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Hitzewellen

Nachts lüften, Hut aufsetzen

Hitzewellen: Nachts lüften, Hut aufsetzen
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Der Rhein hat zu wenig Wasser für die Schifffahrt, es gibt einen Krisengipfel. In diesem Sommer gab es in Deutschland bis Mitte Juli 11.900 Hitzetote, davon 2.500 in Baden-Württemberg, und es passiert – nichts.

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Deutlicher können Politiker:innen nicht zeigen, was für sie wichtig ist. Wenn die Warenketten gestört sind, wird gehirnt, wenn Menschen sterben, wird abgewartet. Der Kanzler (Friedrich Merz, CDU) haut raus, dass die Deutschen zu wenig arbeiten. Zur Hitze sagte er Mitte Juli: "Ich werde selbstverständlich auch in den nächsten Tagen und Wochen, wenn sich diese Wetterentwicklungen fortsetzen, die Lage weiter beobachten und dazu gegebenenfalls auch öffentlich etwas sagen."

Und nun? Ist er im Urlaub. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU), genannt Gas-Kati, sorgt weiterhin zielstrebig dafür, dass erneuerbare Energien ausgebremst werden, Umweltminister Carsten Schneider (SPD) erklärte in einem Interview mit der "Apothekenumschau" im Mai, vor allem die Städte müssten sich besser an Hitze anpassen. Und wälzt die Verantwortung von sich weg: "Die Kommunen müssen Pläne zur Klimaanpassung aufstellen. Dabei können sie selbst entscheiden, wie sie die Menschen, Unternehmen und ihre Infrastrukturen schützen wollen."

Vom Schiff auf den Lkw? Doch keine Lösung

Weil die großen deutschen Flüsse wegen der Hitze zu wenig Wasser haben, die Binnenschiffe deswegen nur wenig Ware laden können, sollen nun auch am Sonntag Laster fahren können, hat Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU) vorgeschlagen. Die ersten Bundesländer machen schon mit, auch Baden-Württemberg hat eingewilligt. Problem gelöst? Mitnichten. Wie Frank Huster, Hauptgeschäftsführer des Speditions- und Logistikverbands am Dienstag, 11. August, im Deutschlandfunk erklärte, gibt es gar nicht so viele Lkw geschweige denn Fahrer, die die Fracht der Binnenschiffe übernehmen könnten. Huster rechnete vor: Für ein Binnenschiff mit 3.000 Tonnen Fracht und vier Personen Besatzung würden 150 Laster mit Fahrer:in benötigt. Im Monat befördern Binnenschiffe im Schnitt 15 Millionen Tonnen Fracht.  (lee)

Weil in den Flüssen die Wasserstände sinken und die Binnenschifffahrt blockieren, berief Verkehrsminister Steffen Bilger, CDU, einen Krisengipfel ein. Die Warenströme stocken! Lösung: Lkw am Sonntag auf die Straße, Flüsse begradigen und ausbaggern. Damit die nächste Flutkatastrophe auch mindestens Ahrtal-Auswirkungen erreicht.

In Westeuropa waren Juni und Juli so heiß wie noch nie seit Beginn der Temperaturaufzeichnungen, meldete das EU-Klimabeobachtungsprogramm Copernicus Anfang dieser Woche. Wer in Städten in Süddeutschland lebt, zum Beispiel im Kessel Stuttgart, weiß, wie sehr die Betonwüsten das Leben und das Gehirn lähmen, wenn das Thermometer auf 32, 34, 36 Grad klettert. Der Arbeitsschutz setzt aus gutem Grund Grenzwerte und ordnet Maßnahmen an, damit Beschäftigte sich abkühlen können, unter anderem Duschen, kühle Räume, Hitzeschutzklamotten.

Ausgerechnet bei Kranken und Alten wird gespart

In Krankenhäusern und Pflegeheimen, also dort wo Menschen operieren, pflegen, putzen, damit es kranken, schwachen, dementen Menschen gut geht, da gibt es Bundesempfehlungen für den Fall, dass es heiß wird. Empfehlungen, kein Geld! Laut dem Deutschen Städte- und Gemeindebund besteht allein in den Krankenhäusern ein geschätzter Investitionsbedarf von mindestens 20 Milliarden Euro für eine Ausstattung mit Klimaanlagen für Patient:innen und Klinikpersonal. 

Und an Schulen kann ja hitzefrei gegeben werden. Baden-Württemberg überlässt die Entscheidung den Schulen selbst, weil die Bedingungen in jedem Gebäude anders sind. Oberstufen- und Berufsschüler:innen allerdings dürfen nicht gehen, wenn die Räume 30 Grad oder mehr haben. Lehrer:innen natürlich auch nicht.

Das ist schon deprimierend, zumal es ja nicht neu ist, dass es wärmer und wärmer wird. Die Pariser Klimaziele werden wir eher nicht mehr erreichen können, dennoch bleibt es wichtig, eine nachhaltige Klimapolitik und Klimaanpassung zu betreiben.

So schwer ist das ja nicht: Klimaanlagen, Wasserkältespeicher, Luftwärmepumpen vor allem dort, wo besonders belastete Menschen sind (siehe oben). Und in Städten Bäume pflanzen, Wasserspiele, Bäume pflanzen, Gartenversiegelungen und Schottergärten verbieten, Bäume pflanzen, Fassaden und Dächer begrünen, Bäume pflanzen, Parks statt Betonplätze, Arkaden statt Glasdächer, Bäume pflanzen.

Und noch ein Arbeitskreis

Weil das alles Geld kostet, erstellen viele Kommunen vor allem Flugblätter und Social-Media-Posts, um kühle Orte wie Bibliotheken, Museen und Kirchen bekannt zu machen, und um zu mahnen, viel zu trinken, draußen einen Hut aufzusetzen und nachts zu lüften. Danke für nix.

Nun ist Nörgeln natürlich einfach. Selbstverständlich beschäftigt sich Politik auch mit Hitzeanpassung. Zum Beispiel hat der baden-württembergische Gesundheits- und Sozialminister Oliver Hildenbrand, Grüne, nun eine Hitze-Taskforce eingerichtet. Sie soll "bestehende Hitzeschutz-Aktivitäten besser vernetzen und gezielt ausbauen – unter anderem im Gesundheits- und Pflegebereich – und die Bevölkerung noch besser über Hitzeschutzmaßnahmen informieren". Von Geld ist hier aber auch nicht die Rede. Hildenbrands Vorgänger Manfred Lucha (Grüne) hatte das Verbundprojekt HOT-BW gestartet, in dem es um die Rolle und Aufgaben des Öffentlichen Gesundheitsdienstes ging und wer auf Landes- und Kreisebene eingezogen werden sollte, um Hitzeaktionspläne umzusetzen. Vor über einem Jahr war dieses Diskussionsforum zu Ende, die Ergebnisse liegen derzeit beim Bundesgesundheitsministerium, das den Bericht erst freigeben muss, bevor das Land ihn veröffentlichen darf, erklärt das Gesundheitsministerium auf Anfrage.

Auch sonst plant das Gesundheits- und Sozialministerium hier im Land einiges: Es gibt Kommunen Tipps, was sie baulich machen können, hier und da gibt es sogar Geld. Und seit August 2025 müssen laut Klimagesetz baden-württembergische Kommunen ein Klimaanpassungskonzept erstellen. Und zwar bis Mitte 2031 oder bis Mitte 2034.

Warum nicht mal beim Nachbarn lernen?

Natürlich kommt nun der Hinweis auf Frankreich. Dort ist die damalige Regierung 2003 (!) zusammengezuckt, als der Hitzesommer mehr als 15.000 Tote forderte. Es wurde ein Hitzeaktionsplan erarbeitet, der im Folgejahr in Kraft trat. Berichtet worden ist viel über den Umgang Frankreichs mit Hitze: Krankenhäuser und Seniorenheime müssen kühle Räume vorhalten, Sozialarbeiter:innen rufen ältere, alleinlebende Menschen an oder gehen vorbei, es gibt Abkühlungszentren für Obdachlose und Ältere. Ab Stufe Rot können Behörden in Industrie, Verkehr und Landwirtschaft eingreifen, Notdienste und Gesundheitseinrichtungen müssen auf eine ungewöhnlich hohe Zahl von Patient:innen vorbereitet sein, es wird dazu aufgerufen, sich um seine Nachbar:innen zu kümmern. Parks werden zum Schlafen geöffnet, nun sollen auch Postbot:innen bei älteren Kund:innen fragen, ob alles in Ordnung ist.

Lyon, wie Stuttgart eine Stadt im Kessel, kalkt die Straßen weiß, es gibt mittlerweile 300 Trinkwasserbrunnen im Zentrum, Straßen wurden in Alleen umgewandelt, Autoverkehr verbannt. 35 Hektar Grün wurden hinzugewonnen, berichtete kürzlich die "Zeit". Die Stadt wird übrigens links-grün regiert.

All das verhindert nicht jeden Hitzetote:n, aber es verringert die Zahl. Und es vermittelt den Bewohner:innen vielleicht das Gefühl, dass ihre Politiker:innen sich auch um sie kümmern.

Jetzt kommt natürlich: Frankreich ist ein Zentralstaat, da ist es total einfach, was zu ändern, im deutschen Föderalismus ist alles viel schwieriger. Mag sein, ist aber kein Argument fürs Verharren in Arbeitskreisen. Der Bund gibt jeden dritten Euro für Rüstung aus, gerade mal 14 Prozent der gesamten deutschen Steuereinnahmen landen in den Kommunen, also dort, wo die Menschen zur Schule, in die Kita, ins Krankenhaus, ins Pflegeheim, ins Schwimmbad, ins Theater, in Parks gehen. Man muss kein Käpsele sein, um zu erahnen, dass hier was nicht stimmt.

Aber Hauptsache die Räder rollen. Baden-Württembergs Verkehrsministerin Nicole Razavi, CDU, hat jetzt dem Vorschlag ihres Partei- und Amtskollegen Bundesverkehrsminister Bilger zugestimmt: Auch im Südwesten dürfen Lkw nun am Sonntag fahren.

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