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Bundesverkehrsminister Steffen Bilger

In Scheuers Fußstapfen

Bundesverkehrsminister Steffen Bilger: In Scheuers Fußstapfen
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In der Mobilitätspolitik in Deutschland lief so viel schief in den letzten Jahren, dass Steffen Bilgers (CDU) Rückkehr ins Bundesverkehrsministerium reichlich kühn anmutet. Mit innovativen Gedanken fiel er noch nicht auf.

Natürlich ist der Jurist mit Rechtsanwaltserfahrung ein Stuttgart-21-Fan, natürlich hat auch er das Märchen vom erfolgreichen Bestehen des 2011 absolvierten Stresstests nur zu gern erzählt, natürlich will er partout kein Tempolimit auf Autobahnen, natürlich ist er fürs Aus vom Verbrenner-Aus; viel lieber setzt er wie so viele in der Union auf den ungedeckten Wechsel Technologieoffenheit. Und natürlich hat Steffen Bilger die Grünen oft verunglimpft, namentlich den früheren baden-württembergischen Verkehrsminister Winfried Hermann, den er einen "Infrastrukturverhinderungsminister" nannte.

Die Verkehrspolitik ist eine der zentralen Stellschrauben, um der Erderwärmung entgegenzuwirken – im Rahmen noch vorhandener Möglichkeiten. Kontakt mit diesem Politikfeld hat Bilger, geboren 1979 im oberbayrischen Schongau und aufgewachsen im schwäbischen Backnang, zwar seit 2009, als er erstmals in den Bundestag gewählt und Mitglied des Verkehrsausschusses wurde. Als innovativer Vordenker konnte der neue Ressortchef auf Bundesebene jedoch bisher nicht auffallen. "Persönlich angenehm" immerhin nennen ihn die einen, einen "Apparatschik" oder einen "konservativen Parteisoldaten" die anderen. An die "völlige Priorisierung der eigenen Karriere gegenüber politischen Inhalten" erinnert sich der Journalist und frühere Remsecker FDP-Stadtverbandsvorsitzende Peter Welchering, wenn er an die gemeinsame Zeit in der Kommunalpolitik denkt. Keine guten Aussichten für die Mobilitätswende in der Bundesrepublik, was sich auch an zahlreichen Positionen aufzeigen lässt, die der in der Wolle gefärbte Schwarze im Laufe der Zeit angesammelt hat, und die bis heute wirken – oder sogar in die Zukunft.

Bilger verteidigte die "Ausländer-Maut"

Beispiel Pkw-Maut: Hunderte Millionen Euro mehr hätten nach seiner Zeit als Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium (2018 bis 2021) in die Sanierung von Schiene und Straße fließen können, hätte er sich aufgerufen gefühlt, sich der EU-rechtswidrigen Idee einer "Ausländer-Maut" zu widersetzen. Stattdessen griff Bilger wie sein damaliger Chef, Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), zu hanebüchenen Behauptungen, sogar am Rednerpult des Deutschen Bundestags: "Brüssel hat überhaupt nichts gegen eine Pkw-Maut." Und er gab sich sicher, dass im "Transitland Nummer eins Europas" mit seiner "unterfinanzierten Infrastruktur" ein europarechtskonformer Weg gefunden werde – um zwar von allen Autofahrer:innen aus dem In- und dem Ausland einen Obolus zu erheben, ihn den Deutschen aber über eine verringerte Kfz-Steuer zurückzuerstatten.

Doch relativ vorhersehbar kippte der Europäische Gerichtshof im Juni 2019 den waghalsigen Plan. Schlappe 270 Millionen Euro kostete die eklatante Fehleinschätzung der Maut-Fans die deutschen Steuerzahler:innen, darunter allein 27 Millionen Anwalts- und Gerichtskosten. Scheuer war vermessen genug gewesen, den Vertrag mit dem Mautbetreiberkonsortium abzuschließen, noch ehe der EuGH sein Urteil fällte. Und so war die unterfinanzierte Infrastruktur auf einen Schlag noch unterfinanzierter – das liebe Geld musste umgehend aus dem allgemeinen Haushalt aufgebracht werden.

Bilger kam mit einem blauen Auge davon. Nach eigenen Angaben war er als Parlamentarischer Staatssekretär nicht in die Vertragsverhandlungen eingebunden. "Im Nachhinein wäre es natürlich besser gewesen, die Verträge nicht vor dem Urteil zu unterzeichnen", schreibt er 2023 auf dem Portal Abgeordnetenwatch.de. Sogar ein Auftritt im Bundestags-Untersuchungsausschuss zum Mautdebakel blieb ihm erspart. Allerdings ist das Kapitel noch nicht zu Ende: Im Herbst beginnt vor dem Landgericht Berlin ein Prozess gegen Scheuer und seinen damaligen verbeamteten Staatssekretär Gerhard Schulz (parteilos) – "Mister Maut" genannt – wegen uneidlicher Falschaussage im Parlament.

Mit Tricks den Megatunnel durchgesetzt

Andere wichtige Entscheidungen früherer Jahre im Bundesverkehrsministerium werden den Neuen in der Chefetage unmittelbarer treffen. Ganz oben rangiert seine unverdrossene Werbung für Stuttgart 21 zu einem Zeitpunkt, als Kosten und Probleme längst explodiert waren. Und sein Plädoyer für den rund elf Kilometer langen Eisenbahntunnel, der vorübergehend sogar nach Bilger benannt war, mittlerweile aber als Pfaffensteigtunnel und längstes Bauwerk dieser Art in Deutschland in die Geschichte eingehen wird. 2020 hatte der damalige Verkehrsstaatssekretär den Tunnel als Alternative für einen Anschluss der Gäubahnstrecke an den S-21-Tiefbahnhof ins Spiel gebracht. "Tatkraft hat Steffen Bilger dadurch bewiesen, dass es ihm dank Schönrechnerei gelungen ist, die Finanzierung des überflüssigen Tunnels durch die Steuerzahler sicherzustellen" schreibt aktuell Martin Poguntke vom Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 anlässlich der Ministerernennung. Unter anderem seien sogar "die angeblichen Vorteile von Güterzügen miteingerechnet worden, die im Pfaffensteigtunnel jedoch gar nicht fahren dürfen". Wie hanebüchen dieser und andere Tricks waren, mit Hilfe derer Bilger den Tunnel wirtschaftlich erscheinen ließ, kommentierte Kontext schon 2021.

Erfolg hatte er mit diesem Vorgehen. In Rekordzeit wurde der erste Abschnitt des Tunnels planfestgestellt, erste Baumaßnahmen haben Anfang dieses Jahres begonnen, die Fertigstellung soll 2033 erfolgen. Ungeachtet der vielen Einwände etwa des Landesnaturschutzverbands (LNV), der gemeinsam mit BUND, Pro Gäubahn, Pro Bahn und dem Verkehrsclub Deutschland (VCD) vor unverhältnismäßig hohen Kosten warnte. Sie entstünden vor allem dadurch, dass nach dem bisherigen Konzept nur sechs Züge pro Stunde abgefertigt werden. Und die Schutzgemeinschaft Filder (SGF) hat als anerkannter Umweltfachverband Klage beim Bundesverwaltungsgericht in Leipzig eingereicht (Aktenzeichen: BVerwG 7 A 3.26), unterstützt von anderen Verbänden, darunter der Deutschen Umwelthilfe (DUH).

Der DUH wollte er die Gemeinnützigkeit nehmen

Da schließt sich noch ein Kreis, denn der 48-jährige Bilger schleppt eine weitere aufschlussreiche Altlast mit sich herum. Als Bezirksvorsitzender der CDU Nord-Württemberg hatte er 2018 per Bundesparteitagsbeschluss versucht, der DUH die Gemeinnützigkeit zu nehmen, so dass Spenden nicht mehr steuerlich absetzbar gewesen wären. Außerdem sollten öffentliche Gelder gestrichen und vor allem die Möglichkeiten des Verbandsklagerechts eingeschränkt werden.

Zwischenstopp Weikersheim

Steffen Bilger war in seiner politischen Jugend nicht nur früh, mit 17 Jahren, in die Junge Union und zeitgleich in die CDU eingetreten, sondern auch in anderen Gruppen aktiv. Im Mai 2004 etwa wurde er zum Vorsitzenden von Jung Weikersheim gewählt, der damals neugegründeten Jugendorganisation des Studienzentrums Weikersheim (SZW). Vom früheren baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger 1979 als konservative Denkfabrik gegründet, hatte das SZW schon früh den Ruf, eine Scharnierfunktion zwischen dem rechten Unionsflügel und rechtsextremen Positionen darzustellen. Bis 2007 waren alle CDU-Ministerpräsidenten im Südwesten Mitglieder des SZW, und möglicherweise wäre das Studienzentrum noch einige Zeit weiter im Nebel zwischen konservativem Thinktank und neurechter Begegnungsstätte gewabert, hätte sich der damalige Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) nicht im April 2007 als Verfasser seiner umstrittenen Trauerrede zu Filbingers Begräbnis eines Autoren aus dem Weikersheimer Umfeld bedient, der die Rede zur massiven Geschichtsklitterung nutzte.

Als eine Reaktion auf die heftige Kritik trat Oettinger aus dem SZW aus. Etwa zeitgleich legten Steffen Bilger und zwei weitere JU-Mitglieder ihre Vorstandsämter bei Jung Weikersheim nieder. Allerdings nicht wegen der Filbinger-Rede, sondern weil sie damit laut Berichten des SWR und der "Stuttgarter Nachrichten" ihre Ablehnung einer geplanten Veranstaltung mit dem Ex-General Reinhard Günzel ausdrücken wollten – dieser war 2003 wegen seiner Zustimmung zu einer als antisemitisch kritisierten Rede des CDU-Politikers Martin Hohmann entlassen worden. Seltsam dabei: Günzel war von Jung Weikersheim eingeladen worden. Die Vorstellung, dass die Vorstände der Jugendorganisation dies nicht mitbekommen oder schon früher die Fragwürdigkeit einer solchen Veranstaltung erkannt haben sollen, mutet etwas seltsam an. Auf Nachfragen reagierte Bilger später eher einsilbig – "Herrn Günzel kenne ich nicht", antwortete er auf eine Frage bei Abgeordnetenwatch.de.  (os)

Vernünftige Rechtsgelehrte könnten durchaus darüber nachdenken, ob und wie das Klagerecht ohne eigene Betroffenheit weiterzuentwickeln wäre. Die Entstehungsgeschichte des Antrags aus Nordwürttemberg ist aber entlarvend: Nach dem massenhaften Betrug der deutschen Autoindustrie durch manipulierte Abgasberechnungen hatte die DUH zahlreiche Fahrverbote zum Zwecke der Luftreinhaltung erwirkt. Die wiederum waren der Union im Ganzen und Bilger im Speziellen ein Dorn im Auge. Kommentare in sozialen Medien oder Fragen auf Abgeordnetenwatch.de schlugen den Bogen zu namhaften Autoherstellern und Zulieferern aus dem Land. Viele davon waren in den Betrugsskandal verwickelt, etwa Daimler, Audi, Porsche oder Bosch. "Wäre die CDU mit nur zehn Prozent dieses Eifers gegen die Trickser und Betrüger in der Autoindustrie vorgegangen, hätten sich die Klagen der DUH längst erledigt", schrieb damals der stellvertretende Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion Oliver Krischer im Netz.

Inzwischen haben sich die Rahmenbedingungen tatsächlich verändert im Zuge von Bürokratieabbau und Verfahrensbeschleunigung. Kurz vor der Sommerpause hat der Bundestag gegen die Stimmen von Grünen und Linken das Umwelt-Rechtsbehelfsgesetz novelliert. Danach haben Klagen gegen Projekte in den Bereichen Energie, Telekommunikation, Klimaschutz, Klimaanpassung, Ernährungssicherheit und vor allem Verkehr künftig keine aufschiebende Wirkung mehr. Dem Pfaffensteigtunnel kommt das beträchtlich entgegen.

Und Bilger, der schon Mitglied der Schüler-Union und später Landeschef der Jungen Union war, setzt auf ein zweites, ebenfalls Ende Juni verabschiedetes Vorhaben der Bundesregierung: das Infrastruktur-Zukunftsgesetz. Mit ihm wird vielen Bundesfernstraßen, Tunneln, Brücken, Schienennetzen und Wasserwegen von Rechts wegen ein Vorrangstatus eingeräumt, Umweltbelange können bei behördlichen Abwägungen rechtlich zurückgestuft werden. Versprochen wird eine "Mobilität der Zukunft made in Germany".

Uraltidee Nordost-Ring? Findet Bilger "total positiv"

Das klingt wie eine Drohung, was sich an einer weiteren überkommenen Position aufzeigen lässt: Zu allem Überfluss ist der neue Minister Unterstützer des guten alten Nordost-Rings, der Stuttgarter Umfahrung von Kornwestheim und der B 27 nach Fellbach und Waiblingen zu B 14 und B 29. Das seit Jahrzehnten umstrittene Vorhaben ist neu belebt als "Grüner Tunnel" (Kontext berichtete) – und damit als "ökologische Mogelpackung", so Ex-Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) vor einem Jahr bei einer Podiumsdiskussion. Bilger sprach dagegen von einer "total positiven Initiative" aus der Wirtschaft.

Gegen diese These sind etliche Argumente zusammengetragen worden. Etwa die Zerstörung bester Ackerböden für Sonderkulturen und zur Nahversorgung auch durch die neue, angeblich so grüne offene Bauweise, weil aufgeschüttete neue Erde bis zu zehn Jahren braucht, um die Qualität der alten zu erreichen. Oder die Verkehrsvermehrung durch 60.000 bis 70.000 zusätzliche Autos. Solchen Kontroversen will sich der Nachfolger des geschassten Patrick Schnieder (CDU) aber lieber gar nicht erst stellen. Bilger will die Infrastruktur "aus den Negativschlagzeilen rausholen", und in seinen ersten Interviews erklärt er "den Streit der vergangenen Jahre, Auto gegen Radverkehr, Schiene gegen Straße" kurzerhand für beendet. Da lohnt genaues Zuhören, denn der Vater von drei Kindern spricht allen Mobilitätsformen ihre Berechtigung zu, was sich darin ausdrücken solle, dass sie "alle auch politische Unterstützung bekommen müssen".

Das ist eine waghalsige These mitten im Klimawandel-Sommer 2026. Denn alle ernsthaften Prognosen und Analysen belegen, dass sich gerade der Auto- und der LKW-Verkehr erheblich werden verändern müssen, um die aus dem Pariser Klimaabkommen von 2015 abgeleiteten Ziele bei der Treibhausgasverringerung zu schaffen. Mit dem Nordost-Ring, einem von vielen aus der Zeit gefallenen Vorhaben republikweit, wird Bilger wie auf dem Silbertablett die Möglichkeit präsentiert, seine Enkeltauglichkeit zu beweisen. Und mit einer Absage an alle weiteren Planungen zu zeigen, dass er die Zeichen der Zeit erkannt hat. Nach dem heutigen Stand der Dinge lässt einer wie er diese Gelegenheit in größter Gelassenheit an sich vorüberziehen.

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