Man hat es geahnt, aber es ist eine ungeheuerliche Aussage. Ausgerechnet Werner Stohler, der ehemalige Chef des Schweizer Unternehmens für Verkehrsplanung SMA, der die Leistungsfähigkeit für den neuen Stuttgarter Tiefbahnhof testiert hat, sagt, dass die behauptete Zugkapazität durch den sogenannten Stresstest nicht belegt werden kann.
Zu hören sind Stohlers Aussagen in "Die sieben Todsünden von Stuttgart 21", dem neuen Film des Autors und Regisseurs Klaus Gietinger. Konkret sagt Stohler: "Ich habe eben selber nicht an diese Kapazitätsrechnungen geglaubt. Und habe ehrlich gestanden mich gar nicht mehr heftig darum gekümmert. Weil sie für mich wissenschaftlich aber wertlos waren." Wie bitte? Da sitzt ein älterer Herr vor idyllischer Kulisse und sagt, dass eine zentrale Versprechung des Projekts nicht haltbar ist. Man muss schon die Ruhe weg haben, wenn man sich für eine Investition von inzwischen rund 14,5 Milliarden Euro nicht mehr interessiert, weil die eigenen Aussagen darüber wissenschaftlich nicht haltbar sind. Und gleichzeitig sein Testat die Grundlage für eine Volksabstimmung war. Der Mann ist Schweizer und sollte daher wissen, dass Volksabstimmungen keine Kinkerlitzchen sind.
Blick zurück ins Jahr 2011 und auf den Stresstest
"Der neue Bahnhof Stuttgart 21 wird erheblich leistungsfähiger sein als der alte Kopfbahnhof" – das war das Mantra der Projektbefürworter von Anfang an. Und von Anfang an wurde diese Aussage von vielen angezweifelt. Der Streit über diese und viele andere Fragen führte erst zu großen Bürgerprotesten und schließlich im Herbst 2010 zur sogenannten Schlichtung, dem von Heiner Geißler moderierten S-21-Faktencheck. Viele erinnern sich an den Argumentationsmarathon zu einem Verkehrsprojekt, sogar im Fernsehen wurde das Ereignis tagelang live übertragen. Über eine Frage wurde so heftig gestritten, dass nicht einmal der Schlichter Geißler das Problem lösen konnte: Wie viele Züge können pro Stunde in den Hauptbahnhof ein- und ausfahren?
Um diese Frage auf verkehrswissenschaftlicher Basis zu klären, wurde eigens ein Stresstest für die neue unterirdische Infrastruktur in Auftrag gegeben. Ein gutes halbes Jahr dauerte es, bis der Stresstest vorlag. Mit großem Tamtam wurde er am 29. Juli 2011 im Stuttgarter Rathaus präsentiert und wieder live im Fernsehen übertragen. Das Ergebnis: Stuttgart 21 wird rund ein Drittel mehr Züge schaffen als bisher im Kopfbahnhof abgewickelt werden. 49 Züge pro Stunde sollte der neue Bahnhof bewältigen können, und laut Stresstest wurde diese Zahl auch erreicht.




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