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Grüne Anfänge mit braunen Splittern

Grüne Anfänge mit braunen Splittern
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40 Jahre Die Grünen: Dass die Entwicklung der Partei heute vor allem als Erfolgsgeschichte erzählt wird, erschien am Anfang eher unwahrscheinlich – denn Gruppen aus völlig verschiedenen politischen Traditionen, von links bis rechts, fanden hier zusammen. Auch alte Nazis mischten mit.

Am 13. Januar 1980 war es so weit: Auf einer turbulenten, durch heftigste Kontroversen gekennzeichneten Sitzung in Karlsruhe wurde beschlossen, dass die "Sonstige Politische Vereinigung/Die Grünen" sich nun als bundesweit auftretende Partei neu gründet. Sie verstand sich als "Anti-Parteien-Partei", die "weder links noch rechts, sondern vorn" sein wollte, so das damals formulierte Schlagwort.

"Vorne" sein zu wollen, gehört nach wie vor zum Vokabular der Grünen, die sich 40 Jahre nach ihrer Gründung als zweitstärkste politische Kraft in Deutschland zu etablieren scheinen. Die Anfänge ließen diesen Erfolg noch nicht unbedingt erahnen.

Einerseits war die Gründung als Partei 1980 die logische Folge vorangegangener Organisationsgründungen, die zum Ziel hatten, in die Vielfalt von lokal und regional agierenden Bürgerinitiativen und Bürgerbewegungen sowie in die auf Landesebene gegründeten bunten und alternativen Parteien weitere organisatorische Strukturen einzuziehen; durch Vernetzung und Koordination sollte deren politische Wirksamkeit erhöht werden. Die erfolgreiche Arbeit des 1972 gegründeten Bundesverbands Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU), dessen Schwerpunkt in der Unterstützung der Anti-Atomkraft-Bewegung lag und dessen bekannteste Person die auch in der Friedensbewegung aktive Petra Kelly war, und des 1975 gegründeten Bundes Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), repräsentiert durch unter anderen Bernhard Grzimek, dem bekannten Direktor der Frankfurter Zoos, Bodo Manstein und Herbert Gruhl, sollte so in parlamentarisch-politischen Institutionen fortgesetzt werden.

Andererseits aber erschien es als höchst unwahrscheinlich, dass die aus völlig verschiedenen politischen Traditionen kommenden Strömungen, die sich im BBU und im BUND organisierten, erfolgreich zusammenarbeiten könnten. Die Anti-AKW-Bewegung bezog sich in vielerlei Hinsicht auf die technik- und industriekritischen antikapitalistischen Konzepte, die in der Studentenbewegung formuliert wurden. Der Fokus der Auseinandersetzung lag auf den industriepolitischen Modernisierungsmaßnahmen und den damit verbundenen technischen Großprojekten wie eben dem beschleunigten Bau von Atomkraftwerken, die in der Langfristplanung der sozial-liberalen Bundesregierung beschlossen waren. Solche Projekte – so die Kritik der Anti-AKW-Bewegung – dienten ausschließlich bestimmten Monopolen und deren Gewinnmaximierung; dass Gesundheit und Leben der Menschen dabei riskiert werden, spiele dagegen in den industriepolitischen Entscheidungen keine Rolle.

Auch wenn sie in der Ablehnung von Atomkraftwerken übereinstimmen und zum Teil auch Momente der antikapitalistischen Argumentation übernehmen konnten, ging es führenden Vertretern des BUND doch um etwas ganz anderes: nämlich um die Zerstörung der Natur in Folge solcher Großtechnologien und überhaupt durch die moderne Zivilisation. Der Mensch sei Element im Gefüge der Natur und habe sich in dem, was er tut, deren Gesetzen unterzuordnen und einzupassen. Herbert Gruhl und Bernhard Grzimek vom BUND, aber auch August Haußleiter und dem Vorzeige-Ökobauern Baldur Springmann ging es um die Erhaltung einer natürlichen, vielleicht auch gottgegebenen Ordnung der Natur; oder sogar sozialdarwinistisch um einen Überlebenskampf, den der Mensch zu verlieren drohe, wenn er sich gegen die Natur stellt.

K-Gruppler paktieren mit Ex-NSDAP-Mitgliedern

Dass Petra Kelly und Herbert Gruhl 1979 gemeinsam als Spitzenkandidaten zur Wahl des Europäischen Parlaments antraten, konnte also nur ein taktisches Bündnis auf Zeit sein. Ebenso, dass der Ex-CDU-Bundestagsabgeordnete Gruhl und August Haußleiter, ehemals Mitglied der NSDAP wie auch Baldur Springmann und Bernhard Grzimek, zusammen mit Helmut Neddermeyer auf der Gründungsversammlung der Grünen zu den geschäftsführenden Sprechern gewählt wurden. Und der Streit musste ausgetragen werden: einerseits, weil gezielt Vertreter der alten, nazistischen Rechten versuchten, Bürgerinitiativen und Gruppierungen der Grünen zu unterwandern – so waren etwa die Berliner Grünen von Rechten dominiert. Zum anderen versuchten die Reste der ehemaligen K-Gruppen ihrerseits, über die Grünen, Wähler für ihre politischen Ziele auszunutzen, die sie vorher schlichtweg nicht erreichen konnten – so drängte in Berlin die Alternative Liste ihre rechte Konkurrenz in politische Bedeutungslosigkeit.

Warum aber dieses, wenn auch nur taktische Bündnis? Beide Strömungen standen vor einem Dilemma, wenn man so will: in jeweils spiegelseitiger Verkehrung. Konnte die eine Strömung zwar auf Traditionen von Ökologie, Natur-, Umwelt- und Heimatschutz zurückgreifen, so waren diese Traditionen doch so in reaktionäre und faschistische Gesellschaftskonzeptionen und Politiken eingebunden, dass mit ihnen keine Wahlerfolge zu erwarten waren; die Bedeutungslosigkeit der von Gruhl 1982 mitbegründeten ÖDP bestätigte dies. Umgekehrt konnte die andere Strömung mit ihrer technik- und kapitalismuskritischen Ausrichtung zwar Unterstützung im links-alternativen Milieu erwarten, hatte aber auf die die Bürgerinitiativen bewegenden Fragen nach Umwelt- und Naturschutz überhaupt keine Antworten. Sie drohte, in einem doch nur technologisch ausgerichteten Modernisierungsdiskurs ("Green New Deal") stecken zu bleiben, weil die Bestimmung des Verhältnisses von Gesellschaft und Natur systematisch unterbelichtet blieb.

Um zu verstehen, wie es zum zeitweiligen Zusammengehen dieser sich in ihren Leitvorstellungen eher ausschließenden Strömungen kam, lohnt ein Blick auf die frühen 1970er-Jahre. Da erschienen nahezu zeitgleich und mit großem publizistischen Erfolg Bücher wie "Die Bevölkerungsbombe" von Paul R. Ehrlich (1971) und von "Das Selbstmordprogramm" von Gordon R. Taylor (1971); in diese Linie gehört auch Herbert Gruhls Buch "Ein Planet wird geplündert" (1975). Für den deutschsprachigen Bereich noch wirksamer war Konrad Lorenz' Schrift "Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit" (1973), zumal es in demselben Jahr erschien, in dem Lorenz den Nobelpreis für Medizin erhielt. In diesen Büchern werden die schon unübersehbar gewordenen ökologischen Probleme sozialdarwinistisch thematisiert mit Verweis auf eine "Übervölkerung", verursacht durch die hohen Geburtenraten in Asien und in Teilen der arabischen Welt einerseits bei gleichzeitiger "Überfremdung", "Entvolkung" und drohendem "Aussterben" der "weißen Rasse" (der Deutschen, der Europäer) andererseits. Damit verbunden seien die "Verwüstung des natürlichen Lebensraums" der Menschen sowie die Erschöpfung der natürlichen Ressourcen der Erde. In seiner drastisch-bildreichen Sprache versuchte Lorenz deutlich zu machen, dass die "Zivilisierung" der Menschheit zu deren "Verhausschweinung", also zu "Degeneration" und "Entartung" führe. Ökologisch sei es geboten, diesen Prozess rückgängig zu machen, die Menschheit zu "entzivilisieren", damit sie sich wieder in das Gleichgewicht der Natur einpassen und überleben könne.

Der sozialdarwinistische Ursprung des Ökologiebegriffs

Lorenz, bis zu seinem Lebensende überzeugter Nationalsozialist, hat mit dieser Schrift, aber auch mit vielen anderen Publikationen, die sozialdarwinistische Lehre Ernst Haeckels (1834–1919) aufgegriffen und weiterentwickelt. Für den Sozialdarwinismus ist die Definition von Ökologie, die Haeckel 1866 gegeben hat, grundlegend. Die Ökologie behandele danach die Beziehungen des Organismus zur ihn umgebenden Außenwelt, bestimme so die Existenzbedingungen des Organismus, an die er sich anzupassen habe. Der Sozialdarwinismus ist dann die Anwendung und Konkretisierung dieser allgemeinen Bestimmung auf den Menschen, dessen Existenzbedingungen und die von ihm zu erbringenden Anpassungsleistungen. Über Friedrich Ratzel (1844–1904), Alfred Ploetz (1860–1940) und andere wurde der in diesem Sinn ökologisch fundierte Sozialdarwinismus eine einflussreiche soziologische Lehre.

Erst nach einer äußerst heftigen Intervention Max Webers auf dem ersten Soziologentag 1910 wurden alle biologistischen Soziologien aus der Gesellschaftswissenschaft ausgeschlossen und in die Ökologie als einer Teildisziplin der Biologie abgedrängt. Zumindest für den deutschsprachigen Bereich hat sich dadurch eine schwierige Situation ergeben, in der die vermeintlich biologische Disziplin der Ökologie bei Bedarf politisch als Gesellschaftstheorie reaktiviert werden kann; so geschehen im Nationalsozialismus und dann eben wieder in den 1970er-Jahren.

Im öffentlich-kulturellen Bewusstsein zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren ohnehin, trotz des Ausschlusses aus der Soziologie, die sozialdarwinistische Ökologie und ihre Bilder von "Natur" und "natürlichem Leben" weiterhin präsent – und prägend unter anderem für die bündische Jugend und die Lebensreform-Bewegungen, die nach einem anderen, "authentischen" und "selbstbestimmten" Lebensstil suchten. An diese früheren Alternativbewegungen knüpften dann nach 1970 viele Teile des sich im Zerfall der Studentenbewegung formierenden neuen alternativen Milieus an – ohne die politisch fatalen Konsequenzen dieser als Ökologie und Naturschutz fungierenden sozialdarwinistischen Natur- und Gesellschaftsvorstellungen wahrzunehmen.

Zwar wurden Vertreter der konservativ-reaktionären Tradition der Ökologie aus führenden Positionen der Grünen verdrängt – August Haußleiter musste seine Sprecherposition schon im Juni 1980 abgeben, Baldur Springmann und Herbert Gruhl trennten sich 1981 von der Partei. Und auch in den Bildern, die bei der Gründungsversammlung im Januar 1980 sowie den beiden folgenden Bundesversammlungen gemacht und immer wieder abgedruckt werden, sieht man nur Vertreter des alternativen, nicht aber des rechten Milieus. Deren Ökologie- und Naturverständnis blieb aber weitgehend ungebrochen erhalten.

Das rechte Kapitel ist kaum erforscht

Bis heute ist diese Gemengelage im Zerfallsprozess der Studentenbewegung und in der Gründungsgeschichte der Grünen mit ihren Folgen nicht zureichend erforscht. Die Wichtigkeit dieser Aufarbeitung sei exemplarisch an zwei Biographien erläutert. Rolf Peter Sieferle (1949–2016) promovierte 1977 zur Revolutionslehre von Karl Marx, erarbeitete dann eine Geschichte der Alternativbewegungen und wurde mit weiteren Arbeiten zu einem wichtigen Theoretiker und Historiker der Ökologie. 1995 veröffentlichte er eine Essays-Sammlung zu führenden Vertretern der sogenannten "Konservativen Revolution". Und dann stimmte er am Ende seines Lebens mit "Das Migrationsproblem: Über die Unvereinbarkeit von Sozialstaat und Masseneinwanderung" und "Finis Germania", beide 2017 aus dem Nachlass veröffentlicht, in den neurechten Diskurs der Überfremdung und Umvolkung ein. Für Sieferle markierte diese Entwicklung keinen Bruch in seiner wissenschaftlichen Biographie, sondern es war die politische Konsequenz, die er aus seinen ökologischen Arbeiten zog.

Henning Eichberg (1942–2017), der unter anderem von 1971 bis 1978 an der Universität Stuttgart lehrte, war eine der Gründungsfiguren der "Neuen Rechten", der sofort das politische Potenzial der Alternativbewegungen und der Grünen bemerkte und diese in seinem Sinne einer Querfront-Strategie zu nutzen versuchte. In dieser Hinsicht versuchte er die sozialdarwinistische Ökologie in Richtung eines "Ethno-Pluralismus" sozialtheoretisch zu modernisieren und sich selbst dabei als Vertreter einer ökologisch aufgeklärten Linken zu positionieren. Um wirklich Einfluss nehmen zu können auf das Selbstverständnis der Grünen, kam Eichberg zu früh; um 1980 begann die "Neue Rechte" erst, sich zu formieren.

Sieferle zog die politischen Konsequenzen seiner Ökologie zu spät; die "Neue Rechte" und ihre Partei hatten sich schon zu sehr auf das "rot-grün versiffte Milieu" eingeschossen, konnten andere Strategien nicht mehr realisieren. Versteht man Sieferle und Eichberg als Repräsentanten von Strömungen, dann hätte ihr zeitgleiches Zusammentreffen durchaus zu einer anderen Entwicklung der Grünen führen können.


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1 Kommentar verfügbar

  • Steiner
    am 16.01.2020
    Antworten
    Bei diesem Henning Eichberg kann man gut beobachten, wie sich die alte Nazi-Ideologie bis heute wie ein Virus in scheinbar so kluge Geister eingeschlichen hat. Auch manche Professoren taugen nicht für die Demokratie, sondern machen sich zu Steigbügelhaltern eines verbrecherischen Totalitarimus.

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