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Prozess gegen Kryptoqueen-Ehemann

"Der größte Idiot der Welt"

Prozess gegen Kryptoqueen-Ehemann: "Der größte Idiot der Welt"
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Die Krypto-Betrügerin Ruja Ignatova, aufgewachsen im baden-württembergischen Schramberg, hat Millionen gemacht mit der Fake-Währung OneCoin. Sie selbst ist seit Jahren in der Versenkung verschwunden. Nun steht ihr ehemaliger Ehemann in Darmstadt vor Gericht.

Darauf haben alle Beteiligten nun seit sechs Jahren gewartet. Um kurz nach halb zehn betritt die Vorsitzende Richterin Jasmin Vieser mit ihren beiden Beisitzern und den zwei Schöffen Saal 3 des Landgerichts Darmstadt. Wenige Minuten vorher war Björn S. mit seinen Pflichtverteidigern erschienen. Vor Kurzem hatte der gebürtige Stuttgarter seinen 50. Geburtstag gefeiert. Der Ex-Ehemann der Kryptoqueen muss sich gegen den Vorwurf der Geldwäsche verteidigen.

Was bisher geschah

Im Jahr 1990 landet Ruja Ignatova als Zehnjährige mit ihren Eltern und Bruder Konstantin aus Bulgarien kommend im Schwarzwaldstädtchen Schramberg. Die Hochbegabte macht Abitur, studiert in Konstanz und später in Oxfort Jura und Wirtschaft. Dort verliebt sie sich in ihren Kommilitonen Björn S. aus der Stuttgarter Gegend. Die beiden heiraten. Sie macht Karriere bei McKinsey in ihrem Heimatland Bulgarien, er arbeitet als Anwalt. Nach einem von ihr inszenierten kriminellen Bankrott einer Gießerei im Allgäu, die Ignatova gekauft hatte, steigt sie ins Kryptowährungsgeschäft ein. Mit dem Multilevel-Marketing-Spezialisten Karl Sebastian Greenwood zieht sie ab 2014 einen weltweiten Schwindel mit einer angeblichen Kryptowährung, dem OneCoin, auf. Sie verkaufen "Bildungspakete", in denen als Beigabe Token stecken, mit denen man später die OneCoins minen sollte. Da es keine Blockchain gibt, sind die angeblichen Kurssteigerungen fiktiv. Innerhalb der nächsten drei Jahre soll das OneCoin-Imperium etwa 15 Milliarden Euro den mehr als drei Millionen Anleger:innen weltweit aus der Tasche gezogen haben. Im Oktober 2017 verschwindet Ignatova von der Bildfläche und wird seither gesucht. Das FBI führt sie seit 2022 auf seiner Liste der zehn meistgesuchten Verbrecher:innen. Eine Belohnung von fünf Millionen Dollar brachte bis heute keinen Erfolg.  (mh)

Die Vorsitzende Richterin hat Probleme mit der Lautsprecheranlage, im durch eine Glasscheibe abgetrennten Zuhörerraum hat man es schwer, der Verhandlung zu folgen. Darum alle Angaben ohne Gewähr.

Bei der Abfrage der Personalien gibt S. an, er sei seit April 2026 erneut verheiratet. Was ist mit Ruja? Die beiden sind seit 2020 geschieden, klärt später Staatsanwalt Tobias Stewen auf. Björn S. ist Deutscher, Studium der Rechtswissenschaft und von Beruf Rechtsanwalt, geht die Vorsitzende die Daten durch. Sie fragt, ob der Wohnort die Zustelladresse sei. "Ja", antwortet S. leise.

Das Interesse der Medien ist erstaunlich schwach: die "Badischen Neuesten Nachrichten”, der "Hessische Rundfunk” und Kontext. Dabei ist dies erst der zweite Prozess in Deutschland, in dem die Kryptoqueen Ruja Ignatova und ihre Schwindel-Währung OneCoin eine entscheidende Rolle spielen. Ignatova, die im baden-württembergischen Schramberg aufwuchs, einen gigantischen Betrug mit einem Schneeballsystem aufzog, mutmaßlich etwa drei Millionen Menschen weltweit um die 15 Milliarden aus der Tasche gezogen und selbst eine ordentliche Portion davon mitgenommen haben dürfte. Seit vier Jahren steht sie auf der Liste des FBI mit den zehn meistgesuchten Verbrechern. Und ihr Ex sitzt auf der Anklagebank.

Die Anklage und der Gerichtsstand

Staatsanwalt Stewen wirft Björn S. zwei Taten vor: S. soll im Juli 2016 etwa 7,69 Millionen Euro von seiner Frau bekommen haben. Fast genau ein Jahr später soll sie ihm weitere 8,43 Millionen Euro für den Kauf einer Villa in Bad Homburg überwiesen haben. Weil das Geld mutmaßlich aus dem OneCoin-Betrug stammte, wäre das gewerbsmäßige Geldwäsche in einem besonders schweren Fall. Dafür drohen S. zwischen sechs Monaten und zehn Jahren Haft.

Björn S. trägt ein dunkelgraues Hemd, seine dunklen Haare hat er zu einem Pferdeschwanz gebunden. Wie schon in den OneCoin-Werbevideos an der Seite seiner glamourösen damaligen Gattin macht er auch im Gerichtssaal einen eher schüchternen Eindruck. Er spricht nur wenige Worte und die eher leise.

In der Anklageschrift beschreibt Stewen ausführlich, wie es zu den Überweisungen kam. Als das mit dem Geld für die Villa nicht klappte, soll sich Björn S. per Mail an Irina Dilkinska in Sofia gewandt habe. "Sie sollte das Geld schicken", so der Staatsanwalt. Dilkinska war Ignatovas rechte Hand und verbüßte in den USA bereits eine vierjährige Haftstrafe. Das Geld sei schließlich von einem "Phoenix Fonds" aus Dubai nach Frankfurt geflossen. Verwendungszweck: Die Villa in Bad Homburg."

Bad Homburg. Für eine Fernsehreportage über OneCoin besucht ein Team für "Galileo" genau diese Adresse. Das breite Gartentor steht offen. Ein Postbote kommt. Und liefert Amazon-Pakete aus. Eine Frau mit blondem Pferdeschwanz nimmt sie entgegen. Mit dem Fernsehteam will sie nicht sprechen. In einem nahegelegenen Wäldchen trifft das Team zwei Herren, die einen Spaziergang hinter sich haben. Ja, über die Bewohner der Villa wisse man hier schon Bescheid. "Die Silvie (Name geändert) ist immer da. Der Björn kommt öfter." Mit der Silvie ist Björn seit April wohl verheiratet. "Am Anfang hat er den Rasen mit einem Aufsitzmäher gemäht", erinnert sich einer der Spaziergänger. "Später war's ein Elektromäher und jetzt hat er so einen Handmäher." Wenn man sich dem Haus von der Rückseite nähert, sieht man, dass an manchen Stellen ganz ordentlich der Putz bröckelt. Die Millionen scheinen wie die Liebe verflossen zu sein. Zurück in den Gerichtssaal in Darmstadt.

Staatsanwalt Stewen berichtet über das verschachtelte OneCoin-Konstrukt mit Firmensitzen in Malta, Dubai und Belize und einer Vielzahl von Betrugsdelikten. "Der Angeklagte wusste von den Geschäften seiner Frau", ist Stewen überzeugt. Als er deren Millionen annahm, habe er "zumindest billigend in Kauf" genommen, dass das Geld aus dem OneCoin-Betrug stammte. Die Staatsanwaltschaft will deshalb auch erreichen, dass alle Gelder und die Villa eingezogen werden.

Bei der letzten Party feierte Björn S. mit

Björn S. Pflichtverteidiger Jakob Lehners kündigt zunächst eine Erklärung an: "Wer aufmerksam zugehört hat, hat gemerkt, dies ist kein OneCoin Prozess." S. sei nicht wegen Förderung oder Unterstützung von OneCoin angeklagt, stellt er klar. Anschließend kritisiert er die holprigen Ermittlungen und die lange Verfahrensdauer. Bereits im Dezember 2017 habe es eine Geldwäsche-Anzeige einer Frankfurter Bank gegeben, doch die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt stellte das Verfahren ein. Besonders attackiert Lehners die Kripo Offenbach: Die habe "schleppend und unzureichend ermittelt". Erst nach einem Dienststellenwechsel sei Ende 2021 ein Durchsuchungsbeschluss vollzogen worden. "Daraufhin verlor S. seine Anstellung bei Linklaters." Bei dieser internationalen Kanzlei in Frankfurt war S. als Anwalt angestellt.

Lehners fordert das Gericht auf, den Fall aus der Perspektive des Jahres 2016 zu betrachten. "Ja, er war mit Ruja Ignatova verheiratet, aber muss ein Ehemann das Geschäftsmodell seiner Ehefrau durchschauen?" Die Eheleute hätten in zwei Ländern gelebt, sie habe zwei Liebhaber gehabt, Sebastian Greenwood und Gilbert Armenta. Sie habe die Trennung gewollt. Eigenartig nur, dass Björn S. bei der letzten großen Party von Ignatova in Sozopol im Juli 2017 eifrig mitgefeiert hat.

Eine Rüge wegen eines seiner Ansicht nach falsch gewählten Gerichtsstands lehnt die Kammer ab. Später zeigt die Kammer zwei OneCoin-Werbefilme. Im ersten Film wirbt OneCoin für die angebliche Bitcoin-Nachfolgewährung. Immer wieder kommt das Motiv "FOMO – fear of missing out" vor: die Sorge, die zweite große Krypto-Chance zu verschwitzen. Björn S. schaut interessiert zu. Als seine Ex-Gattin über die Leinwand flimmert, zeigt er keine besonderen Emotionen. Im zweiten Film erklärt ein Anton Federspiel aus Südtirol bei einem Seminar 2015 in Erfurt OneCoin und das lukrative Bonussystem in der Verkäufer-Pyramide. Er sei froh, früh eingestiegen zu sein, "sonst hätte ich einige Millionen weniger verdient".

Zum Schluss der Verhandlung gibt die Richterin einen rechtlichen Hinweis: Es könne sein, dass die Kammer nicht von einem besonders schweren Fall ausgehe. Dann läge der Strafrahmen zwischen Geldstrafe und fünf Jahren. Deutet sich da ein Deal an?

Am zweiten Verhandlungstag ist davon noch nichts zu erkennen. Die Kammer verhandelt in einem anderen Saal. Auch da ist die Akustik verheerend, was auch Verteidiger Lehners moniert. Die Vorsitzende Richterin Vieser hat die ersten Zeuginnen geladen: zwei Ermittlerinnen der "Soko Coin" beim Landeskriminalamt Düsseldorf.

Die Soko hatte im Auftrag der Staatsanwaltschaft Bielefeld das Geldwäschegeflecht durchleuchtet. Die erste Zeugin, die Soko-Leiterin, berichtet, Ausgangspunkt sei eine Geldwäscheverdachtsmeldung der Kreissparkasse Steinfurt gewesen. Der Sparkasse waren um den Jahreswechsel 2015/16 plötzliche Überweisungen in Millionenhöhe auf dem Konto der International Marketing Services (IMS) aufgefallen. "Das fand die Sparkasse verdächtig", sagt die Zeugin. Die Sparkasse kündigte das Konto, die IMS wechselte zur Commerzbank und landete schließlich bei der Deutschen Bank in Münster.

Zu kaufen gab es nur Ramsch

Bei einer Durchsuchung der IMS im August 2016 fand die Polizei einen Finanzdienstleistungsvertrag zwischen der IMS und OneCoin. "Die IMS sollte für OneCoin Gelder einsammeln und transferieren", erläutert die Zeugin. Eine erforderliche BaFin-Genehmigung fehlte.

Die Staatsanwaltschaft Bielefeld wollte die Geschäftsführer der IMS, Frank R. und Manon H. sowie den Münchner Rechtsanwalt Martin B., zur Verantwortung ziehen. Deshalb konzentrierte die Soko ihre Ermittlungen auf diese Firma und diese Personen. Das Landgericht Münster verurteilte nach jahrelangen Verhandlungen die drei Anfang 2024 zu mehrjährigen Haftstrafen. Bis heute hat der Bundesgerichtshof noch nicht über deren Revisionsanträge entschieden.

Schon 2016 meldeten sich erste Geschädigte bei der Soko, erinnert sich die Zeugin. Für die Käufer waren die wertlosen Bildungspakete – oft nur aus Wikipedia zusammengestoppelte Texte – unwichtig, es ging ihnen nur um die darin enthaltenen Token als Kapitalanlage. Um Legalität vorzutäuschen, wurde die Handelsplattform "Dealshaker" präsentiert. Hier konnte man angeblich mit OneCoin bezahlen. Doch zu kaufen gab es nur Ramsch, der irgendwo in Asien lagerte.

Malta. Derjenige, der diese Dealshaker-Plattform für OneCoin auf Vordermann bringen sollte, lebt heute auf der Maltesischen Insel Gozo: Duncan Arthur. Das "Galileo"-Team besucht auch ihn. Arthur bestätigt, der Dealshaker sei die "beschissenste Plattform, die je zusammengebastelt worden ist” gewesen. Er baute sie um, bewahrte aber die Codes in seinem Kopf auf. "Das war meine Lebensversicherung", sagt er im Interview in seiner Wohnung auf Gozo. Nach Ignatovas Untertauchen im Oktober 2017 reist Arthur mit Rujas Bruder und Nachfolger Konstantin durch die Welt – bis die beiden schließlich in Los Angeles im März 2019 dem FBI in die Falle tappen. Konstantin verbüßt fünf Jahre in New York. Arthur kommt frei, aber finanziell nie wieder richtig auf die Beine.

Insgesamt flossen rund 320 Millionen Euro über die IMS-Konten. Etwa 75 Millionen Euro wurden auf Ignatovas Anweisung bei den Fenero-Funds in der Karibik eingezahlt, weitere 20 Millionen gingen an besagten Münchner Rechtsanwalt Martin B., um ein Luxuspenthouse für Ruja in London zu kaufen.

Die Überweisungen an den Angeklagten Björn S. flossen mutmaßlich über die Firma INNOIN in Hongkong, bei der Ruja Ignatova verfügungsberechtigt war.

Die Soko-Leiterin berichtet auch von einem Ehevertrag aus dem Jahr 2016. Es ging Ignatova wohl darum, die Zukunft des gemeinsamen, 2016 per Leihmutter geborenen Kindes abzusichern. Deshalb habe Ignatova die Millionen an Björn S. transferiert, später aber 270.000 Euro zurückgefordert. Von ihrem Ehegatten hielt sie offenbar wenig: "Mein Mann ist der größte Idiot der Welt", schrieb sie in einer Mail an ihren Anwalt Martin B.. Mit dem Ehevertrag soll S. damals zur Commerzbank marschiert sein, um den Geldeingang der ersten 7,69 Millionen Euro von der INNOIN zu erklären.

Verteidiger Lehners bohrt im Detail nach. Er verweist darauf, dass Behörden immer wieder Kontosperren aufhoben. Er möchte zeigen, dass sein Mandant 2016/17 nicht ahnen konnte, dass OneCoin ein Betrug war. Er will wissen, wie viel Ignatova vor OneCoin verdient habe – was die Soko laut Zeugin auf Wunsch der Staatsanwaltschaft wegen der Konzentration auf die IMS "nicht ermittelt" habe. Zum Schluss der dreistündigen Befragung sorgt Lehners für allgemeine Heiterkeit: "Wissen Sie, wo Ruja Ignatova ist?"

Nach der Mittagspause wartet Richterin Vieser mit einer Überraschung auf: "Die Ladungen für Konstantin Ignatov und Veska Ignatova kamen unterschrieben aus Bulgarien zurück." Der Ex-Schwager und die Ex-Schwiegermutter haben ihre Zeugenladungen für Dezember also erhalten. "Ob sie dann auch tatsächlich erscheinen, weiß ich nicht", sagt Vieser.

Die zweite Zeugin des Tages, eine 61-jährige Finanzfachfrau des LKA Düsseldorf, beschreibt das weltweite Hin und Her der Millionen über die British Virgin Islands, Dubai, Hongkong und Irland. Sie schildert Scheindarlehen ohne Sicherheiten, die OneCoin an bulgarische Firmen vergab. Ruja Ignatova habe das gesamte Geflecht über ihre Londoner Firma "RavenR” und eine "Risk Ltd UAE" kontrolliert. 

Obwohl die Kryptoqueen im Geld schwamm, war sie misstrauisch. Eine Mail an ihren Münchner Anwalt fiel den Fahndern in die Hände. Darin bat sie ihn, nach geeigneten Geldanlagen zu suchen, und schrieb, er müsse aber "sicher sein, dass wir nicht Betrügern aufsitzen". Ausgerechnet sie.


Die "Galileo"-Reportage ist auf Youtube zu finden.

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