Zwischen Clubsounds und Klangkunst
Spannend bis zuletzt wird es im Fall von Ata Ebtekar. Der Komponist komplexer elektronischer Klanggebilde, der unter dem Namen Sote auftritt, lebt in Teheran und hat dort ein Festival für elektronische Musik ins Leben gerufen. In Hamburg geboren, vorwiegend im Iran aufgewachsen, hat er 25 Jahre in Kalifornien gelebt und besitzt nun die amerikanische und die iranische Staatsbürgerschaft. Auf dem Programm steht eine audiovisuelle Installation mit dem niederländisch-saudi-arabischen Künstler Tarik Barri. Sote ist guter Dinge, dass es mit der Anreise klappen wird, aber sicher kann das in der gegenwärtigen Lage niemand sagen.
Das Festival beginnt am Freitag mit dem Genfer Improvisationsmusiker und Komponisten Jacques Demierre, der mit dem barocken Spinett ganz anders umgeht als die Interpreten von Johann Sebastian Bach, gefolgt von einem deutsch-polnischen Duo zwischen Clubsounds und Klangkunst und den erweiterten Spieltechniken der Dänin Maria Bertel auf der Posaune. Bevor der erste Tag mit Techno und Ambient von Alex Cortex ausklingt, einem alten Freund Junkermanns, der einmal in Clubs wie dem Berliner Berghain aufgelegt hat, steht ein besonderes Highlight auf dem Programm: zwei Kompositionen des bereits erwähnten Alex Bues für das dreiköpfige Ensemble "Liminal Resonatrix" und die Cellistin Nicola Romanò. Das Konzert wird vom SWR für die Reihe "JetztMusik" aufgezeichnet. Das ist neu, so etwas gab es beim Xciting Festival noch nicht, und vielleicht hängt es damit zusammen, dass der Musikfonds, ein Verein zur "Förderung der aktuellen Musik aller Sparten in ihrer Vielfalt und Komplexität" das Festival dieses Jahr mit 24.000 Euro unterstützt: Bei einem Etat von 55.000 Euro keine Kleinigkeit, zumal die Stadt ihren Beitrag von bisher 20.000 Euro auf 16.000 gekürzt hat. 5.000 Euro kommen von der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, bei der Junkermann einen Antrag gestellt hat, nachdem ihm aufgefallen war, dass er fünf Schweizer:innen im Programm hatte. Alles in allem ist das Festival damit besser ausgestattet als je zuvor.
Ob sich dieser Trend in den kommenden Jahren fortsetzen wird, ist jedoch alles andere als sicher. Um dem Festival organisatorisch wie finanziell eine etwas breitere Basis zu verschaffen, hat Junkermann einen Verein gegründet. Auf Dauer möchte er seine Ideen nicht allein, sondern im Dialog mit anderen entwickeln. Für Organisation und Aufbau ist er ohnehin auf ehrenamtliche Hilfe angewiesen.
Zuerst spart Junkermann an sich selbst
In seine Förderanträge hat Junkermanns auch einen Betrag für die eigene kuratorische Arbeit eingetragen, der freilich seinen tatsächlichen organisatorischen Aufwand bei weitem nicht abdeckt. Sollte es zu Engpässen kommen, will er hier zuerst sparen, denn für seinen Lebensunterhalt ist er nicht auf das Festival angewiesen. Er hat sich für einen Brotjob entschieden: Schwerstbehindertenbetreuung, 60 Stunden im Monat, in der Regel nachts. Das hilft ihm, geerdet zu bleiben, meint er. Dazu kommen weitere Einnahmen aus gelegentlichen Grafikdesign-Aufträgen und durch die Kunst. Da er keine Familie hat und kein Auto und keinen teuren Urlaub macht, kommt er über die Runden.
Musik, die in keine Schublade passt und noch nie in Stuttgart zu hören war: Ein kommerzieller Konzertveranstalter würde sich auf so etwas niemals einlassen. Die meisten Menschen gehen in Konzerte, um zu hören, was sie schon kennen: ihre Lieblings-Bands, bekannte Songs oder Musikstücke, eine bestimmte Musikrichtung. Eintritt zu zahlen für etwas, was man noch nicht kennt, setzt eine gute Portion Neugier voraus. Junkermann hofft, dass das Festival auf Dauer zum Selbstläufer wird. Doch soweit ist es noch nicht. Die Eintrittsgelder decken nur ungefähr ein Siebtel der Ausgaben. Und der Platz im Projektraum der Wagenhalle ist ohnehin begrenzt.
Wie es in der Zukunft weitergeht, steht noch keineswegs fest. Eine bisher nur auf Zeit gewährte institutionelle Förderung der Stadt läuft im kommenden Jahr aus. Stiftungsgelder können nur von Mal zu Mal neu beantragt werden. "Dauerförderungen sind ausgeschlossen", heißt es explizit in den Regularien des Musikfonds. Aufgeben kommt für Junkermann aber nicht in Frage. Das Festival ist sein Lebensinhalt, mehr noch als seine Kunst. Er hat sich einen ganz eigenen Kosmos aufgebaut: eine Plattform für aktuelle globale Musik jenseits aller gängigen Kategorien.
"In seiner achten Ausgabe präsentiert sich das Festival so umfangreich wie nie zuvor und setzt in Zeiten kulturpolitischer Sparmaßnahmen ein Zeichen für künstlerische Vielfalt und internationale Vernetzung", schreibt ausgerechnet die Stadt Stuttgart auf ihrer Homepage. Bleibt zu hoffen, dass sich der Gemeinderat daran erinnert, wenn die nächste Runde kulturpolitischer Sparmaßnahmen auf der Tagesordnung steht.
Xciting-Festival am Freitag und Samstag, 11. und 12. September im Projektraum des Kunstvereins Wagenhalle, Innerer Nordbahnhof 1, Stuttgart. Alle Infos hier.
0 Kommentare verfügbar
Schreiben Sie den ersten Kommentar!