Und dann? Alternativen gibt es nicht allzu viele in und um das 14.000-Einwohner:innen-Städtchen Münsingen im Biosphärengebiet auf der Alb. Laut Michael Bidmon von der IG Metall Reutlingen-Tübingen sind die Beschäftigten in den betroffenen Bereichen spezialisierte Fachkräfte. "Entsprechende Jobs gibt es nicht an jeder Ecke in unserer Region, auch wenn man die sehr groß zieht", sagt er.
In Münsingen ist die Belegschaft stolz auf ihre Produkte. Wendeschneidplatten werden im Maschinenbau und in der Kfz-Industrie benötigt – letztlich überall, wo zerspanende Bearbeitung von Stahl eine Rolle spielt. Zum Teil sei die Fertigung der Platten sehr aufwendig und kundenspezifisch, sagt Bidmon, der gelernter Werkzeugmechaniker ist. "Einige Technologien wurden in Münsingen entwickelt", weiß er. Woanders gebe es das nicht. "Da steckt sehr viel Knowhow von vor Ort drin." Auch deswegen seien die Facharbeiter:innen in Münsingen so sauer auf das Unternehmen. "Die Kolleginnen und Kollegen wissen, sie haben zum Teil seit Jahrzehnten für hohe Gewinne gesorgt, sie haben Technologien entwickelt, durch die Walter federführend in der Branche wurde", sagt Bidmon. Sie wollen sich jetzt nicht mit ein paar Euro abfinden lassen.
Urabstimmung wird vorbereitet
Insgesamt arbeiten am Walter-Standort in Münsingen rund 600 Leute. IG Metall und Betriebsrat befürchten, dass die angekündigten 160 wegfallenden Jobs nur der Anfang sein könnten. Das wollen sie verhindern. Zwei Warnstreiks hat es bereits gegeben, alle Schichten waren vor dem Tor. "Und auch wenn die Geschäftsführung sagt, das mache ihr nichts aus – das tut denen weh", ist Bidmon überzeugt. Denn die Auftragsbücher seien voll. "Nach unseren Informationen liegt der Eingang über der Vor-Corona-Zeit."
Gute Voraussetzungen also, um wirtschaftlichen Druck aufzubauen und die Arbeitgeberseite mittels Streiks zu konstruktiven Gesprächen am Verhandlungstisch zu motivieren.
Bislang habe man sich dreimal getroffen, einmal haben die IG Metall beziehungsweise der Betriebsrat ihre Forderungen übergeben, zweimal habe man zusammengesessen. "Aber", so Bidmon, "da kam nichts Ernsthaftes von der Gegenseite".
Während bei einem Interessenausgleich der Betriebsrat mit der Geschäftsleitung über das wann und wie einer Betriebsänderung verhandelt, also Personalabbau, Verlagerung, eventuell Schließung, muss der Arbeitgeber einen Tarifvertrag mit der Gewerkschaft verhandeln. Der wichtige Knackpunkt: Nur bei tariflichen Angelegenheiten darf gestreikt werden.
Also hat die IG Metall Reutlingen-Tübingen dafür gesorgt, dass ein Sozialtarifvertrag auf dem Tisch liegt. Das ist nicht ganz einfach, weil dem die IG-Metall-Bezirksleitung, also die Landesebene, zustimmen muss. Damit tat sich die baden-württembergische Bezirksleitung in der Vergangenheit schwer – im Gegensatz zur bayerischen oder der in Nordrhein-Westfalen. Für den Konflikt in Münsingen aber hat es geklappt. Die Gewerkschaft kann nun per Sozialtarifvertrag hohe Abfindungen fordern für die Beschäftigten, die die Walter AG raushauen will. Bidmon: "Eigentlich ganz einfach: Wenn die Arbeitsplätze hier bleiben, muss das Unternehmen nicht zahlen." Aktuell wird die Urabstimmung vorbereitet. Sollte es dazu kommen und die Belegschaft für einen Streik stimmen, kann sie das Werk schon bald unbefristet lahmlegen.
Geschäftsführer Christoph Geigges lässt auf Kontext-Anfrage ausrichten, man setze sich weiter für den Dialog mit Betriebsrat und der Gewerkschaft ein. Endgültige Entscheidungen über einzelne Stellen seien noch nicht gefallen. Dass Streik den Druck erhöhen würde, lässt sich an diesem Satz ablesen: "Jede Art von Arbeitskampf bedeutet für alle eine zusätzliche Belastung, weshalb wir darauf hinarbeiten, so schnell wie möglich eine Einigung zu erzielen."
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