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Kontext-Sommerserie

Im Reich des Zwiespalts

Kontext-Sommerserie: Im Reich des Zwiespalts
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 Fotos: Julian Rettig 

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Faszination und Beklemmung, Himmel und Hölle: Das Besucherbergwerk Bad Friedrichshall bietet nicht nur Zuflucht vor Hitzewellen, sondern auch eine lehrreiche Tour der Gegensätze.

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So ein Förderkorb ist kein Hotellift, mit dem man sanft von Geschoss zu Geschoss schwebt. Dieser Metallkäfig hier ist selbst ein Geschoss. Im Höllentempo rast er in den Abgrund, rüttelt und schüttelt, schrammt gegen die Schachtwand – eine Mischung aus freiem Fall, Hobel und Highway to Hell.

Die Hölle, 30 Sekunden und 180 Meter tiefer, ist wohltemperiert: Angenehme 18 Grad bieten Zuflucht vor jeder Hitzewelle. Dafür sorgt die Bewetterung, wie die Bergleute sagen, die Belüftung und Klimatisierung der Grube. Seit die Bewetterung über Tage ebenso menschengemacht ist wie die unter Tage, bietet das Bergwerk eine willkommene Gegenwelt zur klimakatastrophischen Außenwelt. Wer weiß, vielleicht verkriechen sich künftig noch ganz andere Besuchermassen als heute in den Gängen und Klüften des Salzbergwerks Bad Friedrichshall-Kochendorf: wenn draußen 40 Grad Dauerhitze glühen und wegen der zahllosen Klimaanlagen mal wieder der Strom ausgefallen ist. So viel Dystopie muss sein, wenn man zur Hölle fährt.

Hölle? Aber, aber. Ein Ausflug ins Besucherbergwerk ist interessant, informativ, ein bisschen abenteuerlich und sehr lustig mit der finalen 42-Meter-Rutsche. Bei Nutzung ohne Matte ist die Klimakatastrophe allerdings am Arsch: Die Reibung erzeugt einen höllenheißen Hintern.

Nur das Salz blieb zurück

Einen Sonnenstrahl indes hat die Unterwelt im Salzstock seit zarten 200 Millionen Jahren nicht mehr gesehen. In jenen urschwäbischen Zeiten sah es hier eher unschwäbisch aus: Über einem flachen Binnenmeer sticht eine heiße Sonne, ums sumpfige Gewässer kreuchte und fleuchte die Ur-Fauna, darunter allerlei Saurier (im Bergwerk erfreuen Nachbildungen nostalgische Dino-Fans). Durch schmale Verbindungen mit dem Weltozean floss Salzwasser ins flache Binnenbecken. Drumherum der einzige Erdteil, den es damals gab: ein Gesamtkontinent, zu dem die Kontinentaldrift die Landmassen der Erde alle paar hundert Millionen Jahre zusammenschiebt und sie dann wieder trennt – ein fortwährendes Slow-Motion-Ballett der Plattentektonik.

Das Wüstenklima trocknete die Zuflüsse samt Binnenmeer allmählich aus. Zurück blieb das Salz: Jahrmillionen später und 180 Meter unter die Erdoberfläche gedrängt eine 25 Meter dicke Schicht, aus der die Salzkristalle wie schimmernde Augen im Schummerlicht des Bergwerks glänzen. 

Freundliche Bergleute haben immer einen Haufen Bruchmaterial aufgeschüttet, wo man kleine Salzkristalle mitnehmen kann, bei Kindern auch beliebt als Lecksteine – die einen sakrischen Durst machen. Richtig sakral mutet der Kristallsaal mit den schönsten und größten Exemplaren unter dem Segen der heiligen Barbara an. Aus einer Nische vis-à-vis der Steinkanzel blickt die Schutzpatronin des Bergbaus in die glitzernde Kaverne, wo die Transparenz der kubikmetergroßen Salzquader einen paradoxen Kontrast bildet zu den opaken Gesteinsmassen, aus denen sie herausgeschnitten wurden. 

Eine Berührung von Gegensätzen, wie es sich für die mystische Finsternis des Erdinneren ziemt. Nicht ohne Grund haben die nachtschwärmerischen Romantiker das Bergwerk zu einem ihrer zentralen literarischen Motive erkoren: E.T.A. Hoffmann in "Die Bergwerke zu Falun" als Schauerstätte dämonischer Mächte und Gewalten; Novalis als Gleichnis der Innerlichkeit, der Schätze und Abgründe der menschlichen Seele: als "ernstes Sinnbild des menschlichen Lebens", verborgen "in dem Schooße der Felsen".

Bei der Enthauptung vom Blitz getroffen 

Anderthalb Kilometer misst der Besucherrundgang, auf dem man sich nicht verirren kann. Anders als auf dem Gedankenspaziergang zwischen Ur- und Zeitgeschichte. Assoziativ scheinen sich fernste Zeiten zu begegnen: Schaut man an die Decken der riesigen Abbaukammern, meint man in der wellengekräuselten Steinstruktur mit ihren weißen Salzkanten die Gischt des Urmeers wiederzuerkennen – kopfüber, quasi am Himmel. 

Wo oben und unten, Raum und Zeit ihre Relation verändern, sind auch Extreme relativ: Schutz und Gefahr, Dauer und Veränderung, Himmel und Hölle gehen ineinander über. Wer's glaubt, findet's präfiguriert in der Barbara-Legende. Die Märtyrerin floh vor dem Zorn ihres heidnischen Vaters in einen wundersam sich öffnenden Felsen – daher ihr Bergwerk-Schutzpatronat. Doch der Schutz bewahrte die Patronin weder vor Folter und Tod noch vor militanter Umdeutung. Als ihr Vater sie enthauptete, wurde er vom Blitz getroffen, erzählt die Legende – und bahnte so den Weg zur Verwandlung der Nothelferin in eine Frontheilige. Ihr zweites Schutzpatronat gilt der Artillerie, der unseligen Kanonensegnerei. 

Alles ist ambivalent, alles fließt, Instabilität ist Seinsprinzip. Anfang der 1990er-Jahre meldete sich die "Instabilität der Gebirgsmechanik" mit Wassereinbrüchen und Messwerten zu Wort, die für die nähere Zukunft Einsturzgefahr samt Geländeverwerfungen an der Oberfläche signalisierten. Hatte der Salzabbau seit 1899 doch 15 Millionen Kubikmeter an Hohlräumen hinterlassen. 1992 ordnete das Landesbergamt ihre Sicherung durch "Versatz" – also Verfüllung – an.

Auffüllungen nur mit Bergbaurückständen hätten nicht ausgereicht, die Kosten zusätzlichen Füllmaterials das Unternehmen in die Insolvenz getrieben, schreibt Gerd Bohnenberger in der Chronik "100 Jahre Bergwerk Kochendorf". Statt pleitezugehen, wechselten die Eigentümer – die Südwestdeutschen Salzwerke (SWS), eine Aktiengesellschaft im hälftigen Besitz der Stadt Heilbronn und des Landes Baden-Württemberg – das Geschäftsmodell. Die Deponierung von Sondermüll in den Abbaukammern – etwa kontaminiertes Erdreich, Filterstäube aus der Rauchgasentschwefelung, Schlacken aus Müllverbrennungsanlagen – versprach lukrative Umsätze. Kohle machen, wo Salz war, stieß jedoch auf rechtliche und politische Einwände. Erst 2002 klärte der Europäische Gerichtshof, dass die Deponierung keinen Verstoß gegen das Abfall-Verwertungsgebot darstellt. 

Müll und Meisterwerke lagern im Bergwerk

Bevor sich neues und altes Geschäft in die Quere kamen, stellte die SWS 1994 den Salzabbau in Kochendorf ein. Die Grube Heilbronn stemmt seither die ausfallende Fördermenge – überwiegend Industrie- und Tausalz – zusätzlich. Dass aber auch die sichere Entsorgung im Salzstock nur relativ ist, zeigten die 2020 entdeckten krebserregenden Nitrosamine. Fünf Jahre lang blieb das Besucherbergwerk geschlossen, bis das Problem gelöst, der gefährliche Stoff beseitigt war. Gießereirückstände hatten die Nitrosamine gebildet. Problematische Abfälle solchen Kalibers werden nicht mehr angenommen.

Nicht nur Müll, auch Meisterwerke bunkerte das Bergwerk. Ab 1942 wurden Kulturgüter und Archivalien eingelagert. Vom Hauptstaatsarchiv bis zur Staatsgalerie schickten Institutionen und Privatleute ihre Schätze, um sie vor den Kriegsbomben zu bewahren. Prominenteste Geflüchtete im Kochendorfer Untergrund war Grünewalds Stuppacher Madonna.

Die Zufluchtsstätte aber war zugleich die Hölle: Die nationalsozialistischen Verbrecher missbrauchten ab 1944 das Bergwerk zur unterirdischen Rüstungsproduktion und die Häftlinge des eigens eingerichteten KZ-Außenlagers als Arbeitssklaven. Rund 2.000 Männer mussten bis zum Todesmarsch kurz vor Kriegsende für den "Endsieg" schuften. Mindestens 447 haben nicht überlebt. Der Journalist Klaus Riexinger und die Miklos-Klein-Stiftung – benannt nach einem sadistisch ermordeten Häftling – haben die Geschichte des Konzentrationslagers erforscht und die Gedenkstätte im Besucherbergwerk eingerichtet.

Erzengel Michael statt Hitler

Der 1933 eingesetzte Bergwerksdirektor Ernst Baur, ein strammer Nazi, konnte laut der Historikerin Nina Schnutz nach dem Krieg belegen, dass er Pläne verhindert habe, die Förderanlagen zu zerstören und die in der Grube eingeschlossen Zwangsarbeiter verhungern zu lassen. Zwölf Jahre vorher hatte Baur den Auftrag gegeben für ein Kunstwerk, das das Bergwerk nicht mehr verlassen sollte: ein Salzstein-Relief als Huldigung an die Machtergreifung Hitlers, im Kuppelsaal neben der Rutsche zu sehen.

Der Bildhauer Helmuth Uhrig, der 1930 bereits ein Barbara-Relief in den Stein gekerbt hatte, löste den Auftrag allegorisch. Die Fahne hoch und ruhig festen Schritts führt nicht Hitler, sondern der Erzengel Michael die Bergarbeiter an. Dabei musste Uhrig, begeisterter Wandervogel und religiös geprägt, 1933 die Stuttgarter Kunstgewerbeschule verlassen, angeblich weil er nicht in die NSDAP eintreten wollte. In einer Selbstinterpretation des Künstlers klingt es allerdings anders: Der Engel deute "die übermenschliche Kraft" an, "die unter dem Hakenkreuze durchgebrochen ist".

KZ-Gedenkstätte und Nazi-Kunst auf einem Rundgang? Das treibt die Ambivalenz im Reich des Zwiespalts auf die Spitze. Nur relativiert die Gnade der Ambivalenz auch, was eben nicht einfach nur Nazi-Kunst ist. Die abstrahierende Figuration, die Mechanisierung der Körper auf Uhrigs Relief gehören zur Formensprache der Moderne. Nicht nur der NS-Touch weckt daher Unbehagen, sondern seine Kumpanei mit Modernität. Nehmen wir's als kritischen, leider höchst aktuellen Impuls: Moderne und ihren Rückfall in Barbarei auseinanderhalten. Insofern: Glück auf! 


Das Salz- und Schaubergwerk Bad Friedrichshall liegt direkt am Bahnhof Kochendorf. Es ist von 1. Mai bis 3. Oktober an Samstagen, Sonn- und Feiertagen von 9.30 bis 15.30 Uhr (letzte Einfahrt) geöffnet.

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