VW hat es bereits vorgemacht. Jüngst einigte sich der Aufsichtsrat darauf, dass konzernweit 50.000 Stellen wegfallen werden – nachem vor zwei Jahren bereits beschlossen wurde, dass bis 2030 ebenso viele gestrichen werden sollen. Vier deutsche VW-Werke stehen vor einer ungewissen Zukunft, darunter auch das Audi-Werk in Neckarsulm. Die Krise in der Branche ist so groß, dass sich vergangene Woche die Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Bayern und Niedersachsen mit gemeinsamen Forderungen an die Bundesregierung und die EU gewendet haben: Cem Özdemir (Grüne), Markus Söder (CSU) und Olaf Lies (SPD) wollen unter anderem Schutzzölle auf chinesische Autos und Kaufprämien für gebrauchte Elektrofahrzeuge.
"Die Lage ist schwierig, der Druck aus China ist groß", sagt am Montag vor dem Untertürkheimer Werk auch der Betriebsratsvorsitzende Michael Häberle. Auch Mercedes will beim Personal sparen, das Cannstatter Motorenwerk mit hunderten Beschäftigten solle geschlossen werden, verkündet Häberle – sogar, wenn die Beschäftigten Einschnitte beim Lohn mittragen würden. Und bei Widerstand stünden nicht nur das Motorenwerk, sondern der ganze Standort zur Disposition. Wettbewerbsfähig werde man in Deutschland aber nicht durch niedrigere Löhne, sondern durch Innovation und Qualität, wettert Häberle auf der Bühne: "Wer von Standortaufgabe spricht, der denkt nicht mehr an Vorsprung, der denkt nicht mal an Fortschritt."
Länger arbeiten, später in Rente
Die Industriekrise geht derzeit Hand in Hand mit dem Abbau des Sozialstaats. Denn Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) lässt offen durchblicken, worin er die Probleme erkannt haben will: Die Arbeiter:innen und Angestellten sind zu oft krank, arbeiten zu häufig nur in Teilzeit, kurzum: sind zu faul. "Der Sozialstaat, wie wir ihn heute haben, ist mit dem, was wir volkswirtschaftlich leisten, nicht mehr finanzierbar", verkündete er schon im vergangenen Jahr. In diesem Sommer präsentierte sein Kabinett schließlich ein Reformpaket mit 34 Punkten, ein "Programm für Aufschwung und Beschäftigung".
Bereits beschlossen und eingeführt ist die Grundsicherung statt Bürgergeld, die für Arbeitslose härtere Sanktionen vorsieht. Ebenso beschlossen und ab nächstem Jahr wirksam ist die GKV-Reform, die für Verschlechterungen im Gesundheitssystem sorgen dürfte und höhere Kosten für Patient:innen vorsieht. Erwartet werden noch Reformen bei Arbeit und Rente: Arbeitsverträge sollen laut Plänen der Bundesregierung bis zu vier Jahre statt bisher zwei befristet werden können, die tägliche Höchstarbeitszeit von 10 Stunden pro Tag könnte zu Gunsten einer Höchstwochenarbeitszeit aufgeweicht werden. Die Rentenkommission hat eine stärkere Kapitaldeckung empfohlen, außerdem soll die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren – irreführenderweise "Rente mit 63" genannt – gestrichen werden.
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