Klick aufs Bild.

Ausgabe 313
Schaubühne

Wider den Leistungswahn

Von Minh Schredle
Fotos: Joachim E. Röttgers
Datum: 29.03.2017
Schneller, höher, stärker – das olympische Credo ist Alltag in einer Arbeitswelt, die zunehmend auf Effizienz getrimmt ist. Immer mehr Menschen machen diese Strukturen krank, sagt Rolf Siedler, der seit mehr als zwei Jahrzehnten in der Betriebsseelsorge arbeitet. Diese veröffentlicht regelmäßig Kalender mit Aufnahmen aus der Arbeitswelt. In unserer Schaubühne zeigen wir eine Auswahl.

Permanente Verfügbarkeit, extreme Erwartungen, Kontrolle auf Schritt und Tritt. Die Arbeitswelt habe zwar in Sachen Sicherheit und Sauberkeit sensationelle Fortschritte gemacht, sagt Rolf Siedler, "gleichzeitig werden aber die Anforderungen an Arbeitnehmer immer unrealistischer." Der Drucker verweigert den Dienst und der Arbeitszeitnachweis kommt einen Tag zu spät? Ein Kündigungsgrund! Siedler, Theologe und Philosoph, spricht von einer zunehmenden Null-Fehler-Kultur. Seit 22 Jahren arbeitet der 60-Jährige bei der Betriebsseelsorge der katholischen Kirche in Aalen, die allen Konfessionen kostenfrei offensteht. Menschen, die seine Hilfe suchen, sieht Rolf Siedler nicht als Klienten, Kunden oder Patienten, sondern als Gesprächspartner auf Augenhöhe, ganz egal, ob sie Führungskräfte, Facharbeiter oder Aushilfskraft sind. Doch egal ob gut oder schlecht bezahlt: Gemeinsam ist ihnen, dass sie kurz vor dem Kollaps stehen, weil ihnen ein unmenschlich dichter Berufsalltag zu viel abverlangt.

Auch Unternehmen wundern sich inzwischen, so Siedler, dass es ihnen reihenweise die besten Leute "weghaut". In seinen Seminaren sitzen junge Betriebswirte anfangs noch selbstsicher auf ihren Stühlen und belächeln die verordnete Betriebsseelsorge milde. So lange, bis Siedler von seinen Erfahrungen erzählt. Von Fällen, in denen Menschen über Jahrzehnte hinweg scheinbar problemlos funktionieren. Jahre, in denen Beschwerden ausgeblendet wurden, in denen sich immer mehr ansammelt, immer mehr Spannung aufstaut. Und schließlich ist es eine Kleinigkeit, die alle Schutzmauern bröckeln lässt. Dann wird es plötzlich leise im Raum. Wenn Siedler vom Büroangestellten berichtet, der sein Soll stets erfüllt und sich bei Hunderten Überstunden nie über seine Arbeitsbedingungen beklagt hat. Bis der Betrieb die Kaffee-Ecke wegrationalisiert. Ein vermeintlich nichtiger Vorgang, doch zu viel für den Mann Mitte 40, dem damit der letzte Rückzugsort weggestrichen wurde, der letzte Ruhepol, an dem er mal eine Pause einlegen, sich ab und zu ein paar Minuten mit Kollegen unterhalten konnte. Mucksmäuschenstill wird es im Seminar.

Heute sind psychische Erkrankungen mit knapp 43 Prozent Anteil die häufigste Ursache für Frühberentungen. Die Betroffenen sind im Durchschnitt keine 50 Jahre alt. Seit den 1990er Jahren haben sich die Fehltage wegen Burnouts, Depressionen und Co. mehr als verdoppelt. Häufig trifft es bereits Berufsanfänger, die kurz nach Studium oder Ausbildung vom Übergang von Theorie zu Praxis überfordert sind. "Meistens erwischt es Ideenreiche, Engagierte. Welche, die Ambitionen haben und sich einbringen wollen – denen dann zu viel zugemutet wird, die sich ausbeuten lassen", weiß Siedler. "Das Neinsagen wurde in der Arbeitswelt verlernt", sagt der Mann, der seit Jahrzehnten von Berufs wegen darauf schaut. Er wünscht sich "eine Kultur des Grenzensetzens" und fordert Arbeitnehmer auf, sich nicht alles gefallen zu lassen.

Das allerdings erfordert Courage. Viele Konzerne suchen sich lieber Ersatz, sortieren die menschlichen Zahnräder aus, wenn sie irreparabel verschlissen sind. Darf man sich also trauen? Siedler antwortet mit einer Gegenfrage: Rentiert es sich, für ein paar Jahre in Brot und Lohn seine Gesundheit lebenslang aufs Spiel zu setzen? Er erzählt von Gesprächspartnern, bei denen Kündigungen letztlich sogar befreiend gewirkt hätten: "Weil sie das zwingt, sich mit einem Plan B zu befassen." Und den gebe es fast immer.

Doch Rolf Siedler kritisiert Strukturen in der Wirtschaft, die der Illusion von grenzenlosem Wachstum mit grenzenloser Optimierung folgen. "Das macht immer mehr Menschen krank." Viele Betriebe böten inzwischen unternehmenseigene Therapien an, allerdings fast immer unter der Prämisse, dass die Arbeitskräfte möglichst schnell wieder funktionieren: "Wer einen Burnout hat, soll sich mit seiner Behandlung gefälligst beeilen." Zurück an die Arbeit!

Und weil schon die Schule bedingungsloses Highperformen zum obersten Gebot erklärt, gilt noch immer als schwach, wer sich Hilfe sucht. Mag die Arbeit auch schneller und dichter geworden sein, so Siedler, "die Vorurteile und blöden Sprüche sind noch genauso dumm wie vor 20 Jahren." Aus Scham vor Schande oder Angst vor dem Eingeständnis vermeintlicher Schwäche suchen viele erst dann Hilfe, wenn sie völlig ausgebrannt sind. Was es hier braucht, ist neben guter Beratung ein fundamentales Umdenken – weg von einer Ökonomisierung um jeden Preis und hin zu einer Arbeitswelt, die Gesundheit, Anerkennung und Menschenwürde in den Mittelpunkt stellt.

 

Seit 1987 erscheint jährlich ein Kalender der Betriebsseelsorge Baden-Württemberg mit Momentaufnahmen aus der Arbeitswelt. Von Anfang an sind Bilder unseres Fotografen Joachim E. Röttgers mit dabei, die letzten 28 Jahre in Folge stammten die Titelbilder von ihm. Die Fotostrecke oben zeigt davon eine Auswahl.


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3 Kommentare verfügbar

  • Schwabe
    am 06.04.2017
    zu Fred Tauber, 05.04.2017 01:21
    Sich sachlich mit dem Kommentar auseinanderzusetzen den man kritisiert ist scheinbar nicht Sache der katholischen Kirche bzw. des Herrn Tauber - Verleumdung, Indiskretion und Unterstellungen schon eher.
  • Fred Tauber
    am 05.04.2017
    Lieber Schwabe, 03.04.2017 13:23,

    zunächst ist Ihr Kommentar schwer leserlich, da Sie Ihrer Idiosynkrasie gegen Kommata durch deren Nichtsetzung freien Lauf lassen. Die Volkshochschule Ihres Vertrauens vermöchte Ihnen hier aufzuhelfen.

    Weiterhin wollen Sie es Rolf Siedler ankreiden, insofern er nicht „die Systemfrage“ stelle, aber Sie selbst propagieren die Nichtstellung der Systemfrage, in dem Sie fordern, den Kapitalismus „im Sinne der Beschäftigten und im Sinne länderübergreifender gut nachbarschaftlicher Beziehungen effektiv zu kontrollieren.“ Sie möchten, dass der Kapitalismus human werde durch Einhegung. Zur Frage, ob dies möglich sei, nehme ich hier nicht Stellung. Klar aber ist, dass Ihre Einhegungsvorstellung die Systemfrage gerade nicht stellt.

    Bereits hier erkennen wir, dass Sie ein Wirrkopf sind, bei dem man nicht recht weiß, ob er seine Verwirrung im Internet nur auslebt, oder ob das www die Verwirrung allererst auslöste.

    Was indes mein Mißvergnügen an Ihrem Kommentar rundend mir ergänzt, ist Ihr pathischer Mangel an Empathie. Siedler hilft Menschen. Wem helfen Sie?
  • Schwabe
    am 03.04.2017
    was Minh Schredle oder Rolf Siedler hier beschreiben ist nichts anderes als der ganz normale Kapitalismus der von der Politik (bürgerlich Parteiübergreifend) unterstützt wird anstatt diesen im Sinne der Beschäftigten und im Sinne länderübergreifender gut nachbarschaftlicher Beziehungen effektiv zu kontrollieren.
    Indem der Kapitalismus und herrschende Politiker den Schulterschluß üben verraten sie die eigene und fremde Bevölkerungen. Im Grunde betreiben solche Politiker (Volksvertreter) m.E. kollektiv Amtsmissbrauch.

    Rolf Siedler macht es sich m.E. zu einfach wenn er behauptet/sagt "Das Neinsagen wurde in der Arbeitswelt verlernt", oder wenn er mit Gegenfragen hantiert wie "Er erzählt von Gesprächspartnern, bei denen Kündigungen letztlich sogar befreiend gewirkt hätten: "Weil sie das zwingt, sich mit einem Plan B zu befassen.""!
    Zu einfach deshalb, da "Neinsagen" heutzutage überwiegend zu Ausgrenzung, Mobbing und gar zur Kündigung führt. Wie soll das gehen frage ich, das "Neinsagen" mit Familie und womöglich Darlehen im Hintergrund??
    Sich (sofern es die Lebenssituation erlaubt) mit einem "Plan B" zu befassen kann sicherlich individuell Erleichterung bringen, gesellschaftlich gesehen ist es m.E. aber keine Lösung, eher ein sich drücken vor Veränderung bzw. vor dem grundsätzlichen anpacken des Übels.

    Ich halte es für schade, dass in solchen Artikeln bzw. das (sicherlich gute) Menschen wie Rolf Siedler nicht die Systemfrage stellen/ansprechen bzw. das Wählerverhalten kein Thema ist. Im vorliegenden Fall - so denke ich - liegt es am Glauben sprich an der Institution katholische Kirche.

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