Die Musik wird kontrastiert mit "Faust"-Zitaten und Lesungen selbstgeschriebener Texte, die auf eigenen Erfahrungen und solchen aus dem Freundinnenkreis aufbauen. Es geht darin um die ersten, oft sehr negativen sexuellen Erfahrungen, die junge Frauen freiwillig oder unfreiwillig machen, um den Druck, der ihnen von gleichaltrigen oder älteren Männern gemacht wird. Eine erzählt von einem Lover, der sich sofort zurückzog und sich nie wieder meldete, nachdem sie ihm ihre Liebe gestanden hatte. Aber reicht das, um eine Theaterproduktion als feministisch bezeichnen zu können?
Das Projekt wirkt sympathisch und engagiert, keine Frage, aber angesichts der Krassheit der Gretchen-Geschichte auch sehr brav. Immerhin landet Margarete auf dem Schafott. Es steht auch nach wie vor die Frage im Raum, ob Goethe die damalige Rechtsprechung hingenommen hat oder ob er sie im "Faust" kritisieren wollte. Oder hatte er gar Schuldgefühle zu verarbeiten? Schließlich hatte er doch einst selbst ein solches Todesurteil befürwortet. Nämlich als hoher Beamter und Minister im Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach. In dieser Funktion war er stets an wichtigen Entscheidungen beteiligt. So auch 1783 am Fall der Dienstmagd Johanna Catharina Höhn, die wegen Kindstötung zum Tode verurteilt wurde. Quellen belegen, dass Goethe als Mitglied des verantwortlichen Gremiums für die Todesstrafe stimmte. Höhn wurde hingerichtet.
Ein Blick von außen wäre gut gewesen
Wer theateraffin ist, hat einerseits schon moderne Inszenierungen gesehen, in denen Margarete gar nicht mehr nur als Opfer dargestellt wird, sondern durchaus selbstbewusst. Vor allem aber gibt es bedeutende feministische Literatur, die sich mit Goethes "Faust" auseinandersetzt, etwa "FaustIn and out" der Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, die sich ja auch ansonsten mit patriarchalen Machtstrukturen, Gewalt gegen Frauen, der Verbindung von Geschlecht, Sprache und Macht auseinandersetzt. Sie stellte in "FaustIn and out", das als Kommentar zusammen mit "Faust" gespielt werden soll, der Gretchen-Tragödie das Fritzl-Grauen gegenüber. Josef Fritzl, der seine Tochter 24 Jahre lang in einem Kellerverließ quälte und vergewaltigte, wird darin Faust gleichgesetzt: Fritzl und Faust – beide getrieben von der Gier nach Allmacht.
Man merkt dem Projekt auch an, dass ihm eine professionelle Regie oder zumindest ein Outside Eye (Blick von außen) fehlt. Die künstlerische Leitung übernahm Annika Spegg, die selbst auf der Bühne steht. Am Beginn des 65-Minuten-Abends etwa wird viel Zeit verspielt mit Chips-Essen, dem belanglosen Mengenwahrnehmungskartenspiel "Halli Galli", der Beschäftigung mit dem "Mädchen"-Magazin und Fragen, was man zum ersten Date mit einem Jungen anziehen soll. Und könnte man den weiblich umgeschriebenen Text "Die Königin von Thule" und seine daraus entstehende, eigentlich sehr effektvolle Wutrede nicht einfach auswendig lernen, statt ihn abzulesen? Und was ist mit dem Paragrafen 218, der in Deutschland Schwangerschaftsabbrüche nach wie vor grundsätzlich strafbar macht, in der Performance aber nicht einmal erwähnt wird? Fragen über Fragen, die offen bleiben.
"FAUST.Margarete // Gretchen wants a full story" im Studio Theater Stuttgart ist derzeit ausverkauft. Ob es weitere Termine und damit Karten gibt, ist hier zu erfahren.
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