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Kürzungen bei Stuttgarter Kultur

Da waren's nur noch drei

Kürzungen bei Stuttgarter Kultur: Da waren's nur noch drei
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Nach den letzten Haushaltskürzungen stehen Stuttgarter Kulturinstitutionen wie die Theater Rampe und tri-bühne vor einer ungewissen Zukunft. Festivals sind besonders stark betroffen. Ein Zukunftskonzept hat die Stadt nicht.

Seit elf Jahren gibt es das Festival "6 Tage frei", hervorgegangen aus einem Theaterpreis der Stuttgarter Zeitung. Das "frei" bezieht sich auf die freie Szene: unabhängig von den Institutionen entwickelte Projekte im Bereich Tanz und Theater. Seitdem hat sich vieles verändert. Die Stuttgarter Zeitung verleiht schon lange keinen Theaterpreis mehr. Und das vom Theater Rampe organisierte Festival heißt dieses Jahr "3 Tage frei". Die Stadt hat ihren Zuschuss halbiert: von 49.000 auf 24.500 Euro. 

Im Dezember hat der Stuttgarter Gemeinderat den neuen Doppelhaushalt beschlossen. Um sechs Prozent hat die Stadt den Kulturhaushalt reduziert, zur Verbesserung der angespannten städtischen Haushaltslage trägt das nur minimal bei. Aber es reißt große Löcher in die Finanzen der Einrichtungen, die oftmals ein Mehrfaches an Drittmitteln verlieren. Fördergelder von Stiftungen etwa sind oft an die Bedingung geknüpft, dass die Einrichtungen einen Eigenmittelanteil aufbringen, dieser schrumpft mit den städtischen Kürzungen. Etablierte erfolgreiche Veranstaltungen stehen dadurch plötzlich auf der Kippe. 

Besonders drastisch ist der neue Haushaltsplan für jene Projekte, die von langer Hand geplant sind. Ein Festival lässt sich nicht in drei Monaten aus dem Boden stampfen. "6 Tage frei" beginnt ein Jahr vorher mit einer landesweiten Ausschreibung, erklärt Bastian Sistig, der mit Ilona Schaal das Theater Rampe leitet und das Festival organisiert. Aus den Einsendungen wählt eine Jury die besten und innovativsten Projekte aus. Im vergangenen Herbst waren die bereits ausgewählt und benachrichtigt, als Sistig, wenn auch noch nicht offiziell, von den drohenden Einschnitten erfuhr. 

Neuer Programmpunkt: Protestgala

Was tun? Den Gewinnern wieder absagen, kam für ihn nicht infrage. Mit Geld aus dem Vorjahr gelang es gerade noch, alle einzuladen. Viele Programmpunkte sind lange vorher ausverkauft, eine zweite Vorstellung kann sich das Theater Rampe diesmal aber nicht leisten. Dafür gibt es zum Start am heutigen Mittwoch, 15. April, einen zusätzlichen Programmpunkt, eine Protestgala: sieben Beiträge à fünf bis acht Minuten, ausgelost nach einer kurzfristigen Ausschreibung der Freien Tanz- und Theaterszene Stuttgart (FTTS) und ermöglicht durch Mittel der Péter Horváth Stiftung. 

Eine Protestgala: Das passt zur Stimmung zwischen Wut und Feierlaune. Die freie Szene will sich nicht unterkriegen lassen. Doch ihr zentrales Ereignis ist existenziell bedroht. Das Plakat zeigt eine Kettensäge. Die 6 ist durchgestrichen und durch eine 3 ersetzt – obwohl genau genommen das Festival an vier Tagen stattfindet. Sinnbildlich passt die Halbierung zur Kürzung des städtischen Zuschusses. 

Die Stadt finanziert das Festival nicht allein. Über den Landesverband Freie Tanz- und Theaterschaffende Baden-Württemberg (LaFT BW) trägt auch das Land seinen Teil bei. Weil das Land seinen Anteil nicht kürzt, reduziert sich der Etat insgesamt um weniger als die Hälfte. Dennoch ist gegenwärtig völlig unklar, ob das Festival in zwei Jahren noch einmal stattfinden kann. 

"6 Tage frei" ist nicht das einzige Festival, das Federn lassen muss. Das Literaturfestival hat die Stadt komplett gestrichen, beim Stuttgarter Europa Theater Treffen (SETT) die Zuschüsse ebenfalls halbiert. Seit 1993 ist es das Aushängeschild des Theaters tri-bühne: eine Sternstunde des Kulturaustauschs mit Osteuropa und darüber hinaus. Siebenmal war Henning Mankells "Teatro Avenida" aus Mosambik zu Gast, zuletzt 2024 Ensembles aus Ungarn, Litauen und Griechenland.

Gespart wird bei den kulturellen Höhepunkten

Dieses Jahr fallen nur rund 40.000 Euro weg, erklärt tri-bühne-Intendant Stefan Kirchknopf, 2028 dann allerdings doppelt so viel. Wie sich der Landesanteil entwickelt, bisher ein Drittel der Fördersumme, ist noch offen. "Die Gastspiele werden kleiner, das Programm wird deutlich magerer", bedauert Kirchknopf. "Aufwendige, spektakuläre Highlights wie beim letzten Mal 'Goodbye, Lindita' vom Nationaltheater Athen, das gerade durch die Welt reist und soeben zwei Wochen am Pariser Odeon gezeigt wurde, sind kaum noch denkbar."

Lieber bei den Festivals sparen als bei der regulären Arbeit der Kulturinstitutionen: Das ist die Logik, der die Kürzungen folgen. Allerdings sind Festivals Höhepunkte im Kulturleben. Gäste kommen von weit her, um sich auf den neuesten Stand zu bringen und auszutauschen. Ein Festival ist auch ein Aushängeschild für die Stadt, man denke nur an die Salzburger Festspiele, die Berlinale oder die Ruhrtriennale.

Stuttgart hat auf dem Gebiet der Musik traditionell einen guten Ruf. Eine Reihe hervorragender Chöre und Orchester tragen dazu bei, ebenso die Stunde der Kirchenmusik, der Orgelsommer oder die Bachakademie und ihr Internationales Bachfest. Auch hier hat die Stadt den Rotstift angesetzt und die Förderung – wie auch beim Neue-Musik-Festival Eclat – um 20 Prozent gekürzt. Am 23. April, also in einer Woche, beginnt in der Leonhardskirche das Festival Stuttgart Barock, ins Leben gerufen vor vierzig Jahren, zusammen mit dem Barockorchester, von Frieder Bernius.

1968, im Alter von zwanzig Jahren, hat der renommierte, heute 78-jährige Dirigent den Stuttgarter Kammerchor gegründet. Er hat 120 Tonträger eingespielt und 50 Preise erhalten. Er war zu Gast auf der ganzen Welt – bis nach Japan und China: das alles mit zwei ganzen und zwei halben Stellen. Doch nun muss sein Verein "Musik Podium" auf ein Drittel der Fördermittel verzichten. Die Aufführung von Luigi Cherubinis Requiem im Herbst fällt weg, außerdem eine Stelle. Eine schöne Krönung eines Lebenswerks, das weltweit Beachtung findet. 

Kulturamt in der Rolle des Mangelverwalters

Der CDU-Kultursprecher Roland Sauer findet, Bernius gebe zu wenig Konzerte in Stuttgart. "Die Maßgaben der Kulturförderung haben sich in den vergangenen Jahren erweitert", argumentiert das Kulturamt. "Neben der künstlerischen Exzellenz spielen inzwischen auch Aspekte wie kulturelle Teilhabemöglichkeiten, Kooperationen, das Teilen von Ressourcen sowie eine nachhaltige Zukunftsplanung eine Rolle." Bernius besteht auf Qualität. Ohne entsprechende Förderung sei die nicht zu haben.

Das Kulturamt findet sich zunehmend in der Rolle des Mangelverwalters wieder. Sein Leiter Marc Gegenfurtner hat manches Schlimmere verhindert: Statt bei den Künstler:innen hat er an den eigenen Abteilungen gespart – ohne jedoch deren Arbeit ganz in Frage zu stellen. Im Bereich "Kunst im öffentlichen Raum" etwa, der in den letzten Jahren viel Beachtung gefunden hat, ist nur noch eine von fünf Stellen übrig, bei einem Viertel des Etats. Die bisherigen Bereiche Interkultur, Kulturelle Bildung und Soziokultur sind nun unter dem Stichwort "Kulturelle Teilhabe" zusammengefasst. Kleine Initiativen wie der Kunstraum "Zero Arts" oder der Verein "Literally Peace", die nicht mehr als 20.000 Euro im Jahr bekommen, blieben von den Kürzungen verschont, ebenso das Theater La Lune und das Club Kollektiv.

Gruppen wie das Citizen Kane Kollektiv, die bisher nur eine befristete institutionelle Förderung hatten, wurden verstetigt, gleichzeitig aber um 20 Prozent gekürzt. Ein tiefer Einschnitt, wie Christian Müller feststellt: "Die institutionelle Förderung ermöglicht uns zwar weiterhin, Drittmittel einzuwerben. Doch die Kürzung zwingt uns zu schmerzhaften Entscheidungen: weniger Projekte, weniger Recherchen in den Stadtteilen, weniger Zusammenarbeit mit lokalen Communities." Jetzt könne das Kollektiv nur noch ein größeres Projekt pro Jahr finanzieren.

Genau das, was das Kulturamt bei Bernius vermisst, nämlich Teilhabe, Kooperation und nachhaltige Zukunftsplanung, wird jetzt auch für Citizen Kane, tri-bühne und Rampe, ja selbst für die Staatsoper immer schwieriger. Nicht nur die Zahl der Aufführungen gehe ungefähr auf die Hälfte zurück, sagt Christian Müller, sondern auch die Möglichkeiten, mit anderen lokalen Künstler:innen und Initiativen zusammenzuarbeiten. Und Stefan Kirchknopf von der tri-bühne stellt fest: "Ich kann im Moment nur Stücke mit dem festen Ensemble produzieren, es gibt eine Gästesperre."

Ungehörte Appelle

Das Theater Rampe hat schon im November ein Zahlenpapier vorgelegt. Die sechsprozentige Kürzung des laufenden Etats, ohne das Festival, bedeutet, dass halb so viel Geld für das Programm übrigbleibt, da ein Großteil für ständig steigende Fixkosten benötigt wird. Damit verringern sich proportional aber auch die Drittmittel. 52.000 Euro für Gastspiele, Residenzen und künstlerische Forschung fallen allein durch das Auslaufen des Modelprojekts "Verbindungen Fördern" weg. Die Gesamtsumme der direkten Kürzungen beziffern sich auf rund 130.000 Euro.

Selbst die Staatsoper kann sich gerade zukunftsweisende Kooperationen wie "Cité d'Or. Aufstieg und Fall der Stadt Stuttgart" mit dem Theater Rampe in einem ehemaligen Autohaus immer weniger leisten, sagte Intendant Viktor Schoner im Kontext-Interview im Dezember. "Die Stadt Stuttgart", so Schoner wörtlich, "braucht unbedingt eine kulturpolitische Vision." Die Bürgerschaft hat eine solche Vision schon einmal erarbeitet: im zweijährigen Kulturdialog 2011 bis 2013. Doch der Gemeinderat hat die Vorschläge hartnäckig ignoriert.

Die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young (EY) haben in ihrer Studie "Rebuilding Europe" (Europa wiederaufbauen) nach der Coronakrise gefordert, massiv in die Kultur zu investieren. Während anderswo Arbeitsplätze abgebaut würden, nehme die Zahl hier zu, wenngleich oft auf prekärem Niveau. Für noch wichtiger hält EY ein kreatives Umfeld, das nötig sei, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern.

"Kultur ist kein Luxus, sie ist eine Form des Widerstands", insistierte die weißrussische Musikerin, Kulturmanagerin und Oppositionspolitikerin Maria Kalesnikava vor einer Woche an der Musikhochschule Stuttgart, an der sie einst studiert hat. "Sie schafft Räume für freie Gedanken, sie gibt Menschen eine Stimme auch dann, wenn man versucht, sie zum Schweigen zu bringen. Sie verbindet uns über Grenzen hinweg und erinnert uns daran, was uns als Menschen ausmacht." Ihr Plädoyer: "Ich rufe alle, von denen es abhängt, dazu auf, Kultur, Kunst, kulturelle Institutionen, Künstlerinnen und Künstler noch stärker zu unterstützen!" 


Zum Programm des Festivals "3 Tage frei" vom 15. bis 18. April geht es hier. Das Festival Stuttgart Barock läuft vom 23. bis zum 26. April, zum Programm geht's hier

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