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Geschlossene Gesellschaft

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 Fotos: Jens Volle 

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Datum:

Zuerst war es nur ein Appell des Kehler Oberbürgermeisters an die PendlerInnen der Stadt, "auf nicht zwingend notwendige Fahrten" ins Nachbarland zu verzichten. Dann hat das Robert-Koch-Institut das Elsass zur Corona-Notstandszone erklärt, Deutschland die Grenze zu Frankreich geschlossen. An der Europabrücke, bis vor kurzem Symbol eines geeinten Europas, wird seit vier Wochen wieder kontrolliert. Deutsch-französische Beobachtungen.

Kehl und Straßburg sind Nachbarstädte, eng verbunden durch Wirtschaft und Freundschaft. Durch das Gefühl, in einem geeinten Europa zu leben, dessen stärkstes Zeichen, das sichtbarste und spürbarste, der Wegfall früherer Grenzkontrollen sind. Seit dem 16. März ist die Grenze an der Europabrücke, wie viele andere in der EU, wieder dicht. Wie geht es den Menschen damit?

Jeden Tag fahren rund 5000 Pendler aus Straßburg und Umgebung nach Kehl. Und aus Kehl etwa 3000 nach Straßburg. Kinder gehen im jeweils anderen Land zur Schule, Freundschaften und Familienverbünde sind dort grenzübergreifend. Aber wer zurzeit nach Frankreich will, passiert in einer Parkbucht eine Gruppe französischer Polizisten, die nach "dem Papier" fragen, einer Bescheinigung für Menschen, die in Straßburg arbeiten, und für LKW-Fahrer, die Waren transportieren. Anfangs war hier täglich mordsmäßiger Stau, berichtet einer, der jeden Tag diese Strecke fährt. Aber seit dem 16. März herrscht kaum noch Verkehr auf den Straßen, inzwischen kommt er ganz gut durch.

Auf deutscher Seite stehen die Beamten mit Handschuhen, Mundschutz und Maschinenpistolen im Anschlag. Wer aus Straßburg kommt, kommt aus dem "Risikogebiet", so hat das Robert-Koch-Institut das Elsass eingestuft. Kehl in Deutschland, nur ein paar hundert Meter weiter, ist keines, und das, obwohl Kehl und Straßburg miteinander verwachsen sind wie siamesische Zwillinge.

Bei unserem Besuch vergangenen Mittwoch, 15. April, war die Fußgängerzone von Kehl bis auf ein paar Tauben – verlassen. Der Optiker hat geöffnet, Gesundheitsbereich, damit die Leute, die arbeiten, auch während Corona anständig sehen. Eine Bäckerei, ein Dönerladen. Kehl lebt vor allem von Menschen, die aus Frankreich kommen. Zum Einkaufen, zum Essen, weil es auf deutscher Seite günstiger ist. 70 Prozent weniger Kundschaft habe sie, sagt die Frau beim Bäcker.

Midik Salman von "Euro Kebab" steht vor dem Dönerspieß in seiner Bude. "Seit die Grenze zu ist", sagt er, "ist es richtig schlimm." Normalerweise verkauft er um die 50 Kilo Dönerfleisch am Tag. Momentan sind es nicht einmal zehn.

Ein Auto parkt direkt vor dem Kebab-Laden, weil sowieso kein Mensch unterwegs ist. Auf dem Armaturenbrett liegt eine Atemschutzmaske. Rudi Schulze und sein Kumpel sitzen drin, bestellen Döner aus der Ferne. Schulze arbeitet bei Nussbaum, Hebebühnen für Auto- und Lkw-Werkstätten, erst war Kurzarbeit angesagt, dann war der Laden für 220 Mitarbeitende komplett dicht. Die Firma hängt seit längerem in Schieflage, dann kam auch noch Corona. Vor ein paar Tagen hat Nussbaum einen Insolvenzantrag gestellt. Den Kredit, mit dem Rudi Schulze sein Haus abbezahlt, konnte er um drei Monate stunden. "Die Zinsen laufen trotzdem weiter", sagt er. Seine Frau arbeitet in einer Reha-Klinik, die Tochter in der Altenpflege. Im Schichtbetrieb in mehreren Gruppen, die sich nicht begegnen sollen, damit die eine Gruppe die anderen nicht ansteckt.

Es ist ein herrlicher, großartiger Frühlingstag. In einem Garten liegt eine Frau auf einer Liege in der Sonne. Eine andere, ältere, steht in ihrem Hauseingang zwischen Rosenranken. Sie findet es gut, dass die Grenzen wieder zu sind. Denn normalerweise würden die Franzosen immer vor ihrem Haus parken und ihre Aschenbecher aus den Autos vor ihrem Gartentörchen ausleeren. "Endlich ist hier mal Ruhe", sagt sie.

Das Rheinufer ist fast wie ausgestorben. Nur eine Frau mit Hund ist unterwegs, zwei Freundinnen sitzen auf einer Decke im Gras. Zwischen tausenden Gänseblümchen haben die Männer vom Betriebshof Kehl eine Schneise für Wildblumen angelegt, schlagen Holzpfosten ein und spannen ein Band, damit keiner drüber läuft. "Samen aussähen, Regen drauf, fertig. Das sieht bald richtig toll aus", sagt Günter Pich und erzählt, wie gut es sich gerade arbeiten lässt. "Kein Autoverkehr in der Stadt. Man kommt an jedes Beet heran und keiner parkt es zu. Zum arbeiten für uns ist die Situation traumhaft."

Ein paar Meter weiter steht Vorarbeiter Adelbert Schaub. Drei Franzosen arbeiten für den Kehler Bauhof. Anfangs sollten die nur zwei Wochen daheim bleiben, sagt Schaub, mittlerweile habe die Stadt für die drei einen eigenen kleinen Bauhof eingerichtet, damit Franzosen und Deutsche nicht miteinander in Berührung kommen. Eine komische Situation sei das für alle, wenn man als Team plötzlich so getrennt arbeiten muss. "Die Franzosen werden hier wie Aussätzige behandelt", sagt Schaub. Eine einheitliche Regelung für Corona-Maßnahmen innerhalb der EU hätte er gut gefunden. Ohne geschlossene Grenzen. "Die hinterlassen schon was in der Psyche." Die Deutschen in ihrem Bauhof haben einen Kaffeeautomat, der die Tassen momentan umsonst füllt. "Die französischen Kollegen haben diesen Vorteil nicht. Das ist eine Kleinigkeit, aber es ist ungerecht." Im Saarland sollen Franzosen beleidigt und mit Eiern beworfen worden sein. Davon sind die Männer vom Bauhof sehr weit entfernt. Die Kollegen sind grenzübergreifend solidarisch.

Die Passerelle des Deux Rives, die Brücke der zwei Ufer, die Fahrrad- und Fußgängerbrücke zwischen Kehl und Straßburg, wurde 2004 zur ersten deutsch-französischen Gartenschau eingeweiht. Sie steht "für den Frieden in Europa und die grenzüberschreitende Zusammenarbeit", so steht es auf der Homepage von Straßburg. Corona, Gitter und Absperrband haben nur wenig vom "Zusammen" übrig gelassen. Polizisten sitzen davor in der Sonne, trinken Kaffee, futtern Mittagessen aus Tupperware und kucken, dass keiner drüberläuft. Am Anfang gab es einige, die sich gegen die Sperrung gewehrt haben. Mittlerweile nicht mehr, erzählen sie.

Wir dürfen, zumindest bis zur Mitte der Brücke, zum zweiten Zaun. Bänke stehen da, eine einsame leere Flasche Oettinger-Bier zeugt von anderen Zeiten. Unter der Brücke rauscht ein Polizeiboot hindurch, um Gruppen aufzulösen, die sich möglicherweise am Rhein-Ufer bilden könnten. Weit in der Ferne, auf französischer Seite, wehen drei Flagge. Die Deutsche, die Französische, die Flagge der EU.

In der Kneipe "Alte Zunft" in der Kehler Fußgängerzone kostete vor einiger Zeit die "Feuerzangenbowle mit Rum 5,50 Euro". Das Schild liest sich wie aus einer anderen Epoche. Tische und Stühle sind abgeschlossen, innen wird geputzt. Sie habe noch nie so lange frei gehabt, sagt die Wirtin. Jetzt wienert sie mit ihrem Team eben ihr Lokal und macht all das, was über die Jahre liegengeblieben ist. Auch zu Hause, sagt sie. Draußen auf der Straße bewundert eine Frau mit Kind gerade eine sehr dicke weiße Katze. "Ohne die Franzosen wäre Kehl längst den Bach runter gegangen", sagt sie. Wirtschaftlich im Moment: übel! "Aber sonst ist es herrlich", sagt die Frau und breitet die Arme aus. "Kein einziges Auto!"

Cengiz Boyraz ist froh, dass er die Scheibe an seinem Kiosk hat, die er unten einen Spalt aufmachen kann. "Das schützt mich", sagt er. Am liebsten würde er sofort schließen. Aber er verkauft Zeitungen, Informationen, die sind systemrelevant. "Als Verkäufer hat man Angst, ja", sagt Boyraz hinter dem Glas. Vor allem, weil er ja schon 58 Jahre alt sei. Seine Frau arbeitet im EU-Parlament in Straßburg und darf momentan nicht nach Deutschland. Seit vier Wochen hat sich das Paar, außer in Videochats, nicht mehr gesehen. "Vier Wochen!", sagt Cengiz Boyraz und ihm steigen die Tränen in die Augen.

Im April 2017 wurde die grenzübergreifende Trambahn eingeweiht, die normalerweise zwischen Kehl und Straßburg fährt. Ihre erste Fahrt wurde als historischer Schritt gefeiert, ein europäischer Brückenschlag durch ein praktisches und umweltfreundliches Verkehrsmittel, das einfach zu nutzen ist und den TramfahrerInnen das Gefühl nimmt, eine Landesgrenze zu überschreiten. Momentan fährt keine Tram.

Der Kiosk im Kehler Bahnhof hat geöffnet. Er macht zwei Stunden später auf und schließt zwei Stunden früher als sonst, samstags ist neuerdings zu. 80 Prozent der Kundschaft bleibt aus, weil die aus Frankreich kommt, sagt die Verkäuferin. Unter ihrem Tresen sammelt sie Abo-Zeitschriften für ihre StammkundInnen jenseits der Grenzabsperrung. Damit sie keine Ausgabe verpassen. "Wenn die Grenzen wieder offen sind, werden wir die erste Zeit überschwemmt werden", sagt die Frau. Sie freut sich drauf.

Oben am Bahnhof stehen sieben Polizeibeamte mit Masken und Handschuhen. Jeder Zug, der aus Frankreich kommt, wird von innen in Augenschein genommen. Wer keinen "triftigen Grund" hat, nach Deutschland einzureisen, muss wieder zurückfahren. Wenn zwei Züge halten, die jeweils in die gegensätzliche Richtung wollen, müssen beide warten, bis die Polizei sie losfahren lässt.

Es würde viel strenger kontrolliert als in der Zeit vor Schengen, sagt ein Polizist, der europäische Binnengrenzen noch von früher kennt. Grenzkontrollen seien für ihn und seine Kollegen mittlerweile nichts Neues mehr. "Kennen wir", sagen die Polizisten, "schon seit 2015 wieder aus Österreich, wegen der Flüchtlinge."


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