KONTEXT:Wochenzeitung
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Kontext-Sommerserie

Grillkäse vom Mooshof quietscht nicht

Kontext-Sommerserie: Grillkäse vom Mooshof quietscht nicht
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 Fotos: Julian Rettig 

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Einen Bauernhof im Schwarzwald zu übernehmen, ist eine Mammutaufgabe. Ein junges Paar aus dem Rheinhessischen hat sich vor drei Jahren dieser Aufgabe gestellt. Ein Besuch mitten im Hitzesommer.

Über Generationen war der Mooshof in einem Seitental bei Tennenbronn, Gemeinde Schramberg, in Familienbesitz der Günters. Die letzte Generation waren Erika und Josef Günter, die den Hof 40 Jahre lang bewirtschafteten. Neben großen Weideflächen gehört auch ein ordentliches Stück Wald dazu. Außerdem haben die Günters Ferienwohnungen eingerichtet. Erika und ihre betagte Mutter kümmerten sich um die Gäste. Die Dächer der Scheunen und Ställe hat Josef schon vor vielen Jahren mit Solaranlagen bestückt. Das sichert das Einkommen, auch wenn die Milchpreise im Keller sind. 

Aber vor allem betrieben die beiden eine eigene Käserei. Der Mooshofkäse war im weiten Umkreis bekannt, im Landkreis Rottweil und darüber hinaus. Doch die Günters wollten nicht ewig rackern. Die Töchter hatten andere Interessen als die Hofübernahme, und so begann das Paar mit Anfang 60 Nachfolger:innen zu suchen. Nach mehreren Anzeigen meldeten sich Matthias Hang und Evy John. 

Das Paar produzierte damals in Rheinhessen mit einem kleinen Milchviehbetrieb im Nebenerwerb Käse. "Qulibri" nannten sie ihren Betrieb dort, ein Mischwort, wie Hang erklärte. "Libertas heißt Freiheit, und unsere Kühe, die alle ihre Hörner haben, sollen möglichst frei sein." Außerdem klingt es nach Kolibri, den winzigen Vögeln, die in Gefangenschaft kaum überleben können. 

Günters und das Paar wurden einig, die jungen Leute zogen um in den Schwarzwald.

Bei der Hitze geben die Kühe weniger Milch

An einem brütend heißen Julitag begrüßt Matthias Hang das Kontext-Team auf dem Hof. Er kommt gerade von seinem Wasserreservoir, wo er eine Alarmanlage eingebaut hat, die sich meldet, wenn das Wasser knapp wird. "Zum Glück war's nur ein Fehlalarm", erzählt er und setzt sich. "Wir brauchen Wasser für unsere neue Agroforstwiese, dann muss ich überlegen, haben die Feriengäste schon geduscht und reicht's noch für die Kühe?"

Dieser Sommer sei extrem. Vor ein paar Tagen musste der Jungbauer einen Notschnitt machen, das Gras ist auf der Wiese verdorrt. "Ich verfüttere jetzt das Heu, das ich eigentlich für den Winter bräuchte", seufzt er. "Und jetzt kommt nichts nach."

Klar, dass auch seine Kühe bei der Trockenheit weniger Milch geben. Dabei hatte er erst kürzlich seinen Kessel für die Käserei von 300 auf 500 Liter vergrößert. Außerdem verlegte er eine Leitung vom Melkroboter direkt in die Käserei. So fließe die Milch direkt in den Kessel. "Das ist eine tolle Erleichterung für uns." Früher schleppten sie die Milch in großen Kannen in die Käserei. "Wir machen zwar ganz traditionell Käse, aber können die Technik ja trotzdem nutzen", findet Matthias. "So haben wir mehr Zeit für anderes." Die beiden stehen jeden Morgen um fünf Uhr auf. Er geht zuerst in den Stall, um die Kühe und drei Schweine zu versorgen, sie in die Käserei, um dort alles vorzubereiten.

Als die beiden in ihrer alten Heimat von ihrem Plan berichteten, in den Schwarzwald umzuziehen, habe man sie vor den verschlossenen Schwarzwäldern gewarnt. Doch die habe sie bislang nicht getroffen, sagt Evy lachend. Alle hätten sie willkommen geheißen: die Landfrauen genauso wie die anderen Eltern im Kindergarten ihrer Tochter oder die Käsekäufer:innen.

Lieber Milchvieh als die Deutsche Bahn

Dass die zwei einmal einen Milchviehbetrieb führen und verschiedene Käsesorten herstellen werden, hätten sie vor zehn Jahren auch nicht gedacht: Evy John ist Kulturwissenschaftlerin und hat bis Ende vergangenen Jahres in ihrer Heimatgemeinde Patenschaften und Hilfsprojekte betreut. "Das konnte ich auch vom Homeoffice aus machen."

Matthias Hang war als Wirtschaftsingenieur bei der Bahn beschäftigt. Als er aushilfsweise vor zehn Jahren für die Fahrdienstleiter auf der Schwäbischen Alb zuständig war, lernte er auch die benachbarte Schwarzwaldbahn kennen. Doch auf die Dauer sei der Frust über die schwerfälligen Entscheidungsprozesse bei der Bahn zu groß geworden, und so habe er sich seinen Traum mit einem Bauernhof erfüllt. "Hier können wir unsere heile Welt schaffen."

Natürlich ist sie so heil auch wieder nicht. Die Verantwortung für die Tiere und die Wiesen, die sei "riesig", weiß Matthias. "Die To-do-Liste wird nie fertig abgearbeitet." Evy findet, es sei eigentlich okay, nie fertig zu sein. "Die Natur zwingt dich immer wieder umzudenken." Seit Wochen sind die Regenwolken am Qulibri-Hof vorbeigezogen. Die im Frühjahr saftiggrünen Wiesen liegen graubraun da. "Aber was willste machen?"

Erika Günter kommt dazu. Sie wohnt mit ihrem Mann in einer großen Wohnung unterm Dach des Schwarzwaldhofs. Sie findet spannend, was die beiden mit dem Hof anstellen. Denn die beiden Jungen haben vieles umgestellt: vom Melkroboter bis zu den Käserezepturen. Anfangs seien frühere Käsekunden gekommen und hätten sich gewundert, dass der Qulibri-Käse anders als der Mooshofer schmeckt. Aber das sei klar, wenn man anders füttere, andere Rezepte nehme.

Den Käse mögen auch die VIPs vom SC Freiburg

Bevor es in die Käserei im alten Hofgebäude geht, müssen blaue Plastikschützer über die Schuhe gezogen werden. Hier drin ist es deutlich kühler. Evy zeigt, was sie heute schon produziert hat: In großen Blechformen liegen fertige Grillkäse. Damit hatten die beiden schon in Rheinhessen Erfolg: Den Qulibri-Grillkäse haben einige Gastwirt:innen im Mainzer Umland als vegetarische Alternative auf ihre Speisekarte genommen. 

Jetzt beliefert das Paar vom alten Mooshof aus fünf Gasthäuser, aber auch Vereine für deren Waldfeste. Besonders stolz ist Matthias auf einen besonderen Kunden: "Im VIP-Bereich im Freiburger SC-Stadion wird unser Käse auch serviert." Der große Vorteil: Der Käse braucht keine Lagerzeit, kann sofort verkauft werden. Lange hätten sie experimentiert, bis sie einen Grillkäse hinbekamen, der beim Reinbeißen nicht quietscht. "In anderen Kulturen muss er quietschen", weiß Evy. "Aber wir machen eben Schwarzwälder Grillkäse und keinen Halloumi." Im Winter produzieren die beiden einen Bergkäse, der sich auch für Raclette gut verwenden lässt. 

Warum machen sich die beiden so viel Mühe und überlassen das Käsen nicht den großen Käsewerken? "Wenn ich Milch an die Molkerei verkaufe, bekomme ich zwischen 20 und 60 Cent pro Liter", erklärt Matthias. Davon könne er auf dem relativ kleinen Betrieb mit 18 Kühen nicht existierten. Wenn er die Milch selbst verarbeitet und den Käse selbst vermarktet, bringe ein Liter Milch etwa 1,50 Euro. Bei manchen Käsesorten sogar fünf Euro. Um als Milchlieferant existieren zu können, müsste er Hochleistungskühe halten und diese mit Kraftfutter füttern. Beides widerstrebt ihm.

Aus der Käserei geht es hinüber in den Käsekeller, in den ein Dutzend Stufen hinunterführt. Auf schweren Holzregalen an der Wand hat Matthias die Bergkäse gelagert. Die müssen regelmäßig gebürstet und gesalzen werden – ein Knochenjob, denn die Käseräder sind ordentlich schwer.

Landwirtschaft heißt langfristig denken

Wieder hinaus in die Sommerhitze führt die Besichtigungstour hinauf auf eine Weide. Dort stehen in langen Reihen etwa 120 junge Bäume. "Das ist unser Agroforstprojekt", erläutert Matthias. Mit Unterstützung des Naturparks Schwarzwald Mitte/Nord und einer Schweizer Firma haben Freiwillige aus Tennenbronn gemeinsam mit den Günters, Evy und Matthias die Bäume gepflanzt. Die Idee: Die Bäume, überwiegend Eichen und Linden, aber auch einige alte Apfel- und Birnensorten sollen eines Tages Schatten spenden, das Wasser halten und teilweise auch Obst liefern. 

Die Abstände der Reihen sind genau berechnet, damit man mit dem Traktor weiterhin gut das Gras mähen und Heu einholen kann. An jedem Baum ist eine schwarze Wasserleitung zu sehen. Über Tröpfchenbewässerung kann Matthias den Bäumen über Nacht Wasser zukommen lassen. Dennoch haben einige der Jungbäume Hitzeschäden erlitten, wie Josef Günter bedauert. Er denkt in langen Linien: "In 140 Jahren werden die Bäume hoffentlich noch Wind und Wetter trotzen." Ein Anfang ist gemacht.

Zurück zum Stall, wo die meisten der 18 Kühe gerade dösen. "Draußen ist es ihnen viel zu heiß. Bei der Hitzewelle werden die Kühe erst nachts aktiv. Da sind sie auf der Weide und fressen wie wild", erzählt Matthias.

Für ihn und Evy sind die Kühe einerseits Existenzgrundlage, andererseits Lebewesen, denen sie mit Respekt begegnen. Sie sollen so weit als möglich selbstbestimmt leben. Dank des Melkroboters geht das. "Die Kühe können frei entscheiden, wann sie gemolken werden wollen", erzählt Evy. Ein Chip am Hals der Kuh gibt dem Roboter Auskunft, wann sie zuletzt beim Melken war. Eigentlich sollen sie sich nur alle acht Stunden melken lassen. Wenn eine Kuh vor der Zeit in den Melkstand kommt, verweigert der Melkroboter die Arbeit, die Kuh bekommt nur ein kleines Leckerli und wird mit einem kalten Luftzug an die Fersen sanft wieder aus dem Melkstand gedrängt. "Die Tiere lernen das schnell", sagt Evy. 

Seit ein paar Monaten gibt es auch einen Bullen auf dem Qulibri-Hof, genannt Herbert. "Der macht so komische Geräusche wie der Grönemeyer", scherzt Matthias und imitiert: "Wann ist oin Mann ein Mahahaannn?" Herbert hat im Stall seinen eigenen Bereich und auch eine eigene Weide. Wenn eine Kuh trächtig werden soll, kommt sie zu ihm in den Extrabereich. Weil ihr Bulle deutlich kleiner ist als ihre Kühe, seien sie nicht sicher gewesen, ob das funktioniert. "Aber der Tierarzt hat gestaunt: Alle sind trächtig", lacht Evy.

Die Getränke bringt die Modelleisenbahn

Daneben hat Matthias einen Schweinestall mit Auslauf im Freien eingerichtet. Drei Schweine teilen sich einen Bereich, in dem laut Gesetz 25 Schweine gehalten werden dürften. Die drei Qulibri-Schweine können rein und raus, wie sie wollen. Das allerdings habe er erst nach monatelangem Kampf mit dem Veterinäramt durchsetzen können. Nur mit strikten Auflagen und doppeltem Zaun sei es schließlich möglich gewesen, stöhnt Matthias. "Die haben Angst, dass über Wildschweine die Schweinepest übertragen werden könnte." 

Zum Saufen bekommen die Schweine die beim Käsen übrigbleibende Molke. Das gebe ein besonders delikates Fleisch. Dass die Schweine und die Kühe geschlachtet werden, ist für Matthias und Evy klar. Wichtig ist ihnen, dass ihre Tiere bis dahin ein gutes Leben haben und das Töten möglichst ohne Stress und Angst geschieht.

Hier im Stall finden sich noch zwei Hinweise auf die früheren Berufe der beiden. In einer Ecke hat sich Evy ein Pavillonzelt aufgestellt. Hier gibt die Kulturwissenschaftlerin Kurse im Käsemachen. Von einem Kühlschrank am anderen Ende des Stalls liefert der Ex-Bahningenieur Matthias die Getränke direkt ans Kurszelt: mit einer elektrischen Modelleisenbahn, die sich an der Stallwand entlangschlängelt.

Seit ihrem Umzug aus dem Rheinhessischen haben die beiden schon viel bewegt, Veränderungen angepackt – und doch ist der Mooshof im Kern geblieben, was er war: ein Schwarzwaldhof mit mehreren Generationen unter einem Dach.

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