Den bedeutendsten Satz in Sachsen-Anhalts Wahlkampf sprach SPD-Spitzenkandidat Armin Willingmann. In einer Diskussionsrunde beklagte eine Bürgerin, dass Arbeitnehmer, die 40 Jahre lang geackert haben, genauso viel Rente bekämen wie jene, die immer von Grundsicherung gelebt hätten. AfD-Führer Ulrich Siegmund, der "gefährlichste Mann Deutschlands" ("Spiegel") beziehungsweise der "Duftkerzenverkäufer" (Philipp Amthor), pflichtete der Behauptung eifrig bei. Willingmann hingegen erklärte: "Ich kann der Dame leider nicht das Gefühl nehmen, aber faktisch ist es falsch."
So klingt sie, die Politik von gestern. Politik, die noch unterscheiden will zwischen Gefühl und Fakt. Tempi passati. Wer heute eine Wahl gewinnen will, darf nicht an die Vernunftbegabung der Menschen glauben. Stattdessen muss er sich gemeinsam mit den Wählern immer weiter in den Wahn reden. So holt man in Sachsen-Anhalt 44 Prozent. Selbst wenn man als gesichert rechtsextrem eingestuft ist, selbst wenn der Spitzenkandidat volle Lotte in der Vetternwirtschaftsaffäre drinhängt und seinen Papa mit einem Gehalt von 7.725 Euro Steuergeld im Bundestagsbüro eines Parteikollegen anstellen ließ.
Mancher im Westen sieht in diesem rational nicht mehr erfassbaren Wahlverhalten einen Anlass, den antifaschistischen Schutzwall wieder hochzuziehen. Andere greifen zur Psychopolitanalyse. Denn das Erfolgsrezept sei doch simpel: Während andere Parteien sich "zurückgezogen" hätten, sei die AfD nah an den Bürgern, verteile Bratwürste und Luftballons, spreche deren Sprache und vor allem über deren Probleme. Ich als Postwendewessi wollte diese Kümmeranalyse mal glauben und linste daher ins Wahlprogramm der AfD Sachsen-Anhalt. Um zu begreifen, welche Probleme den Sachsen-Anhalter dazu bringen, den Wahnsinn zu wählen.
Für Schweine, gegen Behindertenparkplätze
Gern heißt es, wer AfD wähle, wolle einfach mal die Sau rauslassen. Nicht so in Sachsen-Anhalt: Hier will man sie reinlassen. Zumindest verspricht das Wahlprogramm eine "Liberalisierungsoffensive" für Menschen, die zu Hause "ein eigenes Schwein" halten wollen. Außerdem hat die Erfolgspartei Behindertenparkplätze als Quell des Unfriedens ausgemacht: "Jedem Autofahrer ist die Situation bekannt, dass er verzweifelt einen Parkplatz sucht und keinen findet, weil alles belegt ist, aber immer mehrere Behindertenparkplätze frei bleiben." Daher also rührt die Wut. Hoffentlich geht es den Ossis bald besser, wenn die Behindertenparkplätze endlich weg sind und jeder ein eigenes Schwein hat.
Was aber bedeutet diese Wahl für den Rest der Republik? Für uns normalen Leute? Theoretisch nicht viel: Weniger als drei Prozent der bundesweit Wahlberechtigten leben in Sachsen-Anhalt. Es könnte uns völlig egal sein, was die Sachsen-Anhalter zu Hause mit ihrem Schwein machen.
Wären da nicht die Medien. Die auch eine Abstimmung unter Schweinefans zur Schicksalswahl hochjazzen. Die NZZ fand noch am Abend der Wahl "fünf Gründe, warum die Wahl in Sachsen-Anhalt Deutschland verändern könnte". Noch größer spielte es die polnische Zeitung "Polityka": Es sei nach dieser Wahl "nicht ausgeschlossen, dass wir alle an der Schwelle einer gigantischen deutschen Krise stehen, die sich ohne Zweifel über den gesamten Kontinent ausbreiten wird". Und all das nur, weil wir den Bewohnern Sachsen-Anhalts so lange ihren Wunsch nach einem Heimschwein verwehrt haben.
Solchen Schlagzeilen stürmen dann in einer Mediendemokratie zuverlässig Politiker wie Mischter Minischterpräsident Cem Özdemir hinterher und verkünden via X, die Schweinswahl müsse "für alle demokratischen Kräfte bedeuten, dass nichts mehr bleiben kann, wie es ist". Es gelte, dass "wir unsere Politik und unseren Politikstil grundlegend überdenken". Das hieße wohl, siehe oben: keine Fakten mehr, nur noch Gefühl.
Die letzte Patrone hat ihr Ziel verfehlt
So avanciert die niedrige Schwein-pro-Kopf-Rate in Sachsen-Anhalt zu einem grunzsätzlichen Problem für Europa. Denn auch im Westen breitet sich der Irrsinn ringelschwanzartig aus, auch in Stuttgart gibt es Typen, die sauer auf die Grünen sind, weil Chinesen keinen Mercedes mehr kaufen. Und auch hier entblödet sich die Hausschweinpartei nicht, den Weltfremden zu verklickern, dass ihr Brass vollkommen logisch sei. Von solchen Methoden erholt sich ein vernünftiger Diskurs nie mehr. Einen Stein, den ein Dummer in einen Brunnen wirft, holen hundert Weise nicht mehr heraus, sagt ein arabisches Sprichwort. (Für uns Deutsche aber eigentlich eh irrelevant, weil man in diesem Land ohnehin keine hundert Weisen findet.)
Die letzte Patrone der Demokratie, die CDU, hat derweil ihr Ziel verfehlt: Sie hatte emsig für eine absolute Mehrheit der AfD gekämpft. Um die Gretchenfrage zur Linkspartei nicht beantworten zu müssen, setzte man alles daran, die eigene Mannschaft unattraktiv erscheinen zu lassen. Doch selbst ein Friedrich Merz in Bestform reichte nicht aus: Nachdem er uns alle ein Jahr lang durchbeleidigt hatte, ghostete er das Land vier Wochen aus dem Urlaub, brüskierte Kinderärzte und schleppte sich lustlos zu Wahlkampfbesuchen nach Leuna und Quedlinburg. Zu seiner Verteidigung: Lustvoll ist nach Leuna und Quedlinburg noch nie ein Mensch gereist.
Überraschende Schützenhilfe bekam die CDU im Kampf um 45 Prozent plus X für die AfD von den ZDF-Kindernachrichten: Die Sendung "logo" bewies, dass sie sich vor Erwachsenenformaten nicht zu verstecken braucht, vermag man es doch, Ulrich Siegmund das Mikrofon ebenso arglos vors Sprechorgan zu halten wie die Großen. Allein: Warum eigentlich? Um Zehnjährige zurückzugewinnen, die auf den linken Staatsfunk schimpfen? Zumindest bescherte uns "logo" unter der Überschrift "Deshalb ist die AfD gerade so beliebt" einen vielsagenden Fußgängerzonenbeitrag, dem wir O-Töne wie diesen verdanken: "Warum wählen Sie AfD?" – "Mein Mann hat mich überredet."
Es ist keine falschgeleitete Klassenwut
Doch nicht nur die Medien, auch unsere Freunde aus dem linken Spektrum, revolutionäre wie reformistische, analysieren mal wieder vollkommen an der Realität vorbei. Sie betonen, dass besonders finanziell schlechtgestellte Haushalte größtenteils AfD gewählt hätten und diese ihren berechtigten Zorn aufs Kapital einfach nur falsch kanalisierten. Zwar mögen die vielzitierten Zahlen ja stimmen: Sachsen-Anhalt als Karl Arsch unter den Bundesländern verfügt über das niedrigste Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt. Allein: Diese 44 Prozent sind keine fehlgeleiteten Sozialisten, die doch eigentlich Linke oder halt gleich KPD wählen müssten. Sonst täten sie es ja. Nein, die wissen schon sehr genau, was sie tun. Freilich sind auch sie Opfer des Schweinesystems – aber niemand liebt Schweine so sehr wie Sachsen-Anhalter.
Anders gesagt: Ihr könntet diesen Wutbürgern auch einen paradiesischen Sozialstaat samt perfekt getaktetem ÖPNV hinstellen – solange der Syrer was abbekommt, bleiben sie aggro. Sicher, die AfD mobilisiert das Proletariat, wie es der Arbeiterbewegung nicht mehr gelingt. Aber sie schafft dies ausdrücklich nicht mit Umverteilungsvorschlägen, mit Vermögensteuer, Mietendeckel oder sonst was. Sie gewinnt die Herzen der Menschen mit Zynismus, Rassismus, Sexismus und allerlei anderem übelriechendem, aber astrein klebendem Kitt. Ein kleiner Teil mag Klassenwut sein, der größere ist Rassenwut. Man muss nur eine der Dutzenden einschlägigen AfD-Veranstaltungen gesehen haben, um das zu erkennen: Dieser Mob gibt sich doch nicht zufrieden, wenn der Bus wieder fährt.
Verständlich ist's, dass Linke verzweifelt an ihrem Menschenbild festhalten wollen, dem zufolge wir alle doch im Grunde unseres reinen Herzens nur ein faires Miteinander mit gleicher Mitsprache und ökonomischer Teilhabe für alle anstreben. Kraft des besseren Arguments auf Basis der Sachlage müsste doch am Ende jeder einsehen, was das Beste für dich und mich ist. Exemplarisch schreibt der geschätzte Kollege Christian Stöcker im "Spiegel": "Stoppen kann man diesen Trend nur, indem man sich selbst an die Tatsachen hält. Wir brauchen eine Brandmauer gegen Bullshit." Doch genau das ist falsch.
Bullshit mit Bullshit bekämpfen
Da steht diese wildgewordene Truppe, die Patriotismus und Pazifismus predigt und aus Tassen der russischen Armee säuft, die DDR-Hymnen singt und auf Sozialisten schimpft, erst die Nazis relativiert, dann einen Stauffenberg herbeisehnt, von freier Marktwirtschaft fabuliert und schließlich auf der ersten Seite des Wahlprogramms den waschechten Kommunisten Bertolt Brecht zitiert und damit locker 44 Prozent holt – und da will der Stöcker sich an Tatsachen klammern? Das Festhalten an der Faktizität ist passé. Stattdessen müssen wir Bullshit mit Bullshit bekämpfen! Habermas ist tot, verdammt nochmal.
Wer einer derart abgedrehten Partei die Macht ernsthaft streitig machen will, sollte den Abakus aus der Hand legen, Ideen wie Faktentreue samt seiner "antifaschistischen Wirtschaftspolitik" auf dem Stapel mit den gutgemeinten Ideen ablegen und uns nicht mit Begriffen wie "Bruttomedianeinkommen" die schläfrigen Augen zudrücken. Er sollte lieber schon mal das Gerücht streuen, Ulrich Siegmund habe mit seinen Duftkerzen aus Echsenmenschenblut im Rahmen einer bezahlten Kooperation mit der jüdischen Pharmaindustrie bewusstseinsverändernde Araberaromen erforscht, die heimlich in Abteile der Deutschen Bahn geblasen werden, weshalb die Klimaanlage auch immer "defekt" sei, die dann unsere Gehirnzellen dazu zwingen, AfD zu wählen und uns gleichzeitig AIDS und Glutenunverträglichkeit bringen. Mein Namensvorschlag für eine neue Partei: "Bullshit sucht Wähler!" Kurz: BS… – ach, über den Namen denke ich vielleicht nochmal nach. Eins aber garantiere ich schon mal vorab: Es gibt Schweine für alle.




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