"Wer einen Sumpf trockenlegen will, sollte nicht die Frösche um Erlaubnis fragen", so könnte man zugespitzt die Haltung Francis Fukuyamas zu Stuttgart 21 beschreiben. "Wohin steuert die Welt?", fragt der amerikanische Politikwissenschaftler im Untertitel seines neuen Buches "Der letzte Mensch" und sorgt sich, dass die liberale Welt in autoritäre Strukturen abrutschen könnte. Und die Montagsdemos gegen das Großprojekt sind ein Teil davon? Ernsthaft? Aber der Reihe nach.
Fukuyamas These ist: Die liberale Demokratie sei gefährdet, wenn alles im Klein-Klein der verschiedenen Interessengruppen zerredet wird. Jede noch so kleine Lobbygruppe habe das Potenzial, Projekte, die für die Allgemeinheit sinnvoll wären, zu torpedieren. Dem Bürger werde dadurch vorgeführt, dass der Staat nichts mehr auf die Reihe bekomme. Als Folge verlören die Bürgerinnen und Bürger das Vertrauen in den Staat. "Die von der Vetokratie ausgelöste Frustration führt dann zu ihrem Gegenteil, nämlich einem autoritären Reflex, die Rechtsstaatlichkeit ganz außer Kraft zu setzen und Dinge einfach mit Willenskraft durchzusetzen", schreibt Fukuyama in "Der letzte Mensch".
Tatsächlich ist immer wieder zu hören: "In China wäre das längst gebaut." Vermutlich. Aber wollte der Rufer auch in einer Diktatur leben? Fukuyama befürchtet, dass der dauerfrustrierte Bürger sich irgendwann zur Selbstjustiz oder zur Wahl autoritärer Parteien entscheidet. Völlig von der Hand zu weisen ist diese Überlegung nicht. Doch ist dann ausgerechnet Stuttgart 21 das passende Beispiel?
Fukuyama argumentiert sehr abwägend – meistens
Erst am vergangenen Freitag hat die Bahnchefin Evelyn Palla den Offenbarungseid geleistet, indem sie 2031 als eigentliches Datum der Eröffnung von Stuttgart 21 bestätigt und nochmals Mehrkosten in Höhe von bis zu drei Milliarden Euro angekündigt hat. Grund für das nicht enden wollende Fiasko sind allerdings nicht renitente Gegner:innen des Projekts, sondern die Unfähigkeit der Bahn, ihre Baustelle in den Griff zu bekommen.
In seinem neuen Buch versucht Fukuyama, die Bedrohungen der liberalen Demokratien zu beschreiben. Der Text ist eigentlich eine sehr persönliche biografische Beschreibung seiner Entwicklung als Denker. Er schildert, wie sich seine Vorstellungen von Politik und Gesellschaft anhand klassischer Texte und dem Einfluss philosophischer Lehrer gebildet haben. Eine durchaus angenehme und informative Lektüre, die Philosophie- und Gesellschaftsgeschichte zusammen erzählt. Fukuyama beschreibt das Spannungsfeld zwischen Autorität und Freiheit, und das macht er sehr differenziert mit vielen Einerseits und Andererseits.




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