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"FAUST.Margarete" im Studio Theater

Gretchenfragen

"FAUST.Margarete" im Studio Theater: Gretchenfragen
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Mit Daniela Urban als Intendantin setzt das Stuttgarter Studio Theater seit 2024 auf feministische Themen. Mit Erfolg: Die Vorstellungen sind meist ausverkauft. Die Performance "FAUST.Margarete" über den Gretchenstoff in Goethes "Faust" fiel aber überraschend brav aus.

Goethes "Faust I", der Deutschen liebstes Theaterstück mit höchster Aufführungsfrequenz, mutierte zur Bibel deutscher geflügelter Worte: "Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust", "Grau, teurer Freund, ist alle Theorie", "Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein". Natürlich meinte Goethe mit "Mensch" vor allem den männlichen Teil der Bevölkerung.

Kulturelle Partnerschaft

Theater lebt vom Diskurs – auf der Bühne, im Publikum und in der Öffentlichkeit. Mit der Kooperation zwischen Theater-Stuttgart.de und Kontext:Wochenzeitung wird dieser Dialog künftig um eine spannende Facette erweitert. Theaterkritiker:innen von Kontext besuchen Premieren an den Stuttgarter Bühnen, veröffentlicht werden die Kritiken in Kontext und auf der Plattform Theater Stuttgart. Die Entscheidung, welche Premieren besucht und rezensiert werden, trifft Kontext als unabhängige Zeitung autonom.

Damit reagieren beide Partner auf eine seit Jahren laufende Entwicklung: In vielen großen Tageszeitungen wird der Platz für Theaterkritik immer kleiner, Premierenberichte verschwinden aus den Feuilletons und die Vielfalt des Stuttgarter Theaterlebens findet dort kaum noch Resonanz. Theater Stuttgart und Kontext möchten die künstlerische Arbeit der Stuttgarter Bühnen sichtbarer machen und sie mit journalistischer Qualität begleiten.  (lee)

Merkwürdig, dass die Deutschen gerade Faust so lieben, ist er doch eigentlich ein äußerst unangenehmer Zeitgenosse: ein typischer Vertreter toxischer Männlichkeit, der sich jedes Recht nimmt und keine Skrupel kennt auf seinem Weg der Lebenssinnsuche und Selbstverwirklichung. Er nimmt dafür den Tod von vier Menschen, die Auslöschung einer ganzen Familie, in Kauf. Zuvor schwängerte der Alte die minderjährige Margarete, genannt auch Gretchen, und lässt sie dann sitzen. Faust ist der Liebe nicht fähig. Für Gretchen geht das böse aus. Unverheiratet schwanger versucht sie, der gesellschaftlichen und sozialen Vernichtung zu entgehen, indem sie in ihrer Verzweiflung ihr Neugeborenes ertränkt. Sie wird dafür zum Tode verurteilt. Schwangerschaft, Geburt, Tod des Kindes, Verhaftung bleiben außen vor bei Goethe. Gretchen bleibt eine Nebenfigur.

Endlich Hauptfigur

Im Performance-Stück "FAUST.Margarete // Gretchen wants a full story" ist die Unglückliche jetzt endlich mal Hauptfigur. Entwickelt hat es – in Kooperation mit dem Studio Theater Stuttgart – ein neu gegründetes Kollektiv aus vier jungen Künstlerinnen aus Leipzig, wo es im vergangenen Mai uraufgeführt wurde. Jetzt gab's die Stuttgarter Premiere im Studio Theater. Mit dabei: die Komponistin Niayesh Ebrahimi, die gerne vom Laptop aus mit synthetisierten Soundscapes arbeitet; die Liedbegleiterin und Pianistin Laura Schwind; die gebürtige Stuttgarterin Annika Spegg, Geigerin und interdisziplinäre Künstlerin auf der Suche nach neuen Formaten; die Sopranistin und Opernsängerin Daniela Zib. Die vier nennen ihren Abend "Feministisches Kammermusiktheater" und verbinden das mit dem Versuch, Gretchens Geschichte in der heutigen Zeit zu spiegeln.

Was die Musik angeht, funktioniert das Stück sehr gut. Es werden Lieder vorgetragen, in denen sich Komponisten der Romantik mit den Redeanteilen Gretchens im "Faust"-Text auseinandersetzten. So etwa Franz Schuberts berühmtes "Gretchen am Spinnrade" auf Goethes "Meine Ruh ist hin". Schwind am Klavier und Zib, der Sopranistin, gelingt es, die immer existenzieller werdende Unruhe Gretchens, die an ihren Geliebten denkt und am Ende mit ihm vereint sein will, expressiv zu vermitteln. Auch in Richard Wagners selten gespieltem kurzem Melodram "Ach neige, du Schmerzenreiche", einer Vertonung des Textes, in dem Goethe das völlig verzweifelte Gretchen vor einem Andachtsbild die Mater Dolorosa um Hilfe anflehen lässt, gelingt dies eindringlich. Für den Vortrag von "Air des Bijoux", Gretchens populärer "Juwelen-Arie" aus Charles Gounods "Faust"-Oper scheint das Studio Theater aber etwas zu klein. Zibs Stimme bringt die Wände zum Beben. Schön aber der Soundteppich, den Ebrahimi am Laptop entstehen lässt und dabei auf vibrierende Unruhe setzt. Ähnlich agiert Spegg auf der Geige: mit Tremoli und einer ätherischen Version der Unheil verkündenden, alten "Dies-Irae"-Kirchenmelodie.

Die Musik wird kontrastiert mit "Faust"-Zitaten und Lesungen selbstgeschriebener Texte, die auf eigenen Erfahrungen und solchen aus dem Freundinnenkreis aufbauen. Es geht darin um die ersten, oft sehr negativen sexuellen Erfahrungen, die junge Frauen freiwillig oder unfreiwillig machen, um den Druck, der ihnen von gleichaltrigen oder älteren Männern gemacht wird. Eine erzählt von einem Lover, der sich sofort zurückzog und sich nie wieder meldete, nachdem sie ihm ihre Liebe gestanden hatte. Aber reicht das, um eine Theaterproduktion als feministisch bezeichnen zu können?

Das Projekt wirkt sympathisch und engagiert, keine Frage, aber angesichts der Krassheit der Gretchen-Geschichte auch sehr brav. Immerhin landet Margarete auf dem Schafott. Es steht auch nach wie vor die Frage im Raum, ob Goethe die damalige Rechtsprechung hingenommen hat oder ob er sie im "Faust" kritisieren wollte. Oder hatte er gar Schuldgefühle zu verarbeiten? Schließlich hatte er doch einst selbst ein solches Todesurteil befürwortet. Nämlich als hoher Beamter und Minister im Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach. In dieser Funktion war er stets an wichtigen Entscheidungen beteiligt. So auch 1783 am Fall der Dienstmagd Johanna Catharina Höhn, die wegen Kindstötung zum Tode verurteilt wurde. Quellen belegen, dass Goethe als Mitglied des verantwortlichen Gremiums für die Todesstrafe stimmte. Höhn wurde hingerichtet.

Ein Blick von außen wäre gut gewesen

Wer theateraffin ist, hat einerseits schon moderne Inszenierungen gesehen, in denen Margarete gar nicht mehr nur als Opfer dargestellt wird, sondern durchaus selbstbewusst. Vor allem aber gibt es bedeutende feministische Literatur, die sich mit Goethes "Faust" auseinandersetzt, etwa "FaustIn and out" der Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, die sich ja auch ansonsten mit patriarchalen Machtstrukturen, Gewalt gegen Frauen, der Verbindung von Geschlecht, Sprache und Macht auseinandersetzt. Sie stellte in "FaustIn and out", das als Kommentar zusammen mit "Faust" gespielt werden soll, der Gretchen-Tragödie das Fritzl-Grauen gegenüber. Josef Fritzl, der seine Tochter 24 Jahre lang in einem Kellerverließ quälte und vergewaltigte, wird darin Faust gleichgesetzt: Fritzl und Faust – beide getrieben von der Gier nach Allmacht.

Man merkt dem Projekt auch an, dass ihm eine professionelle Regie oder zumindest ein Outside Eye (Blick von außen) fehlt. Die künstlerische Leitung übernahm Annika Spegg, die selbst auf der Bühne steht. Am Beginn des 65-Minuten-Abends etwa wird viel Zeit verspielt mit Chips-Essen, dem belanglosen Mengenwahrnehmungskartenspiel "Halli Galli", der Beschäftigung mit dem "Mädchen"-Magazin und Fragen, was man zum ersten Date mit einem Jungen anziehen soll. Und könnte man den weiblich umgeschriebenen Text "Die Königin von Thule" und seine daraus entstehende, eigentlich sehr effektvolle Wutrede nicht einfach auswendig lernen, statt ihn abzulesen? Und was ist mit dem Paragrafen 218, der in Deutschland Schwangerschaftsabbrüche nach wie vor grundsätzlich strafbar macht, in der Performance aber nicht einmal erwähnt wird? Fragen über Fragen, die offen bleiben.


"FAUST.Margarete // Gretchen wants a full story" im Studio Theater Stuttgart ist derzeit ausverkauft. Ob es weitere Termine und damit Karten gibt, ist hier zu erfahren.

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