Greta Thunberg spricht von "tapferen Seelen", die auf der Anklagebank sitzen, weil sie "bereit sind, persönliche Opfer zu bringen". Vor dem Stuttgarter Landgericht spiele sich eine Farce ab, sagt die 23-jährige Aktivistin im Gespräch mit Kontext: "Unschuldige Menschen werden als gefährliche Kriminelle inszeniert, während Kriegsverbrecher nicht verfolgt werden." Am vergangenen Freitag war Thunberg in Stuttgart-Stammheim, um ihre Unterstützung für die Beschuldigten zu zeigen und den Prozess gegen fünf Personen zu verfolgen, denen vorgeworfen wird, im vergangenen September die Rüstungsfirma Elbit in Ulm sabotiert zu haben.
Laut der Verteidigung der Angeklagten sei das nichtstaatliche Aktienunternehmen mit Hauptsitz in Haifa der wichtigste Ausstatter für völkerrechtswidrige Kriegshandlungen in Gaza: Neben 85 Prozent der dort eingesetzten Drohnenflotte, die von Elbit komme, beteilige sich das Unternehmen an KI-gestützten Massenmorden – etwa durch Softwareprogramme wie "Where’s Daddy?" ("Wo ist Papa?"), das Zielpersonen in ihren Privathäusern aufstöbern solle, wobei bis zu 100 zivile Opfer für den Tod eines hochrangigen Hamas-Militärs in Kauf genommen würden.
Für die Fridays-for-Future-Gründerin Thunberg stellt sich derzeit eine grundsätzliche Entweder-Oder-Frage: "Entweder du unterstützt eine brutale Normalität, die auf Abgründe zusteuert und zu Genozid führt – oder du leistest Widerstand." Völkermord sei inzwischen so normalisiert, dass er es kaum noch in die Nachrichten schaffe. Und es sei "beschämend, dass Deutschland wieder auf der falschen Seite der Geschichte steht". Wo die Fronten markiert sind, fallen Sätze wie: "Israels Gesellschaft ist aufgebaut auf Genozid, Apartheid und ethnischer Säuberung."
Einzuwenden wäre, dass sich die Radikalisierungsprozesse, in deren Folge Rechtsextremisten wie Itamar Ben-Gvir zu Ministern der israelischen Regierung werden konnten, sich nicht im luftleeren Raum abgespielt haben. Sie hängen auch zusammen mit Anschlagserien wie während der Zweiten Intifada (2000 - 2005) und dem Massaker vom 7. Oktober 2023. Fathi Hamad, von 2009 bis 2014 Innenminister im von der Hamas verwalteten Gaza-Streifen, erklärte bei "Al-Aqsa TV" sogar offen, dass die Hamas israelische Bombardements gezielt provoziere, da es mit jedem Angriff mehr internationale Berichterstattung und Sympathien für Palästina gebe: "Die Feinde Allahs wissen nicht, dass das palästinensische Volk eigene Methoden der Todessuche entwickelt hat. (…) Deshalb hat es menschliche Schutzschilde aus Frauen, Kindern, älteren Menschen und Mujahedin formiert, um die zionistische Bombenmaschine herauszufordern."
Allerdings muss man nicht mit einer klerikalfaschistischen Mördersekte sympathisieren, um das zivile Leid in Gaza zu verurteilen und etwas dagegen tun zu wollen. Der zentrale Konflikt um die Deutungshoheit im Verfahren gegen die in Stammheim Angeklagten dreht sich um die Frage, was die Motivation für die Aktion gegen Elbit war: Humanismus oder Antisemitismus?
Staatsanwalt spricht von "sogenannten Aktivisten"
Oberstaatsanwalt Ronny Stengel nennt die fünf Beschuldigten "sogenannte Aktivisten", sie seien Teil der Organisation Palestine Action, ihm zufolge eine kriminelle Vereinigung, die mit dem Zweck gegründet worden sei, Straftaten zu begehen. In der Anklage fängt Stengel an im Jahr 2020, als sich die erste Palestine-Action-Gruppe in Großbritannien gegründet habe. Er spricht von über 100 Aktionen, bei denen es in England zu Straftaten gekommen sei – vor allem Sachbeschädigung bei Elbit. Bei einem Vorfall wurde eine Polizistin mit einem Vorschlaghammer verletzt. Für den Staatsanwalt ist klar, dass Palestine Action "die Anwendung von Gewalt als legitim betrachtet".




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