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Lenkungskreis Stuttgart 21

Palla wird nicht hingerichtet

Lenkungskreis Stuttgart 21: Palla wird nicht hingerichtet
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Endlosprojekt Stuttgart 21: Mehrere Monate lang hat eine interne Konzernrevision der Bahn nach Problemen gesucht – und sehr viele gefunden. Bahnchefin Evelyn Palla gibt sich "erschüttert", sie will daraus Konsequenzen ziehen, verspricht "maximale Transparenz". Doch für den Revisionsbericht gilt das nicht.

Lange waren die Pressekonferenzen des Stuttgart-21-Lenkungskreises eine eher nüchterne Angelegenheit, was die Präsentation betrifft. Dann kam Frank Nopper. Am vergangenen Freitag übertraf sich der Stuttgarter Oberbürgermeister (CDU) noch einmal, als er sein Statement so einleitete: "Im Altertum wurden auch die Überbringer und Übermittler schlechter Nachrichten umgebracht. Wir sollten und wir können die neu im Amt befindliche Frau DB-Vorstandsvorsitzende Evelyn Palla von diesem Schicksal verschonen, weil sie für die Deutsche Bahn glaubhaft Besserung und weil sie schonungslose Offenheit gelobt hat." Palla, deren Pokerface auch ein Nopper nicht zu einem Mienenspiel bewegen kann, hat also noch einmal Glück gehabt.

Dass die leicht aus dem Ruder gelaufene Rhetorik des OB abgesehen von ein paar ungläubigen Lachern nicht viel Resonanz erfährt, liegt vielleicht auch daran, dass diese 37. Lenkungskreissitzung und die Pressekonferenz auch in anderer Hinsicht denkwürdig sind: Es wird so deutlich wie selten, wie sehr in vielerlei Hinsicht das Projekt Stuttgart 21 aus dem Ruder gelaufen ist. So zerknirscht und sich selbstkritisch gebend wie Palla hat man in dem Gremium wohl noch keine Bahn-Vertreter:in gesehen, wobei sich auch die Abgesandten der übrigen Projektpartner um einen etwas finsteren Ausdruck bemühen. Und ähnlich prominent war bislang auch nur ein Lenkungskreis besetzt, der vorangegangene im Dezember, der auch wie dieser in einem Konferenzraum des Stuttgarter Flughafens stattfand: Untypisch doppelt vertreten sind das Land Baden-Württemberg mit Ministerpräsident Cem Özdemir (Grüne) und Verkehrsministerin Nicole Razavi (CDU) sowie die Bahn mit Palla und Klaus Müller, dem neuen Geschäftsführer der Stuttgart-21-Projektgesellschaft PSU. Normale Besetzung dagegen für die Stadt Stuttgart mit Nopper und für den Verband Region Stuttgart (VRS) mit dessen Präsidenten Rainer Wieland (CDU).

Zur Einordnung ein Blick zurück: Nachdem die DB noch im Oktober 2025 im Lenkungskreis den anderen Projektpartnern sehr optimistisch eine Teileröffnung von S 21 für Ende 2026 in Aussicht gestellt hatte, zog schon einen Monat später Palla, seit September in ihrem Amt, die Reißleine. Der Termin wurde abgesagt, ohne einen neuen zu nennen, schon das ein Novum. Erst solle ab Anfang 2026 eine umfassende Untersuchung innerhalb des Unternehmens vorgenommen werden, eine sogenannte Konzernrevision, um Probleme zu identifizieren, sagte Palla bei der Sondersitzung am 15. Dezember. Zur Mitte des Jahres sollten dann das Ergebnis und ein neuer Fertigstellungstermin verkündet werden (Kontext berichtete). Davor: keine Zahlen, keine Daten.

Die bahninterne Geheimhaltung funktionierte indes nicht, schon in den vergangenen Monaten sickerten neue Daten durch (Kontext berichtete hier und hier), zuletzt war von einer Inbetriebnahme des Tiefbahnhofs Ende 2031 die Rede und von bis zu drei Milliarden Euro Mehrkosten.

Sämtliche durchgesickerten Zahlen bestätigte Palla nun am vergangenen Freitag: Ja, der Tiefbahnhof werde Ende 2031 für die meisten Zugverbindungen in Betrieb genommen, und ja, kosten werde das bis zu drei Milliarden Euro mehr, die "Gesamtwertprognose" liege dann bei 14,5 Milliarden Euro (bei Projektstart 2010 waren es noch zehn Milliarden weniger). In einer stufenweisen Inbetriebnahme sollen Erleichterungen für Reisende aber schon früher spürbar werden, der "Fernwanderweg" zu den Gleisen etwa sei Ende 2027 Geschichte (siehe Kasten).

Erschütternde Ergebnisse in feinster Controlling-Prosa

Doch was genau brachte nun die Revision zutage? Sie sei "erschüttert" über die Ergebnisse, sagte Palla, diese seinen sehr "ernüchternd" und "frustrierend" gewesen. Der Revisionsbericht zeige "gravierende Defizite in Planung, in Steuerung und auch im Risikomanagement", etwas später spricht sie von "organisatorischen Defiziten in Prozessen und Kontrollen", das bisherige Projektmanagement habe "nicht ausgereicht, um ein Projekt dieser Größenordnung zu steuern".

Neuer Zeitplan für Stuttgart 21

In der S-21-Lenkungskreissitzung am vergangenen Freitag nannte Bahnchefin Evelyn Palla als "persönlichen Anspruch": "Die kommenden Jahre bis zur Inbetriebnahme (von Stuttgart 21, d. Red.) dürfen sich für die Menschen hier in Stuttgart nicht so anfühlen wie die letzten Jahre". Ihr Plan für eine stufenweise Inbetriebnahme sieht so aus:

Dezember 2027: Über den Bonatzbau soll es eine direkte Verbindung zwischen Innenstadt und Kopfbahnhof geben, vergleichbar mit den Wegen in den ersten Jahren der Baustelle. Die beiden "Fernwanderwege" wären damit Geschichte.

2028: Der seit 2019 entkernte und im Inneren komplett umgebaute Bonatzbau soll mit neuen Läden und Serviceeinrichtungen in Betrieb genommen werden. Auch die Großbaustelle drumherum wolle die Bahn "sukzessive zurückbauen", sagt Palla, und damit "den Menschen hier in Stuttgart ihre Stadt Stück für Stück in neuem Glanz zurückgeben".

Dezember 2030: Der Fernbahnhof am Flughafen soll in Betrieb genommen werden, zunächst voraussichtlich für Regionalzüge aus und in Richtung Reutlingen, Tübingen und Ulm.

Dezember 2031: Der neue Tiefbahnhof soll in Betrieb gehen. Ab jetzt sollen alle Fernzüge und fast alle Regionalzüge hier halten – bis auf Züge aus und in Richtung Bad Cannstatt, die dies erst 2032 können sollen. Für diese Züge werde laut Bahn der Kopfbahnhof noch einige Monate weiterbetrieben, ab "Jahresmitte 2032" werde "der Kopfbahnhof nicht mehr benötigt". Die Aussage verwundert: In früheren Projektphasen war davon die Rede, dass nach einer kompletten Inbetriebnahme des Tiefbahnhofs für die Zeit des Probebetriebs der alte Kopfbahnhof noch für bis zu einem Jahr oder zumindest mehrere Monate liegen bleiben soll. Die Gäubahn soll bereits im Frühjahr 2032 vom Hauptbahnhof abgekoppelt werden und dann in Stuttgart-Vaihingen enden.

Juli 2032: Die verlängerte S-Bahn-Stammstrecke und die Haltestellen Mittnachtstraße/Rosenstein sollen in Betrieb genommen werden.

Dezember 2033: Der zwölf Kilometer lange Pfaffensteigtunnel soll in Betrieb genommen werden, über ihn soll die aus Richtung Zürich kommende Gäubahn über den Flughafen an den Tiefbahnhof angeschlossen werden. Damit hat er sich schon unmittelbar nach Baustart in diesem Jahr um ein Jahr verzögert. Palla verspricht, er trage "wesentlich zu einer rund 15 Minuten kürzeren Reisezeit zwischen Stuttgart und Zürich bei". Eine wohl bewusst missverständliche Aussage, denn der Tunnel allein schafft dies in keinem Fall (Kontext berichtete). Der frühere Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium Steffen Bilger (CDU) sprach 2021 noch von dreieinhalb Minuten. Projektkritiker bezweifeln, dass er überhaupt Zeitersparnisse bringt. (os)

Viel konkreter wird Palla nicht, auch nicht, als sie die "vier Hauptursachen" nennt, die zur Verschiebung geführt hätten: Erstens habe sich die Digitalisierung des Bahnknotens als deutlich schwieriger erwiesen als gedacht, zweitens hätten die Planungsprozesse "nicht immer den erforderlichen Reifegrad" gehabt, drittens sei das Technikgebäude von 2013 nicht mehr dem heutigen Bedarf angemessen, und viertens sei zu spät auf eine Normänderung bei der Stromversorgung reagiert worden.

Doch die DB habe den Anspruch, so Palla, "aus den Fehlern zu lernen und die verabredeten Termine künftig belastbar einzuhalten". Die Projektgesellschaft PSU werde "organisatorisch und personell" neu aufgestellt, Verantwortung und Steuerung gebündelt, Risikomanagement werde neu aufgesetzt, "Engpass-Ressourcen" würden konzernweit gesteuert, "um Verzögerungen frühzeitig zu erkennen". So weit, so vage. Feinste Controlling-Prosa, die eine Effizienzsteigerung und bessere Koordination der Bauabläufe verspricht, ohne auch nur im Ansatz anzudeuten, die Probleme könnten auch an der Struktur des Umzusetzenden liegen.

Damit bestätigt die Bahnchefin den Eindruck, den sie schon im vergangenen Dezember vermittelt hatte: Es geht ihr nur um ein besseres Managen des Projekts, nicht darum, dieses infrage zu stellen, zu verändern oder zu modifizieren. Es geht ihr um optimierte Prozesse der Umsetzung, nicht um die Substanz des Vorhabens. Der Gedanke etwa, dass angesichts so vieler schon geschehender Pannen auch die Leistungsfähigkeit des neuen Bahnhofs, die ohnehin von vielen renommierten Verkehrsexperten bezweifelt wird, nicht ganz so phantastisch ausfallen wird wie erhofft und daher unter Umständen ein dauerhafter paralleler Weiterbetrieb des Kopfbahnhofs nötig sein könnte, also eine Kombilösung wie 2011 von Heiner Geißler und Werner Stohler angeregt (Kontext berichtete), das hat hier keinen Platz. Am Schluss ihres Statements nennt Palla als "unverändertes Ziel": "Wir wollen und werden in Stuttgart den modernsten Bahnknoten Europas realisieren."

Gute Idee: mal den Kopfbahnhof sanieren

Immerhin Rainer Wieland vom VRS greift eine Frage auf, die auch die S-21-Kritiker:innen immer wieder vorbringen: Die dringende Sanierung der oberirdischen Infrastruktur, also des bestehenden Kopfbahnhofs und seiner Zulaufgleise. Auch wenn er hier den etwas seltsamen Begriff der "präventiven Instandhaltung" gebraucht. Wegen der nun längeren Projektdauer sei erforderlich, so Wieland, "dass bisherige Infrastrukturteile länger in Stand gehalten werden müssen als bisher", darauf lege der VRS großen Wert.

Auf Kontext-Frage, wie konkret die Bahn-Pläne hier in Sachen Sanierung schon seien, sieht sich der neue PSU-Geschäftsführer Müller indes nicht zuständig: Die Frage der Instandhaltung sei eine, die sich in erster Linie an den Streckenbetreiber DB Infrago richte, eine Tochter der Bahn. Was da im Augenblick in Bezug auf Stuttgart laufe oder geplant sei, wisse er nicht, aber "eins ist klar: Strecken, die heute im deutschen Netz betrieben werden, die werden doch ordentlich in Stand gehalten", behauptet Müller. Und auf die Nachfrage, ob angesichts der bestehenden Probleme mal wieder über eine Kombi-Lösung nachgedacht werde: "Das haben wir nicht auf dem Schirm, das werden wir auch nicht tun, denn wir haben eine andere Planfeststellung". Er glaube, dass das bestehende Konzept "eine Kombilösung nicht notwendig macht."

Der Gerechtigkeit halber muss gesagt werden: Auch die Vertreter der Projektpartner wollen öffentlich nicht von der puren Stuttgart-21-Projektidee weichen. Und um hier Tabula rasa zu machen, müssten sie sich auch halbwegs einig sein. Doch diese Möglichkeit, die angesichts der so massiv zutage getretenen Probleme schon lange nicht mehr so servierfertig auf dem Tisch lag, will keiner weiterdenken. Baden-Württembergs Ministerpräsident Cem Özdemir nicht, der angesichts der Proteste von S-21-Kritiker:innen vor den Konferenzräumen zwar sagt, er wäre früher auch "gerne oben geblieben". Aber, und da schaltet er wieder wie im Wahlkampf in maximalen Volkstümlichkeitsmodus, "dr Käs isch gessa, dr Kittel gflickt und dr Fisch butzt". Das ist immerhin eine neue Variante, früher nutzte er in S-21-Kontexten meist den Spruch: "Die Katz isch dr Baum nauf". Doch ansonsten honorieren er genau wie OB Nopper oder VRS-Präsident Wieland vor allem Pallas Offenheit und Ehrlichkeit und wünschen sich von der Bahn, dass sie sich ab jetzt einer besseren Kommunikation und einer besseren, zuverlässigeren Umsetzung des Projekts befleißigen – auch wenn in ihren Statements deutlich wird, dass das Vertrauen gestört ist.

"Maximale Transparenz" – aber Bericht bleibt geheim

Was die Offenheit angeht, nimmt Palla selbst den Mund recht voll. Sie habe einen klaren Anspruch in Bezug auf Stuttgart 21: "Und zwar maximale Transparenz und lückenlose Aufklärung". Wesentlich sei, "dass Ehrlichkeit und Realismus einkehren."

Für Özdemir hat diese versprochene Ehrlichkeit auch eine demokratietheoretische Dimension: Es gehe darum, verlorene Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen. Immer neue Verschiebungen und Pannen nährten auch "Zweifel an der Handlungsfähigkeit der liberalen Demokratie". Er verweist darauf, dass sich auch der US-Politologe Francis Fukuyama schon mit S 21 beschäftige (wenn auch, so die Kontext-Analyse, recht ahnungslos), und fragt: "Was kommt als nächstes? Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen oder was?" Vielleicht wäre erstmal der Bundesrechnungshof nicht schlecht.

Wie es tatsächlich mit der "maximalen Transparenz" der DB aussieht, zeigt sich aber schon bald in der Fragerunde der Pressekonferenz. Wo man denn den Revisionsbericht nachlesen könne, fragt ein SWR-Journalist. Gar nicht, "wir werden den Revisionsbericht nicht veröffentlichen", antwortet Palla und bittet um Verständnis, dass es sich um ein "Betriebs- und Geschäftsgeheimnis handelt".

Immerhin, die Journalist:innen und die Öffentlichkeit werden im Falle des Berichts nicht schlechter behandelt als die Projektpartner. Eine Frage an Landesverkehrsministerin Razavi offenbart, dass auch sie den Revisionsbericht nicht zu Gesicht bekam – und auch sonst niemand im Lenkungskreis. Was aber, so der Eindruck, eher achselzuckend hingenommen wird.

Doppelter Offenbarungseid

Spätestens hier möchte man sich die Augen reiben. Abgesehen davon, was die DB tatsächlich rechtlich gesehen für sich behalten darf, wäre angesichts eines offenkundigen planerischen, organisatorischen und kommunikativen Desasters doch überlegenswert, solche Unterlagen ohne Zwang öffentlich zu machen – allein, um Vertrauen wiederherzustellen. Wenn Özdemir vor dem bröckelnden Vertrauen in die Demokratie warnt, dann stellt sich schon die Frage, was für ein Zeichen es ist, wenn ein Unternehmen, das zu 100 Prozent in Staatsbesitz, also steuerfinanziert ist, solche Dokumente selbst den öffentlichen Trägern nicht zur Verfügung stellen will. Ganz sicher aber ist: Den Bericht unter Verschluss zu halten, führt Pallas vollmundige Ankündigung "maximaler Transparenz" ad absurdum.

Und so bleibt am Ende der Pressekonferenz der Eindruck: Beim Bau von Stuttgart 21 treten gewaltige Probleme auf und sind viele Fehler gemacht worden – und deswegen wird das Projekt völlig unverändert fortgeführt, es dauert eben ein paar Jahre länger. Damit ist diese Lenkungskreis-Runde nicht nur ein denkwürdiger Offenbarungseid, was die bisherige Planung und Bau-Organisation angeht. Sie erscheint auch wie ein Offenbarungseid, was die Schlüsse aus den bisherigen Abläufen angeht. Insofern sind die verkündeten Pläne der Bahn auch eine Ankündigung zukünftigen Scheiterns.

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