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AKW-Dampf und Lenk-Skulptur

Die keusche Wolke

AKW-Dampf und Lenk-Skulptur: Die keusche Wolke
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Die kleine Gemeinde Dogern wird zum zweiten Mal Opfer der Schweizer Atomindustrie. Erst klaut sie dem deutschen Dorf die Sonne und jetzt kommt auch noch der Skandalbildhauer Peter Lenk.

Für alle, die Dogern nicht kennen, und das sind viele, sei darauf hingewiesen, dass das Dorf am Hochrhein bei Waldshut liegt, ganz im Süden Baden-Württembergs, und einmal für kurze Zeit berühmt geworden ist. Es war im September 1989, als der Bürgermeister beschlossen hatte, ein Recht auf Sonne einzuklagen. Sogar das "Time-Magazin" hat berichtet. Und das kam so: Genau gegenüber von Dogern, nur getrennt durch den Rhein, steht das Schweizer Atomkraftwerk Leibstadt. Unübersehbar ist sein 144 Meter hoher Kühlturm, der seine Dampffahnen Hunderte von Metern in den Himmel spuckt – und den 2.300 Einwohnern die Sonne klaut. Das macht er seit 1984.

Leider ist es damals nicht zu einem Prozess gekommen, womöglich auch dadurch bedingt, dass die Schweizer Seite eine Art Ablasszahlung, vor Ort "Schattengeld" genannt, in Aussicht stellte und bezahlte: 300.000 Franken einmalig. Immerhin hatte der Deutsche Wetterdienst in Offenbach gegutachtet, dass den Dogernern rund 100 Sonnenstunden im Jahr entgingen, was den Gärtnereien und dem Ruf des ziemlich idyllischen Gemeinwesens Schaden zufügen würde. In der alemannischen Heimatdichtung wird Dogern als Garten "am Rhy im Sunneschy" besungen.

Zugegeben, im Lichte des Klimawandels könnte sich die Thematik jetzt drehen – der Kühlwasserdampf kann einen gigantischen Schirm bilden –, aber selbst auf dem Tennisplatz sagen die Leute, am eigentlichen Problem der Atomkraft ändere sich nichts. Sie sagen das auch, weil sie neben Leibstadt nur ein paar Kilometer entfernt noch die Uralt-Meiler Beznau I (1969) und Beznau II (1971) vor der Nase haben, die immer mal wieder abgeschaltet werden müssen. Mal sind es angerostete Brennstäbe, mal defekte Stromleitungen, mal führt der Rhein wie derzeit zu wenig Wasser.

Wenigstens die Jodtabletten sind kostenlos

Was immer es ist, Umweltverbände wie der BUND ("Schrott-AKW") warnen regelmäßig davor, dass die Schweizer Reaktoren für Deutschland – für Baden-Württemberg sowieso – die "mit Abstand" gefährlichsten sind. Und die Eidgenossen versichern mit gleicher Regelmäßigkeit, dass ihre Nuklearanlagen sicher seien und verlängern ihre Laufzeiten. Außerdem bekommen die Anrainer Jodtabletten kostenlos.

So gingen die Jahre dahin, leise wogend in diesem so schönen wie schwarzen Landstrich. Bis Peter Lenk kam. Der 79-Jährige aus Bodman im Kreis Konstanz erscheint manchen als eine Art Gottseibeiuns unter den Bildhauern – wie etwa dem CDU-Politiker Thomas Strobl, aktuell Landtagspräsident, der seine Kunstwerke für "Sauereien" hält. Lenks neue Schöpfung heißt "Wolke über Dogern", ist acht Meter hoch und 3,5 Tonnen schwer und steht seit Anfang des Monats August mitten im Dorf auf der Pfarrwiese. Und wieder einmal wartet er mit Figuren auf, die ein hohes Erregungspotenzial haben. Diesmal aus dem Kosmos der Atomkraft. Wie Lenk das schafft, mental und muskelmäßig, fragt man besser nicht. Im Moment jedenfalls sieht er ziemlich abgeschafft aus.

Als Ionen-Teufelchen treten auf: Friedrich Merz ("lobt die Atomenergie überschwänglich", so Lenk), Jens Spahn ("befindet sich im Endlager"), Markus Söder ("fordert mit Mini-Verstand Mini-AKWs"), Alice Weidel ("wollt ihr den totalen Atomstrom?") und natürlich die habgierige internationale "Atom-Elite", die von Donald Trump und Elon Musk verkörpert wird. Im Parterre sitzen ihre Vorfahren in einer Höhle und dokumentieren, wie nahe die menschlichen Entwicklungsstufen beieinander liegen. Lenk wäre nicht Lenk, würde er vergessen darauf hinzuweisen, dass der Weg zurück ein kurzer sein kann und wir alsbald "strahlend" wieder einziehen müssen. In die Höhle. So wird Dogern jetzt zum zweiten Mal berühmt.

Dem Sponsor der ganzen Geschichte hat das gefallen, was einigermaßen überraschend ist. Hanspeter Ebner, Dogerner Kind, zehn Jahre Gemeinderat, nach eigener Einschätzung "CDU-orientiert", Chef einer mittelständischen Firma (Ebco), die Flugzeuge mit Esstischchen und Armlehnen ausstattet. Die Geschäfte laufen gut. Bei einer Anti-AKW-Demo war er nie dabei. Aber er habe als einer der ersten ein E-Auto auf dem Hof und Photovoltaik auf dem Dach gehabt, erzählt er, die Zukunft in den Erneuerbaren gesehen, ja, aber kein schlechtes Wort über die Atomkraft.

Die Freiheit des Künstlers war seiner Stiftung "Pro Dogern", wie zu hören ist, einen mittleren sechsstelligen Betrag wert. Bleibt davon ein Batzen hängen, sei’s dem Meister gegönnt, der wie ein Berserker schafft und nix auf der Kante hat. Und der Sponsor muss es aushalten, ökonomisch wie nervlich. Tut er das, hat er Grund, mit sich zufrieden zu sein. Ebner jedenfalls ist unüberhörbar stolz auf seinen Coup. Mit der Wolke habe er den Lenk gepackt, sagt er, woraus zu schließen ist, dass ihm ernst ist mit der Botschaft: "Ich mag das Schwierige und den Provokateur." Und das alles diesmal ohne Nackedeis, die sonst gerne Lenks Skulpturen bevölkern.

Der "Südkurier" findet keine "obszönen" Szenen

Das ist auch dem "Südkurier" aufgefallen. Auf der Dogerner Stele fänden sich keine "obszönen" Szenen, die immer wieder von Frauen kritisiert worden seien, notiert die heimische Zeitung, und lässt ihr Wohlwollen durchscheinen. Womöglich könne es die "Gelassenheit des Alters" sein, spekuliert das Regionalblatt und wartet schon einen Tag nach der Enthüllung des "neuen Dogerner Wahrzeichens" mit einer halben Seite auf.

Der "Südkurier" hat längst kapiert, dass der Lenk-Tourismus am Bodensee Gold wert ist und sich die Busladungen vor der Konstanzer "Imperia", der bekanntesten Figur des Bildhauers, nicht irren können. Intern heißt es, für eine Lenk-Geschichte räume der Chefredakteur sofort so viel Platz wie möglich frei. Der Künstler selbst zuckt mit den Schultern und sagt, sie müssten sich nicht sorgen, der Voyeurismus ihrer Klientel sei ein immerwährender. Für die Selfie-Touristen am Florentiner Neptun-Brunnen könnten die Pimmel der Wasserspeier "gar nicht lang genug" sein. Wenn nötig, komme er darauf zurück.

Einer, dem die neue Aufmerksamkeit noch etwas unheimlich erscheint, ist Fabian Prause, der Bürgermeister von Dogern. Seinen Besucher holt er an der Bushaltestelle Linde ab, Schienenersatzverkehr, die Bahnstrecke ist zwischen Erzingen und Rheinfelden gesperrt. Es hat 36 Grad, und der 37-Jährige erzählt, dass er einmal einen Fernsehauftritt hatte, drei Minuten lang, bei der SWR-Landesschau 2024, als das AKW Leibstadt 40 Jahre alt wurde. Womöglich hat er damals mehr geschwitzt. Der brave Mann versichert, nichts Kritisches gesagt zu haben. Auch heute spricht er nur gut über die Nachbarn. Aus ihrem Schattenentschädigungsfonds kann er jährlich bis zu 20.000 Euro für soziale Zwecke abrufen. Und jetzt hat er den Lenk mitten im Dorf. Wie geht es Ihnen, Herr Prause?

Er habe Sorgen gehabt, ganz ehrlich, seufzt der Schultes, der nicht den Eindruck macht, dass ihm das häufig passiert. Es sei schön in Dogern, eine "tolle Dorfgemeinschaft", auf der Straße winken ihm die Leute zu, im Gemeinderat gebe es nur eine Liste, eine "Super-Truppe", über Abschaltungen informiere ihn Leibstadt sofort. Was aber wäre geworden, wenn ihn der Bildhauer, der ja bekannt sei für seine Tabubrüche, mit herabgelassenen Hosen und nacktem Hintern verewigt hätte? Das habe der "Herr Lenk" Gott sei Dank nicht gemacht, und heute stehe sie da, eine "einzigartige Skulptur".

Fabian Prause ist beruhigt, er ist begeistert. Eine Kirchenmusikerin eilt herbei und schlägt vor, rund um die Skulptur eine Kulturnacht aufzuziehen. Es müssen ja nicht immer "Kohlhiesels Töchter" sein. Warum nicht hier auf der Pfarrwiese über Atomkraft diskutieren, in direkter Sichtachse zur Dogerner Wolke? Der Schultes denkt schon an Führungen, ein Kiosk mit kalten Getränken wäre auch nicht schlecht. Noch steht das Marketing am Anfang.

Das nächste Projekt – zusammen mit Özdemir?

Und – was Wunder? – der Protest auch. Normalerweise ist die Aufregung schon vor der Sichtbarmachung des Objekts groß. Man erinnert sich an das S-21-Denkmal in Stuttgart mit Winfried Kretschmann als nacktem schwäbischem Laokoon, der mit einem ICE statt Schlangen ringt, und dessen schändliche Rückkehr an den Bodensee.

In Dogern hat sich bisher nur die ehemalige Vorsitzende des Jazz-Tanzclubs gemeldet. In ihrem Leserbrief kritisiert sie "mit Entsetzen", wie "über Köpfe hinweg" entschieden worden sei. Die Meinung der Bürgerschaft habe offenbar keine Rolle gespielt, schreibt Ruth Schlageter, und spricht von vielen, die das genauso sähen. Bürgermeister Prause munkelt von einer Unterschriftenliste, die im Dorf kursiere, was die Sache nicht leichter macht. Er muss erklären, warum er selbst seinen Gemeinderat erst kurz vor knapp unterrichtet hat, und dann bekennen, dass es der "Herr Lenk" so wollte. Der Spötter wird dann antworten, dass er die Forderung nach bürgerlicher Mitbestimmung in der Kunst nachvollziehen könne – "leider, leider nicht bei meiner".

Da freut man sich doch schon aufs nächste Projekt. Es könnte ein ganz besonderes werden, wenn sich die Herren Lenk und Cem Özdemir einig werden sollten. Bei einem sommerlichen Besuch im Bodmaner Skulpturengarten, im Schatten des dort asylierten Kretschmann-Laokoons, zeigten der amtierende Ministerpräsident und seine Gattin Flavia großen Spaß an des Gastgebers Lust, seine Werke heimlich aufzustellen. Özdemir könnte sich ein solches auch an seinem Dienstsitz in der Villa Reitzenstein, im Garten des Gehörtwerdens, vorstellen. Die Aussichten sind nicht schlecht. Mit ihm, versichert Lenk, könne er sich sogar in Stuttgart Satire vorstellen. Bei Kretschmann habe das bekanntlich nicht geklappt.

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