Kürzlich, bei einer größeren Runde irgendwo in Ostdeutschland, ergreift eine Teilnehmende einer wirklich großen Institution das Mikro. Bis vor fünf Jahren, berichtet sie, sei es gang und gäbe gewesen, dass Mitarbeiter:innen aus den westdeutschen Ablegern die Strategie- oder Arbeitspapiere ihrer ostdeutschen Kolleg:innen erst mal geschreddert hätten. Dann haben sie ihre eigenen Papiere geschickt: "Nehmt mal lieber das." Das Schlimmste an dieser Erzählung ist nicht mal diese Unverschämtheit an sich, sondern dass fast alle Ostdeutschen in der Runde wissend nicken. Kennen wir alle, nix Besonderes. Aber langsam wird's besser. Langsam. Fast vier Jahrzehnte nach der Wende. Das ist maximal beschämend.
Die Zeiten, in denen ausrangierte Polit-Cleverles aus dem Westen im Dutzend in den Osten geschickt wurden, um den "Ossis" mal Wirtschaft zu erklären, sind vorbei. Aber eine Art unsichtbarer Mauer gibt es trotzdem noch, an vielen Stellen. Wir "hier" im Westen schauen auf "dort", auf "Dunkeldeutschland", auf "den Osten", wir gruseln uns, sind wir doch ehrlich, mit ein bisschen Voyeurismus vor 40 Prozent AfD. Weit weg, nicht "bei uns", hier läuft noch alles, ach komm, 20 Prozent AfD sind keine 40. Eine Frau aus Sachsen sagt zu mir, bei 20 Prozent AfD in Baden-Württemberg könnte sie mit den Erfahrungen von daheim nicht mehr gut schlafen. Ja, wir schlafen viel zu gut.
In Sachsen-Anhalt beispielsweise schlafen viele gerade gar nicht mehr. 40 Prozent AfD und im September ist dort Landtagswahl. "Was machen wir am Tag danach?", fragt einer in der Runde und will wissen, wie viele hier ihre Arbeit in Initiativen weitermachen werden, falls Ulrich Siegmund von der AfD im September dort tatsächlich Ministerpräsident wird. Wenn Gelder gestrichen werden, wenn Engagierte in soziakulturellen Zentren, von Demokrati-Institutionen, aus der Antidiskriminierungsarbeit oder von Einrichtungen für Geflüchtete nicht mehr nur von Nazis bedroht werden, sondern die richtig am Drücker sind. Der Mann will ein Bekenntnis – zum Weitermachen, zum Zusammenhalt, er will wissen, wie viele dann noch übrig sein werden. Wer bleibt und kämpft weiter? Eine Frau von einer migrantischen Organisation sagt: "Ihr Deutschen könnt euch zurückziehen, aufhören mit eurer Arbeit. Wir Migranten kämpfen jeden Tag mit unseren Körpern, mit unserem ganzen Leben gegen Rechtsextremismus, egal ob wir wollen oder nicht." Aufgeben sei da nichtmal eine Möglichkeit.
Klar weiß man, dass die AfD im Osten massive Erfolge einfahren, und dass "rechts" dort eine sehr viel körperlichere Bedeutung hat als in den meisten Regionen im Westen. Klar sehen wir Dokus und Talkshows, lesen Reportagen und denken: schlimm da, meine Güte.
Aber wer aus dem Westen weiß schon, wie es ist, ein Leben zu führen bei 40 Prozent AfD? Wenn die Kommunalpolitik einen dringend loswerden will und bei jeder Gelegenheit auflaufen lässt, weil man mit Geflüchteten arbeitet. Wenn kaum einer im Ort hinter dir steht. Ja klar, da kommt dann schon Polizei, wenn sie dir die Bude zusammenschlagen, die geht aber auch wieder. Wenn vor der Beratungsstelle für Betroffene rassistischer Gewalt irgendwo in der Peripherie der Dritte Weg beflaggt vorbeimarschiert und Morddrohungen an der Tür hinterlässt.
Das wird irgendwann zur Gewohnheit, sagt jemand. Viele haben hier Gewalterfahrungen. Die Sorge gilt hier nichtmal der eigenen Unversehrtheit, kennt man ja alles schon, sondern vor allem dem Nachwuchs, dem Fortbestehen der Strukturen. Denn wenn sich unerfahrene junge Leute neu engagieren wollen und gleich am Anfang körperlich angegriffen werden, sind sie oft schnell wieder weg.
"Da gehst du dann halt"
Bleiben wir noch kurz in Sachsen-Anhalt vor der Wahl: Die SPD oder die Grünen, beide vergleichsweise jämmerlich kleine Haufen dort, plakatieren nachts und nur in größeren Städten. In Erfurt in Thüringen habe sie mal einen grünen Wahlkampfstand gemacht, berichtet eine Frau. Bis eine Gruppe Neonazis vorbeikam und Bierflaschen zerschlug. "Da gehst du dann halt." Und dann geht keiner mehr von den Grünen oder den Sozialdemokraten aufs Land, um den Leuten dort etwas anderes zu erzählen als die immer präsente AfD. Klar, die Parteien schicken schon Wahlkampfhelfer:innen vor großen Wahlen. Man fragt sich aber durchaus, warum diese riesigen westdeutschen Parteiapparate nicht mehr zu bieten haben.
Wie schön aber, dass Arbeitspapiere aus ostdeutschen Bundesländern seit fünf Jahren nicht mehr geschreddert werden. Dann wäre es jetzt vielleicht an der Zeit, den Engagierten in den neuen Bundesländern einfach mal zuzuhören. Denn dort sitzt Erfahrung, ein anderer Blick und unglaublich viel Courage.
Und Courage braucht Geld. Die Monom-Stiftung für Veränderung aus Leipzig hat die Kampagne "Alles beginnt im Zentrum" ins Leben gerufen und sammelt Spenden, um Orte der Subkultur und der Solidarität zu erhalten, wie alternative Jugendclubs, selbstverwaltete Kulturzentren, nichtkommerzielle Bühnen oder Hausprojekte. Die Hilfe ist ganz praktisch: Es gibt finanzielle Unterstützung, wenn Scheiben eingeschlagen werden, für Sicherheitstechnik zum Schutz alternativer Räume oder juristischen Support bei Diffamierungen und Angriffen.
Bei Projekten wie diesem geht es nicht um linke, subkulturelle Folklore. Es geht um Grundlegendes: um Orte, an denen Menschen überhaupt auf die Idee kommen können, "Gesellschaft ganz anders zu sehen", wie es auf der Homepage von "Alles beginnt im Zentrum" heißt. Um "Orte der Kritik". Von denen brauchen wir mehr. Und Solidarität. Im Osten wie im Westen.




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