Das kannst du niemandem erzählen, diese komplett chaotischen Zustände in Heilbronn. Da hat kaum was funktioniert in den letzten fünfzig Jahren. Am ärmsten dran war stets der Präsident des VfR, dem eigentlichen Top-Klub der Stadt. Zum VfR-Präsi wurdest du ja nur gewählt, weil die Leute davon ausgingen, du würdest die Schulden abstottern, die der vorige Präsi auf der Flucht hinterlassen hatte. Und wenn sich einer erbarmte, gab's nur Gemecker. Du solltest wissen: Der Verein für Rasenspiele Heilbronn ist ja nicht irgendein Verein. Dieser VfR ist eine große Nummer am Anfang der 1970er-Jahre. Acht Jahre Regionalliga, ein Jahr 2. Liga Süd. Damals wärst du mit einem Aufstieg in der Bundesliga gelandet. Damals kickte der VfR auf Augenhöhe mit Waldhof, 60 München oder den 1.FC Saarbrücken. Damals kletterten die Leute im Frankenstadion auf die Bäume, weil das Stadion proppenvoll war. Damals hatte der VfR einen guten Namen. Lange her.
Was hat dich bloß so ruiniert?
Dabei könntest du argumentieren: Heilbronn, Industrie, Hafen, rund 130.000 Einwohner, Umland auch – an diesem auserwählten Ort sollte Fußball von alleine funktionieren. Von wegen. Beim VfR ging schief, was schiefgehen konnte. Und am Ende hat keiner dem Verein hinterher getrauert, als die Lichter ausgingen. Im Jahr 2002 war das, als die erste Insolvenz amtlich war. Aber die Misere ging weiter. 2003 fusionierte der VfR mit der Heilbronner SpVgg 07 – und er zog auch diesen Verein in den Abgrund. 2004 wurde die zweite Insolvenz angemeldet. 2012 sollten die verbliebenen Kräfte gebündelt werden. Der Fusionsklub FC Heilbronn – in dem der VfR ja irgendwie drin steckte – ging zusammen mit Union Böckingen. Eigentlich ein Skandal. Die Union vom anderen Neckarufer war über fast hundert Jahre der absolute Erzrivale. Und plötzlich sollten die Klubs dicke Freunde werden und gemeinsame Sache machen. Folgerichtig erwies sich auch diese Idee als durchschnittlich erfolgreich. Bezirksliga war ja nicht das, was man mit der Fusion erreichen wollte. Darum gilt seit dreißig Jahren: Wenn du in Heilbronn großen Fußball sehen willst, musst du schon den Fernseher anmachen.
Lass mich bitte eine olle Kamelle aufwärmen. Damit du dir ein Bild machen kannst, wie das zuging beim VfR. Die Geschichte spielt in den 1980ern, als sich keiner mehr erbarmen will, den Präsident zu geben. Da taucht plötzlich ein gewisser Rainer Röhr auf. Holla, die Waldfee! Den kennt zwar keiner, aber gewählt wird er trotzdem. Sozusagen aus Verzweiflung. Röhr, angehender Pfarrer und seit wenigen Wochen VfR-Mitglied, verspricht, den Verein zu sanieren. Praktisch Auferstehung 1.0. Er werde Millionen auftreiben. Einflussreiche Freunde und so weiter. Wo die Freunde herkommen, das weiß nur Gott allein. Aber was willst du machen, wenn du keinen besseren Kandidaten hast, den du wählen kannst? Also wird der Röhr der neue VfR-Messias. Weil sich niemand traut, mit einer solch armen Kirchenmaus zusammenzuarbeiten, wird er sogar ohne Stellvertreter gewählt. Plötzlich liegt alle Macht bei einer Person. Und zwar bei einer, bei der viele dringenden Hochstapler-Verdacht anmelden.
Von Gott gesandt
Sportlich geht's gut los im ersten Spiel der Ära Röhr. Das Ligaschlusslicht DJK Konstanz ist zu Gast. Heilbronn gewinnt standesgemäß im Ausmaß von 13:0. Röhr sitzt auf der Tribüne und diktiert einem Reporter in den Notizblock: "Ich glaube schon fast, für diesen Verein hat mich Gott gesandt." Der Rest der Geschichte hat dann nichts mehr mit Ostern zu tun. "Dem Röhr stech' ich noch ein Messer in Rücken", schreit ihm die Wirtin des VfR-Vereinsheims hinterher, bevor sie ihm Lokalverbot erteilte. Keine zwei Wochen später gibt es kaum ein VfR-Mitglied, mit dem Röhr nicht im Clinch liegt. Die Leute in der Geschäftsstelle – alles Versager. Die komplette Fußballabteilung – ein einziger "Saustall, den man ausmisten müsse". Auch den Banken gegenüber bleibt der selbsternannte Messias in vollem Umfang sendungsbewusst. Trotz blutroter Zahlen auf den VfR-Konten. Röhr gelingt es im ersten Gespräch, dass die Bank unverzüglich alle Kreditlinien streichen will. Als die Pleite unmittelbar vor der Tür steht, taucht Röhr im Vereinsheim von Union Böckingen auf. Die VfR-Aktenordner, die er mitbringt, lässt er dort liegen. Warum auch immer.
Während Röhr keine Furcht kennt, versuchen ein paar alte VfR-Sportskameraden zu retten, was noch zu retten ist. Eine außerordentliche Hauptversammlung wird einberufen. Währenddessen fantasiert der präsidiale Erlöser bei der lokalen Zeitung, dass er bald für den Landtag kandidieren will. Fernziel Bundestag. Gerade noch rechtzeitig gelingt die Abberufung. Horst Eisele, ein alter Heilbronner Fahrensmann, lässt sich breitschlagen, den Präsidenten zu geben. Röhr strengt einen Anwalt an. Dann verliert sich seine Spur. Weitere VfR-Kamellen erspar ich dir. Es ging ja alles schief, inklusive einiger Steuertricks. Nichts gegen Eike Immel, den ehemaligen VfB-Keeper mit notorischen Geldnöten. Aber es passt ins Bild, dass er sich beim VfR als Trainer versuchen durfte. In Heilbronn erzählt man sich, er hätte schon damals die Leute angeschnorrt.




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