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Kultusministerin

Versetzung gefährdet

Kultusministerin: Versetzung gefährdet
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Susanne Eisenmann ist ein Fan klassischer Schulnoten. Gäbe es in dieser Woche Zeugnisse auch für Regierungsmitglieder, müsste sie sich fürchten vor so manchem Fünfer. Besser als mit so nackten Zahlen stünde die Ministerin bei der Beurteilung ihrer Leistungen in differenzierender Sprache da. Aber die ist ja verpönt in der CDU.

Ein letztes Mal in diesem Amt erlebt die 55-Jährige in diesen Tagen die Zeugnisvergabe. Denn schwerlich vorstellbar ist, dass sie, wenn Winfried Kretschmann wiedergewählt wird, einfach für Bildung zuständig bleibt. Wären allein die eigenen ParteifreundInnen zur Vergabe von Noten berechtigt, gäbe es eine glatte Eins, von manchen mit der Faust in der Tasche. Andere loben sie in bildungspolitischen Landtagsdebatten schon seit einigen Wochen auffallend häufig, manchmal allerdings mit einem Überschwang, der berechtigte Zweifel an der Glaubwürdigkeit wecken muss.

Die Grünen greifen koalitionsdiplomatisch zum Mittel der verbalen Beurteilung. "Es ist kein Geheimnis, dass die Grüne Fraktion sich mehr Tempo und Umsetzungskraft von der Ministerin gewünscht hätte", heißt es zum Thema Digitalisierung. Die Kommunikation während der Corona-Krise wird – anders als von Lehrer- und Elternverbänden – allein hinter vorgehaltener Hand negativ bewertet. Ebenso wie die Tatsache, dass das neue, – von Eisenmann höchstpersönlich wieder ins eigene Haus geholte, – Qualitätssicherungs-, Beratungs- und Weiterbildungsmanagement nicht ins Laufen kommt.

Die Opposition ist da naturgemäß viel deutlicher und verteilt weniger aufbauende Zensuren. Zwar hält sich Vorgänger Andreas Stoch, der SPD-Fraktions- und Landesvorsitzende, milde zurück. Dafür geht Stefan Fulst-Blei, der Bildungsexperte unter den Abgeordneten, in die Vollen: "Frau Eisenmann ist auf jeden Fall stark versetzungsgefährdet." Sie stehe nämlich bei zwei klaren Fünfen, eine, was die Kommunikation angeht, und die andere im Fach Digitalisierung: "Aber auch nur, weil sie wenigstens die Bundesmittel der SPD verdoppelt hat. Ansonsten hat sie bei der Digitalisierung unserer Schulen alles an die Wand gefahren." Für die FDP empfiehlt Timm Kern, gleich ganz auf die Sommerpause zu verzichten – also um die nach der Zeugnisverteilung in der Regel wohlverdienten Ferien.

Schlechte Noten in Kommunikation und Digitalisierung

Ohnehin hat die Ministerin schon deutlich bessere Zeiten gesehen. Eine Zwei Minus stellte ihr der Landesschülerbeirat vor zwei Jahren aus, weil sie "sehr ehrlich" und "sehr konkret" sei. Kritisiert wurde allein, dass es noch immer keine institutionalisierten Möglichkeiten im Unterricht gebe, um Lehrkräften die Ansichten der beschulten jungen Menschen über die Qualität ihres Tuns zu vermitteln. Sprich, also auch offen über Schwächen zu besprechen oder ganz grundsätzlich Kritik zurückzuspiegeln: "Man sollte doch die Abnehmer fragen, wie sie das Produkt finden." Rückmeldungen könnten "unmittelbar eine mögliche Informationsquelle für eine qualitative Unterrichtsentwicklung sein und die gegenseitige Wertschätzung steigern". Von Ziffernnoten wollte aber selbst dieses Beratungsgremium der Ministerin auf keinen Fall lassen.

Der Streit um Festhalten, Abschaffen oder zumindest Ergänzen ist uralt, wie so viele bildungspolitische Auseinandersetzung im Land. Anfang der Neunziger Jahre mündete er zuerst in einen "Runden Tisch" und dann in die Empfehlung, in Grundschulen auf Berichtszeugnisse umzusteigen. Vor allem CDU-BildungspolitikerInnen sahen Ansporn wie Leistungsbereitschaft bedroht. Eine Argumentation, an der sich bis heute nichts ändern sollte, trotz PISA-Schock und des Abstiegs Baden-Württembergs in zahlreichen Vergleichsstudien. Eisenmann stellte einen unter Grün-Rot gestarteten Schulversuch zur Grundschule ohne Noten ein. 2018 legten die Schwarzen in ihrer "Schönthaler Erklärung" wieder einmal ein Bekenntnis zum Leistungsprinzip ab. Manches darin ging sogar der promovierten Germanistin zu weit, so dass Generalsekretär Manuel Hagel sie "liebevoll einhegen" musste. Dass "der Lernerfolg an allen Schularten durch Notengebung vergleichbar und messbar sein muss", blieb aber Teil des Papiers, in dem – auferstanden aus der Mottenkiste – Frontalunterricht als "effektive Unterrichtsform" gelobt und die Einführung von verpflichtenden Diktaten verlangt wird.

Zahlreiche Internetportale unterstützen Lehrkräfte, die nicht allein auskommen wollen mit der althergebrachten Skala von "sehr gut" bis "ungenügend". Auf einem davon wäre schon der erste Satz ein Volltreffer, um für Eisenmanns fiktives Abschlusszeugnis die Vorzüge einer Beurteilung in wohlgesetzten Worten statt in nackten Noten zu zeigen. In Ziffern würde sie in der Kategorie "Sozialverhalten" wohl mit einer Vier rechnen angesichts der viele Vorwürfe vor allem im zweiten Schulhalbjahr. Im Berichtszeugnis hingegen stünde aufmunternd unter anderem: "Durch freundliches Auftreten könntest Du größere Anerkennung erlangen."

Kretschmanns Herausforderin: zunehmend dünnhäutig

Und die könnte sie bestens gebrauchen. Seit einem Jahr ist sie die offiziell gekürte CDU-Herausforderin von Winfried Kretschmann. Oft kommt es nicht vor, dass MinisterInnen des kleineren Koalitionspartners gegen den Regierungschef des größeren antreten. Aber an dieser Front lässt sich die frühere Stuttgarter Schulbürgermeisterin bisher nichts zuschulden kommen. Heikler wird es, wenn sie anderweitig auf Kritik und Widerspruch stößt. Selbst unter besonders wohlwollenden ParteifreundInnen ist – hinter vorgehaltener Hand, versteht sich, und nie und nimmer offiziell – nicht nur ihre Dünnhäutigkeit zunehmend ein Thema, sondern auch ihre Neigung, freundliche Hinweise auf Debattierstil und Tonlage ins Leere laufen zu lassen.

In Ziffern würde das einem glatten "Mangelhaft" entsprechen, zu vergeben nach der Notenbildungsverordnung des Landes, wenn "das Verhalten des Schülers den an ihn zu stellenden Erwartungen nicht entspricht". Der Vorteil der von der CDU so geschmähten Schriftform liegt auf der Hand, weil das krasse Urteile ergänzt, abgemildert und jedenfalls begründet werden kann – begleitet von sanften Appellen. Zum Beispiel so: "Versuchte sie, bei der Meinungsfindung toleranter aufzutreten und nicht nur ihre Auffassung durchzusetzen, verliefe der Alltag spannungsfreier."

Der Fleiß der Ministerin darf getrost mindestens mit Drei plus bewertet werden, die Arbeitsweise und das Verhalten im Team ebenfalls, was im Berichtszeugnis einer Einordnung entsprechen würde etwa nach der Melodie "Ihre Mitarbeit gestaltete sie selbstbewusst und brachte die Arbeit durch eigene Ideen voran". Abgesehen von jenen Bewertungen, die früher unter der Überschrift Kopfnoten zusammengefasst wurden, sähe es allerdings duster aus, würde es für die oberste Chefin aller Lehrkräfte im Land eng ausgerechnet ihren selbstgewählten Schwerpunkten, sozusagen den Kernfächern wie Unterrichtsversorgung, Qualitätssicherung und vor allem Digitalisierung. Ein rüdes "Mangelhaft" bekommt nach der Notenbildungsverordnung, "wenn die Leistung den Anforderungen nicht entspricht, jedoch erkennen lässt, dass die notwendigen Grundkenntnisse vorhanden sind und die Mängel in absehbarer Zeit behoben werden können".

"Du kommschd zum Oiser wie die Jungfrau zum Kind"

Für den Verein der Gemeinschaftsschulen hat auch der Neuensteiner Rektor Matthias Wagner-Uhl eine Empfehlung für den Start in die Ferien parat: Eisenmann müsse schlicht und einfach nachsitzen. Sie selber hat schon mal warme Worte zum letzten Schultag und der Zeugnisvergabe gefunden: "Niemand sollte Angst davor haben müssen, mit seinem Zeugnis nach Hause zu kommen. Schuldzuweisungen verbessern die Noten nicht, sondern wirken sich negativ auf die Motivation der Schüler aus", sagte sie 2016, gerade mal zwei Monate im Amt. Eltern schlug sie vor, den Rat der Lehrkräfte zu suchen und gemeinsam mit ihren Kindern zu bereden, was wie im nächsten Schuljahr besser laufen solle.

Die Ministerin könnte sich, den eigenen Ratschlag zu Grunde gelegt, mit Kretschmann austauschen, denn der hat als Lehrer und als Schüler Erfahrung mit der Wirkung von Noten gemacht. Bei seiner ersten Mathe-Arbeit erntete er die schlechteste Note in der Klasse und landete damit im Klassenbuch, so dass er fortan im Verdacht des Abschreibens stand und beim ersten "Sehr gut" dem Lehrer nichts Besseres einfiel als "Du kommschd zum Oiser wie die Jungfrau zum Kind". Ein Stigma, das er erst los wurde durch Sitzenbleiben und Schulwechsel. Ergo: Für einen endlich und nach so vielen Jahren reformfreudigen Noten-Gipfel nach den Ferien gäb's eine glatte Zwei. Mindestens.


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