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Bahnverkehr in Japan

Hightech und Taschenuhr

Bahnverkehr in Japan: Hightech und Taschenuhr
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Wo gibt es ein vorbildliches Eisenbahnsystem und was wird dort anders gemacht? Diese Fragen stellt man sich in Deutschland seit Jahren. Meistens fällt der Blick zunächst auf die Schweiz – doch es gibt eine Steigerungsform.

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Der Zug saust mit hoher Geschwindigkeit in den Bahnhof, bremst schnell, aber sanft ab, die Fahrgäste warten aufgereiht an fest markierten Punkten, die Türen gehen exakt an diesen Punkten auf. Fahrgäste steigen schnell aus, die Wartenden ebenso schnell ein, die Türen schließen sich, Sekunden später fährt der Zug ab. Wenn die letzten Wagen den Bahnsteig verlassen, ist der Zug schon mehr als 100 Kilometer pro Stunde schnell. Keine zwei Minuten dauert das Ganze.

Wo hat sich das zugetragen? Sicherlich nicht am Stuttgarter Hauptbahnhof, auch an keinem anderen Bahnhof in Deutschland. Die Szene spielt sich alle paar Minuten auf jedem größeren Bahnhof in Japan ab.

Wer den Bahnbetrieb in Japan erlebt hat, wie der Autor auf einigen Drehreisen für Arte und den SWR, reibt sich die Augen – wie kann das sein, dass alles wie am Schnürchen funktioniert? In Japan gilt eine Verspätungstoleranz von rund 30 Sekunden. Schon bei kürzesten Verspätungen gibt es Durchsagen, nach fünf Minuten Verspätung werden über Lautsprecher Entschuldigungen ausgesprochen. Bei der Deutschen Bahn gilt ein Zug mit fünf Minuten Verspätung noch als pünktlich.

Wie schaffen es die Japaner:innen, dass bei ihnen alles klappt, was in Deutschland große Probleme bereitet? Man könnte ganz einfach sagen: Weil die Japaner:innen eine funktionierende Bahn wollen.

Funktionierende Bahn unabdingbar

Japan ist auf einen gut funktionierenden Schienenverkehr angewiesen. In den Ballungsräumen der Küstenregionen wäre der Verkehr schlicht nicht anders zu bewältigen. Zentren wie Tokio und Osaka sind so dicht bebaut, dass nur noch der Zugverkehr mit den Menschenmassen zurechtkommt.

Japan und Deutschland im Vergleich

Schienennetz Japan: 22.207 Kilometer Spurweite 1.067 mm (Nahverkehr, Fernverkehr, Güterverkehr), 2.897 Kilometer Spurweite 1.435 mm (Shinkansen Hochgeschwindigkeitsstrecken), Deutschland: 33.500 Kilometer Spurweite 1.435 mm. Bevölkerung Japan: 123 Millionen Menschen, Deutschland: 83 Millionen Menschen. Fläche Japan: 377.975 Quadratkilometer, Deutschland: 357.682 Quadratkilometer.

Zur Einordnung der Zahlen in Bezug auf den Schienenverkehr ist wichtig, dass die japanische Bevölkerung zu rund 60 Prozent in den Ballungsräumen an den Küsten wohnt. Das Landesinnere ist zu einem großen Teil sehr dünn besiedelt. So sind 68 Prozent des Landes mit Wald bedeckt, in Deutschland sind es nur 30 Prozent. Das heißt, obwohl in Japan deutlich mehr Menschen wohnen und das Schienennetz kürzer ist als das deutsche, spielt die Bahn im Personenverkehr eine wichtigere Rolle.  (hk)

Zum Vergleich: 2010 wurden in Japan 22,7 Milliarden Menschen pro Jahr mit dem Zug transportiert, in Deutschland waren es nur 2,37 Milliarden Menschen. Im berühmten Shinkansen Hochgeschwindigkeitszug wurden 322 Millionen Menschen befördert, die ICEs in Deutschland haben nicht einmal die Hälfte dieser Passagierzahlen an Bord. Das zeigt: Der Zug spielt in Japan eine ungleich größere Rolle im Personenverkehr als in der Bundesrepublik.

Doch der Löwenanteil der Passagiere ist nicht im Prestigezug Shinkansen unterwegs ist, sondern im übrigen Nah- und Fernverkehr.

Japan hat zwei große Schienenverkehrssysteme. Das eine ist das normalspurige Shinkansen-Netz mit derselben Spurweite wie in Mitteleuropa, welches knapp 3.000 Kilometer Hochgeschwindigkeitsstrecken umfasst. Das zweite Schienennetz ist um ein Vielfaches größer. Es ist das ursprüngliche Schienennetz Japans mit einer Länge von rund 22.000 Kilometern. Dieses Netz ist nach europäischen Maßstäben ein Schmalspurnetz mit einer Spurweite von 1.067 Millimetern – ein wenig mehr als die alte Stuttgarter Straßenbahn hatte. Darauf fahren S-Bahnen und Expresszüge, aber auch sämtliche Güterzüge.

Ein Vorteil des Shinkansennetzes ist, dass dort nur Hochgeschwindigkeitszüge fahren, was den Betrieb vereinfacht. Allerdings wird auf dem Schmalspurnetz genauso pünktlich gefahren wie im Shinkansennetz – trotz des Mischbetriebs. Den nennt die Deutsche Bahn immer wieder als einen Grund für ihre Schwierigkeiten.

Präzision und Disziplin

Dass die Bahn in Japan funktioniert, hat nicht nur mit Investitionen in die Infrastruktur zu tun. Das freilich auch, doch es ist vielmehr der Stellenwert, den die Bahn genießt. Am Endbahnhof einer Shinkansen-Linie rollt langsam ein Zug herein, er wird für die Fahrt bereitgestellt. Der Zugführer, der den Shinkansen übernehmen soll, kommt flott heran, stellt sich an einen bestimmten Punkt auf und zieht mit weiß behandschuhten Händen einen Schlüssel aus seinem Jackett, hält ihn mit angewinkeltem Arm nach oben und atmet aus. Er blickt geradeaus, der Zug hält, die Tür des Führerstands direkt vor ihm, er senkt den Arm und schiebt den Schlüssel geradeaus ins Schlüsselloch, keinen Zentimeter nach links oder rechts muss er die Hand bewegen. Wieder atmet er bewusst aus. Ein Ritual, das die Exaktheit, die Präzision eines Uhrwerks feiert. So muss es sein, so wird es erwartet und jede Abweichung wäre eine gravierende Störung.

Es herrscht Disziplin, auch bei den Fahrgästen. Sie stehen nicht irgendwo herum, sondern in einer Schlange vor den markierten Haltepunkten der Türen. Und die Züge halten auf den Zentimeter exakt an diesen Stellen. Auf den Bahnsteigen ist für jede Zuggattung der exakte Haltepunkt der Tür eingezeichnet. Das Funktionieren des Systems hat oberste Priorität, und zwar im Sinne der Kund:innen. Die Kundenzufriedenheit ist in Japan ein hohes Gut, nicht nur bei der Eisenbahn – in jedem Laden, in jedem Restaurant ist sie Ehrensache. Mit entsprechender Wertschätzung verhalten sich auch die Kund:innen. Das Eigeninteresse hat gegenüber dem Interesse der Gemeinschaft zurückzustehen, Rücksichtnahme ist daher ein Gebot. Das gilt vor allem seitens der Bahngesellschaft gegenüber den Kund:innen. An dieser Stelle will man an einen Vergleich mit der Deutschen Bahn gar nicht erst denken.

Die Japaner ticken schlicht anders, könnte man also sagen. Die kollektivistische Haltung in Japan wird schon von Kindesbeinen an trainiert. Das zeigt sich zum Beispiel in Eisenbahnmuseen wie dem großen Museum von Kyoto. Eine Schulklasse nach der anderen wird durchs Museum geführt. Doch dabei wird nicht nur die Geschichte gezeigt. Die Bahn ist hier das Verkehrsmittel der Zukunft, und so wird viel neue Technik ausgestellt. Anlaufstelle für die meisten Kinder ist eine ganze Batterie von Fahrsimulatoren. Jeder darf mit einer S-Bahn fahren, es gibt nur wenige Schalter und vor allem zwei Aufgaben: Erstens, der Zug muss pünktlich ankommen, zweitens, er muss an der exakt richtigen Stelle am Bahnsteig halten. Dann gibt's ein Bild mit Lokführermütze und Jackett. (Der Autor ist kläglich gescheitert, er kam zu spät und vor Beginn des Bahnsteigs zum Halten.)

Perfektion hat seinen Preis

Ein System muss funktionieren – das ist eine Haltung, die man in Japan hat, gepaart mit einem gewissen Perfektionismus. Das System wird nicht nur gebaut, sondern auch in Schuss gehalten. Der politische Wille, die Bahn zu solch einem perfekten System zu machen, lässt sich aus dieser Haltung heraus verstehen. Das gilt, obwohl die japanischen Eisenbahnen privatisiert sind. In den 1980er-Jahren wurde die staatliche Bahn in sieben Japan-Rail-Gesellschaften aufgeteilt. An den nicht profitablen ist der Staat noch beteiligt.

Zu diesem anspruchsvollen Betriebsprogramm gehört auch die dauernde Wartung der Bahnanlagen. Dabei hilft, dass man in Japan nicht allzu spät ins Bett geht. In der Nacht gibt es lange Betriebspausen, in denen Bautrupps unterwegs sind. Geradezu legendär ist der "Doctor Yellow", ein gelber Shinkansen mit Messinstrumenten, der unermüdlich im Einsatz ist. Sein Fahrplan ist geheim und für Eisenbahnfans ist ein Foto eines Doctor Yellows eine echte Trophäe. Künftig sollen auch normale Shinkansenzüge mit Messgeräten ausgestattet werden, um im laufenden Betrieb den Zustand der Strecken zu kontrollieren.

Ist Japan also das heilige Land des Schienenverkehrs? Der perfekte Betrieb hat auch seinen Preis. Die Arbeitswelt ist streng hierarchisch, und wenn die Normen nicht erfüllt werden, gibt es teils erniedrigende Sanktionen. Lokführer stehen unter enormem Druck. Fahren sie öfter unpünktlich, soll es Kurse geben, in denen sie auf Linie gebracht werden. Der Druck ist so groß, dass es sogar zu einem Zugunglück gekommen sein soll: Aus Angst vor einer Strafe soll ein Lokführer 2005 zu schnell in eine Kurve gefahren sein und einen Unfall mit mehr als hundert Toten verursacht haben. Ansonsten gilt das japanische Bahnsystem jedoch als extrem sicher. Mit den zentral gesteuerten Shinkansen gab es noch keinen tödlichen Unfall. Nur die Endbremsung am Bahnhof übernimmt der Lokführer selbst.

Gewöhnungsbedürftig ist auch die Art, wie japanische Bahnstrecken gebaut sind. Bahnstrecken liegen oft sehr nah an den Häusern, manchmal sind zwischen Hauswand und Zug kaum anderthalb Meter. Die Shinkansen-Strecken werden dafür gerne auf Betonpfeilern aufgeständert, die sich geradezu durch die Metropolen fressen. Ein schöner Anblick ist das nicht, und der Bau solcher Strecken hätte in Deutschland wohl Bürgerinitiativen wie Pilze aus dem Boden schießen lassen. 

Noch gibt es auch auf dem Land einen guten Schienenverkehr. Doch in ländlichen Gegenden wie der Nordinsel Hokkaido werden mittlerweile wegen der schwindenden Bevölkerung Strecken stillgelegt.

Bahnchoreografie

Kaum ein Detail verrät so viel über den Geist der japanischen Eisenbahner:innen wie das "Shisa Kanko". "Zeigen und nennen" bedeutet der Begriff. Bahnmitarbeiter zeigen zum Beispiel auf einen Monitor und rufen "Einfahrt freigegeben", drehen sich im nächsten Moment um und zeigen mit ausgestrecktem Finger auf das Gleis: "Strecke frei". Gesten und Ausrufe begleiten die Arbeit der Eisenbahner:innen quasi sekündlich. Die Abfertigung eines Shinkansen wird so fast zum Ritual.

Das Ganze ist eine Sicherheitsmaßnahme, mit der die Fehlerquote um 85 Prozent reduziert werden soll. Wer auf etwas blickt und es zugleich benennt, übersieht nichts, so die Logik. Der äußerst zuverlässige Betrieb scheint dem recht zu geben.

Doch bevor der Shinkansen abfährt, wirft der Eisenbahner noch einen Blick auf seine Taschenuhr. Jeder japanische Eisenbahner hat eine Taschenuhr und in jedem Führerstand gibt es im Fahrpult eine Aussparung für eben diese, eine alte Tradition. Das ist Japan – es lehrt: Zuverlässigkeit braucht moderne Technik und alte Werte.

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