Ausgabe 313
Kolumne

Schmähgesänge

Von Peter Grohmann
Datum: 29.03.2017

"Sieg oder Massenschlägerei" – das ist ein beliebter Schmähgesang auf den unteren Rängen in den Stadien: eine ganz klare Ansage, bei der große oder kleine Koalitionen nicht mithalten können. "First we take Saarbrücken"? Hat nicht geklappt. Die unteren und die oberen Ränge lieben Annegret Kramp-Karrenbauer – quer durch alle politischen Farben. Mist. Mit den Arbeitslosen allein, die zu 30 Prozent dunkelrot wählten, ist ja auch kaum Staat zu machen. Aber sogar wenn selbst die Gebildeten im Saarland Annegret besser finden als Oskar oder Martin, bleibt "then we take Berlin" natürlich eine Option. Wie bei den Schmähgesängen braucht es klare Fronten. "Hoch die internationale Solidarität!" ist eben einfach zu wenig.

In den letzten Tagen gingen, von den Leitmedien wenig beachtet, Türken und Kurden gemeinsam auf die Gass'. Viele waren es nicht (aber das bleibt unter uns!). Wie in Saarbrücken waren die Hochrechnungen der Nein-Gemeinde utopisch und lassen ahnen: Erstes kommt es anders, zweitens als man denkt. Mit der Solidarität der biodeutschen Genossen war's nicht weit her, und so blieben die Trommeln fürs Hayır, fürs Nein beim Referendum eher leise. Öffentlich sichtbar waren am letzten Wochenende in Stuttgart vor allem die Kohorten der Polizei – Äffle und Pferdle, Tränengas und Knüppel als Drohkulisse: Haltet Euch fern von den Rettern der Demokratie, war die Botschaft.

Die Neffen des Sultans, Freiwillige aus Konsulaten, der AKP und dem türkischen Verfassungsschutz, waren umso eifriger, Kopf und Kragen der Demo-Teilnehmer im Bild festzuhalten: Das wird man alles noch brauchen können. Mit von der unangenehmen Partie natürlich auch die Polizei: Sie seien beauftragt, die Hassgesänge zu dokumentieren, sagten die Videofilmer. "Erdogan – Terrorist" und "Bei jeder Schweinerei ist die BRD dabei" waren die schärfsten aller Lieder – da hätte selbst meine Omi Glimbzsch aus Zittau mitgesungen, von mir ganz zu schweigen.

"Wir ziehen los, mit Messern und mit Ketten! – Wir machen aus den Haien Fischkroketten" oder "Lasst uns schlachten einen Sachsen – weil die Viecher so schnell wachsen" oder "Wen wollen wir lynchen? Bayern München!" gehören übrigens zu den beliebtesten Schmähgesängen bei großen Sportereignissen. Die sind aber so wenig ernst gemeint wie die internationale Solidarität.

 

Peter Grohmann ist Kabarettist und Initiator des Bürgerprojekts Die AnStifter.


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2 Kommentare verfügbar

  • Rolf Steiner
    am 31.03.2017
    Der nachfolgend zitierte "Schmähgesang" auf die "Lügen"-Medien wird gerade unter dem Namen "Prinz Eugen" in rechtsradikalen Blogs verbreitet: "Während unser Land von einer Epidemie der Gewalt, sexueller Gewalt, des Terrors und von Morden heimgesucht wird, während Hunderttausende Illegaler für legal, halb legal, doch im Grunde für scheißegal erklärt werden und das Recht brechen dürfen, während Axt-Irre und Messer-Bestien uns nach dem Leben trachten, bemühen sich die Propagandaschreiberlinge darum, das alles unter den Tisch zu kehren."

    Auf keinen Fall darf so ein von primitivsten Nazi-Schreiberlingen ausgebrüteter Hirnlos-Stuss unter den Tisch gekehrt werden. Deren Gemein- und Dummheiten müssen immer wieder angeprangert werden. Bleiben Sie also bitte am Ball.
  • Peter Meisel
    am 29.03.2017
    Schmähgesänge funktionieren doch nur, wenn sie vorher gedichtet wurden. Wo ist der Text des Referendum, das es zu schmähen gilt?
    "Mit der Solidarität der biodeutschen Genossen war's nicht weit her, und so blieben die Trommeln fürs Hayır, fürs Nein beim Referendum eher leise. Öffentlich sichtbar waren am letzten Wochenende in Stuttgart vor allem die Kohorten der Polizei – Äffle und Pferdle, Tränengas und Knüppel als Drohkulisse."
    Mir ist aufgefallen, dass es neben Äffle und Pferdle auch noch Goise gibt.
    Sind die Schwaben so sprachlos bei Kritik auch wenn sie nicht wissen worum es geht - woischt?
    Ich habe verstanden, es geht in der Türkei darum die Reuplik (res publica) des Kemal Attatürk durch ein Sultanat zu ersetzen?
    Allein, weil wir uns einmischen ohne den Text zu kennen und ohne, dass wir dazu legitimiert sind, nehmen uns die Türken mit Recht übel. Sie haben eine ausgeprägt starke emotionale Intelligenz, die uns offensichtlich fehlt? Wir kompensieren Nichtwissen durch Lautstärke?
    Eine tolle Türkin, Elif Shafak hat die "Power of Emotions" beschrieben in diesem Video beschrieben:
    https://www.youtube.com/watch?v=RsnWSM_37ZM
    Ich finde es toll, wie Peter Grohmann's Donnerwetter uns einen klaren Blick ermöglicht. Danke

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