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Kontext-Sommerserie

Signale aus dem Blumentopf

Kontext-Sommerserie: Signale aus dem Blumentopf
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Oho, die feine Biene: Auf dem Balkon unserer Autorin lassen Insekten sehr engstirnige Präferenzen erkennen – und verschmähen mitunter prächtige Blüten. Was die Pflanzenwelt dazu zu sagen hat, ist so interpretationsoffen wie Telefonate zwischen Marsmenschen.

Neulich habe ich es doch tatsächlich getan: Ich habe mit einer Pflanze gesprochen! Ausgerechnet ich, die ich Menschen, die Bäume umarmen, übergriffig finde. Aber ich habe mich halt sehr gefreut, dass meine Veronica spicata jetzt in die zweite Blüte geht. Also habe ich zu ihr gesagt: "Danke, meine Kleine, da habe ich ja alles richtig gemacht!" Ohne mein Zutun wäre sie vermutlich nicht so weit gekommen. Balkonpflanzen brauchen ja eine besondere Behandlung: Viele muss man "ausputzen", das heißt regelmäßig Verblühtes entfernen. Sonst sind sie nicht mehr attraktiv für Fluginsekten. Der Veronica spicata soll man die verbliebenen grünen, rauen Röhren über dem nächsten Blattwirbel abschneiden. Dann wachsen dort neue, zart roséfarbene Ähren.

Meine Veronica spicata, die auch Ähriger Ehrenpreis genannt wird, habe ich in diesem Jahr als ideales Bienenfutter für mein Balkonien entdeckt, mein kleines Reich, über das ich schon vor drei Sommern an dieser Stelle berichtete. Veronica zieht wie verrückt größere Wildbienen an (zu denen übrigens auch die Hummeln gezählt werden). Nicht alle gehen beim Sammeln von Nektar und Pollen an die gleichen Pflanzen, sehr viele haben sich spezialisiert. Meine Holzbiene Emilia zum Beispiel gibt sich nur die Ehre, wenn ich Löwenmäulchen im Angebot habe. Die langen Ähren meiner ausufernd blühenden Mentha spicata (Speer-Minze) sind sehr beliebt. Ich liebe sie sehr, weil sie jedem Frost widersteht und jedes Frühjahr neu aussprießt. In Sachen Insekten lockt sie dagegen vor allem Stahlblaue Grillenjägerinnen aus der Gruppe der Grabwespen an, außerdem die grünlich schimmernden Schmeißfliegen (ja, auch die bringen uns Nutzen als Bestäuber:innen!), zudem zig wuselige Mini-Bienchen aus der Familie der Schmalbienen und Furchenbienen.

Der absolute Bienenbrüller ist nach wie vor mein Buschmalven-Trio. Das säe ich jeden Frühling neu aus, und erstaunlicherweise braucht es nur einen gewöhnlichen Blumenkasten, um bravourös protzen zu können mit riesigen, nektar- und pollenreichen, sich pink entfaltenden Blumenkelchen, die sich einen Meter in die Höhe schwingen und von den Windböen auf meinem vor Witterung eher ungeschützten Balkon des Öfteren in Schräglage gebracht werden. Sie sind sehr biegsam. In ihren geräumigen Blütenkelchen tummeln sich vor allem Hummeln.

Aber merkwürdig: Meine Schokominze und selbst mein Gelber Sonnenhut (im Gartencenter angepriesen als besonders bienenfreundlich) bleiben so gut wie unbeachtet von potenziellen Bestäuber:innen, denke ich, auf meinem Balkon mal wieder das Miteinander von Insekten und Pflanzen beobachtend. Damit bestätigt sich für mich die alte Gartenweisheit, dass die Ordnung der Hautflügler, zu denen alle Bienen-, Hummel- und Wespenarten zählen, immer das anfliegt, was sie ganz besonders gerne mag. Und ist davon genug da, lassen die Summenden und Brummenden anderes links liegen – auch wenn es eigentlich ganz appetitlich aussieht.

Ob das wissenschaftlich belegt ist, weiß ich nicht, aber ich habe den Eindruck, dass die Pflanzen, die nicht angeflogen werden, auch schneller eingehen oder mickrig dahinvegetieren. Sie haben irgendwann keine Lust mehr, Blüten zu produzieren. Gebrochener Fortpflanzungswille? Auch bei meiner Gazanie (Mittagsgold) ist das so. Ich halte mich an alles: möglichst wenig Wasser und Dünger, viel Sonne. Aber ein Insekt habe ich auf ihr nur einmal (!) gesehen, und das ruhte sich dort wohl nur aus.

Da sind sogar die Pflanzen sprachlos

Nachdem Europas Wälder brannten, Seen und Flüsse austrockneten, 2026 als tödlichstes Hitzejahr seit Erfassungsbeginn in die Geschichte eingehen dürfte, es also immer klarer wird, wie tief und finster der Abgrund ist, an dem wir selbstverschuldet stehen, betreibe ich auf meinem kleinen Stadtbalkon mal wieder biodiverse Kontemplation und denke, dass Stuttgarts Stadtplanung nicht nur steinzeitlich und völlig hirnlos ist, sondern existenzvernichtend und von einer nicht zu toppenden Wirtschaftshybris gesteuert. Nicht nur, weil auf den betonierten Straßen und Plätzen so gut wie nichts Schatten spendet, weil vielen Menschen hier Parkplätze für ihre SUVs wichtiger sind als Bäume. Überhaupt: diese überall sichtbare völlige Pflanzenlosigkeit! Schon im Kleinen: Schaue ich etwa von meinem eigenen auf die etwa 40 Balkone der Nachbarhäuser, sehe ich dort nur sehr wenig Grün. Die meisten Mieter:innen verwenden ihre Wohnungsaußenbereiche vor allem zum Wäschetrocknen oder als Abstellkammer.

Immer wieder frage ich mich, ob die Flora eigentlich etwas zu diesen fürchterlichen pflanzen- und dadurch auch menschenfeindlichen Zuständen zu sagen hat? Haben Pflanzen Gefühle? Kommunizieren sie untereinander? Was erfährt der Hürtgenwald vom ungeheuren Leid seiner Artgenossen in Frankreich, Spanien, Griechenland, Belgien?

Ob Pflanzen mit Gefühlen, Intelligenz und Kommunikationsmitteln ausgestattet sind, ist noch gar nicht so lange eine grundsätzliche Fragestellung der Menschheit, denke ich so vor mich hin. Von der Antike bis ins 19. Jahrhundert galt vor allem: Pflanzen sind passive Lebewesen, die wachsen und auf Wasser und Licht reagieren. 1880 erklärte Charles Darwin in seiner Schrift "The Power of Movement in Plants", dass Pflanzen auf ihre Umwelt erstaunlich differenziert reagieren können. Es folgte ein enormer Aufschwung der Wissenschaft der Pflanzenphysiologie im 20. Jahrhundert. Forschende entdeckten chemische Botenstoffe, elektrische Impulse, Hormone, mit denen Pflanzen ihre eigenen Prozesse steuern. Seit den 1980er-Jahren häufen sich Belege dafür, dass Pflanzen flüchtige Duftstoffe freisetzen können, um etwa Nachbarpflanzen vor Fressfeinden zu warnen oder Nützlinge anzulocken.

Dieses Phänomen kann ich dank meiner Balkonbeobachtungen bestätigen. Ich befolge schon lange einen Gärtner:innentipp, der besagt, Blattläusen nicht den Garaus zu machen, sondern ihnen einfach eine befallene Pflanze zu "opfern". Tatsächlich verbreiten sie sich in der Regel nicht weiter auf dem Balkon, sondern bleiben zusammengekuschelt am zuerst ausgesuchten Platz, in diesem Jahr einem Efeu. Sehr zur Freude der Ameisen, die "ihre" Blattläuse pflegen und melken, um Lebenselixier für ihre eigene Brut zu sammeln. Wie in jedem Sommer dauerte es auch diesmal nicht lange, bis ungewöhnlich viele Marienkäfer auftauchten. Offenbar zur Eiablage, denn schon bald erblickte ich in der Nähe der Läusekolonie Marienkäferlarven. Die sehen so überhaupt nicht aus wie ihre gepunkteten Eltern: länglich und flach, sehr gelenkig, schwarz mit orangenen Flecken, borstig, mit sechs Beinchen am vorderen Körper. In kürzester Zeit ward keine Laus mehr gesehen, denn Marienkäferlarven fressen täglich bis zu hundert dieser Pflanzenparasiten. Wie das Efeu die Marienkäfer darüber informiert hat, dass mein Balkon für sie eine geeignete Kinderstube bereitstellt, habe ich, ein Mensch, natürlich weder gehört oder geschnuppert noch gesehen.

Seit den 2000er-Jahren hat die Pflanzenforschung noch weitere Zielobjekte, etwa Pilznetzwerke im Boden oder Wurzelsignalsysteme der Bäume (gerne auch "Wood Wide Web" genannt). Die wissenschaftliche Erforschung möglicher "Sprachen der Pflanzen" ist vor allem dann ertragreich, wenn es um die Kommunikation und Informationsübertragung der Pflanzen untereinander geht.

Was die Kommunikation zwischen Pflanzen und Menschen angeht, bleibt vieles im Spekulativen. Sicher und messbar ist: Pflanzen reagieren auf menschliche Berührung, Pflege, Stressfaktoren, Licht-, Temperatur- oder chemische Veränderungen. Das sage ich mir auch, während ich auf meinem Balkon das Dahinsiechen meiner Lavendelpflanzen analysiere. Was habe ich falsch gemacht? Zu viel oder zu wenig Wasser? "Sprecht mit mir!", möchte ich ihnen zurufen. Gleichzeitig weiß ich aus meinen empirischen Beobachtungen, dass Blütenpflanzen nicht an mir interessiert sind, sondern vor allem an der Verständigung mit ihren Bestäuber:innen. Sie tun alles, um deren Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen: mit bunten, duftigen Blüten voller Nektar und Pollen.

Jetzt gibt's pflanzlich was auf die Ohren

Neulich gab's in meinem Kiez im Projektraum Ostend, einer kleinen ambitionierten Kunstgalerie, ein mehrtägiges Projekt der in Stuttgart geborenen Filmmusikkomponistin Cassis B. Staudt: "Green Sounds World". Die zeitgenössische Künstlerin versucht, Pflanzen Stimmen zu geben, mit ihnen zu kommunizieren oder sie als sprechende oder handelnde Akteur:innen zu inszenieren. Dafür nutzt sie wie viele andere Künstler:innen die Biodata Sonification, bei der Sensoren zunächst die elektrischen Impulse von Pflanzen messen, die bei Prozessen wie Photosynthese, Berührung oder Wasseraufnahme entstehen. Diese werden dann über Übersetzungsgeräte an Klangerzeuger wie Synthesizer gesendet, die die Signale in Klang verwandeln.

Im Projektraum Ostend hatte Staudt ein paar Zimmerpflanzen aufgebaut und an deren Blättern Klemmen und Sensorpads befestigt, worüber sie Impulse gaben. Das Allerlei an Elektrosounds klang ein bisschen so wie Telefonate zwischen Marsmenschen. Staudt selbst will aus den synthetischen Tönen menschliche Gefühlsregungen heraushören, wie sie gerne erklärt. 

Aber empfinden die zarten Zimmerpflanzenohren die quietschigen oder brummenden Elektrotöne, die angeblich von ihnen selbst erzeugt wurden, nicht eventuell als äußerst unangenehm? Wären sie dessen fähig, würden sie vielleicht am liebsten weglaufen, denke ich auf meinem Balkon. Dort betrachte ich nun die in Blumenkästen und -töpfen eingepferchten Blütenwesen, darunter auch freiheitsliebende Wildblumen. Vielleicht übersetzt Staudts Elektronik ja eigentlich Weingeräusche, weil der Grünlilie die Klemmen so weh tun.

Das mit den Pflanzen und ihren etwaigen Gefühlen geht auf den Mega-Weltbestseller von 1973 zurück, schießt es mir plötzlich durch den Kopf: "The Secret Life of Plants" von Peter Tompkins und Christopher Bird, die in umstrittenen Experimenten die Empfindungsfähigkeit von Pflanzen beweisen wollten. Das Buch galt schon bald als pseudowissenschaftlich, weil sich vieles davon nicht verifizieren ließ. Aber Tompkins und Birds steile These von der Gefühlswelt der Pflanzen ist doch vielen Menschen zumindest vage ins Bewusstsein eingegangen.

Vermutlich auch in meines, denn warum sonst fällt es mir heute so schwer, verblühte Pflanzen einfach zu entsorgen, selbst wenn sie einjährig sind? Die Armen! Jeden Spätherbst das gleiche Gemetzel! Deswegen setze ich immer mehr auf mehrjährige Blütenpflanzen – wie eben auf meine Veronica spicata. Sollte sie den nächsten Winter überleben, werde ich im Frühling ihren ersten Geburtstag feiern. Ganz bestimmt!

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