Als der Bayerische Journalistenverband (BJV) im Juli eine anonyme Mitgliederbefragung zu KI startete, ging es dem Vorstand vor allem darum zu erfahren, wie der BJV den zunehmenden Einsatz von KI begleiten soll. Aber auch um Fehlentwicklungen. Eine der Fragen: Wird KI von Verlagen benutzt, um Personal einzusparen? Die Angst, dass Verlage Journalist:innen durch KI ersetzen könnten, befeuert ausgerechnet der sogenannte Job-Futuromat der Bundesagentur für Arbeit (BfA). Das Angebot soll eigentlich Orientierung am Arbeitsmarkt und damit eine gewisse Sicherheit bieten und bewertet dafür, wie sehr sich verschiedene Berufe angeblich automatisieren lassen. Doch Fachleute halten einige Einschätzungen für fehlerhaft und unsinnig. An diesem Punkt beginnt eine grundsätzliche Debatte: Was passiert, wenn die Zerlegung eines Berufs in einzelne Tätigkeiten zwar messbar macht, was technisch automatisierbar ist, dabei aber das Wesentliche eines Berufs aus dem Blick gerät?
Der Job-Futuromat wurde im Rahmen der ARD-Themenwoche "Zukunft der Arbeit" 2016 entwickelt. Das Konzept stammt von einem Datenjournalisten aus Hamburg, BfA und ihr Institut lieferten Daten und standen nach eigenen Worten "bei der fachlichen Umsetzung beratend zur Seite". Der Futuromat unterteilt Berufe in sogenannte Kerntätigkeiten und erklärt: "Kerntätigkeiten sind Tätigkeiten, die das Berufsbild prägen. Sie beschreiben die für einen Beruf unerlässlichen Fertigkeiten und Kenntnisse. Welche Tätigkeiten das sind, haben Fachleute für Berufskunde im Auftrag der Bundesagentur für Arbeit auf Basis von Ausbildungsordnungen und Stellenausschreibungen herausgearbeitet." Automatisierbare Tätigkeiten würden an Bedeutung verlieren und möglicherweise keine Rolle mehr spielen. Betroffene wüssten also, mit welchen Themen sie sich beschäftigen sollten, um für den Beruf fit zu sein.
Wie sieht es im Journalismus aus? Recherche und Informationsbeschaffung seien zu 100 Prozent, der Beruf des Journalisten daher zu 40 Prozent automatisierbar, lautet der Befund. Denn zwei der fünf Kerntätigkeiten "könnten vollständig von Maschinen ausgeführt werden", so der Futuromat. Übrig bleiben die angeblichen Kerntätigkeiten Lektorat, Redaktion sowie Journalistik und Publizistik. Das ist eine fragwürdige Einteilung, denn Lektorat ist eine Tätigkeit in Verlagen, Journalistik sowie Publizistik wiederum sind die Wissenschaften des Journalismus und des Veröffentlichens.
Thema verfehlt
Die eigentlichen Kerntätigkeiten – Themen finden, Interviews führen, Quellen prüfen und einordnen, Informationen aufbereiten und darstellen – sind gar nicht erwähnt. Auf Nachfrage betont Britta Matthes, die verantwortliche Arbeitsforscherin, diese Tätigkeiten seien der Publizistik zugeordnet. Wieso kann oder mag sie nicht erklären. In einer ersten Antwort im März schrieb sie: "Wir behaupten nicht, dass der Journalismus zu 100 Prozent automatisierbar ist. Wir gehen aber davon aus, dass Informationsbeschaffung und Recherche automatisierbar ist." KI-Tools seien in der Lage, große Textmengen schnell zu durchsuchen, Inhalte zu strukturieren und zusammenzufassen und Berichte in einem wählbaren Stil zu verfassen. "Ja, diese Tools machen Fehler; aber auch bei der manuellen Recherche werden Fehler gemacht." Trotz mehrfacher Nachfrage erklärte sie den angeblichen Unterschied zwischen Recherche und Informationsbeschaffung nicht.




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