KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

CDU Baden-Württemberg

Pingpong um die Oper

CDU Baden-Württemberg: Pingpong um die Oper
|

Datum:

Dass die Südwest-CDU nicht trittsicher ist im Umgang mit Großprojekten, zeigt ihre jahrzehntelange Vasallentreue zu Stuttgart 21. Jetzt stolpert die schwarze Landtagsfraktion in die nächste Falle: Abrupt werden Pläne zur Zukunft der Stuttgarter Oper gestoppt – nicht nur aus edlen Motiven.

Einen Plan hatte der neue Chef der CDU-Landtagsfraktion Tobias Vogt unverkennbar: Er wollte Ministerpräsident Cem Özdemir (Grüne) mit einem kraftvollen Offensivschlag in die Parade fahren, als der das heikle Thema Opernsanierung an sich zog, um bisherige Beschlüsse noch einmal diskutieren zu lassen. Immerhin geht es – Stand heute – um mindestens zwei Milliarden Euro, die Land und Stadt für den Erhalt der Spitzenkultur und damit eines Leuchtturms für ganz Baden-Württemberg werden aufbringen müssen.

Darüber hinaus ist der 41-Jährige frühere CDU-Generalsekretär im großen Bemühen um Augenhöhe und Profil im Schlagabtausch mit dem ungeliebten Koalitionspartner jedoch ziemlich blank. Denn Vogt hat keine Idee, wie es mit der Stuttgarter Oper weitergehen soll, bringt aber trotzdem einen Neubau ins Spiel. Er kann nichts sagen zur unabwendbar notwendigen Sanierung des Opernhauses Littmannbau ("Fürs Operative gibt es Verantwortliche"). Er kann nicht sagen, wo während einer Schließung gespielt werden soll ("Ich bin kein Architekt, sondern ich bin Kfz-Handwerksmeister").

Selbst auf die Frage, wieso ein Neubau billiger kommen soll, kennt er keine Antwort ("Das sind die Details, die wir heute nicht diskutieren können"). Nur eines weiß er ganz genau: "Dass wir diese brutale Kostenexplosion nicht mittragen werden." Und dann spricht der Nachfolger von Manuel Hagel an der Spitze der Fraktion am vergangenen Freitag vor Medienvertreter:innen in Stuttgart einen großen Satz gelassen aus: "Ich glaube, dass wir die Stärke und die Kraft haben müssen, Beschlüsse, die wir vor langer Zeit getroffen haben, wenn sie nicht mehr passen, zu ändern und notfalls zu stoppen."

Diese Einsicht hätte nicht nur seine Partei vor 15 Jahren sehr gut brauchen können. Genauer gesagt am 21. Juli 2011, an dem Stuttgart 21 in der bis dahin geplanten Form beinahe Geschichte gewesen wäre – jedenfalls dann, wenn Ehrlichkeit vorgeherrscht hätte bei den maßgeblichen Beteiligten. Es war jener Tag, an dem der gegenwärtig wieder neu diskutierte Stresstest öffentlich wurde, der dem Tiefbahnhof bescheinigen sollte, dass er seine Leistung in der versprochenen Spitzenstunde zwischen sieben und acht Uhr bringen könne. Um es vorwegzunehmen: Er kann nicht, konnte nie und wird nie können. Diese Wahrheit musste und muss aber verschleiert werden, meinen und meinten seine Fans, und zwar um fast jeden Preis.

Es war die letzte Sitzung des Landtags vor der Sommerpause 2011. Baden-Württemberg hatte bewegte Monate hinter sich nach der Landtagswahl im März, die nach jahrzehntelanger CDU-Dominanz eine grün-rote Regierung unter Winfried Kretschmann gebracht hatte ("Der Poliktikwechsel beginnt"). Dabei wäre dieses ziemlich ungleiche Duo fast schon in den Koalitionsverhandlungen an Stuttgart 21 gescheitert, hätten nicht Werner Wölfle (Grüne) und Wolfgang Drexler (SPD) doch noch einen Kompromiss zustande gebracht. Beschlossen wurde eben jener Stresstest, gemäß diesem vollmundigen Satz: "Die Landesregierung wird für vollständige Transparenz über Prämissen und Ergebnisse des Stresstests sorgen."

Erstens kam es anders, zweitens als gedacht. In einer aktuellen Debatte am Vormittag zu "Stuttgart 21: Verkehrsminister auf Geisterfahrt?" packte damals ausgerechnet Nicole Razavi (CDU) ein bemerkenswertes Arsenal schmutziger Vorwürfe aus. Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) – heute bekanntlich ihr Vorgänger – habe ein Küchenkabinett aus "Hardcore-S-21-Gegnern", giftete die frühere persönliche Referentin von Stefan Mappus (CDU) aus Göppingen, "die in Schlapphüten und Trenchcoats im Ministerium herumgeistern." Ein Geisterfahrer sei er, und im Übrigen seien die Vorwürfe der Grünen beim Thema Kostenanstieg "uralt und lange widerlegt". Diese Fundamentalkritik stützte sie auf alte, dato längst widerlegte Zahlen. Überhaupt sei dem Minister jedes Mittel recht, das Projekt schlechtzureden. "Mit dem Mut eines Verzweifelten" diskreditiere er die Bahn, beschädige das Renommee der Gutachter im Stresstest und unterstelle sämtlichen Befürwortern Täuschung.

Medien machten das Spiel mit

Entsprechend aufgeheizt war die Debatte. Dabei wusste die damalige verkehrspolitische Sprecherin der CDU-Fraktion da schon, dass die von der Deutschen Bahn beauftragte Schweizer Beratungsfirma SMA "heute wohl ein positives Urteil über den Stresstest abgeben" werde. Hinter den Kulissen formierte sich da bereits die Phalanx der Befürworter:innen. "Die Bombe platzte um die Mittagsstunde", hieß es anderntags in den "Badischen Neuesten Nachrichten". Und: "Gutachter bestätigen geforderte Leistungsfähigkeit des Durchgangsbahnhofs." Als die Ergebnisse im Foyer des Landtags herumgereicht wurden, hatten die Projektgegner:innen den Kampf um die Deutungshoheit schon verloren.

Den Befürworter:innen des finanziell schon längst aus dem Ruder gelaufenen Milliardenprojekts war es – ihrerseits tatsächlich auf Geisterfahrt – gelungen, das ohnehin prinzipiell freundliche Medienklima zu stimulieren: "Gutachter geben grünes Licht", behauptete kurzerhand der "Mannheimer Morgen", "Stuttgart 21 besteht Stresstest", vermeldete spürbar zufrieden die "Heilbronner Stimme", und dasselbe galt für die "Südwest Presse" mit ihrem laut dröhnenden Befund: "Auch unter Stress tauglich".

Die tatsächlich entscheidende Botschaft verkam zur Randnotiz. Die in Heiner Geißlers (CDU) Schlichterspruch – von allen Beteiligten, selbst vom Pro-Lager mitgetragen – verlangte "gute Betriebsqualität" wurde gar nicht erreicht, sondern nur eine "wirtschaftlich optimale". Und das hieß nach den bisher geltenden Bahnregeln nur "befriedigend". "Das grüne Licht nützt nichts, wenn es auf falschen Prämissen aufbaut", sagte die BUND-Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender und ging unter mit ihrem Befund – auch, weil der grüne Teil der Landesregierung kein Mittel fand – oder finden wollte – gegenzuhalten.

Der Koalitionsfrieden war seinerzeit fragil, Ministerpräsident Winfried Kretschmann hatte längst erkannt, wie naiv er war, als er zum Start in die neue Landesregierung von "fast einer Liebesheirat" mit der SPD gesprochen hatte. Hätte er darauf bestanden, dass der Stresstest in Wahrheit gerissen worden war, wären die Folgen für seine Regierung unabsehbar gewesen. Selbst Werner Stohler, der frühere SMA-Chef, brauchte 15 Jahre, um seine Zweifel öffentlich zu machen und zu offenbaren, dass er schon 2011 nicht an die behaupteten Kapazitätswerte geglaubt habe: Zwar seien sie theoretisch korrekt gewesen, "für die Praxis aber wertlos", erklärte er kürzlich.

Mal wieder zweierlei Maß

Unvermeidlich kommen mit Stohlers Paukenschlag abermals Tobias Vogt und seine Maßstäbe für die Opernsanierung ins Spiel. Würden die an den Tiefbahnhof angelegt und an alles, was dazugehört, müsste auch hier neu nachgedacht werden. Wie bei der Oper am Eckensee und dem geplanten Interim müssten der Planungsstand, die Kosten- und vor allem die Kapazitätsprognosen noch einmal auf den Tisch. Die Wahrscheinlichkeit, dass mehrere Gleise im Kopfbahnhof noch lange oder gar für immer bleiben müssen, ist keine geringe. Aus Sicht derer in der CDU, die die Opernsanierung so sehr problematisieren, gäbe es beträchtlichen Rückenwind: Würden die Planungen für das Gleisvorfeld noch einmal grundsätzlich aufgeschnürt, könnte zwischen all dem bisher Erdachten auch ein Standort für den Neubau gefunden werden.

Was Vogt in seiner Kampfrede gegen die bisherigen Pläne mit keinem Wort erwähnt: Die eigens gegründete Projektgesellschaft Württembergische Staatstheater (ProWST) hat Neubauvarianten bereits geprüft. Für die ProWST steht fest, dass "kein geeigneter Standort" für einen Neubau gefunden werden kann. Darüber hinaus müsse der denkmalgeschützte Littmann-Bau in jedem Fall "erhalten und aufwendig saniert werden".

Solche und viele andere Einzelheiten will Özdemir jetzt aufgerufen wissen. Wissenschaftsministerin Petra Olschowski (Grüne), Stuttgarts OB Frank Nopper und dessen Erster Bürgermeister (beide CDU) haben eine weitere Begutachtung aufs Gleis gesetzt. "Alle am Gespräch Beteiligten betonen, dass sie sich ausdrücklich und unmissverständlich zur gemeinsamen Verantwortung für eine moderne, zukunfts- und arbeitsfähige Spielstätte bekennen", heißt es in einer gemeinsamen Erklärung und dass "die Expertenanhörung so weit möglich parallel zu den laufenden Planungs- und Verfahrensschritten erfolgen soll". Land und Stadt seien sich einig, dass eine Neubewertung nicht zu einer maßgeblichen Verzögerung des Projekts führen dürfe. Die notwendigen Arbeiten an der bestehenden Planung sowie alle Maßnahmen zur Sicherung des Spielbetriebs würden "deshalb so weit wie möglich fortgeführt".

Özdemir zaubert Oettinger aus dem Hut

Stopp, sagt Vogt, und will allen Neu- und/oder Umplanungen sogar bis 2027 Zeit geben. Einstimmig hat seine Fraktion beschlossen, solche erheblichen Verzögerungen mit ihrer Forderung nach einem Vergabestopp in Kauf zu nehmen.

So sollen die Kosten erträglich bleiben

Vor sieben Jahren hat sich die grün-schwarze Landesregierung für eine neue "optimierte Kostensteuerung im Staatlichen Hochbau" verständigt. In Reaktion auf Stuttgart 21, aber auch auf gestiegene Ausgaben beim Neubau der John-Cranko-Schule, der Württembergischen Landesbibliothek oder dem Besucherzentrum Nationalpark Schwarzwald wurde ein mehrstufiges Verfahren entwickelt. Nach der Bedarfsentscheidung werden vom Land ausschließlich die reinen Planungskosten ermittelt und im Haushalt freigegeben. Sind die Planungen baureif, werden im zweiten Schritt die tatsächlichen Gesamtkosten veranschlagt. Will heißen: Geld gibt es nur schrittweise und bei transparenten Rechnungen, was wofür benötigt wird. Der Rechnungshof Baden-Württemberg hatte sich zudem mit dem Nachtragsmanagement befasst, mit jenen Mitteln in stattlicher Höhe, die regelmäßig nachgeschossen werden mussten, und mehr Kontrolle verlangt. Die Architektenkammer Baden-Württemberg lobte die optimierte Kostensteuerung – eingeführt jedoch vor Corona und vor Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine und allen damit verbundenen Kostensteigerungen. Jetzt will Ministerpräsident Cem Özdemir (Grüne) aus Anlass der Opernsanierung abermals nachsteuern: Sollten in der vorgesehenen Anhörung von Fachleuten die bisherigen Beschlüsse bestätigt werden, drängt er auf ein beschleunigtes und vor allem ein transparentes Vorgehen, damit die Kosten für Sanierung, Interims- oder gegebenenfalls Neubau nicht abermals aus dem Ruder laufen.  (jhw)

Im Rathaus zeitigt der Druck sofort Wirkung: Nopper hat den sogenannten Vorprojektbeschluss von der Tagesordnung des Gemeinderats absetzen lassen. Dabei hatte sich der Oberbürgermeister schon vor der Sommerpause gegenteilig festgelegt: "Nach einer jahre- und jahrzehntelangen Debatte und nach den erfolgten Einsparungen zum Operninterim brauchen wir jetzt den Mut zu Entscheidungen."

Wie in einem Polit-Pingpong, das eine Ahnung von dem vermittelt, wie Grüne und CDU in dieser Legislaturperiode miteinander umgehen, kontert der Ministerpräsident die wenig solidarischen Absetzbewegungen der CDU von allen über Jahre getroffenen Grundsatzentscheidungen zur Oper aber sofort und auf seine Weise: Er bittet Günther Oettinger (CDU), die Moderation der Expertenanhörung zu übernehmen. Der MP a.D. schlägt sofort ein. Jetzt ärgern sich jene schwarzen Landtagsabgeordneten, die ein Veto gegen die Opernsanierung zur Profilschärfung nutzen wollten, mit der Faust in der Tasche, weil gegen die Bestellung nicht nur kein Kraut gewachsen ist. Und Nopper – schnell wieder die Seite wechselnd – springt dem grünen MP gleich auch noch bei und lobt dessen Idee als "Idealbesetzung".

Oettinger könnte nun zumindest einen alten, äußerst schwerwiegenden Fehler ausmerzen: Bei Stuttgart 21 hat sein Staatsministerium 2009 verschwiegen, dass die präsentierten Zahlen nicht mehr stimmen, um die Grundsatzentscheidung rechtzeitig vor Ablauf aller Ausstiegsmöglichkeiten für Land, Stadt und Region in trockene Tücher zu bringen. "Auf Wunsch des Herrn MP", hieß es in einem damals internen Vermerk, solle auf eine aktualisierte Kostenberechnung verzichtet werden. Diesmal muss Oettinger für Klarheit und Wahrheit sorgen und dafür, wie Özdemir sichtlich zufrieden auf der ersten Pressekonferenz nach der Sommerpause sagt, "dass niemand mehr ausbüxt, wenn neuerlich gemeinsame Beschlüsse gefasst sind". Den Namen, den er vor allem im Blick hat mit dieser Formulierung, kann er elegant unter den Tisch fallen lassen, weil ohnehin jeder in der Koalition und an der Rathausspitze weiß: Gemeint ist der CDU-Fraktionschef.

Wir brauchen Sie!

Kontext steht seit 2011 für kritischen und vor allem unabhängigen Journalismus – damit sind wir eines der ältesten werbefreien und gemeinnützigen Non-Profit-Medien in Deutschland. Unsere Redaktion lebt maßgeblich von Spenden und freiwilliger finanzieller Unterstützung unserer Community. Wir wollen keine Paywall oder sonst ein Modell der bezahlten Mitgliedschaft, stattdessen gibt es jeden Mittwoch eine neue Ausgabe unserer Zeitung frei im Netz zu lesen. Weil wir unabhängigen Journalismus für ein wichtiges demokratisches Gut halten, das allen Menschen gleichermaßen zugänglich sein sollte – auch denen, die nur wenig Geld zur Verfügung haben. Eine solidarische Finanzierung unserer Arbeit ermöglichen derzeit 2.500 Spender:innen, die uns regelmäßig unterstützen. Wir laden Sie herzlich ein, dazuzugehören! Schon mit 10 Euro im Monat sind Sie dabei. Gerne können Sie auch einmalig spenden.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


0 Kommentare verfügbar

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer Mittwoch morgens unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:






Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!