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Stellenabbau bei Festo

Doch kein Paradies

Stellenabbau bei Festo: Doch kein Paradies
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Der Maschinenbauer Festo in Esslingen legt im Rahmen seines Sparprogramms Beschäftigten derzeit Aufhebungsverträge vor. Dabei werde Druck ausgeübt, von Freiwilligkeit könne keine Rede sein, berichten Betroffene. Sie sind verbittert, denn bislang haben sie ihre Firma geradezu verehrt.

Am einem Dienstagmorgen ging bei Markus Berger die E-Mail ein: Er habe am nächsten Tag ein Personalgespräch. Seit mehr als 30 Jahren arbeitet er bei Festo in Esslingen, war immer stolz, Teil der "Festo-Familie" zu sein. Nun musste er sich von Kollegen aus der Personalabteilung sagen lassen, dass mit ihm im Unternehmen nicht mehr geplant werde, er in der künftigen Struktur nicht mehr vorkomme. Berger, der anders heißt, aber befürchtet, Ärger zu bekommen, wenn er mit der Presse spricht, war geschockt. Ihm sei bei dem Termin der Aufhebungsvertrag vorgelegt worden, er werde sofort 14 Tage freigestellt, solle sich beim Arbeitsamt und der Rentenversicherung melden und falls er persönliche Probleme habe, sei hier auf diesem DIN-A4-Zettel die Telefonnummer einer Sozialberatung. Danke schön, auf Wiedersehen.

"Das ist nicht Festo-like", sagt Berger. Die Abfindung, die er bekäme, falls er unterschreibt, ist zwar niedrig sechsstellig, aber auch ihm ist klar, dass die Summe nicht lange reicht. Und mit Mitte 50 in der derzeitigen wirtschaftlichen Lage noch einen Job zu bekommen, dürfte schwierig werden.

Ähnlich ergeht es derzeit vielen bei Festo. Der Maschinenbaukonzern, der im vergangenen Jahr seinen hundertsten Geburtstag feierte, gehört der Gründerfamilie Stoll. Bekannt wurde die Esslinger Firma durch ihre Ventile und Ventilinseln, heute arbeiten für sie weltweit 20.600 Frauen und Männer. Laut Konzernbilanz von 2024 ist die Lage gut, der Umsatz belief sich auf 3,4 Milliarden, der Gewinn auf 366 Millionen Euro. Für 2025 hat Festo bislang nur den Umsatz veröffentlicht: 3,33 Milliarden Euro. Klingt stabil.

Doch im Mai dieses Jahres gab Vorstandschef Thomas Böck bekannt, man werde von den 8.200 Arbeitsplätzen in Deutschland 1.300 streichen. Der Diplomingenieur ist seit Anfang 2024 bei Festo, zuvor war er in der Landmaschinenbranche tätig. Böck bezeichnet das Programm – jährlich sollen 200 Millionen Euro eingespart werden – als Transformation. Die sei laut Pressestelle "notwendig, um die langfristige Wettbewerbsfähigkeit von Festo als unabhängiges Familienunternehmen zu sichern und neue Wachstumsdynamik zu erschließen".

Auf die Kontext-Anfrage, wie viele Jobs in Esslingen wegfallen sollen und welche Bereiche besonders betroffen sind, antwortet die Festo-Pressestelle nicht konkret, sondern erklärt unbestimmt: "Wir beschäftigen derzeit 4.700 Mitarbeitende im Kreis Esslingen. Der Stellenabbau betrifft alle Bereiche des Unternehmens." Die nicht allzu kühne Interpretation: Der Stammsitz Esslingen wird besonders bluten müssen.

Neuer Ansprechpartner: Arbeitsamt

Start des Stellenabbaus ist das aktuell laufende "Freiwilligenprogramm", für das der Konzernbetriebsrat von Festo eine Betriebsvereinbarung mit der Firmenleitung abgeschlossen hat. Diese gilt bis Mitte August und regelt unter anderem eine Rentenbrücke und die Abfindung, die mit dem Faktor 1,2 berechnet wird, pro Beschäftigungsjahr gibt es also 1,2 Monatsgehälter. Das ist im Vergleich nicht schlecht – aber die Abfindung ist gedeckelt, was besonders langjährig Beschäftigte wie Berger benachteiligt. Auch so kann die Firma sparen.

In Bergers Vertrag, der ihm an jenem Mittwoch vorgelegt wurde, heißt es, der Mitarbeiter werde "ab sofort bis zu dem in §1 genannten Beendigungszeitpunkt unwiderruflich freigestellt". Gehalt werde gezahlt bis Ende März 2027, mit der letzten Abrechnung komme die Abfindung. In Bergers Kopf drehen sich die Gedanken seitdem. Warum ich? Was bleibt von der Abfindung nach Steuern übrig? Wo finde ich noch einen Job? Soll ich Rentenpunkte kaufen? Ist es klug, jetzt zu unterschreiben?

"Auf jeden Fall muss das gut überlegt sein", sagt Max Czipf, Bevollmächtigter der IG Metall Esslingen. Wer nicht nahe an der Rente ist, dem rate er eher ab. Gewerkschaftsmitglieder können sich bei der IG Metall beraten lassen. "Wir haben schon kollektiv Betroffenen erklärt, was zu beachten ist, und wer noch individuelle Fragen hat, kann einen Extratermin mit unserem Rechtsschutz ausmachen", sagt Czipf. "Manche Kolleg:innen kommen und haben wegen der Abfindung ein ganz gutes Gefühl. Wenn wir ihnen vorrechnen, was übrigbleibt, sind sie deutlich schlechter drauf. Das ist wirklich bitter zu erleben." Schließlich werden Steuern auf die Abfindung fällig, und die ersten drei Monate bekommen sie in der Regel kein Arbeitslosengeld, weil sie ja "freiwillig" aus einem unbefristeten Arbeitsverhältnis aussteigen.

Dass Festo solche Aufhebungsverträge auch Schwerbehinderten, Alleinerziehenden und Betriebsräten vorlegt, findet Czipf unsäglich. Marcel Diaw, Vorsitzender des Konzernbetriebsrats (KBR), verweist derweil auf die "doppelte Freiwilligkeit", die vereinbart sei. Arbeitgeber und Arbeitnehmer:in müssen zustimmen, damit der Aufhebungsvertrag wirksam wird.

Wie es weitergeht, weiß auch der Betriebsrat nicht

Nun sind solche Freiwilligenprogramme vor allem in Konzernen nicht besonders ungewöhnlich, bekannt sind sie auch von Mercedes. Zuletzt konnten Beschäftigte dort inklusive Turboprämie, wenn sie sich also schnell entscheiden, bis zu 500.000 Euro bekommen. Laut "Handelsblatt" haben etwa 5.500 Beschäftigte das Unternehmen bis April 2026 verlassen. Im Gegenzug hat der Mercedes-Betriebsrat ausgehandelt, dass die Beschäftigungssicherung bis Ende 2034 verlängert wird.

Wenn Unternehmen viele Jobs streichen wollen, stellt der Betriebsrat in der Regel fest, dass es sich somit um eine Betriebsänderung handelt und fordert die Arbeitgeberseite zu einem Interessenausgleich auf, anschließend wird ein Sozialplan verhandelt. In dem werden Kriterien festgelegt wie Sozialauswahl – also die Berücksichtigung von Faktoren wie Alter, Dauer der Betriebszugehörigkeit, Unterhaltspflichten für Kinder oder Schwerbehinderung – und auch die Höhe der Abfindungen. Zudem kann ein Betriebsrat mit Interessenausgleichs- und Sozialplanverhandlungen den Stellenabbau hinauszögern und eventuell Abfindungen in die Höhe treiben. Ein solches Verfahren ist dann transparent, zumal das Management seine Abbaupläne begründen muss, also eine Strategie vorlegt. Jedenfalls wenn's gut läuft.

Die Strategie bei Festo ist bislang offenbar geheim. Auch KBR-Chef Diaw weiß nicht, wie und mit wie vielen Mitarbeitenden sich der Konzern künftig aufstellen will. Wo sollen denn die 1.300 Jobs gestrichen werden? Wie stark trifft es Esslingen, wie stark das Saarland, wo der 47-jährige Diaw im Werk in Rohrbach arbeitet? "Das wissen wir nicht", sagt der KBR-Chef, aber er könne sich vorstellen, welches Abbaupotenzial in den zwei Bundesländern stecke. Genauer will er nicht werden. Mitte August werde die Geschäftsleitung die neue Organisationsstruktur vorstellen. Dann werde man sehen. "Wir halten die Stellenabbaupläne für maßlos überzogen", betont Diaw. Doch verhindern könne man sie nicht. Als Arbeitnehmervertretung sei für ihn das wichtigste, betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden.

Enttäuscht von der Gründerfamilie Stoll

Im Unternehmen wird vom Sparkonzept unter dem Stichwort "shape to grow" (etwa: gestalte, um zu wachsen) gesprochen. Aber mit wem wolle man wachsen?, fragt sich Gabriele König (Name ebenfalls geändert). Auch sie hat einen Aufhebungsvertrag vorgelegt bekommen, auch sie arbeitet seit über 30 Jahren für den Automatisierungsspezialisten. "Ich war im Laufe der Jahre in verschiedenen Abteilungen", sagt sie, ihre Arbeit habe sie gerne gemacht – weil Festo einfach ein gutes und soziales Unternehmen gewesen sei. Als sie nun im Personalgespräch wissen wollte, nach welchen Kriterien die Leute denn ausgesucht würden, ob es um ihre Leistung gehe, habe sie keine Antworten bekommen. Die Firma begrüße es, wenn sie sich schnell entscheide, auf Wiedersehen.

"Das ist doch keine Art", findet König. "So viele Menschen haben alles gegeben für die Firma. Und jetzt das!" Lange habe sie gedacht, die Eigentümer, also die Stolls, würden mal eingreifen, erzählt sie nicht als einzige. Doch der Betriebsrat klärte übers Intranet auf: "Der Aufsichtsrat (darunter vier Mitglieder der Familie Stoll) trägt den Stellenabbau mit."

König lässt sich von den aktuellen Entwicklungen nicht entmutigen. Die Endfünfzigerin ist sicher: "Ich habe Perspektiven." Aber sie ist tief enttäuscht und glaubt, dass es für Festo nicht gut weitergehen wird. "Es ist ja nicht so, als hätten wir uns bei der Arbeit gelangweilt. Im Gegenteil, wir hatten mehr als genug zu tun." Wie also, fragt sie sich, will die Firma mit weniger Leuten mehr rausholen? "Und wer will denn bei so einem Unternehmen arbeiten?" Sie habe zudem den Eindruck, dass der Betriebsrat nicht gerade kämpferisch mit der Situation umgehe. Dessen Vorsitzende in Esslingen Kaja Helbig erklärt auf Anfrage, der Betriebsrat berate ununterbrochen betroffene Kolleg:innen. Das Gremium wisse auch nicht, wer seinen Job aufgeben soll, Interessenausgleich und Sozialplan-Verhandlungen stünden noch an und man sei in ständigem Kontakt mit einem Rechtsanwalt und der IG Metall.

Die Pressestelle spricht von Respekt und Transparenz

Aber König fehlten und fehlen Informationen und Diskussionen, wie auf den Stellenabbau zu reagieren sei. Besonders kämpferisch war die Festo-Belegschaft noch nie – dafür saß der Glaube zu tief, dass die Firma immer gut zu ihren Leuten sei. "Seit einigen Wochen aber treten die Leute bei uns ein", sagt IG-Metaller Czipf. Auch seien die Vertrauensleute – gewählte Gewerkschaftsmitglieder im Betrieb – sehr aktiv. Immerhin gab es zwei Infostände in der Mittagspause an den Standorten in Esslingen-Berkheim und in Ostfildern-Scharnhausen, bei denen sich laut IG Metall um die 400 Kolleg:innen informiert hätten.

Mittlerweile ist im Betrieb die Stimmung logischerweise schlecht. Niemand weiß, ob er oder sie nicht morgen auch eine Einladung zum Personalgespräch bekommt. Das Üble, so berichten Berger und König übereinstimmend, sei, wie in diesen Gesprächen unterschwellig Druck aufgebaut werde. "Da wurde angedeutet, man wisse ja nicht, was bei den Sozialplanverhandlungen rauskommt, man solle lieber jetzt unterschreiben." Darauf angesprochen, erklärt die Festo-Pressestelle: "Die Personalgespräche führen wir mit größtem Respekt und Transparenz. (…) Niemand wird bei Festo unter Druck gesetzt, einen Aufhebungsvertrag zu unterschreiben."

Das können Berger und König, also zwei von denen, die es erlebt haben, nicht bestätigen. "Das hat mit Freiwilligkeit nichts zu tun", sagt König. Beide erinnern sich, wie gut die Stimmung im Unternehmen einst war. "Wenn es schwierige Situationen gab, hieß es, jetzt legen wir mal eine Schippe drauf. Und das hat dann auch geklappt", sagt Berger. Immer wieder habe es geheißen: "Festo ist das Werk vieler Hände". Doch das ist Vergangenheit. Festo will mehr Gewinn, um zu wachsen, und vielleicht auch für die Eigentümerfamilie Stoll. Die belegt mit 3,5 Milliarden Euro Vermögen Platz 77 in der Liste des "Manager-Magazins" der hundert reichsten Deutschen.

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