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"Die Unplanbarkeit der Dinge nervt"

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Seit Montag haben die Schulen zumindest für einen Teil der Kinder und Jugendlichen wieder geöffnet. Die Lehrerin Livia Gööck berichtet über Vorbereitungen auf den ersten Schultag nach dem wochenlangen Corona-Lockdown.

"In dieser Woche haben sich nun endlich wieder die Pforten der Schulen geöffnet, zumindest für alle Abschlussklassen. Aber der organisatorische Weg dahin war chaotisch und anstrengend. Ich glaube schon, dass all die Hygieneverordnungen klug durchdacht sind und dass wir diese Krisenzeit überwinden können, wenn wir es alle schaffen, die Vorgaben einzuhalten. Es geht dabei ja vor allem um die Nachvollziehbarkeit von Ansteckungsketten: Es muss transparent bleiben, wer sich wo und wann im Schulhaus aufgehalten hat.

Die Hedwig-Dohm-Schule im Stuttgarter Norden ist eine berufliche Schule mit einem breiten Bildungsangebot in den Bereichen Ernährung, Hauswirtschaft und Sozialwissenschaften. Sie beherbergt unterschiedlichste Schularten: Gymnasien (ab Klasse 11), verschiedene Berufs- und Fachschulen, ein Berufskolleg, außerdem Sprachlern- und Vorbereitungsklassen für geflüchtete Jugendliche. Etwa 1.000 junge Erwachsene werden von etwa 90 Lehrkräften unterrichtet. Die Schule ist stolz darauf, ein Ort der Begegnung, des Austauschs und der Integration verschiedener Kulturen und Nationalitäten zu sein. Durch die im Vergleich zu allgemeinbildenden Schulen viel höhere Zahl an Abschlussklassen stehen der Schule seit Montag besonders anstrengende Wochen bevor. (vg)

Das macht Sinn: Die SchülerInnen bekommen für die nächsten Wochen einen festen Sitzplatz in ihrem Klassenzimmer zugewiesen, den sie auf keinen Fall wechseln dürfen. Die Klassen werden geteilt und in Blocks zu unterschiedlichen Zeiten unterrichtet. Das macht uns LehrerInnen zwar mehr Arbeit, aber so ist genug Platz in den Klassenräumen, um den Zwei-Meter-Abstand der Sitzplätze einzuhalten. Auch die Unterrichtszeiten der verschiedenen Schulen im Stuttgarter Norden mussten abgesprochen und verschoben werden, damit nicht alle SchülerInnen gleichzeitig mit der U-Bahn anrücken.

Es dürfen zudem nur Lehrkräfte die Schule betreten, die hier Präsenzunterricht abzuhalten haben. Alle anderen dürfen, wenn überhaupt, nur nach registrierter Anmeldung in die Schule kommen. Um das Ansteckungsrisiko zu minimieren, werden konkrete Bewegungsabläufe vorgeschrieben, etwa welches Treppenhaus zum Hochgehen und welches zum Heruntergehen benutzt werden soll. Es gibt ein Wegeleitsystem auf dem Boden und Wegweiser. Das ist alles sinnvoll.

Pädagogischer Wachdienst vor Toiletten

Es wäre der Worstcase, dass es trotz aller Vorsichtsmaßnahmen einen Infektionsfall an unserer Schule gäbe, der nicht nachvollziehbar ist und sich schnell verbreitet und die Schule dann womöglich dichtgemacht werden muss. Aber dass ich als Lehrerin nun als Wachdienst vor Toiletten stehen muss, um zu beaufsichtigen, dass nur je eine Person aufs WC geht und dass die SchülerInnen in der Warteschlange den Zwei-Meter-Abstand einhalten, ist schon eine seltsame Auslegung unseres Berufs. Und für diese Aufsichtsverordnung die entsprechenden Pläne zu erstellen, ist extrem aufwendig für unsere Schule.

Dazu kommt, dass viele Entscheidungen vom Kultusministerium immer wieder viel zu kurzfristig geändert wurden. Wie etwa letzten Donnerstag, als verkündet wurde, dass nun doch erlaubt wird, dass auch SchülerInnen, die nicht in Prüfungen stecken, in den Schulen unterrichtet werden dürfen. Freitag war aber Feiertag, so dass die Schule keine Chance mehr hatte, die neue Regelung, die vor allem für unsere HauptschülerInnen immens wichtig gewesen wäre, zeitnah umzusetzen. Auch die Erlaubnis der Stadt Stuttgart, dass wir nun doch auch in der Schulaula und Mensa Unterricht abhalten dürfen, kam erst, nachdem wir unsere Raumplanung für die kommenden Wochen längst fertig hatten. Die mussten wir dann nochmal neu in Angriff nehmen, denn die Tatsache, dass in einer Aula oder Mensa wesentlich mehr Menschen untergebracht werden können, eröffnete uns ganz neue Möglichkeiten.

Problematisch ist auch die Umsetzung vieler Hygienevorschriften des Landes: etwa, dass die Handkontaktflächen aller Schul-Arbeitsmittel, die von mehreren Personen benutzt werden (wie Telefon, Kopierer, Tastaturen und Mäuse), vom jeweiligen Nutzer vor Gebrauch desinfiziert werden müssen. Wie soll das funktionieren an den Kopierern morgens um acht Uhr, wenn alle LehrerInnen am liebsten gleichzeitig ihr Unterrichtsmaterial vervielfältigen würden?

Die Unplanbarkeit der Dinge nervt. Erst mussten wir davon ausgehen, dass die Schulen am 20. April wieder geöffnet werden. Dann wurde recht kurzfristig entschieden, dass nur die Prüfungsklassen kommen dürfen, und das auch erst ab 4. Mai. Alles andere bleibt nun auf unbestimmte Zeit erst einmal offen. Ich weiß nicht, wann ich meine SchülerInnen wiedersehen werde. Wie soll ich da planen?

Geht es um SchülerInnenbespaßung?

Auch fehlt eine allgemeine Zielvorgabe. Wir wissen ja gar nicht, wofür wir gerade arbeiten. Geht es um SchülerInnenbespaßung? Ich darf jedenfalls keine Klassenarbeiten schreiben und Noten geben. Und ich soll nichts unterrichten, was beispielsweise im nächsten Schuljahr abiturrelevant ist, weil ich nicht voraussetzen kann, dass mein Unterricht alle SchülerInnen auch wirklich erreicht. Schließlich hat nicht jeder und jede einen eigenen Laptop zuhause, oder vielleicht ist jemand an Corona erkrankt und im Krankenhaus. Wir brauchen also dringend Lösungsvorschläge dafür, wie wir mit dem Stoff und der verknappten Unterrichtszeit bis zu den Prüfungen umgehen sollen.

Insgesamt hapert es an allen Ecken an der Kommunikation. Auch an unserer Schule. Alle stehen unter enormem Druck, wir müssen ständig mit diesen kurzfristigen Änderungen hantieren. Weswegen viele KollegInnen bis zum vergangenen Wochenende noch gar nicht wussten, ob sie in dieser Woche in der Schule präsent sein müssen. Das hat auch mich gestresst, die ich ja in meinen Klassen nicht in prüfungsrelevanten Fächern unterrichte und deshalb als Aufsichtspersonal in Frage komme. Aber wenn ich nicht weiß, an welchem Tag ich in die Schule kommen soll, wie soll ich da meinen Fernunterricht, den ich ja weiterhin abhalten muss, organisieren? So was macht mich nervös.

Die Organisation des Schulalltags ist schon sehr kompliziert geworden. Es gibt schließlich ja auch KollegInnen, die zur Risikogruppe gehören und deshalb zurzeit keinen Präsenzunterricht abhalten dürfen. Das betrifft immerhin fast ein Viertel des Kollegiums. Und auch in der Schülerschaft gibt es natürlich Jugendliche, die jetzt gesundheitlich gefährdet sind und die trotz bevorstehender Prüfung daheim versorgt werden müssen.

Was ich mir wünsche, ist, dass wir LehrerInnen uns endlich wieder ganz unserem eigentlichen Job, nämlich dem Unterrichten von SchülerInnen, zuwenden können. Und dass wir uns nicht mehr mit so viel Verwaltungskram herumschlagen müssen. Wir werden zurzeit mit weitergeleiteten Emails geradezu zugeschüttet – ob sie nun vom Kultusministerium oder der Stadt Stuttgart kommen, ob es sich dabei um Informationen der Schulleitung an SchülerInnen und Eltern handelt oder um Hygienehinweise des Robert-Koch-Instituts. Dokumente mit zum Teil seitenlangen Anhängen, durch die ich mich dann stundenlang durchackern muss, um zu verstehen, was sie mit meinem Unterricht zu tun haben. Das ist nicht mein Job. Das ist eigentlich Aufgabe der Verwaltungsebene."


Livia Gööck (34) arbeitet seit sechs Jahren als Lehrerin für Deutsch sowie Geschichte und Gemeinschaftskunde (GGK) an der Stuttgarter Hedwig-Dohm-Schule.


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