Eigentlich ist es keine große Sache. Das Automobil, mit dem der junge Schriftsteller zu seiner Lesung gebracht wird, steht nicht korrekt in der Parkbucht vor der Versöhnungskirche in Oberesslingen. Das Heck reicht einen halben Meter in die Straße. Kann passieren. "Das ist illegal", sagt der 24-jährige Schlacks, er wisse das, er mache gerade seinen Führerschein. Dabei guckt er, als wäre er der Hüter des staatlichen Gewaltmonopols, und der Fahrer fürchtet um sein Weltbild von jungen Linken.
Wir dürfen vorstellen: Jakob Springfeld, geboren in Zwickau, Student der Politik und Soziologie, linker Aktivist, Klimaschützer und Antifaschist. Laut "Zeit" zählt er zu den 100 wichtigsten Ostdeutschen, laut "Spiegel" zu den 100 Menschen, die Hoffnung machen. Die Schönauer Elektrizitätswerke, streng ökologisch ausgerichtet, küren ihn zum Stromrebellen des Jahres. Die Neonazis in Sachsen würden ihm lieber so lange "in die Fresse hauen", bis er das Deutschlandlied singe, schreiben sie unter Fotos, die sie von ihm posten.
Die umtriebigen "Omas gegen rechts", Ortsgruppe Esslingen, haben ihn eingeladen, die Kirche ist rappelvoll, 250 Besucherinnen und Besucher, Altersdurchschnitt hoch. Auch in Calw und Wendlingen, wo er die Tage zuvor war, reichen die Plätze kaum aus, und überall wollen sie wissen, was da los ist im Osten der Republik, in "Dunkeldeutschland", wie manche meinen. Überall liest man von der drohenden Machtübernahme der AfD in Sachsen-Anhalt. Springfeld hat zwei Bücher geschrieben, deren Titel Programm sind: "Unter Nazis" heißt der eine, "Der Westen hat keine Ahnung, was im Osten passiert" der andere. Das verspricht Authentizität, Aufklärung und am Ende des Tages ein wenig Hoffnung. "Der Untergang des Abendlandes steht nicht bevor", sagt er, "wenn wir etwas dagegen tun."
Das Handy ist eine Art Lebensversicherung
Springfeld kommt von links. Marxistisch in der Analyse, politisch zwischen der Linken, denen er wegen Sahra Wagenknecht nicht beigetreten ist, und den Grünen, deren stark leidendes Mitglied er ist. Sie sind ihm zu weit weg von den Menschen. Ohne Wenn und Aber ist er nur in seinem Antifaschismus, den er lebt, wo er geht und steht, das Mobiltelefon in der Hand, auf dem "FCK NZS" (Fuck Nazis) steht. Er weiß, dass die Dauerpräsenz auf Instagram, Twitter und Tiktok ungesund ist, andererseits aber auch so eine Art Lebensversicherung.




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