Eine Rüge wegen eines seiner Ansicht nach falsch gewählten Gerichtsstands lehnt die Kammer ab. Später zeigt die Kammer zwei OneCoin-Werbefilme. Im ersten Film wirbt OneCoin für die angebliche Bitcoin-Nachfolgewährung. Immer wieder kommt das Motiv "FOMO – fear of missing out" vor: die Sorge, die zweite große Krypto-Chance zu verschwitzen. Björn S. schaut interessiert zu. Als seine Ex-Gattin über die Leinwand flimmert, zeigt er keine besonderen Emotionen. Im zweiten Film erklärt ein Anton Federspiel aus Südtirol bei einem Seminar 2015 in Erfurt OneCoin und das lukrative Bonussystem in der Verkäufer-Pyramide. Er sei froh, früh eingestiegen zu sein, "sonst hätte ich einige Millionen weniger verdient".
Zum Schluss der Verhandlung gibt die Richterin einen rechtlichen Hinweis: Es könne sein, dass die Kammer nicht von einem besonders schweren Fall ausgehe. Dann läge der Strafrahmen zwischen Geldstrafe und fünf Jahren. Deutet sich da ein Deal an?
Am zweiten Verhandlungstag ist davon noch nichts zu erkennen. Die Kammer verhandelt in einem anderen Saal. Auch da ist die Akustik verheerend, was auch Verteidiger Lehners moniert. Die Vorsitzende Richterin Vieser hat die ersten Zeuginnen geladen: zwei Ermittlerinnen der "Soko Coin" beim Landeskriminalamt Düsseldorf.
Die Soko hatte im Auftrag der Staatsanwaltschaft Bielefeld das Geldwäschegeflecht durchleuchtet. Die erste Zeugin, die Soko-Leiterin, berichtet, Ausgangspunkt sei eine Geldwäscheverdachtsmeldung der Kreissparkasse Steinfurt gewesen. Der Sparkasse waren um den Jahreswechsel 2015/16 plötzliche Überweisungen in Millionenhöhe auf dem Konto der International Marketing Services (IMS) aufgefallen. "Das fand die Sparkasse verdächtig", sagt die Zeugin. Die Sparkasse kündigte das Konto, die IMS wechselte zur Commerzbank und landete schließlich bei der Deutschen Bank in Münster.
Zu kaufen gab es nur Ramsch
Bei einer Durchsuchung der IMS im August 2016 fand die Polizei einen Finanzdienstleistungsvertrag zwischen der IMS und OneCoin. "Die IMS sollte für OneCoin Gelder einsammeln und transferieren", erläutert die Zeugin. Eine erforderliche BaFin-Genehmigung fehlte.
Die Staatsanwaltschaft Bielefeld wollte die Geschäftsführer der IMS, Frank R. und Manon H. sowie den Münchner Rechtsanwalt Martin B., zur Verantwortung ziehen. Deshalb konzentrierte die Soko ihre Ermittlungen auf diese Firma und diese Personen. Das Landgericht Münster verurteilte nach jahrelangen Verhandlungen die drei Anfang 2024 zu mehrjährigen Haftstrafen. Bis heute hat der Bundesgerichtshof noch nicht über deren Revisionsanträge entschieden.
Schon 2016 meldeten sich erste Geschädigte bei der Soko, erinnert sich die Zeugin. Für die Käufer waren die wertlosen Bildungspakete – oft nur aus Wikipedia zusammengestoppelte Texte – unwichtig, es ging ihnen nur um die darin enthaltenen Token als Kapitalanlage. Um Legalität vorzutäuschen, wurde die Handelsplattform "Dealshaker" präsentiert. Hier konnte man angeblich mit OneCoin bezahlen. Doch zu kaufen gab es nur Ramsch, der irgendwo in Asien lagerte.
Malta. Derjenige, der diese Dealshaker-Plattform für OneCoin auf Vordermann bringen sollte, lebt heute auf der Maltesischen Insel Gozo: Duncan Arthur. Das "Galileo"-Team besucht auch ihn. Arthur bestätigt, der Dealshaker sei die "beschissenste Plattform, die je zusammengebastelt worden ist” gewesen. Er baute sie um, bewahrte aber die Codes in seinem Kopf auf. "Das war meine Lebensversicherung", sagt er im Interview in seiner Wohnung auf Gozo. Nach Ignatovas Untertauchen im Oktober 2017 reist Arthur mit Rujas Bruder und Nachfolger Konstantin durch die Welt – bis die beiden schließlich in Los Angeles im März 2019 dem FBI in die Falle tappen. Konstantin verbüßt fünf Jahre in New York. Arthur kommt frei, aber finanziell nie wieder richtig auf die Beine.
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