"Auf jeden Fall muss das gut überlegt sein", sagt Max Czipf, Bevollmächtigter der IG Metall Esslingen. Wer nicht nahe an der Rente ist, dem rate er eher ab. Gewerkschaftsmitglieder können sich bei der IG Metall beraten lassen. "Wir haben schon kollektiv Betroffenen erklärt, was zu beachten ist, und wer noch individuelle Fragen hat, kann einen Extratermin mit unserem Rechtsschutz ausmachen", sagt Czipf. "Manche Kolleg:innen kommen und haben wegen der Abfindung ein ganz gutes Gefühl. Wenn wir ihnen vorrechnen, was übrigbleibt, sind sie deutlich schlechter drauf. Das ist wirklich bitter zu erleben." Schließlich werden Steuern auf die Abfindung fällig, und die ersten drei Monate bekommen sie in der Regel kein Arbeitslosengeld, weil sie ja "freiwillig" aus einem unbefristeten Arbeitsverhältnis aussteigen.
Dass Festo solche Aufhebungsverträge auch Schwerbehinderten, Alleinerziehenden und Betriebsräten vorlegt, findet Czipf unsäglich. Marcel Diaw, Vorsitzender des Konzernbetriebsrats (KBR), verweist derweil auf die "doppelte Freiwilligkeit", die vereinbart sei. Arbeitgeber und Arbeitnehmer:in müssen zustimmen, damit der Aufhebungsvertrag wirksam wird.
Wie es weitergeht, weiß auch der Betriebsrat nicht
Nun sind solche Freiwilligenprogramme vor allem in Konzernen nicht besonders ungewöhnlich, bekannt sind sie auch von Mercedes. Zuletzt konnten Beschäftigte dort inklusive Turboprämie, wenn sie sich also schnell entscheiden, bis zu 500.000 Euro bekommen. Laut "Handelsblatt" haben etwa 5.500 Beschäftigte das Unternehmen bis April 2026 verlassen. Im Gegenzug hat der Mercedes-Betriebsrat ausgehandelt, dass die Beschäftigungssicherung bis Ende 2034 verlängert wird.
Wenn Unternehmen viele Jobs streichen wollen, stellt der Betriebsrat in der Regel fest, dass es sich somit um eine Betriebsänderung handelt und fordert die Arbeitgeberseite zu einem Interessenausgleich auf, anschließend wird ein Sozialplan verhandelt. In dem werden Kriterien festgelegt wie Sozialauswahl – also die Berücksichtigung von Faktoren wie Alter, Dauer der Betriebszugehörigkeit, Unterhaltspflichten für Kinder oder Schwerbehinderung – und auch die Höhe der Abfindungen. Zudem kann ein Betriebsrat mit Interessenausgleichs- und Sozialplanverhandlungen den Stellenabbau hinauszögern und eventuell Abfindungen in die Höhe treiben. Ein solches Verfahren ist dann transparent, zumal das Management seine Abbaupläne begründen muss, also eine Strategie vorlegt. Jedenfalls wenn's gut läuft.
Die Strategie bei Festo ist bislang offenbar geheim. Auch KBR-Chef Diaw weiß nicht, wie und mit wie vielen Mitarbeitenden sich der Konzern künftig aufstellen will. Wo sollen denn die 1.300 Jobs gestrichen werden? Wie stark trifft es Esslingen, wie stark das Saarland, wo der 47-jährige Diaw im Werk in Rohrbach arbeitet? "Das wissen wir nicht", sagt der KBR-Chef, aber er könne sich vorstellen, welches Abbaupotenzial in den zwei Bundesländern stecke. Genauer will er nicht werden. Mitte August werde die Geschäftsleitung die neue Organisationsstruktur vorstellen. Dann werde man sehen. "Wir halten die Stellenabbaupläne für maßlos überzogen", betont Diaw. Doch verhindern könne man sie nicht. Als Arbeitnehmervertretung sei für ihn das wichtigste, betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden.
Enttäuscht von der Gründerfamilie Stoll
Im Unternehmen wird vom Sparkonzept unter dem Stichwort "shape to grow" (etwa: gestalte, um zu wachsen) gesprochen. Aber mit wem wolle man wachsen?, fragt sich Gabriele König (Name ebenfalls geändert). Auch sie hat einen Aufhebungsvertrag vorgelegt bekommen, auch sie arbeitet seit über 30 Jahren für den Automatisierungsspezialisten. "Ich war im Laufe der Jahre in verschiedenen Abteilungen", sagt sie, ihre Arbeit habe sie gerne gemacht – weil Festo einfach ein gutes und soziales Unternehmen gewesen sei. Als sie nun im Personalgespräch wissen wollte, nach welchen Kriterien die Leute denn ausgesucht würden, ob es um ihre Leistung gehe, habe sie keine Antworten bekommen. Die Firma begrüße es, wenn sie sich schnell entscheide, auf Wiedersehen.
"Das ist doch keine Art", findet König. "So viele Menschen haben alles gegeben für die Firma. Und jetzt das!" Lange habe sie gedacht, die Eigentümer, also die Stolls, würden mal eingreifen, erzählt sie nicht als einzige. Doch der Betriebsrat klärte übers Intranet auf: "Der Aufsichtsrat (darunter vier Mitglieder der Familie Stoll) trägt den Stellenabbau mit."
König lässt sich von den aktuellen Entwicklungen nicht entmutigen. Die Endfünfzigerin ist sicher: "Ich habe Perspektiven." Aber sie ist tief enttäuscht und glaubt, dass es für Festo nicht gut weitergehen wird. "Es ist ja nicht so, als hätten wir uns bei der Arbeit gelangweilt. Im Gegenteil, wir hatten mehr als genug zu tun." Wie also, fragt sie sich, will die Firma mit weniger Leuten mehr rausholen? "Und wer will denn bei so einem Unternehmen arbeiten?" Sie habe zudem den Eindruck, dass der Betriebsrat nicht gerade kämpferisch mit der Situation umgehe. Dessen Vorsitzende in Esslingen Kaja Helbig erklärt auf Anfrage, der Betriebsrat berate ununterbrochen betroffene Kolleg:innen. Das Gremium wisse auch nicht, wer seinen Job aufgeben soll, Interessenausgleich und Sozialplan-Verhandlungen stünden noch an und man sei in ständigem Kontakt mit einem Rechtsanwalt und der IG Metall.
Die Pressestelle spricht von Respekt und Transparenz
Aber König fehlten und fehlen Informationen und Diskussionen, wie auf den Stellenabbau zu reagieren sei. Besonders kämpferisch war die Festo-Belegschaft noch nie – dafür saß der Glaube zu tief, dass die Firma immer gut zu ihren Leuten sei. "Seit einigen Wochen aber treten die Leute bei uns ein", sagt IG-Metaller Czipf. Auch seien die Vertrauensleute – gewählte Gewerkschaftsmitglieder im Betrieb – sehr aktiv. Immerhin gab es zwei Infostände in der Mittagspause an den Standorten in Esslingen-Berkheim und in Ostfildern-Scharnhausen, bei denen sich laut IG Metall um die 400 Kolleg:innen informiert hätten.
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