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Theaterperformance in Rohrbronn

Doch keine heile Welt

Theaterperformance in Rohrbronn: Doch keine heile Welt
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Rohrbronn ist ein idyllisch gelegenes Dorf im Remstal. Die Menschen scheinen hier im Reinen mit sich und der Welt. Doch bei der Landtagswahl im März kam die AfD hier auf Platz eins. Warum, versucht ein Theaterprojekt zu ergründen.

Ist schon fein in Rohrbronn, einem 700-Seelen-Dorf im Remstal, dem kleinsten der fünf Teilorte der Gemeinde Remshalden. Wiewohl Rohrbronn nicht unten im Tal liegt, sondern mitten im Berghang, eingebettet in Weinberge und Streuobstwiesen. Von hier aus kann der Blick entspannt schweifen bis ins 30 Kilometer entfernte Stuttgart oder entlang der sanft sich in die Landschaft schmiegenden Höhen des Schurwalds. Im Ortskern mit seinen engen Gässchen kuscheln sich Fachwerk- und andere Häuschen aneinander. Ein schattenspendender Baum mit Bänkchen drumherum dient als friedliche Kulisse für ein Brünnlein. Man nennt Rohrbronn auch den "Sonnenbalkon der schwäbischen Toskana". Und wäre auch das Gasthaus Hirsch im Ortskern noch in Betrieb und säße dort jetzt das Dorfvolk beim Bier und Tratschen, ja, dann würde man denken, man befände sich in einer anderen Zeit.

Doch das Wirtshaus ist seit 2012 geschlossen, berichtet eine Dorfbewohnerin. Der "Hirsch" ist ein Opfer des allgemeinen Wirtshaussterbens in der Provinz. Er war das letzte von einst dreien im Ort. An diesem Freitagabend wirkt der verödete Gasthof recht lebendig. Denn in seinem ehemaligen Biergarten findet derzeit ein bemerkenswertes Theaterprojekt statt, oder wie es die Verantwortlichen nennen: eine "dokumentarische Multimedia-Pop-Performance" – was nach mehr Show klingt, als es dann tatsächlich ist. "Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt: Rohrbronn" heißt der Abend – benannt nach dem gleichnamigen Kirchenlied und einem ähnlichen Projekt der Macher:innen von 2021, in dem Stuttgarter:innen nach ihrem Zusammenleben in der Stadt befragt wurden

Es geht darin um das Leben in der Dorfgemeinschaft, wer dazugehört und wer nicht, und die Frage, warum hier so viele der Menschen, die eigentlich sehr zufrieden wirken mit ihrem Leben und ihrer Umgebung, eine rechtsextreme Partei wählen. Wie kam man auf Rohrbronn? Weil einer der mitwirkenden Musiker dort lebt.

Verantwortlich für das Projekt ist das Stuttgarter Performance-Kollektiv Braun, Schäfer, Vogel (BSV), das gerne Live-Musik mit Dokumentartheater verbindet. Mit im Boot ist auch der Stuttgarter Filmwinter. Mehrere Stiftungen gaben Geld, das Theater Rampe hilft mit Veranstaltungstechnik.

BSV hat für diesen Abend mit über 20 Rohrbronner:innen gesprochen, Michael Müller hat alles per Video aufgenommen, dann zusammengeschnitten in Themenblöcken zu einem 90-Minuten-Film. Der wird jetzt im Ex-Biergarten auf einem großen Bildschirm gezeigt. Alle 50 Plätze sind belegt mit hörbar gespanntem Dorfpublikum. Auch Remshaldens neuer Bürgermeister Kevin Latzel (parteilos) hat sich die Ehre gegeben. Die Stimmung ist prima.

Meditative Live-Musik sorgt für Untermalung, Übergänge, Stimmungen: Johann Polzer steuert Gitarrenriffs und fein ziselierte Rhythmen am Schlagzeug bei; am Laptop sorgt Michael Fiedler für Klangteppiche, am Keyboard und gelegentlich singend agiert Russudan Meipariani. Die künstlerische Leiterin Aliki Schäfer schmückt derweil eine Wäscheleine mit Badezeug oder bringt Lichterketten zum Leuchten. Warum? Vielleicht als Verweis aufs Rohrbronner "Bädle" und an die vielen muggeligen Dorf-Hocketsen. Ist halt eine Performance, im Mittelpunkt aber steht der Film.

Der feine Unterschied: Rohrbronner oder Rohrbrenner

Vor einheitlich graublau-meliertem Hintergrund hört und sieht man nun Dorfbewohner:innen über Vor- und Nachteile des Dorflebens parlieren, was gut und was schlecht läuft in Rohrbronn. Einst landwirtschaftlich geprägt, arbeiten heute die meisten in anderen Berufen: im Handwerk, in der Industrie, im Dienstleistungssektor. Die meisten der 700 Rohrbronner:innen sind hier aufgewachsen. Da wird durchaus ein Unterschied gemacht zwischen Zugezogenen, die sie "Rohrbronner" nennen, und eingeborenen "Rohrbrennern". 

Rohrbronn ist ihnen "Heimat" oder zumindest "ein neues Zuhause". Jeder kenne hier jeden. Klar lieben sie alle die Landschaft, das Fachwerk und den alten Ortskern oder das "Veschperbänkle" am Brunnen, wo man sich regelmäßig trifft. Die Dorfgemeinschaft ist ihnen wichtig, das gemeinsame Engagement in den Vereinen – ob in der freiwilligen Feuerwehr, im Sportverein oder im Gesangsverein, der an diesem Abend auch für die Getränke sorgt. Kaum jemand, der nicht die vielen Sportangebote im Dorf lobt, die geselligen Dorffeste. Ein Kindergarten ist vor Ort. Besonders stolz ist man aufs "Bädle", das kleine, ausschließlich ehrenamtlich geführte Freibad. Arbeitslosigkeit scheint hier kein Problem zu sein. Auch das derzeit alles beherrschende Thema Migration scheint weit weg. Eine rumänische Familie wird nebenbei erwähnt, auch Ukrainer:innen, die sich offenbar gut integriert haben. Der Zusammenhalt, das Miteinander scheint eng.

Und wie steht's mit der Integration von Zuzügler:innen? Da gehen die Meinungen auseinander. Die Alteingesessenen sagen: "Wenn jemand neu zu uns kommt, reichen wir immer die Hand. Aber die Hand muss dann auch genommen werden." Eine Zugezogene erklärt, man integriere sich nur entweder über die eigenen Kinder, also über Kontakte im Kindergarten, oder übers Engagement in den Vereinen. R., eine junge Frau Anfang dreißig, differenziert: "Es ist schwierig, einer Gruppe beizutreten, die sehr geschlossen auf einen wirkt. Man ist der Fremde. Ich denke, Menschen aus dieser geschlossenen Gruppe müssen aktiv auf die Außenstehenden zugehen. Wirklich sagen: Du bist willkommen."

Viel Tradition, wenig Diskussion

Negative Seiten des Dorflebens werden durchaus genannt, halten sich aber in Grenzen: Nun ja, der Bus fahre nur einmal die Stunde. Alle haben ein Auto, kaufen außerhalb ein, und so sind auch die Tante-Emma-Läden verschwunden. Was von einigen beklagt wird. Die einen ärgern sich über die geplanten Windräder oberhalb von Rohrbronn, weil dafür "pro Windrad ungefähr ein Hektar Wald" gerodet werden müsse. S., eine resolut und offen wirkende Endvierzigerin, sagt, viele seien dagegen, weil die Windräder die Landschaft verschandelten. "Aber wenn ich mir vorstelle, bei uns im Tal unten wäre ein AKW, das würde noch mehr die Landschaft verschandeln, oder?"

Was das bisher sehr traditionelle Geschlechterrollenverständnis im Dorf angeht, künden sich Veränderungen an. Die jüngeren Frauen sind selbstbewusster, hinterfragen, werden sich ihrer Rechte bewusst. C. (39) etwa nervt, dass bei den Dorffesten Männer bisher für den Aufbau und die Frauen für die Organisation zuständig waren, letztere sich aber gleichzeitig auch um die Betreuung der Kinder zu kümmern hätten. Da ändere sich derzeit was. Und K. (39) äußert kassandrisch, dass es in ihrem Umfeld sehr harmonisch und ruhig zugehe, "keine Scheidungen, keine familiären Riesenknall-Probleme." Aber es "wäre zu schön, um wahr zu sein, wenn alles so bliebe, so perfekt." Da komme bestimmt noch "das eine oder andere", womit sie wohl Probleme und Krisen meint.

Warum ausgerechnet AfD?

Überhaupt werden die Interviewten vager in ihren Aussagen, wenn es um etwaige Konflikte geht. Vor allem, als es in Richtung Politik geht. Man weiß, welcher Elefant im Raum steht. Bei der diesjährigen Landtagswahl gingen hier 319 der 519 Wahlberechtigten zur Wahl – und die AfD lag mit 27,8 Prozent ganz vorne. Ihr folgen CDU (26,8), Grüne (24,3), FDP (6,9) und SPD (5,4 Prozent). Wer die 88 AfD-Wähler:innen sind und warum sie sich für eine demokratiezerstörende, rassistische, frauen- und queerfeindliche, rückwärtsgewandte Partei entschieden haben, weiß offenbar niemand im Dorf. Über Politik werde nicht geredet, sagen mehrere der filmisch Befragten. Aber warum hat die AfD in diesem idyllischen, eigentlich so zufrieden wirkenden Dorf deutlich mehr Stimmen erhalten als im Landesschnitt, wo die Partei knapp 19 Prozent erreichte?

Die Befragten können sich das nicht erklären. M., ein sportlich gebauter Mittvierziger mit Sidecut, Vater von zwei Söhnen, versucht zu verstehen: "Ich denke, dass die Politik mit der ganzen Zuwanderungsgeschichte nicht so das Gelbe vom Ei getroffen hat." Man sei doch nicht mehr wirklich sicher, sagt er. "Wenn du in eine große Stadt gehst, gerade Berlin und so (…), ich weiß nicht, ob ich mich dort wohlfühle oder Frankfurt oder sowas. Da würde ich jetzt nicht ohne irgendwas hingehen und sagen, da würde ich mich jetzt wohlfühlen. Also da hätte ich wahrscheinlich ein bisschen Schmerz damit." Und weiter: "Irgendwann bin ich vielleicht in einem Alter, wo ich mich nicht mehr so gut wehren kann. Dann bin ich das Opfer. Ich will aber nicht das Opfer sein."

Offenbar geht es hier um völlig irrationale Ängste. Was man nicht kenne oder selbst nicht erlebt habe, davor habe man Angst und projiziere es in die Zukunft, vermuten auch zwei der Befragten. Weitere Erkenntnisse zum Wahlergebnis lassen sich aus den Interviews nicht ziehen. Das Theaterprojekt bildet damit den gegenwärtigen Zustand ab: Auch hier, in der kleinen Dorfgemeinschaft, stochert man – wie in ganz Deutschland – im Trüben, wenn man nach konkreten Gründen sucht, warum so viele Deutsche derzeit rechtsextrem wählen.

Früher wurde noch über Politik gestritten

Interessant ist, dass in dieser eigentlich so engen, vertrauten Gemeinschaft das gerade so brennende Thema Politik gänzlich umgangen wird. Aus Angst vor der Eskalation im ach so schönen Dorffrieden?

Der gesellig wirkende und wohl auch konfrontationsbereite Alt-Rohrbronner M. (76) berichtet: "Ich muss eins sagen, früher haben die Leute viel mehr gestritten, auch wegen der Politik, auch wenn einer ein Roter oder ein Schwarzer war. Das ist heute nicht mehr so. Es gibt schon mal einen Streit, aber eher einen nachbarlichen. So wie es früher war, dass man sich verhaut und so, das gibt es praktisch nicht mehr."

Wäre das Wahlergebnis vielleicht ein anderes, wenn in Rohrbronn wieder offen über Politik geredet und vor allem gestritten würde? Seit der Wahl fühlen sich manche im Dorf unbehaglicher. Zum Beispiel P., Ende 60, eine warmherzig wirkende Rohrbronnerin mit spanischen Wurzeln und geschockt vom Wahlergebnis: "Also, ich könnte dir jetzt keinen zeigen und sagen, der war's. Das ist dann ein ganz schwieriges Gefühl nach so einer Wahl. Weil man denkt, man arbeitet im Verein mit Leuten zusammen, und dann sitzt man vielleicht neben jemandem, der diese Gesinnung hat, und dann denkt man sich, okay, möchtest du das haben? Musst du da nicht sofort die Flucht ergreifen?"


Anmerkung: Die Projektmacher:innen bestanden auf Anonymisierung der Personen, weswegen diese nur als Buchstabenkürzel genannt werden. 

Weitere Vorstellungen von "Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt: Rohrbronn" gibt es am morgigen Donnerstag, 17.9. und am Freitag, 18.9. im Biergarten der ehemaligen Gastwirtschaft Hirsch in der Königsteinstraße 30 in Rohrbronn. Beginn ist jeweils um 20 Uhr.

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