KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

DHBW in Stuttgart

Um den Verstand genormt

DHBW in Stuttgart: Um den Verstand genormt
|

Datum:

Mit einem juristisch unzureichenden Geländer hat die Duale Hochschule in Stuttgart gegen die deutsche Treppennorm verstoßen. Um das Regelwerk einzuhalten, war eine bauliche Ergänzung nötig. Wer das Resultat sieht, rätselt: Warum nur?

Damit die Republik nicht im Chaos versinkt, kümmert sich das Deutsche Institut für Normung (DIN) nicht nur um Papiergrößen und zulässige Maßabweichungen für warmgewalzten Vierkantstahl. Ein eigener Normenausschuss widmet sich exklusiv dem Bauwesen, und die Arbeitsgruppe NA 005-09-86 AA hat sich intensiv mit der Frage befasst, welche Mindestansprüche an eine deutsche Treppe zu stellen sind. Das Ergebnis ist die staatliche DIN 18065, ein Regelwerk, das 21.571 Zeichen und über 2.900 Wörter umfasst – wobei die Vorschriften zwar werkstoffunabhängig für alle beliebigen Materialien gelten, aber einschiebbare Treppen, Rolltreppen, Fahrtreppen sowie Freitreppen im Gelände explizit ausgenommen sind, weil für sie noch einmal andere Regeln gelten.

Die DIN 18065 formuliert einheitliche Standards für die Anforderungen an den Gehbereich und zulässige Trittstufenhöhen, die "Messregeln für den Auftritt an der schmalsten Stelle bei gewendelten Tragbolzentreppen" haben ein eigenes Unterkapitel bekommen, auch an zulässige Lichtraumprofile innerhalb von Wohnungen, die durch einen Treppenverlauf nicht in ewiger Finsternis versinken dürfen, ist gedacht – wie eben an alles gedacht ist, könnte man meinen, keine Eventualität scheint in diesem facettenreichen Regelwerk unbeachtet. Und dennoch kann das fein getunte Gefüge aus den Fugen geraten, sobald eine Umsetzung ansteht. Die verbindlichen Regeln zur Murksvermeidung werden selbst zur Murksursache.

Ein anschauliches Fallbeispiel stellt eine bauliche Ergänzung in der Stuttgarter Lerchenstraße dar. An einer Treppe im Gebäude der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) waren Korrekturen nötig. "Um die Anforderungen an Flucht- und Rettungswege zu erfüllen", habe die DHBW eine Veränderung vornehmen müssen, teilt eine Sprecherin gegenüber der Redaktion mit: "Wir können nachvollziehen, dass die nachträglich eingebaute Geländerkonstruktion auf den ersten Blick ungewöhnlich wirkt."

Auch auf den zweiten und dritten Blick tritt kein Gewöhnungseffekt ein. Im Foyer sind zwei Geschosse durch eine tortenstückförmig zulaufende Trichtertreppe mit blauen Stufen verbunden, die an der Seite zu einer Wand hin abschließt, während auf der anderen ein schwarzes Geländer ungeplante Abstürze verhütet. Wer aber die DIN 18065 beflissentlich studiert hat, wird an dieser Stelle stutzend innehalten. Ganz recht, wenn so eine Treppe nur an einer Seite ein Geländer hat, verletzt das die Pflicht zum "beidseitigen Handlauf".

Das Resultat dieser Intervention im Namen der Norm sind zwei rote, parallel zueinander verlaufende Ergänzungsgeländer auf der Ursprungstreppe, die den Zugang zu einem Großteil der ursprünglich nutzbaren Trittstufentretfläche erheblich einschränken. Das mag unter Gesichtspunkten der Ästhetik Irritationen verursachen, aber zumindest die Lehre scheint dadurch nicht beeinträchtigt. Zumindest betont die Pressestelle der DHBW, ohne dass die Redaktion danach gefragt hätte: "Für den Hochschulbetrieb ergeben sich durch das Geländer keinerlei Einschränkungen." Das ist einerseits eine recht niedrige Messlatte. Andererseits wäre ein Geländer, das ein Gebäude komplett unbenutzbar macht, wahrscheinlich nicht mal der größte Baupfusch in Stuttgart.

Ergänzungstreppen für die Stäffele-Stadt

Kurioserweise gibt es in der Stäffele-Stadt sogar einen zweiten Anwärter auf die sonderbarste Treppenergänzung, die wegen Anforderungen an Flucht- und Rettungswege das ursprüngliche Erscheinungsbild eines öffentlichen Gebäudes verunstaltet. So stellt die große Anzahl von Treppen und Stufen im Innenbereich des "Treffpunkt Rotebühlplatz" ein markantes Gestaltungsmerkmal dar – dennoch mussten hier 2019, fast 30 Jahre nach der Eröffnung, drei weitere Behelfstreppen von außen ergänzt werden (diese als Provisorium geplante Übergangslösung steht zum Redaktionsschluss noch immer). Hier war der Grund, dass der vorhandene Rettungsweg durch das Foyer insbesondere für größere Veranstaltungen im Obergeschoss nicht mehr zeitgemäß war.

Aber warum ist es bei der DHBW gelaufen, wie es gelaufen ist? Und wie viel hat das Ergänzungsgeländer gekostet? "Da die Planung, Bauausführung und Finanzierung des Gebäudes nicht im Zuständigkeitsbereich der DHBW Stuttgart liegen", teilt die Pressestelle mit, "können wir zu den Kosten der nachträglichen baulichen Anpassung keine Auskunft geben." Für entsprechende Informationen müsse man sich an das zuständige Amt für Vermögen und Bau Baden-Württemberg in Schwäbisch Gmünd wenden. Das Amt wiederum hat ein noch zuständigeres Unteramt, das Universitätsbauamt Stuttgart und Hohenheim. Dort aber lautet die Auskunft am Telefon: "Ich weiß nicht, ob sie hier an der richtigen Adresse sind." Die Frau am anderen Ende der Leitung erinnert sich noch, dass es einen Projektleiter bei ihnen gab, der mit der Bauplanung an der DHBW Stuttgart zu tun hatte. Der sei aber versetzt worden und jetzt bei einem Stuttgarter Amt. Hier versandet die Spur – wo sich ein bürokratisches Eigenleben verselbstständigt hat, ist der Schlamassel kaum noch zu entwirren.

Der blinde Normengehorsam führt indessen zu Befehlsempfängertreppen mit beidseitigem Handlauf für den autoritären Charakter. Friedrich Mielke, der 2018 verstorbene Begründer der Treppenforschung, warnte stets davor, das eigenständige Denken und die Beobachtung seiner Umgebung aufzugeben. Wenn er "DIN 18065" nur höre, verziehe er angewidert das Gesicht, schrieb die "Frankfurter Rundschau" in einem Porträt. Denn Mielke urteilt: "Die deutsche Treppennorm ist für die Industrie gemacht, nicht für den Menschen, der die Treppe besteigt."

In mehr als 50 Jahren Forschung hat Mielke über 10.000 Treppen untersucht und analysiert. Sein überraschendes Fazit: "Eine unregelmäßige Treppe ist sicherer als eine regelmäßige." Das Gleichmaß normierter Stufenhöhen verführe zu gefährlicher Unachtsamkeit – bis jemand auf eine leere Kippenschachtel oder Bananenschale tritt und ausrutscht. Daneben führt ein allzu rigoroses Regelwerk zu ästhetischem Einheitsbrei, weil das Charakteristische Eigenart erfordert. Immer mehr Städte verlören ihr Treppengesicht, monierte Mielke, und "wirklich begeisterungsfähige Treppen" würden kaum noch gebaut. Der Trend tendiert derzeit zum Gegenteil: Diese bizarre Ergänzungsgeläderkonstruktion in der DHBW Stuttgart ist wirklich entgeisterungsfähig.

Wir brauchen Sie!

Kontext steht seit 2011 für kritischen und vor allem unabhängigen Journalismus – damit sind wir eines der ältesten werbefreien und gemeinnützigen Non-Profit-Medien in Deutschland. Unsere Redaktion lebt maßgeblich von Spenden und freiwilliger finanzieller Unterstützung unserer Community. Wir wollen keine Paywall oder sonst ein Modell der bezahlten Mitgliedschaft, stattdessen gibt es jeden Mittwoch eine neue Ausgabe unserer Zeitung frei im Netz zu lesen. Weil wir unabhängigen Journalismus für ein wichtiges demokratisches Gut halten, das allen Menschen gleichermaßen zugänglich sein sollte – auch denen, die nur wenig Geld zur Verfügung haben. Eine solidarische Finanzierung unserer Arbeit ermöglichen derzeit 2.500 Spender:innen, die uns regelmäßig unterstützen. Wir laden Sie herzlich ein, dazuzugehören! Schon mit 10 Euro im Monat sind Sie dabei. Gerne können Sie auch einmalig spenden.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


0 Kommentare verfügbar

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer Mittwoch morgens unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:






Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!