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WM-Kontrastprogramm

Bolzplätze für Deutschland

WM-Kontrastprogramm: Bolzplätze für Deutschland
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Die Fußball-Weltmeisterschaft der Herren wurde von korrupten Narzissten gekapert. Das Kicken darf man sich trotzdem nicht vermiesen lassen. Unser Kolumnist erinnert an die Ursprünge und plädiert dafür, dass dem Fußball weiterhin genügend Raum gewährt wird.

Bisschen Glück bei der Geburt hab' ich gehabt. Durchaus privilegiert aufgewachsen bin ich, das geb' ich zu. Stimmt schon, was die Immobilienfuzzis behaupten: Der Standort ist wichtig – und meine Eltern wohnten in einer feinen Aussichtslage. Da hast du vom Balkon übers ganze Dorf gesehen, aufs alte Rathaus, aufs kleine Backhäusle und sogar den Friedhof. Das Einzigste – als Kind steigerst du ja alles, was sich nicht steigern lässt – das Einzigste, was mich an der Aussicht wirklich interessiert hat und das nachgerade brennend, war, was gerade auf dem Bolzplatz passiert. Tatsächlich hast du von unserem Garten direkt auf den Bolzplatz gesehen, obwohl der in einiger Entfernung lag, also unten im Tal. Ist das nicht praktisch? Die Hälfte der Sicht wurde zwar vom riesigen Dach eines Bauernhauses verdeckt, aber die Sicht auf die andere Hälfte reichte völlig, um mitzubekommen, ob da unten gekickt wurde oder nicht. Falls ja, hatten sich meine Hausaufgaben schlagartig erledigt für den ganzen Nachmittag, bis es dunkel wurde.

Jetzt könntest du dich in der Gegenwart darüber beklagen, dass der Fußball grundsätzlich zu viel Raum einnimmt: in den Nachrichten, im Tagesablauf und überhaupt im ganzen Leben. Stimmt vielleicht, aber das Lied kenne ich ja schon von der Mutter. Heute geb' ich zu: Wenn du diese Turniere meinst, mit der dieser grundkorrupte Weltverband im Abstand von vier Jahren durch Diktaturen und Restdemokratien tingelt mit Vorliebe durch Länder mit nazi…, Verzeihung, narzisstischen Despoten vorne dran, also wenn du diese Weltmeisterschaften meinst, dann stimmt das mit dem Zuviel an Fußball. Das Traurige ist ja: In diesen Tagen wirst du dauerberieselt mit diesem Turnier. Nominierung, Trainingslager, Vorbereitungsspiele – Belangsloses großspurig inszeniert. Als wäre die WM noch wie früher, also eine harmlose, nahezu faire Angelegenheit von ausschließlich sportlichem Wert.

"Schönste Nebensache der Welt" hat man seinerzeit das Kicken genannt. Damals als der Hoeneß-Uli und der Maier-Sepp aus dem Trainingslager in Malente ausgebüxt sind. Nebensache – das Wort hab ich im Zusammenhang mit Fußball schon lange nicht mehr gehört. Heute ist's Business, präziser formuliert: Propaganda. Heute würden der Maier-Sepp und der Hoeneß-Uli direkt dem ICE-Kommando vor die Flinte laufen, wenn sie sich wie Flüchtlinge aus dem WM-Quartier davonschleichen würden. Aber das nur am Rande. Ich geb' ja zu: Eigentlich interessiert mich die Weltmeisterschaft nicht. Ich halte sie für dermaßen nebensächlich in einem unschönen Sinne, dass es mir sogar zu anstrengend ist, das Event zu boykottieren. Kann durchaus sein, dass ich ein paar Minuten glotze. Na und?

Keine Reservierung notwendig

Schade an diesem Weltturnier ist vor allem, was sie dem Fußball im Gesamten antut. Es steht zu erwarten, dass wir uns wohl oder übel in den nächsten Wochen darauf fixieren, der amerikanischen Hinrichtung einer an sich wundervollen Sportart zuzusehen. Von ihren tadellosen Ursprüngen ist kaum noch eine Rede. Bis zum heutigen Tag liegt der Ursprung aller Kickerei auf dem Bolzplatz. Obwohl es dort regelmäßig zu absoluten Ungeheuerlichkeiten kommt, über die man eigentlich täglich berichten sollte. Stell dir vor, da kicken die Kids einfach so! Weil sie Lust haben. Sie treten gegen ein Ball, ohne eine Lizenz eines Weltverbandes zu besitzen. Die Kids kommen sogar ohne Verein aus. Die brauchen nicht einmal einen Schiedsrichter. Und keiner von denen, die da kicken, hat per App einen Timeslot reserviert. Ist das nicht faszinierend?

Ich will hier nicht wie ein Soziophilodings rumdozieren, aber wenn du auf das große Bild schaust, kannst du ohne wissenschaftliche On-Field-Befragung erkennen: Da kicken Mädchen und Jungs kunterbunt durcheinander, alle Schichten, alle Hintergründe, alle Frisuren. In unserem kleinen Dorf haben wir jede und jeden mitkicken lassen, die sich auf den Beinen halten konnten, nachdem sie gegen den Ball getreten haben. Bei uns ging das Spiel immer bis zehn. Dann wurden neue Mannschaften ausgezählt. Und wieder gekickt, bis eine Mannschaft zehnmal getroffen hat. Das ging so lange, bis es dunkel wurde. Bin mir fast sicher, du hast deine ganz eigenen Erinnerungen an deine Bolzplätze. Hoffentlich nur gute, abgesehen von aufgekratzen Oberschenkeln und vereinzelten chirurgischen Missgeschicken. Persönlich fand ich die Plätze am besten, die mit echten Tornetzen ausgestattet waren. Da siehst du heute noch Kids mutterseelenallein aufs leere Tor schießen. Wegen der Netze.

Immaterielles Kulturerbe. Sag' ich doch.

Zu viel Fußball? Ich bitte dich. Dann male ich dir ein Bild, das noch größer daherkommt. Denn das dumme Zeugs von der Spaltung der Gesellschaft liegt letztlich nur daran, dass wir die Bolzplatzkultur vernachlässigen. Stichwort Sportförderung. Wir stecken ordentlich Geld in Bobfahren und Vielseitigkeitsreiten, nur zum Beispiel. Wir tun das keinesfalls wegen unserer Jugend, sondern weil wir wollen, dass bei dieser Propagandaveranstaltung, also jetzt die mit den bunten Ringen, möglichst häufig unsere Flagge gehisst wird. Und unsere Nationalhymne gesungen wird. Und wir im Medaillenspiegel nach oben kommen. Dabei tun wir so, als wären wir eine Diktatur, die das braucht, damit die Leute Grund zum Jubeln haben. Darum finanzieren wir solche exklusive Sportarten. Exklusiv in dem Sinne, dass dort unsere Eliten hübsch unter sich bleiben. Da steht kein Siebenjähriger am Rand des Eiskanals und darf mitfahren.

Wie inklusiv dagegen jeder Bolzplatz ist! Komplett verdient also, dass neulich die Bolzplatzkultur zum immateriellen Kulturerbe erklärt wurde. Keine Ahnung, ob es was bringt. Schaden kann's nicht. Wir leben in Zeiten einer galoppierenden Kulturerbe-Inflation. Du kannst kaum mehr verreisen, ohne aus Versehen in ein skurriles Kulturerbe zu stolpern. Meistens hat irgendein Erklärbär auf einer Infotafel aufgeschrieben, warum die Waldparzelle, die zusammengefallene Mauer oder das Quecksilberbergwerk von epochaler Bedeutung sind. Da freu' ich mich jetzt schon, wenn vor jedem Bolzplatz eine Infotafel über das Kulturerbe angebracht wird. Den Text dafür gibt's schon. Du findest ihn auf der deutschen Unesco-Site. Hymne Hilfsausdruck. Weil er so schön ist, hier in voller Länge: "Bolzplätze sind lebendige Orte für Aktivität und Bewegung, an denen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene miteinander ins Spiel kommen und soziale Dynamiken aushandeln. Ob Ballspiele, Laufspiele, Wurfspiele oder spontan entwickelte Varianten – Gruppen entscheiden situativ, was gespielt wird. Regeln entstehen im gemeinsamen Tun, werden mündlich überliefert und flexibel angepasst. Als niedrigschwelliger Sozial‑ und Erfahrungsraum ist die Bolzplatzkultur seit Jahrzehnten Teil der deutschen Alltags‑ und Jugendkultur."

An den oberlehrerhaftigen Formulierungen erkennst du schnell: Es muss nicht immer Fußball sein. Moderne Bolzplätze haben Basketball-Körbe und Linien für andere Disziplinen. Aber stets sind es Sportarten, bei denen alle mitmachen dürfen – und keine, bei denen du Funktionäre oder ein gestopftes Elternhaus brauchst.

Am Grab des Engländerplätzles

Apropos Erhaltung. Die Stadt Karlsruhe ist welterbetechnisch überhaupt kein Vorbild. Dort hat man in den letzten Jahren den bedeutendsten Bolzplatz von ganz Deutschland zerstört: das historische Engländerplätzle an der Moltkestraße. Einer der ersten Fußballplätze Süddeutschlands. Der Platz ist eng verbunden mit Walther Bensemann, dem vielleicht renommiertesten Fußballpionier Deutschlands. Derselbe Bensemann übrigens, der später das Kicker Sportmagazin gegründet hat. Und weil er Jude war, wurde er von den Nazis aus seinem eigenen Verlag vertrieben. Woraufhin er verarmt zugrunde ging. Du merkst: So bedeutende Geschichten sind mit diesen heiligen Quadratmetern verbunden. Und da hab ich die Halbfinals zur deutschen Meisterschaft noch gar nicht erwähnt. Stoff für Infotafeln in der Größe von Bandenwerbungen.

Der Platz ist jetzt futsch. Für immer. Auf der einen Hälfte steht eine Mensa, die andere Hälfte ist so verbaut, dass du keinen Ball mehr mitbringen brauchst. Als hättest du die Pfahlbauten demontiert, weil man in Uhldingen keine andere Stelle für einen Yachthafen gefunden hat. Wie zum Hohn haben die Karlsruher Kulturkiller unter einem Baum eine Mini-Stele hingestellt. Mit einer Gedenkinschrift an ein Fußballspiel vor 120 Jahren im original Grabstein-Design. Feigenblatt Hilfsbegriff. Meine Vermutung: Die Stadt wollte sich am DFB rächen. Weil der Verband damals das Deutsche Fußballmuseum nach Dortmund gegeben hat. Da haben sich die beleidigten Leberwürste in Karlsruhe gedacht: Im Gegenzug ruinieren wir euer Kulturdenkmal. Ganz ausgebuffte Stadträte. Eine Mensa als Ausrede. Musst du erstmal drauf kommen.

Vielleicht könnte man in einer ähnlichen Gemengelage in Zukunft mit dem immateriellen Kulturerbe argumentieren. Weiß nicht. Das Beste wär' allerdings, wenn man alle Bolzplätze so erhalten könnte wie den in meinem kleinen Dorf. Den gibt's noch heute. Wobei ich einschränkend hinzufügen will: Zu nah am Bolzplatz solltest du nicht wohnen. Dein Elternhaus sollte so weit weg sein, dass du deine Mutter nicht hören kannst, wenn sie dich zum Abendessen abkommandiert. Da musst du schon die Prioritäten setzen, auch als Siebenjähriger. Du kannst dein Team unmöglich im Stich lassen. Das Spiel ist erst vorbei, wenn eine Mannschaft das zehnte Tor geschossen hat.

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