Rechte Tendenzen in der Migrationsfrage spiegeln sich auch in der Begründung wider, mit der Baden-Württembergs Innenministerium den Palantir-Einsatz auf Anfrage von Kontext rechtfertigt. Im Fokus stehen dabei zwei Anschläge von Asylbewerbern: der Mord am Polizisten Rouven Laur in Mannheim und der Anschlag auf Zivilisten im nordrhein-westfälischen Solingen 2024. Das Besondere an beiden Fällen: Die Täter waren zuvor polizeilich nicht auffällig. Eine Software, die ausschließlich auf vorhandene Polizeidaten angewiesen ist, hätte diese Personen also nicht im System gehabt. Zugleich war es weder in Mannheim noch in Solingen eine Herausforderung, die Täter direkt nach den Anschlägen festzunehmen.
Es gibt eine europäische Alternative
CEO Karp versucht mittlerweile, Palantir als europäische Lösung zu vermarkten – mit Verweis auf seine eigenen deutschen Wurzeln sowie auf Peter Thiels Geburtsort Frankfurt am Main. Ob diese Strategie außerhalb von Baden-Württemberg verfängt, bleibt abzuwarten. Der Plan des Innenministeriums – wie auch im neuen Koalitionsvertrag der grün-schwarzen Landesregierung festgehalten – sieht vor, Palantir für eine Mindestdauer von fünf Jahren zu nutzen und anschließend auf eine europäische Lösung umzusteigen.
An einer europäischen Alternative arbeiten laut Ministerium Airbus Security sowie die Digitalsparte der Schwarz-Gruppe, zu der unter anderem Lidl und Kaufland gehören. Frankreich ist bereits einen Schritt weiter und wechselt ab 2027 zur französischen Lösung ChapsVision – obwohl dort ein Vertrag mit Palantir erst im Januar verlängert worden war. Der deutsche Verfassungsschutz hat dieselbe Wahl getroffen und sich gegen Palantir entschieden. Auch die Bundeswehr prüft aktuell Alternativen zur Technik bekennender Demokratiefeinde.
Ausschlaggebend für das Nein der Bundeswehr zu Palantir war die strukturelle Abhängigkeit, in die man geraten würde: So wurde bei Nato-Einsätzen festgestellt, dass der Betrieb der Software dauerhaft eigene Palantir-Ingenieure vor Ort voraussetzt. Das hatte Karp im "Handelsblatt"-Interview selbst eingeräumt: "Nehmen wir an, eine neue Partei kommt an die Macht und will unsere Software missbrauchen. Die Software können wir nicht herausreißen. Aber ohne unsere Forward Deployed Engineers, ohne unsere Wartung funktioniert sie auf Dauer nicht."
Palantir berät zur Unabhängigkeit
Palantir ist in Europa längst nicht mehr nur im Sicherheitsbereich tätig: Zu den Kunden gehört etwa der Axel-Springer-Verlag, der Palantir-Technik zur Optimierung seiner Nutzerverhaltensdaten nutzt. Die Verbindung ist dabei nicht ausschließlich geschäftlich: Karp und Axel-Springer-Chef Matthias Döpfner kennen sich seit der gemeinsamen Studienzeit in Frankfurt. Karp saß von 2018 bis 2020 im Verwaltungsrat der Ringier AG, ein Konzern, der zusammen mit Springer Gemeinschaftsunternehmen in der Schweiz betreibt. Die ehemalige österreichische SPÖ-Vizepräsidentin Laura Rudas war von 2020 bis 2023 gleichzeitig leitende Vizepräsidentin von Palantir und Ringier-Verwaltungsrätin – genau in der Zeit, als die Kooperation ausgebaut wurde.
Für Aufsehen sorgte Rudas im November 2025: Beim KI-Gipfel von Emmanuel Macron und Friedrich Merz, der Europas KI-Unabhängigkeit stärken sollte, saß sie als Vertreterin der EU AI Champions Initiative am Tisch – einem Zusammenschluss von über 60 europäischen Technologieunternehmen, darunter laut "Netzpolitik.org" auch die Schwarz-Gruppe und Airbus. Absurd ist, dass die Initiative, die Europas Unabhängigkeit von US-Technologie stärken soll, vom US-Investor General Catalyst ins Leben gerufen wurde – einem Investmentfonds, der in europäische KI-Unternehmen investiert. Europas KI-Souveränität wird also ausgerechnet von einer Palantir-Managerin und einem US-Investmentfonds vorangetrieben.
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