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Verkehrtwende

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SUV war gestern. Jetzt rollen die CUVs an. Der neue Trend, mit einem tonnenschweren Caravan Utility Vehicle in den Urlaub zu fahren, zeigt sich aktuell auf der Stuttgarter Reisemesse CMT.

Auf der weltweit größten Tourismus- und Freizeitmesse ist die Welt noch in Ordnung. Schlechte Nachrichten sind auf der CMT 2020 deplatziert, hier gibt es Rekorde und Erfolge zu vermelden: "Die CMT 2020 ist die größte und schönste CMT, die es jemals gab", jubelte Messe-Geschäftsführer Roland Bleinroth zur Eröffnung. Ein wachsendes Bewusstsein für den ökologischen Fußabdruck oder gar die jüngst viel diskutierte Flugscham täten dem Reisen an sich glücklicherweise keinen Abbruch, betonte er. Im Gegenteil: "Die Reiselust ist ungebrochen. Der weltweite Tourismus steuert auf das zehnte Rekordjahr in Folge zu", so Bleinroth. Mit 2161 Ausstellern aus 100 Ländern und 360 Regionen verzeichne man neue CMT-Rekordwerte. Mit 1200 Fahrzeugen und 120 Premieren präsentiere man den "größten und vielfältigsten Caravaning-Bereich aller Zeiten", schwärmte er.

Das Angebot kommt zur rechten Zeit. "Der größte touristische Treiber in Deutschland ist Camping – es gibt kein Segment, das stärker wächst", weiß Uwe Frers, Geschäftsführer von ADAC Camping. "Der Trend kennt nur eine Richtung: nach oben." Wer dabei an Reisen mit Rucksack und Zelt denkt, liegt falsch. Campingplätze in Nah und Fern steuern die meisten Urlauber heute motorisiert an. Klassisch mit eigenem PKW und Wohnwagen im Schlepptau, auch als Caravan bezeichnet. Oder immer häufiger im rollenden Eigenheim mit eigenen Motor: Wohnmobilisten erobern die Welt.

Allein sechs der zehn riesigen Messehallen fungieren auf der CMT als Interimsparkplatz für die sogenannten Freizeitmobile, neudeutsch Caravan Utility Vehicle oder kurz CUV. Wer kritischen Auges durch die Hallen streift, wähnt sich auf einem anderen Stern: Abgasskandal, Autobahnstaus und Parkplatznot sind kein Thema. Die bedrohliche Klimakrise, die der Verkehrssektor hierzulande weiter anfeuert? Nichts mehr als eine Fata Morgana. Stattdessen präsentieren die Hersteller ihre Neuheiten vor Großdisplays, die idyllische Seenlandschaften unter strahlend blauem Himmel zeigen. Werbebotschaften sprechen von individueller Freiheit und einzigartigem Naturerlebnis. Zehntausende drängten sich am Eröffnungswochenende durch die Messehallen.

Die Boom-Branche erfreut das All-Time-High

Die "Caravaning-Branche brummt", sagt ein Aussteller auf der CMT. Ob tonnenschweres Luxusheim auf drei Achsen, Mini-Van zum Selbstausbau oder klassischer Wohnwagenanhänger, alle gingen weg wie geschnitten Brot. "Wenn nicht, dann macht man was falsch", so der Branchenkenner. Amtliche Statistiken spiegeln den Boom wider: Neuzulassungen von Wohnwagen und Reisemobilen legten in 2019 um 13 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zu. Von einen "All-time-high" von 80.000 Erstzulassungen spricht Kai Dhonau, Präsident des Deutschen Caravaning Handels-Verbands (DCHV).

Nicht nur für Rentner

Nach einer aktuellen Studie des Marktforschungsinstituts GfK können sich 14,2 Millionen Deutsche über 18 Jahre vorstellen, in den nächsten fünf Jahren einen Caravaning-Urlaub zu machen. Das ist fast ein Viertel der Erwachsenen in Deutschland. Alleine im kommenden Jahr erwägen 5,3 Millionen Deutsche, mit Caravan oder Reisemobil in den Urlaub zu fahren. Von wegen pensionierter Studiendirektor am Wohnmobil-Lenkrad: Besonders Caravaning-affin zeigen sich Millennials. 23 Prozent der Deutschen, die sich in den nächsten fünf Jahren für einen Caravaning-Urlaub interessieren, fallen in die Altersgruppe zwischen 25 und 34 Jahren. Die deutliche Mehrheit der Interessierten ist jünger als 45 Jahre, so ein weiteres Studienergebnis. (jl)

Der Fuhrpark wuchs rasant weiter. Laut Kraftfahrzeugbundesamt (KBA) waren zum Stichtag 1. Januar 2019 insgesamt 1.207.363 Freizeitfahrzeuge zugelassen. Mit 674.676 Fahrzeugen stellten Wohnwagen das größte Segment. Die Zahl der Reisemobile erreichte mit 532.687 ebenfalls einen neuen Höchststand. Branchenkenner erwarten, dass es bald mehr Reisemobile als Wohnwagen in Deutschland gibt. Seit Anfang 2010 wuchs allein ihr Bestand um über 200.000 Fahrzeuge.

Insgesamt liegt die Zahl der Freizeitmobile noch deutlich höher. Denn die KBA-Statistik erfasst nicht die Caravans der Dauercamper, die ohne Kennzeichen sind. Nach Hochrechnungen beträgt der Wohnwagen-Bestand in Deutschland über 900.000 Fahrzeuge. Ebenso fehlen im KBA-Register Fahrzeuge, die zum Stichtag vorübergehend außer Betrieb gesetzt waren. Zudem können Reisemobile auch als Pkw, Lkw oder Büromobil zugelassen werden, wodurch sie ebenfalls nicht von der Statistik erfasst werden.

Der Spritverbrauch ist Verschlusssache

Was die einen jubeln lässt, treibt Umwelt- und Klimaschützern die Sorgenfalten ins Gesicht. Verkehrswende verkehrt: Statt weniger verstopfen immer mehr Fahrzeuge Deutschlands Straßen, die zudem größer und schwerer als herkömmliche Autos sind. "Wer mit Wohnwagen oder Reisemobil unterwegs ist, hat ein Eigenheim mit im Gepäck", sagt Matthias Lieb, Landesvorsitzender des Verkehrsclubs Deutschland (VCD). Bis zu 3,5 Tonnen können Wohnmobile auf die Waage bringen, um noch mit Pkw-Führerschein gefahren zu werden. Ein Gewicht, das mit höherem klimaschädlichen CO2-Ausstoß zu Buche schlägt. "Zudem werden Wohnmobile öfter und weiter bewegt als früher", erwähnt Lieb die steigende Laufleistung der Fahrzeuge.

Wie viel Liter Sprit seine Fahrzeuge schlucken, verrät keiner der Hersteller. Verbrauchsangaben sucht man auf der CMT vergeblich. Touchscreens und Prospekte verraten nur Fahrzeuggröße und Schlaffläche. "Verbrauchsmessungen sind bei Reisemobilen noch nicht vorgeschrieben", erklärt ein Aussteller. Mit acht bis neun Liter ließe sich ein kleineres Wohnmobil fahren, versichert er. Die gängige Motorisierung basiere auf den gleichen Dieselmotoren, die in gewöhnlichen Kastenwägen verbaut sind. Alle Motoren erfüllten bereits die strengste Abgasnorm Euro 6d-TEMP.

"Wohnmobile sind sicher nicht das klimafreundlichste Verkehrsmittel, um von A nach B zu kommen", sagt Jürgen Resch, Vorsitzender der Deutschen Umwelthilfe (DUH). Wie im Pkw-Segment seien die Fahrzeuge in Größe, Gewicht und Ausstattung in den letzten Jahren immer weitergewachsen. Im Gegensatz zu der Nutzung von SUVs würden Wohnmobile aber üblicherweise nicht für alltägliche Besorgungsfahrten genutzt, in vielen Fällen würde Carsharing gewählt, betont Resch. Wohnmobil-Nutzer seien in der Regel auch sehr naturverbunden.

Dass nahezu 100 Prozent der Wohnmobile mit Dieselmotoren angetrieben werden, ärgert Resch dagegen. "Der Fiat Ducato ist dabei beispielsweise ein besonders verbreitetes, aber auch leider ein besonders schmutziges Diesel-Modell. Für den Motor dieses Modells, als auch für die eingesetzten Motoren von VW und Daimler, sind NOx-Hardware-Nachrüstlösungen verfügbar", fordert der DUH-Chef die Nachrüstung älterer Wohnmobile mit NOx-SCR-Katalysatoren.

Umweltfreundlicher als Flugverkehr

Geht es nach der Freizeitfahrzeug-Branche, dann sind Urlaubsfahrten mit dem eigenen Apartment dagegen nachhaltig. Hersteller und Lobbyisten berufen sich auf eine Studie des Darmstädter-Ökoinstituts von 2006 und deren Aktualisierung im Jahr 2012, in der verschiedene Reiseformen auf ihren ökologischen Fußabdruck untersucht sind. Die Ergebnisse der vier untersuchten Reiseziele zeigen, dass Wohnmobilfahrten stets mit geringeren CO2-Emissionen verbunden sind als Reisen mit Flugzeug oder Pkw und Hotelübernachtungen. Der Umweltvorteil fällt umso höher aus, je mehr Personen gemeinsam im Wohnmobil reisen und je kürzer die Wegstrecke ausfällt. Im Umkehrschluss sinkt der Umweltvorteil des Wohnmobils gegenüber Flugzeug und Pkw mit der steigenden Entfernung zum Urlaubsziel. "Festzuhalten ist, in den meisten Fällen verursacht die Reise mit dem Reisebus die geringsten Treibhausgasemissionen", so das Fazit der Studie, die im Auftrag des Caravaning-Industrieverbands erstellt wurde.

Nachhaltig? Ja, aber …

Langfristig wachse die Zahl deutscher Touristen, die "sozial und ökologisch nachhaltigem Reisen" positiv gegenüberstünden, so Martin Lohmann, wissenschaftlicher Berater der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR). Allerdings gebe es für die konkrete Reiseentscheidung zahlreiche weitere Faktoren, allen voran Schulferientermine oder die persönliche finanzielle Lage. "Die Mehrheit der Touristen macht eine Reise nicht, um die Natur zu schützen. Sie reisen, um schöne Ferien zu machen." So sei auch die sogenannte Flugscham mehr Ausdruck eines inneren Konflikts als dessen Lösung. Der zu beobachtende "Wertewandel" sei dennoch ein wichtiger erster Schritt, denn: "Ohne Einstellung kein Handeln." Die Veranstalter seien nun gefragt, mit entsprechenden Angeboten zu reagieren. (jl)

Ähnliches gilt für Wohnwagen ohne Motor. "Natürlich stellen auch wir uns dem Thema. Wir versuchen unsere Fahrzeuge so nachhaltig wie möglich zu bauen", betont Thomas Kamm, Marketing-Leiter bei Fendt. Der führende deutsche Caravan-Hersteller aus dem bayerischen Mertingen präsentiert auf der CMT ein Jubiläumsmodell, den 250 000.ten Fendt-Wohnwagen. "Wir schauen auf die Materialien, die wir verwenden", erwähnt Kamm, dass nur Holz aus zertifizierter Waldwirtschaft verbaut werde. Auch beim Gewicht habe sich sehr viel getan, verweist er auf Leichtbau, dem nur die notwendige Steifigkeit Grenzen setze. Und im Stammwerk habe man schon vor Jahren eine Holzstaub-Absauganlage installiert, deren Rückstände in einem Blockheizkraftwerk zur Heizung und Stromgewinnung verfeuert werden. Ganz ohne Emissionen ginge es aber nicht, räumt Kamm ein. Hier bedürfe es neuer Antriebstechnologien wie etwa der Brennstoffzelle beim Zugfahrzeug. Batteriegetriebene Autos seien wegen geringer Reichweiten weniger geeignet.

Da ist Jürgen Resch anderer Meinung. "Wir erhalten von vielen Campern auch besorgte Nachfragen, was zur Verbesserung der Umweltsituation unternommen werden kann", sagt er. Hier habe die DUH klare Forderungen: "Wir erwarten, dass die Wohnmobilbranche sich vom Dieselmotor vor dem Jahr 2025 bei Neufahrzeugen verabschiedet und in die Elektromobilität einsteigt", so Resch. Für eine kurze Übergangszeit würde sich dafür auch Flüssiggas CNG anbieten.

Klimakrise und Caravanurlaub? "Das Thema spielt bei den Besuchern keine Rolle", sagt ein Aussteller auf der CMT. "Es fällt auf, dass erstaunlich viele Foristen den menschengemachten Klimawandel leugnen oder zumindest verharmlosen", schreibt auch der Wohnmobil-Blogger Jörg Rüblinger. Bei einigen Kommentaren habe er den Eindruck, dass man sich keinesfalls den Spaß am "Umherfahren" mit dem tollen Wohnmobil vermiesen lassen möchte. Um sich keine Gedanken über eine mögliche Verhaltensänderung machen zu müssen, würden die wildesten Verschwörungstheorien aufgestellt.

Dass es auch anders geht, beweist der Verein "WOHNmobil für Klimaschutz", den begeisterte Camper im November gegründet haben. Mit dem Jahresbeitrag von einem Cent pro gefahrenen Kilometer wollen die Mitglieder Bäume pflanzen, die CO2 binden. Der erste Baum wurde zur Gründungsversammlung auf einem Wohnmobilstellplatz in Wiesbaden gesetzt. Auf der CMT werben die Wohnmobilisten für ihre Idee. "Wir haben bislang viel positive Resonanz erfahren", so ein erstes Messefazit.


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7 Kommentare verfügbar

  • Matze Graze
    vor 1 Woche
    Antworten
    Mal wieder eine herrliche Neiddebatte angestoßen. Der Autor sollte jedoch etwas besser recherchieren, denn das Akronym CUV ist nur bei der KnausTabbert Gruppe gebräuchlich und wird dort für Kastenwagen eingesetzt, also alles andere als Monster. Überdies sollte der Autor auch mal das Ganze mit dem…
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