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Ausgabe 310
Schaubühne

Die Vermessung der Vulva

Von Anna Hunger (Text) und Liv Strömquist/Avant Verlag (Bilder)
Datum: 08.03.2017
Liv Strömquist hat sie in ihrer gerade erschienen Graphic Novel gezeichnet: Die gesamte Geschichte der Vulva von der Steinzeit bis heute. "Der Ursprung der Welt" zeigt ein herrlich-skurriles und gleichzeitig trauriges Bild einer weiblichen Körperregion, die seit Jahrhunderten von einfallsreichen Männern ihres Charakters beraubt wurde. Eine Leseempfehlung zum Frauentag mit Appetizer in unserer Schaubühne.

Nicht nur wer selbst eine hat, lernt eine Menge von Liv Strömquist, der feministischen Comiczeichnerin aus Schweden, die ihr neuestes Werk der Vulva widmet – dem äußerlichen, weiblichen Geschlechtsorgan. Zunächst einmal: Dass es sie überhaupt gibt, wo doch selbst die Nasa in ihrer goldenen Nachricht an die Außerirdischen der Frau sichtbare Genitalien komplett verweigert und nur dem Mann einen äußeren Schniedel geschenkt hat. Und dass sich die Vulva mit Schamlippen in diversen Größen und einem nicht nur fingernagelgroßen Kitzler, sondern einer flächentechnisch sogar weitreichenden Klitoris ausgestattet, durchaus sehen lassen kann. Und letztlich: dass die Vulva – egal ob medizinisch, historisch, psychologisch oder gendertheoretisch – sehr viel mehr ist als "das da unten". Endlich, will man da sagen.

Denn die Vulva, das lernt man eindrücklich von der bezopften Erzählerin in Strömquists 140 Seiten starker Graphic Novel, fristet seit vielen Jahrhunderten ein trauriges Dasein: unter Röcken und in Hosen versteckt, verschmäht, schambesetzt, verteufelt, schuldbeladen, beschnitten, kleinoperiert. Bis heute.

Illustriert mit zeitgenössischen Fotografien, Zeitungsausschnitten und Grafiken erzählt die Zeichnerin, wie sich die Bedeutung und Wahrnehmung des weiblichen Geschlechts durch die Jahrhunderte entwickelt hat: von Höhlenbildern, die sie als lebensspendendes Organ darstellten, über antike KünstlerInnen, die ihr Figuren und Skulpturen widmeten, die so oft berührt wurden, dass sie der Neuzeit bloß blankgescheuert erhalten blieben. Über Hexenbestimmungen anhand großer Schamlippen und ärztlicher Behandlung aller Arten von Nonkonformismus durch Genitalverstümmelung. Vorgenommen vor allem von Männern, die durch die gesamte Geschichte hinweg jede Menge Leidenschaft für die Beschäftigung mit dem weiblichen Genital aufbrachten. Ein Interesse – das zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch der Zeichnerin –, das Frauen immer Schmerz zufügte. 

Bei allem Humor und aller Liebenswürdigkeit der Zeichnungen fährt einem ab und zu ein fieses Frösteln die Wirbelsäule hinunter. Belegen doch regelmäßige Quellenangaben und Literaturverweise, dass auch die absurdeste, dreisteste, unverschämteste und schmerzhafteste Idee tatsächlich mal von einem Mann ausgedacht wurde.

Manchmal aber fühlen die LeserInnen auch umgekehrt. Beispielsweise bei den "Typen, die Königin Christinas Grab öffneten". Ein Gynäkologe verfasste in den Dreißigerjahren eine "menschliche Studie aus Sicht eines Arztes" über die Königin von Schweden und kam zu dem Schluss, sie sei sexuell "abnorm" gewesen. Ein "Zwischenwesen", historisch dokumentiert durch eine Mischung männlicher, wie weiblicher Eigenschaften.

Fleiß, Erfolg, Disziplin, Mathe-Begabung – man ahnt es schon, männlicherseits. Wankelmut, wechselhaftes Gemüt, Unberechenbarkeit und mit psychopathischen Zügen ausgestattet weiblicherseits. Christinas Leichnam jedenfalls wird Ende der Sechzigerjahre – nach 400 Jahren Totenruhe – wieder ausgegraben, damit sechs Männer ihr zwischen die Beine gucken können. Zeugnis dieses denkwürdigen Ereignisses ist nicht nur ein Buchkapitel in einem Gedenkbuch an die Königin, sondern auch ein herrliches Foto.

 

Info:

Das Buch "Der Ursprung der Welt" gibt's für 19, 95 Euro imAvant-Verlag.

 


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