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Stuttgarter Fernwanderwege

Laufen lassen

Stuttgarter Fernwanderwege: Laufen lassen
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 Fotos: Jens Volle 

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Datum:

Die baden-württembergische Landeshauptstadt hat es erfolgreich geschafft, sich allzu viele Tourist:innen vom Hals zu halten. Dafür setzt sie ihre Baukompetenz ein und bekommt zudem Hilfe von Männern mit Harndrang.

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Der Sommer geht zu Ende und nun wird klar: Stuttgart hat wieder Großes geleistet! Die Stadt hat sich einem Trend entgegengestemmt, der die Metropolen der Welt in Atem hält, der sogar zu Proteststürmen führt – und was war in Stuttgart? Nichts!

Aber es ist mal wieder so, dass diejenigen, die eine große Gefahr abwehren, dafür nicht gewürdigt werden. Denn das drohende Unheil hatten die Menschen hier gar nicht auf dem Schirm.

Aber um welche Gefahr ist es gegangen? Um die der Überflutung! Die Überflutung durch Tourist:innen – Overtourism! In Barcelona gingen die Menschen mit Gartenschläuchen gegen die Horden vor, der Kölner Dom verlangt Eintritt, in Japan wurde die Aussicht auf den Fuji verhängt. Und hier? Nichts! Eben!

Denn hier hat man vorgebaut. Zugegeben: Das Kernstück, um sich gegen den Massenansturm von Touristen zu wehren, hat die Bahn mit dem Fernwanderweg zum Hauptbahnhof geschaffen. Aber Stuttgart hat nachgezogen. In einer jahrelangen Anstrengung wurde das Gebiet um den Hauptbahnhof zu einer der versifftesten Zonen der Republik ausgebaut – leider gibt es hierfür keinen offiziellen Wettbewerb, Stuttgart hätte ihn längst gewonnen.

Doch eine weitere Steigerung war möglich. Eigentlich ein Paukenschlag, doch bescheiden, wie man in Stuttgart ist, hat man die Einrichtung des Höhepunkts der Tourist:innenvergrämung nicht eigens gefeiert. Es geht um die zauberhafte Passage, die von der Königstraße zu Park, Theater, Oper und natürlich Landtag führt, also dem, was Stuttgart als Landeshauptstadt repräsentiert. Ehemals Theaterpassage genannt. Großartig ist daran, dass sich die schmale Passage kaum finden lässt zwischen all den Bauzäunen, da kommt kein Touri durch!

Den Einheimischen sei ein Tipp gegeben: immer der Nase nach. Denn dort, wo es am penetrantesten nach Urin stinkt, da geht's hindurch zum Schmuckstück der Stadt. Für die Stadtoberen scheint dieser Geruch allerdings der der großen weiten Welt zu sein und vor allem der, um selbige fernzuhalten. Das nennt man Dialektik, kein Wunder in der Stadt Hegels.

Letztlich eine Demokratisierung

Möglich wurde diese gestalterische Meisterleistung durch ein Stuttgarter Spezifikum: das der Dauerbaustelle. Denn das einst ehrwürdige Schlossgartenhotel, hinter dem die Passage hindurchführt, ist derzeit eine Ruine mit vorgelagerter Müllhalde. Umrahmt ist das Ganze von Bauzäunen, die eben nur diesen winzigen Spalt der Passage offenlassen. Aber die eigentliche Leistung wurde von den Bürgern (in diesem Falle dürfte es sich tatsächlich wohl nur um Männer gehandelt haben) der Stadt erbracht. Sie erst haben den die Tourist:innenhorden hemmenden Duft geschaffen. Und das durch freiwillige Spenden – großzügige Spenden!

Der Urin fließt hier in Strömen, ähnlich dem Champagner, der früher dort ausgeschenkt worden ist. Wir haben es also auch mit einer Demokratisierung der Örtlichkeit zu tun, denn Urin kann sich jeder leisten, Champagner nicht. Eigentlich könnte die Stadt einen kleinen Stand aufstellen und dort Spendenquittungen für die edlen Spender ausstellen. Gott, was wäre das für eine Freude und am Ende der Passage wäre vielleicht ein Stand mit Würsten und Freibier! Das wäre vielleicht auch der Geschmack des Stadtoberhaupts, aber womöglich würde das wieder die Falschen anziehen. Gut, solange sie Lederhosen tragen und hernach zum ganz großen Saufgelage auf dem Wasen aufbrechen, wäre das natürlich stimmig.

Doch leider – das Kleinod Stuttgarter Baukultur ist just verschwunden, verschluckt von Bauzäunen, nur am Duft lässt sich der alte Eingang noch erahnen. Nun, die Reisewelle ist auch vorbei – mission accomplished.

Aber Stuttgart wäre nicht Stuttgart, wenn nicht gebührender Ersatz geschaffen worden wäre. Mal wieder ist die Bahn Vorbild: Es wurde der kleine Bruder des Fernwanderwegs eingerichtet. Nun kann man auf einem breiten Weg zwischen Zäunen und Baustellenausfahrten den Resten des Parks entgegenwandeln.

Was lässt sich daraus lernen? Auch mit geringen Mitteln lässt sich Großes schaffen. Die Gefahr ist nur, dass die unerhörte Leistung, selbst bei größter Wirkung, unbemerkt bleibt.

Es gibt aber einen Ausblick, der euphorisch stimmen mag: Die Klettpassage, das zentrale Verkehrskreuz der Stadt, soll saniert werden – eine grandiose Gelegenheit, um Maßstäbe zu setzen, die wirklich niemandem verborgen bleiben. Mit Bauzäunen und Urin, viel Urin.

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