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Kontext-Sommerserie

Seine Käfer bringen Farbe ins Oberland

Kontext-Sommerserie: Seine Käfer bringen Farbe ins Oberland
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Ahmet Yardimci kam vor gut 30 Jahren nach Weingarten. Inzwischen machte sich der aus der Nähe von Istanbul stammende Liebhaber rundlich geformter VW-Käfer einen Namen als Streetart-Künstler.

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Diese Kunst ist so ungewöhnlich wie der Urheber selbst: Ahmet Yardimci kam vor mehr als 30 Jahren nach Weingarten. Angefangen hatte alles mit seiner Sammelleidenschaft für VW Käfer, lange Zeit das meistverkaufte Auto der Welt. Sein Credo ist das Bunte und die Vielfalt. Er arbeite mit Humor, versuche das Leben lustiger, angenehmer zu machen, wie er es ausdrückt. Das, was er dabei handwerklich fertigt, wäre nicht geeignet für Museen, zu großformatig – und ist Streetart-Kunst im besten Sinne des Wortes. 

Doch sein Engagement geht weit darüber hinaus, ist Zeichen von gelungener Integration. 2025 etwa war er Schirmherr der Vesperkirche in Weingartens Stadtkirche. Yardimci kümmerte sich auch um Spendengelder – für einen Muslim bei einer Aktion der Evangelischen Kirche wohl nicht ganz typisch.

Im Gespräch kommt Ahmet Yardimci immer wieder auf die eigene, ihn prägende Migrationsgeschichte. Er kam mit 23 Jahren nach Deutschland. Der VW-Käfer wurde das Logo seiner Firma, mit der er sich 2005 in die Selbstständigkeit wagte als Fahrzeugbauer und -lackierer. Und ist auch mehr als ein Symbol. Bunt und vielfarbig, als Aufnäher eingestickt sogar auf seiner Arbeitshose: Mehrmals hat er Form und Farben geändert, bis es passte. In der Farbkombination, die ihm dabei am meisten zusagte, hat er auch einige der 32 Käfer seiner durchweg historischen Sammlung lackiert. 2003 wurde die Produktion des legendären Fahrzeugtyps bekanntlich eingestellt.

Das Bunte und Vielfältige geht für ihn aber weit darüber hinaus, seit Jahren schon: Seine metallenen Skulpturen prägen die Landschaft, senden eine fröhliche Botschaft. Er schöpft dabei aus den Kenntnissen im Fahrzeugbau: Vor dem Pfarramt Atzenweiler, einem Örtchen an der Bundesstraße nach Wangen, hat er zuletzt eine kleine Schafherde aufgestellt, gefertigt aus Fieberglas, einem Faser-Kunststoff-Verbund. Fünf "normale" Schafe, ein schwarzes und natürlich ein buntes – in Regenbogenfarben als Symbol für Toleranz, wie es auch die LGBTQ-Community verwendet.

Aus alten Hufeisen fertigte Yardimci mehrere mannshohe stählerne Pferde-Skulpturen, die lange auf dem Münsterplatz von Weingarten aufgestellt waren: Die Barockstadt mit der prunkvollen katholischen Basilika hoch über dem Münsterplatz hat eine besondere Beziehung zu Pferden – einmal jährlich, am sogenannten Blutfreitag, dem Tag nach Christi Himmelfahrt, trottet eine Prozession mit bis zu 2.000 Tieren durch die Felder und Fluren der oberschwäbischen Stadt.

Bobby-Cars für Frieden und Freiheit

Anfang des Jahres stellte Yardimci an der Stadtgrenze zwischen Ravensburg und Weingarten auf eine Mauer unterhalb der Burachhöhe einen Käfigverschlag: gefüllt mit Dutzenden kleiner Bobby-Cars. Oben am Käfiggehäuse sind die Flaggen von Ländern aufgemalt, in denen derzeit Krieg herrscht – von der Ukraine über Gaza bis zum Sudan. "Let the children play – in peace and freedom", steht da. Yardimci möchte eine Botschaft aussenden gegen Krieg. Die Bobby-Cars hinter Käfiggittern stehen in seinen Augen für die Kinder, deren Kindheit in Kriegswirren eingesperrt bleibt, die nicht wie Kinder sonst lachen und leben können, sagt er. Als der Ukrainekrieg losging, vor inzwischen mehr als vier Jahren, fertigte er ein mannsgroßes Peace-Symbol, ein Friedenszeichen – und hat es an einem seiner Aufstellungsorte in der Region platziert. Mittlerweile ist das an eine Brille erinnernde Metallwerkstück umgearbeitet in eine Schaukel oberhalb seiner Werkstatt im Lauratal am Stadtrand.

Derzeit sind es 22 solcher Orte, meist Wiesengrundstücke, im Schussental und der Region rund um Weingarten, diesseits und jenseits der Städte durchschneidenden Bundesstraße 30. Besonders bekannt: eine spinnenartige Skulptur am westlichen Stadtrand, nahe dem Vorort Niederbiegen, auf dem der Fahrzeugbauer, je nach Jahreszeit, wechselnd obenauf Fahrzeuge oder Installationen stellt – neuerdings nachts beleuchtet mithilfe von Solarpanelen. Links der B 30, nahe dem Ort Staig, ist ein neuer Spielplatz aus Yardimcis Werkstätten bei Familien sehr gefragt.

Mit der Polizei zusammen startete er eine Aktion gegen Motorradunfälle. Bei Amtzell im Allgäu stand lange ein demolierter Pkw und ein auf der Seite liegendes Zweirad eines tödlich verunfallten Motorradfahrers: "Nur ein Augenblick – für einen war's der letzte", so die begleitende Inschrift auf einer Tafel. Für Blutspendeaktionen des DRK hat er kleine, dreirädrige Fahrzeuge, die an Piaggio-Transporter italienischer Produktion erinnern, aufgepäppelt und zur Verfügung gestellt. Yardimci geht es längst nicht nur um Käfer.

"Fröhlich, frisch und zugleich tiefsinnig"

Mit den vielfarbigen Käfern im Stadt- und Landschaftsbild aber wurde er bekannt. Für den Fahrzeugbauer und -lackierer ist der berühmte Kleinwagen sein Faible, als Künstler erarbeitete er sich damit einen besonderen Ruf. Ihm ist das Miteinander und das Thema Umwelt ein Anliegen. Nur seine Frau Judith, die sich wie er selbst auch um den Klimawandel sorge, bremse ihn manchmal in seinem Elan, wie er durchblicken lässt.

Vergangenes Jahr im Januar hat er in Weingarten die Bürgermedaille erhalten. Die gibt es für Persönlichkeiten, die sich in besonderem Maße um die 25.000 Einwohner-Stadt verdient machten. Yardimci, so hieß es in der Laudatio, würde sich nicht nur innerhalb der Stadtgesellschaft engagieren, dazu auch "auf eine fröhliche, frische und zugleich tiefsinnige Weise den Namen Weingartens nach außen tragen". Mit seinen originellen künstlerischen Arbeiten bringe er Farbe ins Stadtbild. "Die einzigartige Kunst habe ihn zum Markenbotschafter gemacht, einem künstlerischen Aushängeschild", lobte der Oberbürgermeister Clemens Moll (parteilos) im Kongresszentrum der Stadt.

Yardimci bei der Verleihung der Bürgermedaille. Foto: Elke Obser, Stadt Weingarten

Ahmet Yardimci wurde 1969 in Bayburt bei Istanbul geboren. Die Liebe zu seiner späteren Ehefrau Judith brachte ihn erst nach Ravensburg, heute lebt er in Weingarten. Hier lernte er Fahrzeugbauer und Autolackierer. Eigentlich wollte er wie sein Vater Lehrer werden und studierte in der Türkei auf Lehramt. Doch das Studium wurde in Deutschland nicht anerkannt. Die Liebe zum VW Käfer kommt bei ihm aus der Kindheit. Die Form, die Rundungen, hätten ihn immer begeistert, sagt er. Nicht scharfkantig, sondern rund. In seiner Kindheit in der Türkei gab es gerade mal ein einziges Auto in der Siedlung. Und ein Motorrad, sonst keine weiteren Kraftfahrzeuge. Sie seien den Autos immer hinterhergerannt. Da war dann auch ein Käfer. Heute bekomme man dort, wo er einst wohnte, keinen Parkplatz mehr.

Angelehnt an ein türkisches Sprichwort, nach dem die Menschen sich nach einem freien, eigenständigen Leben und zugleich nach Brüderlichkeit und Gemeinschaft sehnten, sagte er Anfang 2025 bei der Verleihung der Bürgermedaille: "Ich wünsche meinen Enkeln, dass sie in solcher Freiheit leben mögen!" Die Auszeichnung zeige ihm, ein Teil vom Ganzen zu sein und dass "der 'German Dream' lebt: die Sehnsucht nach gesellschaftlichem Zusammenhalt, nach freiheitlich-demokratischen Werten, nach Chancengerechtigkeit und Teilhabe".  (sj)

Ahmet Yardimci hat seit 2005 an insgesamt 31,5 Käfern gebastelt und diese gestaltet. Mehr als 350 einzelne Skulpturen und Projekte realisierte er in den vergangenen Jahren – und hätte sich stattdessen, wie er sagt, mit dem monetären Aufwand auch zwei oder drei Eigentumswohnungen leisten können. Aber was bringe das Geld, wenn er morgen sterbe? Die Menschen sollen leben, im Leben auch Spaß haben. Das bleibe haften.

Mehr als 200 soziale, kulturelle und gesellschaftspolitische Projekte hat er bisher unterstützt – zusammen mit Studierenden, Vereinen oder ehrenamtlichen Initiativen. Er ist ein politischer Mensch. Die Wahlergebnisse der AfD, sagt er, würden Angst machen. Seine Frau habe ihn kürzlich gefragt: Wo sollen wir hingehen? Welches Land ist sicher?

Heute ist Yardimci Mitte 50 und ein Tausendsassa: Seine Werkstatt hat zehn Mitarbeiter, seit elf Jahren fährt er begeistert Rennrad, natürlich im Team. Das Fahrrad hat er auf seinem "Dienst-Käfer" auch stets mit dabei – huckepack, auf dem Dachgepäckträger. Yardimci spielt im Verein Volleyball. Und hat seine Passion für die VW-Legende, den Käfer, erweitert auf Kinderspielplätze. Er ist inzwischen zweifacher Opa geworden. Auf einem Acker bei Staig, der an die B 32 nach Altshausen grenzt, stand zuletzt in wechselnder Folge erst ein Muttertags- und dann ein Vatertags-Käfer. Es ist ein typischer Yardimci.

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