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Vom Öffnen und Füllen innerstädtischer Löcher

Vom Öffnen und Füllen innerstädtischer Löcher
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In Baden-Baden geschieht Merkwürdiges: Mitten in der Stadt wird eine Baugrube ausgehoben, um halb verrichteter Dinge wieder zugeschüttet zu werden. Schuld sind die G20-Finanzminister.

Vom Literaten Heinrich Steinfest stammt eine famose Idee, wie man die stets nervös mit den Baggerschaufeln scharrende Bau- und Immobilienwirtschaft ein wenig sedieren, ihren Aktionismus gleichsam einhegen könnte. Der Branche sollte eine Art Spielplatz zur Verfügung gestellt werden, "um dort 'miserable Bürogebäude im Stil der Landesbank' zu bauen und auch gleich wieder abzureißen, immer wieder aufs Neue: aufbauen, abreißen, aufbauen, abreißen, wie in Sandkisten oder am Strand. Das kostet zwar Geld, funktioniert aber als Ersatzhandlung."

Steinfests Vorschlag, inspiriert von Stuttgarter Realitäten, harrte leider seit seiner Veröffentlichung in Kontext vor bald sechs Jahren der ersten Erprobung. Nun scheint er, leicht modifiziert, erstmals aufgegriffen worden zu sein, ausgerechnet im beschaulichen Baden-Baden. Dort wurde im vergangenen Jahr mitten auf dem innerstädtischen Leopoldsplatz eine große Grube ausgehoben, die nun wieder zugeschüttet werden soll, um in Kürze wieder ausgehoben zu werden.

Donnerwetter, staunten wir, dass gerade die leicht verschnarchte Kurstadt solch visionäre Ideen umsetzt. Und welche touristischen Ausgestaltungsmöglichkeiten! Die jährlich festen Termine des Aufgrabungs- respektive Zuschüttungsbeginns könnte man als publikumswirksame Events inszenieren. Außerdem etwa das Werfen von Münzen oder, man denke an all die russischen Freunde der Stadt, von Klunkern in die Baugrube als glücksbringend bewerben, niemand müsste zu diesem Zweck mehr zum stets hoffnungslos überlaufenen Trevi-Brunnen in Rom pilgern. Und was dann mit der ersten Baggerladung Aushub an Kostbarkeiten wieder zu Tage gefördert wird, könnte man einem Flüchtlingsheim oder Ähnlichem spenden, live übertragen vom ortsansässigen SWR: Trommelwirbel der Stadtkapelle, Sonja Faber-Schrecklein kratzt von einem leicht ramponierten Fabergé-Ei die Erde ab und drückt es einem vor Freude weinenden syrischen Mädchen in die Hand.

Emotionen! Synergien! Rote Würste! Hach.

Leider verhält es sich ein wenig prosaischer. Steinfest ist in der Baden-Badener Stadtverwaltung völlig unbekannt. Und die Sache mit dem Loch folgt keinem so gründlich durchdachten System.

Obacht: Kies als Wurfgeschoss!

Der Leopoldsplatz wird seit Mitte September letzten Jahres generalsaniert, momentan klafft eine ausgedehnte Baugrube. Vorübergehend zugeschüttet werden soll diese nun wegen des G20-Treffens in der Stadt am 17. und 18. März. Und zwar mit Sand verfüllt und drüber noch eine Lage Asphalt. Damit alles schön dicht ist. Denn die Polizei fürchtet, würde die Baustelle offen gelassen, könnten renitente Demonstranten die Absperrgitter als Barrikaden nutzen, während bei einer offenen Aufschüttung mit Kies selbiger als Wurfgeschoss zweckentfremdet werden könnte. Außerdem sei die Fläche wichtig "im Konzept für mögliche Flucht- und Rettungswege".

Der Ortsunkundige stutzt. Hätte man das nicht früher wissen können? Die Planungen für die Sanierung, müht sich der städtische Pressesprecher Roland Seiter nun Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit der Stadtoberen beiseite zu räumen, hätten schon begonnen, bevor klar war, dass die G20-Finanzminister und mit ihnen voraussichtlich jede Menge Demonstranten und Sicherheitskräfte in die Stadt einfallen. Wobei er weniger betont, dass der Start der Bauarbeiten erst beschlossen wurde, als das G20-Treffen schon fix war. Die SPD im Gemeinderat reklamiert nun für sich, als einzige gewarnt zu haben. Tatsächlich hatte SPD-Fraktionschef Werner Henn angefragt, ob man mit dem Baubeginn nicht bis nach dem Treffen warten könne, was Oberbürgermeisterin Margret Mergen (CDU) verneinte, worauf Henn wie ein Löwe ... geschwiegen hat und der Rest seiner Fraktion auch.

Dass man das Sicherheitskonzept der Polizei zum Zeitpunkt des Beschlusses ja noch nicht gekannt habe, ist nun die argumentative Verteidigungslinie der Stadt. Erst im Herbst seien ja die Planungen für das G20-Treffen konkreter geworden, und sogar erst Mitte Dezember habe die Polizei dringend gebeten, die Baustelle für die Zeit des Gipfels zu schließen. Da war der Anschlag in Berlin, die Sicherheitslage habe sich verändert, der internationale Terrorismus et cetera pp. Alles Unfug, sagen verärgerte Baden-Badener, von Anfang an sei bekannt gewesen, dass aus dem Tagungsbereich ein Weg für Krankenwagen oder Ähnliches führen müsse, und dass man dafür zumindest Teile der Baustelle hätte abdecken müssen. Doch die Abdeckung mit Platten sei der Stadt wohl angesichts der internationalen Gäste zu peinlich gewesen.

Das Ganze soll nach verschiedenen Schätzungen 100 000 bis 250 000 Euro kosten. Die Stadt selbst spricht von "definitiv fünfstelligen Kosten" – zuzüglich übrigens zu etwa 800 000 Euro, die Baden-Baden ohnehin schon für das G20-Treffen berappen muss. Denn obwohl von Seiten der Stadt anfangs vollmundig erklärt wurde, der Bund zahle alles, waren es am Ende nur zwei Drittel. Für OB Margret Mergen ist all das "keine große Sache". Dem SWR erläutert sie die Maßnahmen in einer Seelenruhe, als nutze sie den Füllsand schon jetzt als Zen-Garten. Und spricht bei jeder Gelegenheit davon, dass das G20-Treffen "Baden-Baden wieder in der ganzen Welt bekannt machen" werde.

Baden-Baden 21?

Das befürchten auch viele Bürger der Kurstadt und reiben sich die Augen. Von einer "Posse" oder einem "Schildbürgerstreich" ist allenthalben die Rede. Und zu allem Überfluss ist es nun auch nicht so, dass davor auf der Baustelle alles in Butter, im Loch alles im Lot gewesen wäre. Das Wort von "Baden-Baden 21" macht schon die Runde, denn es gibt einigen Ärger um Verzögerungen und gestiegene Kosten. Letztere sollen von ursprünglich geplanten 4,8 Millionen schon auf rund 6,8 Millionen Euro gestiegen sein.

Moment, sagt da der baustellen- und possenerprobte Stuttgarter, diese Zahlen kommen mir doch irgendwie bekannt vor. Multipliziert man sie mit Tausend, dann hat man fast exakt die Beträge, wie viel zum einen Stuttgart 21 bis Ende 2012 laut Info der Bahn maximal kosten sollte, zum anderen, wie viel seitdem offiziell als Ende der Fahnenstange kommuniziert wird. Und wenn man schon so schön am Rechnen ist und die Baden-Badener Verfüllungs- und Wieder-Aufgrabekosten auch um 1000 multipliziert, wären das ... 100 bis 250 Millionen Euro, die die sofortige Schließung des großen Stuttgarter Lochs kosten würde. Oder noch weniger, da man es ja nicht unbedingt wieder öffnen müsste. In jedem Fall käme man viel billiger weg, als wenn man die unterdimensionierte Tunnelhaltestelle fertig bauen würde.

Vielleicht sollte sich einfach Stuttgart mal um ein G20-Treffen bewerben? Am besten im Hotel Graf Zeppelin oder im Le Méridien?

Nichts zu danken.


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7 Kommentare verfügbar

  • Kurt Hochstuhl
    am 16.03.2017
    Antworten
    Über "Merkwürdigkeiten" beim "Öffnen und Füllen großer Löcher" (Verfüllung der Baustelle am Leopoldsplatz in Baden-Baden anlässlich des G-20-Finanzministerinnentreffens) berichtet Oliver Stenzel in durchaus amüsanter Weise. In der Tat ist es ein "Schildbürgerstreich", den die kurstädtische…
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