Widerstand von unten
Scheitern bei der Landtagswahl am 6. September Grüne oder BSW, FDP oder SPD an der Fünf-Prozent-Hürde, profitieren die größeren Parteien, allen voran die AfD als stärkste Kraft. Die "Alternative" könnte dann mit etwas über 40 Prozent der Stimmen mit einer absoluten Mehrheit in den Landtag von Magdeburg einziehen. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Insa liegt die Partei aktuell bei 42, in einer Umfrage des Instituts Pollytix bei 43 Prozent. Und damit exakt bei den 43 Prozent, mit denen die CDU ab 2004 in Thüringen allein regieren konnte. Oder bei den 43,5 Prozent, mit denen die SPD im Saarland derzeit eine Alleinregierung bildet. Doch selbst wenn es die Blauen knapp nicht schaffen sollten, sie würden eine wahrscheinlich CDU-geführte Minderheitsregierung so vor sich hertreiben, dass ihnen der Einzug ins Kabinett bei den nächsten Wahlen gelingen könnte.
Ob jetzt oder später, eine AfD-Alleinregierung würde versuchen, unter Migranten "die Spreu vom Weizen zu trennen" (Ulrich Siegmund 2024 und 2026) und mit einer freiwilligen "Bürgerwacht" das staatliche Gewaltmonopol zu unterlaufen. Sie würde die Bildung und die Kulturförderung nach ideologischen Kriterien umbauen ("neue, patriotische Kulturpolitik") und die Verwaltungsspitze des Landes mit Parteianhängern besetzen. Nach den Vorbildern Ungarn unter Viktor Orbán oder Polen unter Jarosław Kaczyński. Die Möglichkeit des Scheiterns wegen Inkompetenz inbegriffen. Oder wegen massiven und nachhaltigen Widerstands von unten. Schon gibt es Aufrufe – zum Beispiel von dem Soziologen Oliver Nachtwey –, vor Ort lokale Komitees aufzubauen, in denen man sich gegenseitig unterstützt: Migranten, die unter Druck kommen, queere Personen, Beschäftigte in Frauenhäusern, Gewerkschafter:innen, Lehrer:innen, Journalist:innen und viele mehr.
Taktisch wählen
Für die Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern kursieren – verständlicherweise – seit Wochen Aufrufe, taktisch oder strategisch zu wählen. So schlagt das Portal taktisch-waehlen.de vor, die Zweitstimme der SPD oder den Grünen zu geben. CDU-Anhänger sollen grün wählen, Linke die SPD? Und dies, auch wenn man an der Politik der Grünen oder der Sozis gegebenenfalls seit Jahren verzweifelt ist, darin sogar eine der Ursachen für den Aufstieg der AfD sieht.
Ähnlich wie taktisch-waehlen.de arbeitet die erfolgreiche Kampagnen-Organisation Campact. Mit Plakaten, Anzeigen, 700.000 Postwurfsendungen oder digitaler Werbung wirbt sie für strategisches Wählen. Zumindest in Sachsen gelang das 2024 schon einmal. Die Grünen zogen mit 5,1 Prozent knapp in den Landtag ein, die Linke über die Grundmandatsklausel – eine Sonderregel, die in Sachsen greift, wenn eine Partei zwar unter der Fünfprozenthürde liegt, aber mindestens zwei Direktmandate gewinnt. In Brandenburg und Thüringen sind die Grünen 2024 dagegen aus dem Parlament geflogen.
Doch derartige Aufrufe können schiefgehen, vor allem dann, wenn es sich die Wähler:innen im letzten Augenblick anders überlegen. Und wie sich die aktuell 13 Prozent Unentschiedenen entscheiden, weiß ohnehin niemand. Würden es Parteien wie die Grünen Dank diverser Kampagnen dennoch nur auf 4,99 Prozent bringen, könnte der Schuss nach hinten losgehen. Wie in einer Lotterie. Ein für eine Demokratie unwürdiges Spiel: Wählen, wen man nicht wählen mag. Wegen eines Wahlsystems, das dafür sorgen kann, dass eine Partei wie die AfD mit gut 40 Prozent der Stimmen allein regiert.
Landtagswahl als Lotterie
Das wissen Parteistrateg:innen seit vielen Jahren, das wissen Politolog:innen, Staatsrechtler:innen, Kolumnist:innen und die Anti-AfD-Initiativen. Doch warum hat sich bislang kaum jemand dafür interessiert, dieser Wahllotterie ein Ende zu setzen?
Stattdessen haben sich verständlicherweise besorgte Persönlichkeiten aus Kultur und Politik sowie verschiedene Initiativen für ein Verbot der AfD ins Zeug gelegt. Wohl wissend, dass die Wahlen nicht auf ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts warten. Wohl wissend, dass der Ausgang des Verfahrens offen ist. Aber eine Kampagne für ein demokratisches Wahlrecht, ein Wahlrecht, das Ergebnisse hervorbringt, das den Willen der Bürger:innen bestmöglich widerspiegelt? Fehlanzeige.
Nur einer hat kürzlich mahnend die Stimme erhoben, ohne allerdings die kommenden Landtagswahlen explizit zu benennen: Hans-Jürgen Papier, von 2002 bis 2010 Präsident des Bundesverfassungsgerichts. Bei den Europawahlen habe das höchste Gericht der Republik 2014 jede Sperrklausel als verfassungswidrig erklärt, als unvereinbar mit dem Grundsatz der Wahlrechtsgleichheit, argumentiert der Staatsrechtler in einem Interview mit dem Berliner "Tagesspiegel". Und mehr Parteien im Parlament bedeutete "mehr, nicht weniger Demokratie", betont Papier.
Gefahr der parteipolitischen Versteinerung
Mit der Fünf-Prozent-Hürde sei es "sehr schwer, eine Partei zu gründen, aufzubauen und zu erhalten. Das führt zur Gefahr der parteipolitischen Versteinerung." Deshalb plädiert Papier für eine Senkung der Hürde auf drei Prozent. Ein Vorschlag, den inzwischen auch Bundestagsvizepräsident Bodo Ramelow (Linke) unterstützt. Eine niedrigere Sperrklausel, darin sind sich Ramelow und Papier einig, hätte mehrere positive Effekte, sie "würde mehr Bürger im Parlament repräsentieren, den Bundestag diverser machen, das Vertrauen in die Demokratie stärken", so der frühere Verfassungsrichter.
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