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Der ganz große Reset-Button

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Nachdem vor gut zwei Jahren in Baden-Württemberg die bundesweit erste, schnellste und beste Bildungsplattform gefloppt war, sollte es digital nur noch aufwärts gehen in den mehr als 4.000 Schulen im Land. Jetzt legt der Fernunterricht in Corona-Zeiten Defizite und Fehlentwicklungen schonungslos offen.

Videokonferenzen und Sofortnachrichten, heikle Besprechungen online, die Abi-Vorbereitung im Chat: Pandemie macht erfinderisch. Landauf, landab wird die Kreativität von Kollegien zur Entwicklung neuer Lernformen gelobt. Die Kehrseite ist, noch zumindest, viel seltener Thema: Denn durch die vielen dezentralen Lösungen wird die übergeordnete Koordination immer schwieriger: "Wenn jetzt alle weiter loslaufen, haben wir 500 Systeme auf dem Markt", klagt Volker Arntz von der Hardtschule in Dumersheim. Sie wieder einzufangen, sei praktisch unmöglich.

Außer es würde jemand den ganz großen Reset-Button drücken. Und dieser Jemand könnte oder müsste sogar Stefan Brink sein, seines Zeichens Landesbeauftragter für Datenschutz und Informationsfreiheit. Die Vorstellung, dass er seines unabhängigen Amtes waltet, über die erste Stufe der "Warnung" hinaus, treibt Verantwortlichen in der Schulverwaltung die Schweißperlen auf die Stirne.

"Datenschutz ist ein Grundrecht", lautet der erste Satz seiner Funktionsbeschreibung. Und weiter: Der Beauftragte soll öffentliche Stellen unterstützen, beraten und kontrollieren. Derzeit weist er darauf hin, wie "problematisch" Videounterricht oder der Austausch zwischen Lehrkräften und Eltern unter Anwendung der weitverbreiteten Dienste des US-Anbieters "Zoom" sein können. In den vergangenen Monaten hat es aus seiner Sicht "eine Reihe von schweren Sicherheits- und Datenschutzproblemen" gegeben, die gerade bei unsachgemäßer Installation des Dienstes vorkommen könnten: "Schülerinnen und Schüler dürfen selbst in Ausnahmesituationen nicht datenschutzwidrigen und -gefährdenden digitalen Hilfsmitteln ausgesetzt werden."

Einschlägige Portale im Netz werden noch deutlicher und diskutieren ein internes Gutachten, wonach der Dienst sich nach einer Account-Kündigung vorbehält, nicht alle Daten zu löschen. "Dass die Geschäftsführung über die Sicherheit so offen gelogen hat, macht Zoom zum No-Go für sämtliche wichtigen Prozesse in der Wirtschaft, für Behörden oder in der Politik", heißt es in einer Info für österreichische Lehrkräfte. Brink sucht jetzt das Gespräch mit "Zoom"-Verantwortlichen, um sich deren Ideen zum weiteren Vorgehen darlegen zu lassen.

"Gibt es keine Lösung, wird es eng", heißt es unter Beamtinnen im Kultusministerium. Denn auch und gerade im Hause von Susanne Eisenmann (CDU) ist bekannt, wie schlecht es um die Digitalisierung der Schulen im Land wirklich steht: viel zu wenige Laptops, viel zu geringe Serverkapazitäten, seit Jahren kaum Fortbildungen. Erfreulich sei, so die GEW-Landesvorsitzende Doro Moritz, "dass 'Moodle' als datenschutzfreundliche Plattform für alle Schulen bereitgestellt wurde". Das – vom Datenschutzbeauftragten ebenfalls als beste Variante vorgeschlagene – Videokonferenzsystem "BigBlueButton" folgt aber gerade erst. "Und wenn das Rollout so langsam verläuft wie geplant, wird es noch Monate dauern, bis alle Schulen damit arbeiten können", erläutert Moritz.

Fortbildungsoffensive im Orkus verschwunden

Noch schlimmer sieht es bei der Weiterbildung von Lehrkräften aus, die seit Mitte der 1980er-Jahre von Fachleuten angemahnt wird, aber ausgerechnet im vergleichsweise reichen Baden-Württemberg, das so viel Wert auf seine Innovationskraft legt, noch nie in ausreichendem Umfang stattfand. "Vor zwei Jahren lag ein Konzept für eine große Fortbildungsoffensive zur Digitalisierung vor", erinnert die GEW-Vorsitzende. 2.500 Fortzubildende aus allen Schularten hätten qualifiziert werden sollen. Der Entwurf sei aber "sang- und klanglos zwischen Kultusministerium und Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung untergegangen".

Das Zentrum, abgekürzt ZSL, war ebenso wie das Institut für Bildungsanalysen Baden-Württemberg (IBBW) aus dem Boden gestampft worden, weil Eisenmann die bis dahin unabhängige Arbeit zur Beratung der Schulen, zur Erstellung von Materialien, zur Qualitätssicherung oder Weiterbildung unter das Dach ihres Hauses holen wollte. Eigentlich sollte die neue Struktur schon vor einem Jahr funktionsfähig sein. Ein Wasserschaden in dem für das ZSL angemieteten Gebäude und ein damit verbundener aufwendiger Umzug sind äußeres Zeichen vieler interner Schwierigkeiten. Ein "Desaster" befürchtete die SPD-Landtagsfraktion im Februar, weil die Lehrerfortbildung nicht in die Gänge komme, und da war noch nicht einmal das digitale Angebot gemeint. Tatsächlich musste ZSL-Chef Thomas Riecke-Baulecke einräumen, dass von 190 Stellen erst etwa 110 und in den Außenstellen im Land nur die Hälfte der 140 Stellen besetzt sind. Und wer die Internet-Info zu den "Kernaufgaben" liest, findet das Stichwort "Digitale Werkzeuge" mühsam im Kleingedruckten.

Wie immens der Nachholbedarf ist, zeigen die vielen Forderungen der gerade gegründeten "Initiative für Digitalisierung" (IfD). In diesem Bündnis haben sich führende Verbände im Land zusammengetan, die für Zehntausende Lehrkräfte und Eltern stehen, unter anderen die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), der Verband Bildung und Erziehung (VBE) oder der Verein für Gemeinschaftsschulen. In einem Brief an Ministerpräsident Winfried Kretschmann, Kultusministerin Susanne Eisenmann sowie zahlreiche Regierungsmitglieder und Landtagsabgeordnete wird "die hundertprozentige Grunddigitalisierung" verlangt. Konkret: die Ausstattung aller Kinder und Jugendlichen mit Geräten, Vereinbarungen über Qualität und Geschwindigkeit der Internetversorgung sowie eine belastbare LAN- und WLAN-Struktur, eine einheitliche Mailadresse für alle, ein Messenger-Dienst sowie Chat-, Telefon- und Videokonferenztools.

"Die Engagierten sind immer die Gekniffenen"

Die Infrastruktur müsse schnell geschaffen werden, heißt es seitens der IfD weiter. Jedoch ist der Satz älter als die Eltern der GrundschülerInnen im Land. Und es ist keineswegs so, dass die BildungspolitikerInnen davon überrascht sein können. Der "Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest" hat nach bereits zwei Wochen Homeschooling eine Sonderbefragung zum Lernen der neuen Art durchgeführt. Dokumentiert ist, wie Mädchen besser mit der veränderten Situation zurechtkommen als Jungs, weil sie mehr Zeit mit Lernen verbringen, wie intensiv Youtube oder Whatsapp genutzt werden oder dass sich ein Viertel der Kinder und Jugendlichen den Computer, den sie für die Erledigung von Aufgaben benötigen, mit jemandem teilen müssen. Besonders aufschlussreich das Fazit: "Dass bei nur etwa einem Fünftel der Schülerinnen und Schüler an weiterführenden Schulen eine digitale Lernplattform beispielsweise eine Schulcloud zum Einsatz kommt, dokumentiert den Nachholbedarf bei digitalen Bildungsanwendungen."

Dank des Probelaufs mit "ella" – jener in Eigenregie entstandenen Bildungsplattform, mit der Baden-Württemberg Pionierarbeit leisten wollte und grandios scheiterte – hätten viele der nun ausgeschriebenen Komponenten ihren Praxistest längst hinter sich haben sollen. Stattdessen behindert die Verfahrensverzögerungen jetzt auch noch die Beratung und Hilfestellung in der gegenwärtigen Corona-Lage. "Wir können keine Alternativen zum Beispiel zu Zoom empfehlen", sagt einer der Beamten im Ministerium, "weil uns durch die Ausschreibungsverfahren die Hände gebunden sind." Jeder Hinweis könnte von Mitbewerbern als "unerlaubte Einflussnahme" missverstanden werden.

Also werkeln die Kollegien weiter, die einen hochkompetent, aber unter dem Damoklesschwert, dass alle ihre Vorleistungen am Ende eingesammelt werden, wenn sie nicht zu dem passen, was irgendwann als neue Bildungsplattform, der zweite Versuch, auf den Weg gebracht wird. "Die Engagierten sind immer die Gekniffenen", weiß Datenschützer Brink, "wenn im Kultusministerium überfällige Grundsatzentscheidungen nicht getroffen werden." Andere Schulen sind willig, aber abgehängt, weil die LAN- und WLAN-Kapazitäten gerade mal für einen schlanken Mail-Verkehr reichen oder Computer gar nicht vorhanden sind. Dritte haben sich bereits an den Datenschutzbeauftragten gewandt, mit der Bitte um Unterstützung.

Nach seiner ersten öffentlichen Kritik an "Zoom", aber auch den leicht verfügbaren Alternativen und ihren ebenfalls zu niedrigen Standards, sind beim obersten Datenschützer Brink viele Reaktionen eingelaufen. Jetzt geht er völlig weisungsungebunden Hinweisen nach. Das abgestufte Vorgehen seiner Behörde ist festgelegt. Nach der Warnung kommt bei entsprechenden Prüfungsergebnissen die Verwarnung und dann die Untersagung. Und dann müsste in vielen Schulen im Land der ganz große Reset-Button gedrückt oder – wie es in der alten Welt geheißen hätte – der Stecker gezogen werden.


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1 Kommentar verfügbar

  • Rainer Stieber
    vor 3 Wochen
    Antworten
    Es ist ein Drama, wie auch Baden-Württemberg die Digitalisierung verschlafen hat. Corona hat dies in allen Bereichen deutlich gemacht.
    Eine wesentliche Ursache des Tiefschlafs sind die Juristen in den Ministerien und nachgeordneten Behörden. Bei denen stelle ich immer wieder fest, dass die…
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