KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

Kultusministerium BW

Die FDP ist wieder da

Kultusministerium BW: Die FDP ist wieder da
|

Datum:

Baden-Württembergs fachfremder Kultusminister Andreas Jung (CDU) wollte "die vorhandene große Expertise des Hauses auf die Straße bringen". Mit Timm Kern (FDP) holt Jung sich einen dezidiert rückwärtsgewandten Bildungspolitiker in eine Schlüsselposition. Armes Baden-Württemberg.

Eigentlich passt der frühere liberale Landtagsabgeordnete – die FDP war im Frühjahr an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert – aus dem Wahlkreis Freudenstadt gar nicht zur Stellenausschreibung. Gesucht hatte die Zentralstelle im Kultusministerium eine:n "Referent/in (w/m/d) mit einem stark ausgeprägten Gespür für politische und bildungspolitische Fragestellungen" mit "exzellenter Teamfähigkeit" und "der Fähigkeit zu zielorientierter Kommunikation". Als Verantwortlichkeiten sind, neben der Staatsmodernisierung und der Demokratiebildung, ausdrücklich "Wertebildung und Wertevermittlung" hervorgehoben. Mit Kern wurde allerdings einer der größten bildungspolitischen Polarisierer der vergangenen 15 Jahre gefunden: Ihn zeichnet die Bereitschaft aus, jederzeit und ansatzlos auf Zeitgenoss:innen loszugehen, die seine Ansichten nicht teilen. Allem voran beim Thema mehrgliedriges Schulsystem, an dem er sich seit eh und je festklammert, ungeachtet seiner gravierenden Nachteile.

An eine Schaltstelle im wieder CDU-geführten Kultusministerium kommt so einer, der der Gemeinschaftsschule hartnäckig die Daseinsberechtigung abzusprechen pflegt und sie noch im Wahlkampf 2026 als "Einheitsschule" diskreditierte. Unter zielorientierter Kommunikation verstand der frühere Gymnasiallehrer in den Fächern Gemeinschaftskunde, Wirtschaft, Geschichte und katholische Religion jedenfalls in seiner Zeit als Parlamentarier die Kunst des Holzens. Nicht nur gegen Grüne und SPD, sondern auch gegen die Schulverwaltung, etwa mit dem Vorwurf, sie kehre Fehlentwicklungen unter den Teppich.

Der gebürtige Tübinger, der mit magna cum laude promoviert wurde über die Gründe der Abwahl von Bürgermeister:innen, suchte bald nach seinem Einzug in den Landtag 2011 sogar die Konfrontation mit dem Landeselternbeirat (LEB). Weil es nicht in Kerns Weltbild passte, dass sich der LEB nach intensiver Befassung einstimmig bei nur einer Enthaltung für das längere gemeinsame Lernen und Lehren aussprach. Sogar die frühere CDU-Kultusministerin Marianne Schultz-Hector stellte sich in der aufgeheizten Stimmung schützend vor Befürworter: innen.

Selbst die CDU schonte der Vater zweier Kinder und notorischer Reformverächter, als die sich im ersten grün-schwarzen Koalitionsvertrag von 2016 dazu durchrang, Gemeinschaftsschulen mit mehr als 60 Schüler:innen die Einrichtung einer Oberstufe zu ermöglichen. Die Begründung von damals ist mit Blick auf die neue Aufgabe bemerkenswert, denn Kern warf der CDU vor, ihre "bildungspolitischen Überzeugungen dem Koalitionsfrieden" zu opfern. 

Vielleicht kann er auch anders

Gedankenaustausch auf Augenhöhe lag dem früheren Fraktionsvize seit seinem Einzug in den Landtag nicht wirklich. Gesprächspartner:innen im kleinen Kreis bescheinigen ihm ein durchaus angenehmes Auftreten, dass er auf der großen Bühne selten bis nie an den Tag legen wollte. In der reformorientierten Bildungs-Community unvergessen ist sein Umgang mit Peter Fratton. Grün-Rot hatte den umstrittenen Schweizer Bildungswissenschaftler ins Land geholt, der mit vielen Argumenten für Veränderungen im festgefahrenen hiesigen Bildungssystem warb und dafür, die Trennung nach der vierten Klasse aufzuheben. Fratton, der selber vorübergehend als Grundschulleiter im Land gearbeitet hatte, empfahl den Frontalunterricht zu überwinden, eigenständiges Lernen zu stärken und Lehrkräften die Rolle von Lernbegleiter:innen zuzuschreiben. Wie weit die FDP bis heute von solchen Ideen entfernt ist, beweist das von Kern im Wahlkampf 2026 offensiv präsentierte Versprechen, eine verbindliche Grundschulempfehlung für alle Schularten einzuführen. Schon 2013 zog sich der Reformpädagoge aus der Schweiz übrigens wieder zurück, mit dem Hinweis auf die ideologischen Grabenkämpfe, in die er geraten sei und die er so noch nie erlebt habe. Unter anderem als "Bildungsscharlatan" hatte ihn Kern beschimpft.

Jetzt muss der 54-Jährige beweisen, dass und wie er seine Tonlage nach dem Ausscheiden aus dem Landtag verändert hat. In der Stellenausschreibung ist als eine der wichtigsten Aufgaben der Zentralstelle "die politische Planung und die Koordinierung der Zusammenarbeit mit dem Landtag und seinen Fraktionen sowie mit den anderen Ministerien des Landes" genannt. In reformorientierten Bildungsforen wird intensiv darüber diskutiert, ob Kern diesen Ansprüchen auch nur im Ansatz gerecht werden kann. Und die von ihm über so viele Jahre so hart kritisierte SPD-Fraktion sieht zuallererst den Kultusminister Andreas Jung in der Verantwortung. "Der wollte ein Image aufbauen, geprägt von Sachorientierung, an den Schülerinnen und Schülern ausgerichtet, modern und offen", sagt die bildungspolitische Sprecherin Katrin Steinhülb-Joos, "und dann holt er sich ausgerechnet einen der konservativsten Bildungspolitiker in seine Z-Stelle."

Kern übernimmt eine Position, wie Politiker:innen mit Ministeriumserfahrung wissen, die Fingerspitzengefühl, Sensibilität und Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Ideen verlangt. Das hat der Liberale bisher gut versteckt, was aber – die Hoffnung stirbt zuletzt – nicht heißt, dass er solche Eigenschaften nicht doch noch entdeckt und entwickelt. 

Wir brauchen Sie!

Kontext steht seit 2011 für kritischen und vor allem unabhängigen Journalismus – damit sind wir eines der ältesten werbefreien und gemeinnützigen Non-Profit-Medien in Deutschland. Unsere Redaktion lebt maßgeblich von Spenden und freiwilliger finanzieller Unterstützung unserer Community. Wir wollen keine Paywall oder sonst ein Modell der bezahlten Mitgliedschaft, stattdessen gibt es jeden Mittwoch eine neue Ausgabe unserer Zeitung frei im Netz zu lesen. Weil wir unabhängigen Journalismus für ein wichtiges demokratisches Gut halten, das allen Menschen gleichermaßen zugänglich sein sollte – auch denen, die nur wenig Geld zur Verfügung haben. Eine solidarische Finanzierung unserer Arbeit ermöglichen derzeit 2.500 Spender:innen, die uns regelmäßig unterstützen. Wir laden Sie herzlich ein, dazuzugehören! Schon mit 10 Euro im Monat sind Sie dabei. Gerne können Sie auch einmalig spenden.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


0 Kommentare verfügbar

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer Mittwoch morgens unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:






Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!