Ausgabe 310
Kolumne

Rübe runter!

Von Peter Grohmann
Datum: 08.03.2017

Der Türke an sich gilt als sauber, menschlich und ist zudem als angenehmer Gastgeber beliebt. Er ist belesen, fleißig und kinderfreundlich, heimatlieb, humorvoll und häufig weltoffen – nehmen wir als positives Beispiel nur Deniz Yücel. All diese Attribute kann man dem Deutschen an sich auch zuschreiben – ich nenne nur Deniz Yücel.

Türken und Deutsche haben aber noch mehr Gemeinsamkeiten. Fast jeder dritte Deutsche wünscht sich einen starken Führer – in der Türkei ist es jeder zweite, und rund ein Viertel der Deutschen würde gern ein Zuwanderungsverbot für Muslime festschreiben. Auch jeder dritte Türke will keine christlichen Nachbarn haben, nicht einmal atheistische oder jüdische. Letzteres deckt sich mit den Erkenntnissen über die Wünsche von uns Deutschen.

Und auch zum Stichwort Armenien gibt's viel Gemeinsames. Bis zu 1,5 Millionen Armenier, christliche Untertanen des muslimischen Reiches, verhungerten und verdursteten auf grauenhaften Deportationsmärschen in unwirtliche Gegenden im Osten Kleinasiens oder wurden gleich erhängt, geköpft, erschossen. Deutsche Offiziere haben die osmanischen Offiziere ausgebildet, waren an den wichtigsten Stellen im osmanischen Generalstab. "Unser einziges Ziel ist, die Türkei ... an unserer Seite zu halten, gleichgültig ob darüber Armenier zu Grunde gehen oder nicht. Wir werden die Türken noch sehr brauchen", prophezeite der Liberale Theobald von Bethmann Hollweg schon im Sommer 1915.

Es ist nicht allzu lange her, dass die deutschen Massen auf die Frage "Wollt ihr den totalen Krieg?" bei vollem Verstand und begeistert "Ja!" riefen, dass sie sich mit Gott für Führer, Volk und Vaterland aufmachten, die Welt zu erobern, gestärkt durch freie Wahlen, den Segen der Kirche und die Unterstützung der Industrie. Wer die Demontage der Demokratie in der Türkei beklagt, muss die Demokratie im eigenen Lande nicht nur schützen, sondern stärken.

Momentan macht das Video von der Enthauptung einer deutschen Geisel die Runde – und eine wohlmeinende Journalistin schrieb mir: "Wenn die Inhaftierung eines türkischen Hetzers mehr Empörung hervorruft, als die Enthauptung eines Landsmannes, dann bist du in Deutschland."

In Deutschland, wo die Kollegen bei einer Solidaritätskundgebung für Deniz im Dienst blieben, statt für ein Stündle auf die Straße zu gehen – für's freie Wort. Wenn der rechte Mob im Netz "Rübe runter!" fordert, brauchen auch die Medienleute mehr Arsch in der Hose.


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